Tuas Port 06.07.2026, 07:46 Uhr

Wie Singapur den größten automatisierten Hafen der Welt baut

Autonome Feeder-Schiffe, AGVs und private 5G-Netze: Warum der neue Tuas Port in Singapur die logistische und digitale Blaupause für die Zukunft ist.

Der Tuas Mega Port wächst aus dem Meer

Der Tuas Mega Port wächst aus dem Meer: Singapur setzt auf Caissons, Landgewinnung, 5G, autonome Fahrzeuge und automatisierte Krane.

Foto: picture alliance / Xinhua News Agency | Then Chih Wey

Singapur baut einen Hafen, der erst aus dem Meer entstehen muss. Am westlichen Rand des Stadtstaats wächst der Tuas Port. Er soll in den 2040er-Jahren der größte vollautomatisierte Containerhafen der Welt sein. Ein Blick auf die Zielvorgaben verdeutlicht die gewaltigen Dimensionen des Megaprojekts:

  • 66 Liegeplätze
  • 26 km Kailänge
  • 65 Millionen TEU Jahreskapazität (TEU steht für „Twenty-foot Equivalent Unit“ und beschreibt einen 20-Fuß-Standardcontainer).

Noch ist Tuas eine Großbaustelle, der Hafen wächst Abschnitt für Abschnitt. Genau das macht das Projekt für Ingenieure hochinteressant. Singapur baut hier nicht nur zusätzliche Umschlagfläche. Der Stadtstaat verknüpft Landgewinnung, Spezialtiefbau, industrielle Vorfertigung, automatisierte Krane, fahrerlose Transportfahrzeuge, digitale Steuerung und perspektivisch autonome Feeder-Schiffe zu einem integrierten Gesamtsystem.

Das Jahr 2026 markiert dabei eine neue Phase: Nach Angaben der Maritime and Port Authority of Singapore (MPA) sollen in diesem Jahr vier weitere Liegeplätze in Tuas öffnen. Dazu gehört auch das Tuas Living Lab. Dort werden neue Lösungen für hochautomatisierte Hafenabläufe unter realen Bedingungen getestet – unter anderem autonome Fahrzeuge. Parallel suchen MPA und PSA Singapore seit April 2026 Vorschläge für autonome Inter-Gateway-Feeder. Diese Schiffe könnten künftig Container völlig selbstständig zwischen Singapurs Terminals transportieren.

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Warum Singapur den Tuas Port braucht

Singapur ist einer der wichtigsten Knotenpunkte im Welthandel. 2025 erreichte der Hafen laut MPA einen Containerumschlag von 44,66 Mio. TEU – ein Rekordwert und ein Plus von 8,6 % gegenüber 2024. Für einen Stadtstaat mit knapper Fläche ist das jedoch ein strukturelles Problem: Mehr Umschlag erfordert mehr Kapazität, aber freie Flächen sind Mangelware.

Tuas soll diese logistische Herausforderung lösen. Die Containeraktivitäten, die heute noch auf mehrere Terminals verteilt sind, werden schrittweise an einem einzigen Standort gebündelt:

  • Bis 2027: Umzug der Terminals Tanjong Pagar, Keppel und Brani nach Tuas.
  • In den 2040er-Jahren: Pasir Panjang folgt als letzter Teil des Großprojekts.

Der technische Vorteil liegt auf der Hand: Ein großer, zusammenhängender Terminal lässt sich völlig anders planen als mehrere getrennte Standorte. Wege werden kürzer. Krane, Fahrzeuge, Lagerflächen und Leitsysteme lassen sich präzise aufeinander abstimmen. Genau hier setzt die Automatisierung an.

Wie Singapur künstliche Hafenflächen erschafft

Der sichtbarste Teil von Tuas wird später der Containerterminal sein. Der bautechnisch entscheidende Part liegt jedoch darunter: Singapur muss die Fläche für den Hafen erst künstlich erschaffen. Tuas wird in vier Phasen entwickelt. Für Phase 1 begannen die Landgewinnungsarbeiten im Februar 2015 und wurden im November 2021 abgeschlossen.

