Gebäude als Rohstofflager 14.06.2026, 14:00 Uhr

Urban Mining mit Ziegeln: Das Potenzial alter Klinker

Die Rohstoffe der Zukunft stecken in alten Häusern: Wie Urban Mining historische Klinker zurück auf die Baustelle bringt.

alte Klinker

Gebäude als Rohstofflager: Warum historische Klinker immer häufiger wiederverwendet werden und welche Vorteile das für Klima und Bauwirtschaft hat.

Foto: Smarterpix / jojoo64

Jahrzehntelang galt beim Abriss eines Gebäudes eine einfache Regel: Bagger kommen, Mauern fallen, der Schutt wird entsorgt. Doch diese Sichtweise verändert sich. Angesichts knapper werdender Rohstoffe, steigender Baukosten und ambitionierter Klimaziele entdecken Planer, Bauunternehmen und Kommunen zunehmend den Wert bestehender Gebäude. Sie gelten nicht mehr nur als Bauwerke, sondern als Rohstofflager.

Besonders interessant sind historische Klinker und Vollziegel. Viele dieser Steine haben bereits mehr als 100 Jahre überdauert. Statt als Bauschutt zu enden, erhalten sie heute oft eine zweite Nutzung. Das Prinzip dahinter heißt Urban Mining. Dabei werden Materialien aus bestehenden Gebäuden zurückgewonnen und erneut eingesetzt.

Für die Bauwirtschaft bietet dieser Ansatz gleich mehrere Vorteile. Rohstoffe bleiben im Kreislauf, Abfallmengen sinken und der CO₂-Ausstoß lässt sich deutlich reduzieren.

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Warum historische Klinker so wertvoll sind

Wer durch Altstädte, ehemalige Industrieviertel oder Gründerzeitquartiere geht, sieht sie überall: Ziegel mit unregelmäßigen Farben, kleinen Oberflächenfehlern und charakteristischen Strukturen. Genau diese Eigenschaften machen historische Klinker heute wieder attraktiv.

Die Steine entstanden häufig unter Bedingungen, die sich von der heutigen Industrieproduktion deutlich unterscheiden. Regionale Tone, unterschiedliche Brenntemperaturen und traditionelle Brennöfen sorgten dafür, dass kaum ein Stein dem anderen gleicht. Moderne Klinker wirken dagegen oft deutlich homogener.

Hinzu kommt ein weiterer Vorteil: Viele historische Gebäude wurden mit Kalkmörtel errichtet. Dieser besitzt eine geringere Festigkeit als moderner Zementmörtel. Beim Rückbau lassen sich die Steine deshalb häufig relativ schonend voneinander trennen. Das erhöht die Chancen auf eine Wiederverwendung erheblich.

Was bedeutet Urban Mining?

Urban Mining bezeichnet die Rückgewinnung von Rohstoffen und Bauteilen aus bestehenden Gebäuden, Infrastrukturen und Industrieanlagen. Häuser werden dabei als Rohstofflager betrachtet. Statt Materialien zu entsorgen, werden sie ausgebaut, aufbereitet und erneut genutzt.

Typische Urban-Mining-Materialien sind:

  • Ziegel und Klinker
  • Stahlträger
  • Holzbalken
  • Naturstein
  • Kupferkabel
  • Fenster und Türen

Ziel ist es, Ressourcen zu schonen, CO₂-Emissionen zu reduzieren und Bauabfälle zu vermeiden.

Der größte Klimavorteil steckt bereits im Stein

Aus ökologischer Sicht liegt der größte Vorteil historischer Klinker in ihrer Herstellungsgeschichte. Die Produktion neuer Klinker erfordert hohe Temperaturen von mehr als 1000 °C. Dieser Brennvorgang benötigt viel Energie und verursacht einen erheblichen Teil der CO₂-Emissionen eines Ziegels.

Bei einem wiederverwendeten Klinker entfällt dieser Schritt vollständig. Der Stein wurde bereits vor Jahrzehnten oder sogar Jahrhunderten gebrannt. Für die erneute Nutzung sind lediglich Rückbau, Reinigung, Sortierung und Transport erforderlich.

Untersuchungen des Instituts für Ziegelforschung Essen zeigen, dass aufbereitete Altklinker gegenüber neu produzierten Klinkern rund 95 % weniger Treibhausgasemissionen verursachen können. Der ökologische Vorteil entsteht also nicht durch neue Technik, sondern durch die Verlängerung der Lebensdauer eines bereits vorhandenen Produkts.

