Träger eingehoben, Autobahn wieder frei, dann stürzt der Stahl auf die A81
Nach dem Einhub stürzt ein Stahlträger auf die A81. Warum der Unfall technisch ungewöhnlich ist und welche Rolle Bauzustände spielen.
Stahlträgerteile liegen auf der A81 bei einer Brücke auf dem Seitenstreifen. Bei Bauarbeiten an der Brücke ist ein tonnenschwerer Stahlträger auf ein Gerüst und danach auf die Autobahn 81 gestürzt.
Foto: picture alliance/dpa | Marijan Murat
Vier Stahlträger sollten in der Nacht über der A81 bei Bad Dürrheim montiert werden. Für jeden Einhub wurde die Autobahn kurzzeitig gesperrt. Alles lief offenbar nach Plan. Doch nachdem der vierte Träger platziert war und der Verkehr wieder rollte, geschah das Unglück: Das tonnenschwere Bauteil stürzte auf ein Baugerüst und anschließend auf die Fahrbahn. Ein Arbeiter wurde schwer verletzt. Wie konnte der Träger abstürzen, obwohl der eigentliche Hebevorgang bereits beendet war? Wir haben uns die technischen Hintergründe angeschaut.
Inhaltsverzeichnis
- Was ist passiert?
- Kein Teil der eigentlichen Brücke: Das Prinzip des Traggerüsts
- Für jeden Träger wurde die A81 gesperrt
- Einhub beendet heißt nicht automatisch Montage beendet
- Die Rolle der Traversen beim Hebevorgang
- Hintergrund: Erhebliche Chlorschäden an der Brücke von 1973
- Höchste Anforderungen an die Baustellenlogistik
- Statiker prüften Traggerüst und Altbauwerk
Was ist passiert?
Es ist gegen 4:45 Uhr am Mittwochmorgen, dem 12. August. An einer Brücke bei Oberbaldingen laufen Sanierungsarbeiten, als ein Stahlträger unvermittelt nach unten kracht. Er trifft ein Baugerüst, auf dem sich zu diesem Zeitpunkt ein 60-jähriger Arbeiter befindet. Gerüst, Träger und der Mann stürzen gemeinsam auf die A81 in Fahrtrichtung Süden. Der Arbeiter erleidet schwere Verletzungen und wird ins Krankenhaus gebracht. Glück im Unglück: Laut Polizei befanden sich in diesem exakten Moment keine Fahrzeuge direkt unter der Unfallstelle.
Ein aufmerksamer Lastwagenfahrer erkennt den quer über der Fahrbahn liegenden Träger rechtzeitig, bremst scharf ab und warnt den nachfolgenden Verkehr. Die A81 muss anschließend zwischen Bad Dürrheim und Geisingen über Stunden komplett gesperrt werden. Erst am Nachmittag beziehungsweise Abend können beide Fahrtrichtungen wieder freigegeben werden.
Warum der Träger herunterfiel, ist bislang ungeklärt. Doch gerade der genaue Zeitpunkt des Absturzes macht den Fall aus ingenieurtechnischer Sicht äußerst brisant.
Kein Teil der eigentlichen Brücke: Das Prinzip des Traggerüsts
Wie die Autobahn GmbH klarstellte, handelte es sich bei dem abgestürzten Stahlträger nicht um einen Bestandteil des dauerhaften Brückenüberbaus. In der Nacht wurden insgesamt vier Stahlträger für ein temporäres Traggerüst eingehoben. Dieses wird lediglich für die laufende Instandsetzung benötigt und nach Abschluss der Arbeiten wieder demontiert.
Das ist ein entscheidender Unterschied, den Du als Ingenieur oder bautechnisch Interessierter kennst: Ein Traggerüst ist eine Hilfskonstruktion, die während einer Baumaßnahme temporär Lasten übernimmt oder bestimmte Montagearbeiten überhaupt erst ermöglicht. Doch obwohl sie später wieder verschwindet, muss eine solche Konstruktion absolut präzise geplant und bemessen werden.
Für Traggerüste gelten daher strikte technische Regelwerke. Die DIN EN 12812 legt die Anforderungen und Verfahren für deren Bemessung fest. Das erklärte Ziel der Norm: eine lückenlos sichere Traggerüstkonstruktion.
