700 m lange Bauwerke 25.07.2026, 09:23 Uhr

Transportwege oder Dämme? Neue Theorie zur Roten Pyramide

Zwei rätselhafte Bauwerke bei der Roten Pyramide könnten Dämme gewesen sein. Eine neue Studie prüft ihre mögliche Rolle beim Pyramidenbau.

Rote Pyramide von Dahschur

Die Rote Pyramide von Dahschur gilt als eine der ältesten Pyramiden mit glatten Außenflächen. Zwei langgestreckte Bauwerke in ihrer Umgebung könnten einer neuen Studie zufolge keine Transportwege, sondern Teile eines frühen Dammsystems gewesen sein.

Foto: picture alliance / imageBROKER | XYZ PICTURES

Zwei langgestreckte Bauwerke südwestlich der Roten Pyramide von Dahschur gelten seit Jahrzehnten als mögliche Transportwege für Steinblöcke. Eine neue Studie stellt diese Deutung infrage. Demnach könnten die jeweils 600 bis 700 m langen Strukturen quer durch ein Trockental verlaufende Dämme gewesen sein.

Die Autoren rekonstruieren ein zweistufiges System zur Rückhaltung und kontrollierten Ableitung von Wasser. Ein nahe gelegener Kanal könnte das Wasser bis an die Rote Pyramide geführt haben. Ob die Bauwerke tatsächlich Dämme waren und aus der Zeit des Pyramidenbaus stammen, ist jedoch nicht nachgewiesen. Sie wurden bislang weder ausgegraben noch direkt datiert.

Zwei Bauwerke, die seit dem 19. Jahrhundert bekannt sind

Die Rote Pyramide entstand unter Pharao Snofru um 2600 v. Chr. Sie steht auf dem Dahschur-Plateau südlich von Kairo und gilt als eine der frühesten großen Pyramiden mit durchgehend glatten Außenflächen. Das Gebiet war damals nicht nur ein Bestattungsort, sondern eine großflächige Baustellenlandschaft mit Siedlungen, Steinbrüchen, Transportwegen und technischen Anlagen.

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Die beiden rätselhaften Strukturen sind keine Neuentdeckung. Sie erscheinen bereits auf Karten aus den Jahren 1843, 1855 und 1897. Im Jahr 1925 fotografierte die britische Royal Air Force das Gelände aus der Luft.

Frühere Forschende deuteten die Bauwerke unter anderem als Straßen, über die Kalkstein aus westlich gelegenen Steinbrüchen zur Pyramide transportiert worden sein könnte. Der Ägyptologe Dieter Arnold hielt eine Nutzung als Transportweg für möglich, schloss nach Darstellung der neuen Studie aber eine Verwendung als geneigte Baurampe aus.

Untersucht wurden die Strukturen dennoch nie. Sie liegen größtenteils unter Flugsand. Teile des Areals wurden außerdem durch eine Pipeline, einen Zaun und eine asphaltierte Straße verändert. Der Zugang ist wegen der Lage in einem militärisch kontrollierten Gebiet eingeschränkt.

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Die Bauwerke queren das gesamte Trockental

Für ihre Neubewertung kombinierten Xavier Landreau vom Forschungsinstitut Paleotechnic, Guillaume Piton von der Universität Grenoble und dem französischen Forschungsinstitut INRAE sowie Sayed Hemeda von der Universität Kairo historische Karten, Luftbilder, Satellitenaufnahmen und digitale Geländemodelle.

Nach ihrer topografischen Rekonstruktion reichen beide Strukturen von einer Flanke des Wadi Dahschur bis zur gegenüberliegenden Talseite. Sie verlaufen damit quer zur natürlichen Abflussrichtung.

Die Autoren schätzen folgende Abmessungen:

  • Länge: jeweils etwa 600 bis 700 m
  • Breite an der Basis: etwa 15 bis 30 m
  • erhaltene Höhe: örtlich bis zu 6 oder 7 m
  • Querschnitt: annähernd trapezförmig

Die genauen Maße bleiben unsicher, weil die ursprünglichen Geländeformen teilweise unter mächtigen Sandschichten liegen. Dennoch sehen die Autoren in der Lage, Ausrichtung und Form Eigenschaften, die eher zu geschütteten Dämmen als zu Straßen passen.

Das stärkste Argument ist ihre Position. Ein Transportweg würde üblicherweise entlang einer günstigen Route zur Baustelle führen. Die beiden Bauwerke sperren dagegen den Talquerschnitt und sind nach der Rekonstruktion an beiden Talflanken angeschlossen – ähnlich wie ein Damm, der Wasser und Sedimente zurückhalten soll.