Zusätzlich werden natürliche Rohstoffe geschont. Jeder wiederverwendete Stein ersetzt einen neu produzierten Baustoff und reduziert den Bedarf an Tonabbau sowie den Energieeinsatz in Ziegeleien.

Neue Studien bestätigen die Umweltvorteile

Dass die Wiederverwendung von Klinkern ökologisch sinnvoll ist, zeigen inzwischen mehrere aktuelle Untersuchungen. Forschende der Universität Gent haben die Umweltwirkungen und Kosten von wiederverwendeten Ziegeln mit denen neuer Produkte verglichen.

Das Ergebnis: Der größte Umweltvorteil entsteht durch die Vermeidung der energieintensiven Neuproduktion. Gleichzeitig zeigt die Studie, dass die Aufbereitung gebrauchter Ziegel wirtschaftlich attraktiver werden könnte, wenn Reinigung und Sortierung stärker automatisiert werden.

Auch eine aktuelle finnische Untersuchung kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Demnach können Re-Use-Konzepte die Umweltbelastungen der Ziegelindustrie deutlich reduzieren – vorausgesetzt, die Steine werden beim Rückbau möglichst unbeschädigt geborgen und anschließend zuverlässig geprüft.

Warum spart ein alter Klinker CO₂?

Der größte Teil der Klimabelastung eines Klinkers entsteht beim Brennen des Tons bei Temperaturen von über 1.000 °C. Dieser energieintensive Prozess wurde bei historischen Ziegeln bereits vor Jahrzehnten oder sogar Jahrhunderten durchgeführt.

Bei einer Wiederverwendung fallen lediglich Emissionen für:

  • Rückbau
  • Transport
  • Reinigung
  • Sortierung

an. Untersuchungen des Instituts für Ziegelforschung Essen zeigen, dass wiederverwendete Klinker gegenüber Neuware rund 95 % weniger Treibhausgasemissionen verursachen können.

Aus Abbruch wird selektiver Rückbau

Damit ein historischer Klinker ein zweites Leben erhält, muss er zunächst unbeschädigt geborgen werden. Genau hier liegt eine der größten Herausforderungen.

Beim klassischen Abriss zerbrechen die meisten Steine. Für eine hochwertige Wiederverwendung sind sie dann verloren. Deshalb gewinnt der selektive Rückbau an Bedeutung.

Dabei werden Gebäude schrittweise demontiert. Mauerwerk wird gezielt abgetragen, Steine werden sortiert und anschließend gereinigt. Dieser Prozess ist deutlich aufwendiger als ein herkömmlicher Abriss, schafft aber die Grundlage für eine echte Kreislaufwirtschaft.

Fachleute weisen zudem darauf hin, dass die Aufbereitung möglichst materialschonend erfolgen sollte. Werden beim Entfernen von Mörtelresten ungeeignete Werkzeuge eingesetzt, können feine Mikrorisse entstehen. Diese sind oft kaum sichtbar, beeinflussen jedoch die spätere Dauerhaftigkeit der Steine.

Forschende arbeiten an schonenderen Rückbaumethoden

Wie sich möglichst viele historische Klinker unbeschädigt bergen lassen, ist inzwischen selbst Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Forschende der schwedischen Lund University analysieren derzeit verschiedene Rückbauverfahren und deren Einfluss auf die Wiederverwendbarkeit alter Ziegel. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich die Zahl beschädigter Steine reduzieren lässt.

Denn genau hier liegt eines der größten Probleme des Urban Mining. Schon kleine Schäden können darüber entscheiden, ob ein Klinker erneut vermauert wird oder als Recyclingmaterial im Straßenbau endet. Die Forschenden untersuchen deshalb nicht nur Abbruchtechniken, sondern auch Reinigungsverfahren, Logistik und Wirtschaftlichkeit.

Die Ergebnisse könnten künftig dazu beitragen, den selektiven Rückbau stärker zu standardisieren und wirtschaftlicher zu machen.

Re-Use und Recycling – das ist der Unterschied

Re-Use:
Der Ziegel bleibt erhalten, wird gereinigt und erneut vermauert.

Recycling:
Der Ziegel wird zerkleinert und beispielsweise als Schotter oder Zuschlagstoff verwendet.