Der Fall auf der A81 führt uns damit ein fundamentales Prinzip des Bauingenieurwesens vor Augen: Nicht nur das fertige Bauwerk muss im Endzustand standsicher sein – auch sämtliche Zwischenzustände während Bau, Umbau oder Sanierung müssen jederzeit voll beherrscht werden.
Für jeden Träger wurde die A81 gesperrt
Zunächst gab es widersprüchliche Medienberichte darüber, ob die Montage möglicherweise über dem laufenden Verkehr stattfand. Die Autobahn GmbH stellte den Ablauf jedoch rasch klar:
Für jeden der vier Stahlträger wurde die A81 in Abstimmung mit der Polizei kurzfristig gesperrt. Diese sogenannten Drosselfahrten dauerten jeweils etwa 15 Minuten. Nach Angaben der Autobahn GmbH wurden die Einhubarbeiten ausdrücklich nicht unter fließendem Verkehr durchgeführt. Der Unfall ereignete sich erst im Nachgang.
Nach derzeitigem Kenntnisstand sei der vierte Träger „nach Abschluss des Einhubs“ aus noch ungeklärten Gründen von den Traversen gefallen, teilte die Autobahn GmbH mit. Zum Zeitpunkt des Absturzes war die Autobahn laut Polizei bereits wieder für den Verkehr geöffnet.
Damit verlagert sich die entscheidende Frage: Nicht der eigentliche Kranhub scheint das Problem gewesen zu sein. Entscheidend ist vielmehr, was in den Minuten danach passierte.
Einhub beendet heißt nicht automatisch Montage beendet
Beim Einheben schwerer Bauteile besteht der Gesamtprozess aus mehreren aufeinander aufgebauten Arbeitsschritten:
- Anschlagen: Das Bauteil wird mit der Krantechnik verbunden.
- Einhub: Das Element wird schwebend an seine vorgesehene Position gebracht.
- Absetzen & Sichern: Das Bauteil wird auf den Auflagen abgesetzt und muss anschließend unmittelbar verbunden, abgestützt oder anderweitig gegen Lageveränderungen gesichert werden.
Die BG BAU beschreibt diesen Ablauf bei der Montage vorgefertigter Bauteile folgendermaßen: Die Elemente werden mit dem Kran an ihren Einbauort gebracht, dort abgesetzt beziehungsweise miteinander verbunden und in ihrer Lage gesichert. Erst danach dürfen sie vom Hebezeug getrennt werden.
Wichtig: Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass beim Unfall auf der A81 einer dieser Schritte fehlerhaft ausgeführt wurde. Dazu gibt es bislang keine belastbaren Erkenntnisse.
Es verdeutlicht aber, warum die Formulierung „Einhub abgeschlossen“ für sich genommen noch wenig über den tatsächlichen statischen Montagezustand eines Bauteils aussagt.
Gerade solche Zwischenzustände bergen im Ingenieurbau erhebliche Risiken. Die BG BAU weist bei Fertigbauteilen ausdrücklich darauf hin, dass bereits in der Arbeitsvorbereitung und Planung exakt festgelegt werden muss, welche temporären Unterstützungen und Aussteifungen während dieser Phasen notwendig sind. Zu den typischen Gefahrenquellen zählen hierbei das Versagen von temporären Auflagern oder das zu frühe Entfernen von Montagehilfen.
Die Rolle der Traversen beim Hebevorgang
Ein weiteres Detail wirft Fragen auf: In der Stellungnahme der Autobahn GmbH heißt es, der Träger sei „von den Traversen gefallen“.
Traversen kommen beim Krantransport als Lastaufnahmemittel zum Einsatz. Sie werden mit dem Tragmittel des Hebezeugs (z. B. den Kranhaken) verbunden und ermöglichen es, lange oder sperrige Lasten an mehreren definierten Punkten sicher aufzunehmen und Biegemomente im Bauteil beim Hub zu minimieren. Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) zählt Traversen explizit zu den Lastaufnahmemitteln.
Wie die Traversen auf der Baustelle in Oberbaldingen im Detail ausgeführt waren, wie der Stahlträger darin gelagert oder angeschlagen war und in welchem Fixierungszustand er sich zum Unfallzeitpunkt befand, ist derzeit öffentlich nicht bekannt.