Ein Becken für rund 230.000 m³ Wasser

Zwischen den beiden Strukturen befindet sich eine rund 8,5 ha große Fläche. Bei einem angenommenen Stauziel von etwa 59 m über dem Meeresspiegel hätte sie nach Berechnungen des Teams knapp 230.000 m³ Wasser aufnehmen können. Die mittlere Wassertiefe hätte rund 2,7 m betragen.

Das Becken ist heute teilweise mit Sand gefüllt. Die rekonstruierte Speicherkapazität beschreibt daher kein vermessenes, freigelegtes Reservoir, sondern ein aus historischen Höhenangaben und Geländemodellen abgeleitetes Volumen.

Die Autoren gehen von zwei Bauwerken mit unterschiedlichen Aufgaben aus: Die westliche, zuerst vom Wasser erreichte Struktur könnte Sedimente aufgefangen und Hochwasser gedrosselt haben. Die östliche Struktur hätte anschließend Wasser im dazwischenliegenden Becken zurückgehalten.

Ein solches System wäre für ein Wadi grundsätzlich plausibel. In trockenen Regionen führen diese Täler die meiste Zeit kein Wasser. Nach starken Regenfällen können jedoch innerhalb kurzer Zeit erhebliche Abflüsse entstehen, die große Mengen Sand und Geröll mitführen.

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War eine auffällige Zickzackform ein Überfallwehr?

Besonders ungewöhnlich ist der Verlauf des westlichen Bauwerks. Seine Achse knickt im zentralen Bereich mehrfach ab. Die Forschenden interpretieren diese rund 200 m lange Struktur als mögliches Überfallwehr in sogenannter Duckbill-Form.

Bei solchen Wehren verläuft die Überfallkante nicht gerade, sondern gefaltet oder dreieckig. Dadurch wird sie länger, ohne dass das gesamte Bauwerk breiter werden muss. Über dieselbe Talbreite kann so bei geringer Wasserhöhe mehr Wasser abfließen.

Die hydraulische Funktion wäre nachvollziehbar: Das Wehr hätte überschüssiges Wasser kontrolliert abgeführt und damit das Risiko reduziert, dass die Dammkrone unkontrolliert überströmt und erodiert.

Gerade diese Deutung ist aber mit erheblichen Unsicherheiten verbunden. Ein sicher identifiziertes altägyptisches Überfallwehr dieser Bauform ist bislang nicht bekannt. Ob die sichtbare Zickzackform tatsächlich bewusst gebaut wurde oder erst durch Erosion und spätere Veränderungen entstand, kann nur eine Untersuchung im Gelände klären.

Auch eine Vertiefung im Zentrum des östlichen Bauwerks ist nicht eindeutig. Sie könnte ein geplanter Auslass gewesen sein, aber ebenso eine spätere Bresche, eine Erosionsrinne oder die Folge eines Einsturzes.

Das lokale Einzugsgebiet liefert zu wenig Wasser

Ein wesentliches Problem der Theorie ist die verfügbare Wassermenge. Das natürliche Einzugsgebiet des Wadi Dahschur oberhalb der Strukturen umfasst nach der Studie nur rund 3,2 km².

Bei einem angenommenen Starkregen von 50 mm und einem hohen Abflussanteil von 30 % würden dort etwa 50.000 m³ Wasser zusammenkommen. Das entspräche nur einem Teil des rekonstruierten Beckenvolumens.

Die Autoren vermuten deshalb, dass zusätzlich Wasser aus dem westlich gelegenen Wadi Taflah abgeleitet worden sein könnte. Dessen Einzugsgebiet ist mit mehr als 400 km² erheblich größer. Eine Verbindung zu einzelnen Zuflüssen könnte nach dem Modell mindestens rund 100 km² für das System erschlossen haben.

Ein entsprechender Zuleitungskanal ist archäologisch jedoch nicht belegt. Es fehlen bislang nachgewiesene Einlaufstellen, Verteilerbauwerke und datierbare Kanalabschnitte. Die Verbindung zum Wadi Taflah ist daher eine topografisch und hydrologisch begründete Hypothese.

Ohne diese zusätzliche Wasserquelle wäre die Größe des angenommenen Dammsystems schwerer zu erklären.