Nach Angaben der MPA wurden in Phase 1 insgesamt 414 ha Boden verbessert – davon waren 294 ha neu gewonnenes Land. Hinzu kamen massive Baggerarbeiten, um Becken und Fahrrinnen für die Megaliner der Meere vorzubereiten.

Caissons als Bauelemente für Kaimauern und Seewände

Besonders auffällig sind die sogenannten Caissons. Das sind riesige, vorgefertigte Betonhohlkörper. Sie werden im Hafen- und Wasserbau als Bauelemente für Kaimauern oder Seewände eingesetzt. In Tuas bilden sie das strukturelle Rückgrat, an dem später Land aufgeschüttet und Hafenflächen gesichert werden.

Die Dimensionen in Zahlen: Für Phase 1 wurden 221 dieser Caissons gefertigt und installiert. Jeder ist etwa zehn Stockwerke hoch und wiegt rund 15.000 t. Zusammen bilden sie eine 8,6 km lange Seewand. Für Phase 2 kamen weitere 227 Caissons hinzu (9,1 km Seewand).

Die Technik an sich ist nicht neu, aber die schiere Dimension ist ungewöhnlich. In Tuas werden sie in riesiger Stückzahl, mit hochgradig wiederholbaren Prozessen und in direkter Verbindung mit einem automatisierten Terminalsystem eingesetzt.

Warum Caissons hier die logische Wahl sind

Die MPA begründete die Caisson-Bauweise bereits zum Start mit Effizienz, Arbeitssicherheit und Qualität. Gegenüber anderen Verfahren wie Pfahlgründungen lassen sich die großen Betonelemente vor Ort in einer fabrikähnlichen Umgebung vorfertigen. Standardisierte Bauteile erleichtern die Qualitätskontrolle enorm. Gleichzeitig müssen weniger Arbeiten direkt im unberechenbaren offenen Wasser erfolgen.

Auch das Thema Kreislaufwirtschaft spielt eine Rolle: Für Phase 1 wurden ausgebaggerte Sedimente und Aushub aus anderen Bauprojekten als Füllmaterial wiederverwendet. Laut MPA senkte das den Bedarf an teurem Import-Sand und sparte rund 1 Milliarde Singapur-Dollar an Materialkosten.

Das ist der zentrale Punkt: Tuas ist kein einzelner spektakulärer Bauakt. Das Projekt lebt von der industriellen Wiederholung. Viele gleiche Bauteile werden in Serie gefertigt, geprüft, transportiert und eingebaut. Daraus entsteht die fehlerfreie Grundlage für den späteren Terminalbetrieb.

Phase 2 setzt auf stärker industrialisierte Baustellenprozesse

In Phase 2 kommen weitere Methoden hinzu, die die Bauabläufe sicherer und produktiver machen sollen:

  • Slipform-Jack-Monitoring-System: Verbessert bei der Caisson-Fertigung die Überwachung des Hydrauliksystems und ermöglicht schnelle Korrekturen in Echtzeit.
  • Modulare Bewehrung: Stahlbewehrungen werden nicht mehr vollständig konventionell vor Ort geflochten, sondern teilweise vorgefertigt. Das reduziert gefährliche Arbeitsschritte unter schweren Bewehrungslagen.
  • Automatisiertes Nachbehandlungssystem: Arbeitet mit einem Wasserzirkulationssystem, um die Betonqualität der kritischen Bodenplatten zu sichern.

Zudem prüfte die MPA eine KI-gestützte Baustellenüberwachung. Dazu gehören Gesichtserkennung an Ein- und Ausgängen sowie Videoanalysen, die unsichere Handlungen im Fertigungsbereich erkennen sollen. Das ist zwar noch kein Beweis für eine vollständig KI-gesteuerte Baustelle, zeigt aber deutlich: Tuas soll auch in der Bauphase digital maximal kontrolliert werden.