Es wäre daher voreilig, aus der Formulierung der Autobahn GmbH direkt auf ein mechanisches Versagen der Traverse selbst zu schließen. Genauso gut könnte eine fehlerhafte Sicherung, ein nachgebendes Auflager oder ein Problem mit den Anschlagmitteln ursächlich gewesen sein. Diese Detailfragen sind nun Gegenstand der laufenden Ermittlungen.
Hintergrund: Erhebliche Chlorschäden an der Brücke von 1973
Der Unfall ereignete sich an der Brücke der Kreisstraße K5749 zwischen Oberbaldingen und Öfingen. Das Bauwerk stammt aus dem Jahr 1973 und wird seit März grundlegend instandgesetzt. Während der gesamten Bauzeit sollten grundsätzlich alle vier Fahrstreifen der A81 zur Verfügung stehen – Einschränkungen waren nur für punktuelle Arbeiten direkt über der Fahrbahnmitte vorgesehen.
Der Sanierungsbedarf an dem über 50 Jahre alten Bauwerk ist gewaltig. Das ausführende Bauunternehmen STORZ berichtet von gravierenden Bauwerksschäden durch Chloride: Da sich in unmittelbarer Nähe ein Streusalzlager befindet, drang über Jahrzehnte hinweg hochdosiertes Tausalz in den Beton ein.
Die Instandsetzungsmaßnahmen umfassen:
- Erneuerung des Brückenbelags inkl. Abdichtung, Kappen, Geländern und Entwässerung
- Betoninstandsetzung an Pfeilern, Widerlagern und Flügelwänden
- Sanierung korrodierter Bewehrungsstähle
- Aufwendige Sanierung der Mittelstütze (Abtrag von geschädigtem Beton und Neuaufbau mittels Spritzbeton)
Höchste Anforderungen an die Baustellenlogistik
Die besondere Herausforderung bei diesem Projekt liegt auf der Hand: Unter der Brücke verläuft eine der wichtigsten Nord-Süd-Adern Süddeutschlands. Rund 36.000 Fahrzeuge passieren täglich diesen Abschnitt der A81. Ein vollständiger Rückbau unter Vollsperrung kam daher nicht infrage.
Das erklärt auch die Strategie der kurzen Nachtsperrungen: Statt die Autobahn über Stunden dichtzumachen, nutzte man extrem kurze, 15-minütige Zeitfenster für das Einheben der einzelnen Träger.
Ein solches Vorgehen zeigt, wie eng Baustellenlogistik, Statik und Verkehrssicherung miteinander verzahnt sein müssen. Schwerlastmontagen müssen unter hohem Zeitdruck präzise getaktet werden, um die Beeinträchtigung des Verkehrs minimal zu halten. Umso dringender ist nun die lückenlose Aufklärung der Absturzursache.
Statiker prüften Traggerüst und Altbauwerk
Direkt nach dem Vorfall leiteten die Verantwortlichen umfangreiche Prüfmaßnahmen ein. Ein Statiker sowie eine Fachfirma wurden beauftragt, sowohl die bestehende Straßenbrücke als auch das teilmontierte Traggerüst akribisch zu untersuchen. Sämtliche bereits installierten Stahlträger wurden auf ihren festen Sitz kontrolliert.
Wichtig dabei: Dass eine statische Überprüfung angeordnet wird, ist bei Unfällen dieser Kategorie Standard und bedeutet keineswegs automatisch, dass die eigentliche Betonbrücke einsturzgefährdet war. Es muss primär ausgeschlossen werden, dass durch den Impakt des abstürzenden Trägers Folgeschäden an der Restkonstruktion entstanden sind. Nachdem die Statiker grünes Licht gaben, konnte die A81 freigegeben werden.
Quellen und weiterführende Informationen
- Polizeipräsidium Konstanz: Stahlträger fällt auf A81
- Autobahn GmbH: Instandsetzung der Brücke bei Oberbaldingen
- Südkurier: Stellungnahme der Autobahn GmbH zum Unfallablauf
- STORZ: Hintergründe zur Brückensanierung bei Oberbaldingen
- BG BAU: Sicheres Heben und Montieren schwerer Bauteile
- DIN EN 12812: Traggerüste – Anforderungen, Bemessung und Entwurf
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