Ein Kanal führte bis nahe an die Pyramide

Westlich und nördlich der Roten Pyramide verläuft eine weitere lineare Struktur, die bereits im 19. Jahrhundert kartiert wurde. Ein gerader Abschnitt erstreckt sich über etwa 600 bis 800 m parallel zur Westseite der Pyramide. Anschließend knickt die Linie nach Osten ab und nähert sich dem Bauwerk bis auf etwa 40 bis 50 m.

Die Gesamtlänge beträgt nach der Rekonstruktion ungefähr 1 km. Am östlichen Ende geht die Struktur in ein früheres Wadibett über, das in Richtung eines ehemaligen Nilarms verläuft.

Die Autoren interpretieren die Linie als möglichen Ableitungskanal. Das westliche Bauwerk hätte demnach einen weitgehend konstanten Wasserstand erzeugt und einen Teil des Wassers in diesen Kanal geleitet.

Eine direkte bauliche Verbindung zwischen Damm und Kanal wurde allerdings nicht freigelegt. Auch Kanalquerschnitt, Sohlgefälle und Bauzeit sind unbekannt. Damit ist nicht belegt, dass beide Anlagen gleichzeitig entstanden oder zusammen betrieben wurden.

Welche Rolle könnte Wasser beim Pyramidenbau gespielt haben?

Die Nähe des möglichen Kanals zur Roten Pyramide führt zu der Frage, ob das Wasser bei ihrem Bau genutzt wurde. Die Autoren nennen unter anderem den Transport von Material, die Versorgung der Arbeitskräfte und technische Hilfsprozesse wie die Mörtelherstellung.

Für keine dieser Nutzungen gibt es an den beiden Strukturen bislang einen direkten archäologischen Nachweis. Gefunden wurden weder Hafenanlagen noch Schleusen, Anlegestellen oder andere Einrichtungen, die den Wassertransport bis zur Pyramide belegen.

Grundsätzlich ist bekannt, dass Wasserwege für die Logistik altägyptischer Großbaustellen eine wichtige Rolle spielten. Eine 2024 veröffentlichte Untersuchung rekonstruierte einen inzwischen versandeten Nilarm, der an zahlreichen Pyramidenfeldern vorbeiführte. Ein Seitenarm erreichte während der 4. Dynastie offenbar Dahschur und könnte sowohl die Knickpyramide als auch die benachbarte Rote Pyramide angebunden haben.

An der Knickpyramide haben archäologische Untersuchungen zudem ein Hafenbecken, einen Aufweg und Siedlungsstrukturen nachgewiesen. Diese Befunde zeigen, dass Baustellen, Verkehrswege und Wasserinfrastruktur in Dahschur eng miteinander verbunden waren. Sie belegen jedoch nicht das von der neuen Studie vorgeschlagene Dammsystem.

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Historischer Vergleich mit Sadd el-Kafara

Die technische Fähigkeit zum Bau großer Dämme war im Alten Ägypten grundsätzlich vorhanden. Rund 20 km östlich von Dahschur liegt Sadd el-Kafara, eine frühe Talsperre aus Stein und Erdmaterialien.

Das Bauwerk war mehr als 14 m hoch und sollte Hochwasser in einem Wadi zurückhalten. Vermutlich wurde es während oder kurz nach seiner Errichtung durch eine Sturzflut zerstört.

Die zeitliche Nähe macht die neue Deutung nicht unmöglich. Sadd el-Kafara zeigt, dass großformatiger Wasserbau im Alten Reich technisch beherrscht wurde. Er beweist aber weder das Alter noch die Funktion der beiden Strukturen bei der Roten Pyramide.

Ohne Ausgrabung bleibt es eine Theorie

Die Studie liefert eine in sich schlüssige hydraulische Interpretation. Entscheidend ist aber, was bislang fehlt:

  • keine archäologische Freilegung der Bauwerke
  • keine Datierung durch Keramik, organisches Material oder Mörtel
  • keine Untersuchung des inneren Aufbaus
  • kein nachgewiesener Zu- oder Ablauf
  • keine gesicherte Verbindung zum Kanal an der Pyramide
  • kein Beleg für eine Nutzung während der Bauzeit

Erst Bohrungen und Grabungen könnten zeigen, ob die Strukturen aus gezielt geschichteten Dammkörpern bestehen, ob sie gegen Erosion geschützt waren und ob sich Sedimente eines früheren Stausees erhalten haben.

Auch die zeitliche Einordnung ist offen. Die Bauwerke könnten mit der Roten Pyramide entstanden sein, aber ebenso aus einer früheren oder späteren Nutzungsphase stammen.

Quellen

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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