Aus Sicht der Kreislaufwirtschaft gilt Re-Use als die hochwertigere Lösung, da das Bauteil nahezu unverändert erhalten bleibt und nur wenig zusätzliche Energie benötigt.

Nicht jeder alte Ziegel eignet sich für jede Anwendung

Auch wenn historische Klinker grundsätzlich langlebig sind, eignen sich nicht alle geborgenen Steine automatisch für den Außeneinsatz.

Entscheidend ist vor allem die Frostbeständigkeit. Dringt Wasser in den Stein ein und gefriert dort, vergrößert sich sein Volumen um etwa 9 %. Entstehen dabei zu hohe Spannungen, können Abplatzungen auftreten.

Deshalb prüfen Fachbetriebe die Qualität vieler Recyclingklinker vor dem erneuten Einsatz. Laboruntersuchungen analysieren beispielsweise die Porenstruktur und die Widerstandsfähigkeit gegenüber Frost-Tau-Wechseln.

Eine Besonderheit besteht darin, dass es bislang keine speziell auf rezyklierte Klinker zugeschnittene europäische Prüfnorm gibt. Die Bewertung erfolgt deshalb häufig projektbezogen.

Für Bauherren bedeutet das: Nicht jeder historische Stein sollte automatisch für Fassaden oder andere stark bewitterte Bereiche eingesetzt werden. Eine fachliche Prüfung bleibt wichtig. Es gibt aber durchaus noch weitere Einsatzmöglichkeiten.

Alte Klinker müssen nicht zwangsläufig Abfall sein, viele lassen sich wiederverwenden. Foto: Smarterpix / photographyMK

Die größte Hürde: Fehlende Standards für alte Ziegel

Während neue Baustoffe umfassend genormt sind, fehlen für historische Klinker bislang einheitliche Bewertungsmaßstäbe. Genau an diesem Punkt setzt aktuelle Forschung an.

Die internationale Baustofforganisation RILEM hat eine eigene Arbeitsgruppe gegründet, die Kriterien für die Bewertung gebrauchter Ziegel entwickelt. Ziel ist es, Verfahren zu etablieren, mit denen sich Eigenschaften wie Festigkeit, Frostbeständigkeit und Dauerhaftigkeit zuverlässig bestimmen lassen.

Parallel dazu untersuchen Forschende der Technischen Universität Dänemark, wie sich Alterungsprozesse auf die Restlebensdauer historischer Ziegel auswirken. Dabei stehen Fragen im Mittelpunkt wie: Welche Auswirkungen haben Mikrorisse? Wie verändert sich die Wasseraufnahme nach Jahrzehnten der Nutzung? Und welche Prüfverfahren eignen sich für die Praxis?

Für die Bauwirtschaft wären solche Standards ein wichtiger Schritt. Sie könnten die Planungssicherheit erhöhen und den Einsatz wiederverwendeter Klinker erleichtern.

Re-Use ist mehr als Recycling

Im Zusammenhang mit Urban Mining werden die Begriffe Recycling und Wiederverwendung oft gleichgesetzt. Tatsächlich handelt es sich um unterschiedliche Konzepte.

Beim Recycling wird ein Baustoff zerkleinert und als neuer Rohstoff genutzt. Aus alten Ziegeln entsteht beispielsweise Recycling-Schotter für den Straßen- oder Wegebau.

Beim sogenannten Re-Use bleibt das Produkt dagegen weitgehend erhalten. Der ursprüngliche Klinker wird gereinigt und anschließend erneut vermauert.

Aus Sicht der Kreislaufwirtschaft gilt Re-Use als die hochwertigere Lösung. Der Stein bleibt in seiner ursprünglichen Form erhalten und benötigt nur minimale zusätzliche Verarbeitungsschritte.

Historische Klinker sind nicht immer günstiger

Wer gebrauchte Baustoffe automatisch mit niedrigen Preisen verbindet, liegt oft falsch. Tatsächlich kosten hochwertige Re-Use-Klinker häufig mehr als einfache industrielle Neuware. Der Grund liegt im hohen Arbeitsaufwand für Rückbau, Sortierung, Reinigung und Lagerung.

Im Vergleich zu exklusiven Handform- oder Ringofenklinkern können historische Steine dagegen durchaus konkurrenzfähig sein.

Viele Bauherren entscheiden sich ohnehin nicht ausschließlich aus Kostengründen für historische Klinker. Die individuelle Patina, unterschiedliche Farbtöne und kleine Gebrauchsspuren verleihen Gebäuden eine Optik, die sich mit industriell hergestellten Produkten nur schwer reproduzieren lässt.