Die Hafenfläche wird dem Meer abgewonnen. Foto: picture alliance / YONHAPNEWS AGENCY | Yonhap

Die Automatisierung auf dem Terminal

Nach dem Wasserbau beginnt die zweite technische Ebene: der eigentliche Hafenbetrieb. Tuas setzt konsequent auf elektrische, automatisierte Yard Cranes und AGVs (Automated Guided Vehicles). Die AGVs transportieren die Container autonom zwischen Kai und Lagerfläche, während die Krane die Boxen im Yard stapeln.

Solche Systeme funktionieren nur, wenn Planung, Sensorik, Kommunikation und Steuerung nahtlos ineinandergreifen. Deshalb wird der Betrieb zentral vom Tuas Port Control Centre aus gesteuert. PSA setzt dafür auf ein privates 5G-Netz, das die AGVs und Krane in Tuas sowie am bestehenden Pasir Panjang Terminal unterstützt.

Wichtig zu wissen: Der Begriff „vollautomatisiert“ darf nicht missverstanden werden. Er bedeutet nicht, dass Menschen im Hafen überflüssig werden. Sie sitzen nur seltener direkt in den Kabinen der Großgeräte. Dafür werden Fernbetrieb, Systemüberwachung, Wartung, Datenanalyse, Cybersecurity und Störungsmanagement zu den neuen Schlüsselkompetenzen.

Der Hafen wird dadurch nicht einfacher, sondern komplexer. Ein manueller Fehler wird durch technische Abhängigkeiten ersetzt: Sensoren müssen absolut zuverlässig arbeiten, Fahrzeuge müssen zentimetergenau lokalisiert werden, Daten müssen in Echtzeit fließen und die Energieversorgung muss redundant ausgelegt sein.

Tuas Mega Port: Die wichtigsten Daten

  • Standort: Tuas, westlicher Teil von Singapur
  • Offizielle Eröffnung: 1. September 2022
  • Geplante Fertigstellung: in den 2040er-Jahren
  • Zielkapazität: 65 Mio. TEU pro Jahr
  • Geplante Gesamtfläche: rund 1337 ha
  • Geplante Liegeplätze: 66
  • Geplante Kailänge: 26 km
  • Phase 1: 21 Tiefwasserliegeplätze, 20 Mio. TEU Jahreskapazität bei voller Inbetriebnahme
  • Landgewinnung Phase 1: 414 ha Bodenverbesserung, davon 294 ha neu gewonnenes Land
  • Caissons Phase 1: 221 Betonhohlkörper, je rund 15.000 t, 8,6 km Seewand
  • Caissons Phase 2: 227 Betonhohlkörper, 9,1 km Seewand
  • Automatisierung: elektrische automatisierte Yard Cranes, Automated Guided Vehicles, Tuas Port Control Centre, privates 5G-Netz

Autonome Schiffe als nächster Meilenstein

Die Automatisierung endet nicht am Kai. Mit der im April 2026 gestarteten Ausschreibung (Expression of Interest) sucht man Lösungen für autonome Inter-Gateway-Feeder.

Diese Zubringerschiffe bewegen Container zwischen den verschiedenen Terminals (z. B. zwischen Tuas und Pasir Panjang). Die Aufgabe ist extrem komplex: Singapur hat einen der am dichtesten befahrenen Häfen der Welt. Autonome Schiffe müssen sich dort im Mischverkehr mit bemannten Schiffen, Hafenbehörden, Lotsen und dem maritimen Verkehrsmanagement arrangieren.

Deshalb verlangen MPA und PSA, dass die Konzepte folgende Fragen fundiert beantworten:

  • Wie wird die Navigationssicherheit im Mischverkehr garantiert?
  • Wie sehen die Systemredundanzen und die Cybersecurity aus?
  • Wie funktioniert die Mensch-Maschine-Schnittstelle?