Digitale Marktplätze treiben die Entwicklung voran

Noch vor wenigen Jahren war die Beschaffung historischer Klinker oft schwierig. Inzwischen entstehen zunehmend digitale Plattformen, die Angebot und Nachfrage zusammenbringen.

Unternehmen und Netzwerke vermitteln rückgebaute Baustoffe, dokumentieren verfügbare Mengen und erleichtern die Logistik. Dadurch wird Urban Mining auch für größere Bauprojekte interessant.

Gleichzeitig arbeiten zahlreiche Initiativen daran, Gebäude künftig bereits bei der Planung als spätere Materiallager zu betrachten. Eine wichtige Rolle könnten dabei digitale Materialpässe spielen. Sie dokumentieren Herkunft, Zusammensetzung und Wiederverwendbarkeit von Baustoffen. Dadurch ließe sich der Rückbau künftiger Gebäude erheblich vereinfachen.

Können alte Ziegel wieder tragende Bauteile werden?

Lange Zeit wurden wiederverwendete Ziegel vor allem für Fassaden, Gartenmauern oder gestalterische Elemente eingesetzt. Inzwischen richtet sich der Blick der Forschung auf anspruchsvollere Anwendungen.

Mehrere aktuelle Studien untersuchen, ob historische Vollziegel künftig wieder verstärkt in tragenden Konstruktionen eingesetzt werden können. Dabei analysieren Forschende sowohl die mechanischen Eigenschaften der Steine als auch die langfristige Dauerhaftigkeit des Mauerwerks.

Sollten sich hierfür verlässliche Prüfverfahren etablieren, könnten historische Ziegel künftig deutlich häufiger als vollwertiger Baustoff eingesetzt werden. Das würde das Potenzial des Urban Mining noch einmal erheblich vergrößern.

Checkliste für hochwertige Re-Use-Klinker

Vor einer Wiederverwendung prüfen Fachleute unter anderem:

  • Risse und Abplatzungen
  • Frostbeständigkeit
  • Porenstruktur
  • Druckfestigkeit
  • Verunreinigungen durch Mörtelreste
  • Schadstoffbelastungen im Bestand

Nicht jeder historische Ziegel eignet sich automatisch für Fassaden oder andere stark bewitterte Bauteile.

Mehr als ein Fassadenmaterial

Historische Klinker kommen längst nicht nur im Hochbau zum Einsatz. Im Garten- und Landschaftsbau werden sie für Wege, Terrassen, Mauern oder Beetbegrenzungen genutzt. Ihre hohe Wärmespeicherfähigkeit schafft günstige Bedingungen für wärmeliebende Pflanzen.

Auch bei der Gestaltung privater Gärten sind alte Klinker gefragt. Trockenmauern, Sitzplätze oder kleine Wasseranlagen profitieren von der charakteristischen Optik der Steine.

Selbst beschädigte Exemplare müssen nicht zwangsläufig entsorgt werden. Ziegelbruch lässt sich beispielsweise als dekoratives Material für Wege oder Mosaikflächen verwenden.

Urban Mining steht erst am Anfang

Die Wiederverwendung historischer Klinker zeigt, welches Potenzial in bestehenden Gebäuden steckt. Gleichzeitig wird deutlich, dass Urban Mining weit mehr ist als eine neue Form der Abfallverwertung.

Wo früher Bauschutt entstand, sehen Planer heute wertvolle Ressourcen. Forschende arbeiten weltweit daran, Rückbauverfahren zu verbessern, Qualitätsstandards zu entwickeln und die Einsatzmöglichkeiten geborgener Baustoffe zu erweitern.

Jeder wiederverwendete Klinker spart Rohstoffe, reduziert Emissionen und verlängert die Lebensdauer eines Materials, das häufig bereits mehr als ein Jahrhundert überdauert hat. Damit Urban Mining künftig zum Standard wird, braucht es jedoch verlässliche Prüfverfahren, digitale Materialpässe und eine stärkere Berücksichtigung wiederverwendeter Baustoffe in Planung und Ausschreibung.

Die Rohstoffe der Zukunft müssen nicht zwangsläufig neu gewonnen werden. Viele davon sind längst vorhanden – verbaut in den Gebäuden unserer Städte. So werden Häuser zunehmend zu Rohstofflagern für die nächste Generation von Bauprojekten.

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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