Geplant ist auch hier ein Remote Operations Centre, in dem alle Sensordaten der Schiffe und des Hafens in Echtzeit zusammenlaufen. Das zeigt: Singapur agiert vorsichtiger als die oft proklamierte Vision vom „unbemannten Hafen“. Es geht zuerst um harte Tests und Nachweise. Erst wenn Technik, Sicherheit und Regulierung vollständig harmonieren, wird daraus ein Regelbetrieb.

Tuas ist bereits im Live-Betrieb

Obwohl das Projekt wie Zukunftsmusik klingt: Tuas Port wurde am 1. September 2022 offiziell eröffnet. PSA Singapore meldete im Februar 2025, dass der Hafen seit dem Start bereits 10 Mio. TEU abgefertigt hat. Gestartet war Tuas mit drei Liegeplätzen, mittlerweile sind es elf.

Die volle Dimension liegt jedoch noch weit in der Zukunft. Phase 1 soll bei vollständiger Inbetriebnahme 21 Tiefwasserliegeplätze und 20 Mio. TEU Jahreskapazität erreichen. Die finale Fertigstellung ist für die 2040er-Jahre geplant. Erst dann, im geplanten Endzustand, ist Tuas der größte vollautomatisierte Containerhafen der Welt.

Schon heute ist der Hafen von Singapur riesig, bis 2040 soll er noch einmal erweitert werden. Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com | Adrian Wyld

Nachhaltigkeit mit Einschränkungen

MPA und PSA vermarkten Tuas als grünen Vorzeigehafen. Die elektrifizierten AGVs und Krane sollen rund 50 % weniger CO₂ verursachen als die heutigen, dieselbetriebenen Zugmaschinen (Prime Mover). Das Netto-Null-Ziel steht für 2050. Ein Smart-Grid-Managementsystem und energieeffiziente Gebäude sollen dabei helfen.

Ein Beispiel: Das Tuas Maintenance Base Administrative Building verbraucht dank Green Mark Platinum Super Low Energy-Zertifizierung 58 % weniger Energie als Standardbauten und erzeugt bilanziell genug Solarstrom, um autark zu sein.

Es darf jedoch nicht übersehen werden: Ein solches Projekt ist und bleibt ein massiver Eingriff in das maritime Ökosystem. Landgewinnung, gigantische Betonmengen und Baggerarbeiten hinterlassen einen erheblichen ökologischen Fußabdruck. Präziser ausgedrückt ist es so: Singapur versucht, eine unumgängliche Megainfrastruktur im späteren Betrieb so effizient, elektrisch und digital wie technisch möglich zu betreiben.

Fazit: Warum Tuas die Blaupause für die Zukunft ist

Tuas ist kein Projekt, das sich auf eine einzelne technische Innovation reduzieren lässt. Für Ingenieure ist es spannend, weil hier mehrere Großsysteme gleichzeitig hochgezogen werden:

  1. Wasserbau & Spezialtiefbau schaffen überhaupt erst das Fundament.
  2. Industrielle Vorfertigung (Caissons) sorgt für Standardisierung im Megamaßstab.
  3. Automatisierung (AGVs & Krane) revolutioniert den Umschlag am Boden.
  4. Digitale Infrastruktur (5G & Control Centres) vernetzt die physische Welt in Echtzeit.
  5. Autonome Schifffahrt soll künftig die logistische Kette auf dem Wasser schließen.

Damit zeigt Tuas, wohin sich moderne Großinfrastrukturprojekte entwickeln. Sie bestehen nicht mehr nur aus Beton, Stahl und Erdbau. Sie werden zu hochgradig vernetzten cyber-physischen Systemen, die über Jahrzehnte wachsen. Das Jahr 2026 liefert einen spannenden Zwischenstand. Ob alle Ziele wie geplant erreicht werden, wird sich zeigen.

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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