Gläserne Pyramide 19.06.2026, 06:18 Uhr

Tour Triangle: Wie Paris sein umstrittenstes Hochhaus baut

Warum die Tour Triangle wohl das letzte Hochhaus ihrer Art in Paris bleibt – Technik, Politik und Stadtplanung im Überblick.

Tour Triangle in Paris

Blick auf die Baustelle der Tour Triangle. Mittlerweile hat die Pyramide ihre volle Größe erreicht. Derzeit laufen der Ausbau und letzte Fassadenarbeiten.

Foto: picture alliance / MAXPPP | Aurelien Morissard/MAXPPP

Die Tour Triangle ist weit mehr als ein neues Hochhaus in Paris. Der 180 m hohe Turm steht für einen fundamentalen Konflikt zwischen Tradition und Moderne. Über Jahre hinweg stritten Politik, Anwohner und Stadtplaner erbittert über das Projekt. Gleichzeitig zählt der Bau zu den technisch anspruchsvollsten Hochhausvorhaben Frankreichs.

Schwierige Baugrundverhältnisse, ein extrem beengtes Baufeld und ambitionierte Nachhaltigkeitsziele machen die Tour Triangle zu einem ingenieurtechnischen Großprojekt, das weit über die Grenzen Frankreichs hinaus Beachtung findet. Nach aktuellem Stand soll die Tour Triangle Anfang 2027 fertiggestellt werden. Der Rohbau erreichte im Frühjahr 2026 mit 180 m seine endgültige Höhe.

Ein Hochhaus gegen die Regeln von Paris

Paris und Hochhäuser – das war lange Zeit keine Liebesgeschichte. Seit den 1970er-Jahren galt innerhalb der Stadtgrenzen eine strikte Höhenbegrenzung. Auslöser war der 210 m hohe Tour Montparnasse, dessen Bau bis heute kontrovers diskutiert wird, da viele Pariser den Büroturm als massiven Fremdkörper im historischen Stadtbild empfanden. Die Folge war eine klare Regelung: Neubauten durften im Regelfall eine Höhe von 37 m nicht überschreiten.

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Genau in dieses städtebauliche Spannungsfeld platzte die Tour Triangle. Bereits 2006 begann das Schweizer Architekturbüro Herzog & de Meuron mit den ersten Entwürfen. Als die Stadt Paris das Projekt 2008 öffentlich vorstellte, war schnell klar, dass hier weit mehr als nur Architektur debattiert werden würde. Mit 180 m Höhe und 42 Geschossen sollte einer der höchsten Türme innerhalb der Pariser Stadtgrenzen entstehen.

Der Standort an der Porte de Versailles im 15. Arrondissement wurde dabei bewusst gewählt: Er liegt am Rand der historischen Kernstadt und markiert den Übergang zum Großraum Paris. Damit wurde die Tour Triangle zum Symbol einer neuen Stadtentwicklungspolitik – Paris wollte, zumindest punktuell, wieder in die Höhe bauen.

Politischer Dauerstreit über fast zwei Jahrzehnte

Kaum ein Bauprojekt der französischen Hauptstadt wurde so kontrovers diskutiert. Kritiker warnten vor einem massiven Eingriff in die historische Stadtsilhouette, Bürgerinitiativen befürchteten zusätzlichen Schattenwurf sowie einen Präzedenzfall für weitere Hochhäuser, und auch Umweltverbände stellten sich quer.

Im Jahr 2014 lehnte der Pariser Stadtrat die Tour Triangle zunächst überraschend ab – die Zustimmung fehlte denkbar knapp. Wenige Monate später wurde erneut abgestimmt, diesmal erhielt das Vorhaben grünes Licht. Der Streit endete damit allerdings nicht: In den folgenden Jahren beschäftigten zahlreiche Klagen und Gerichtsverfahren die Behörden.

Interessante Randnotiz: Die intensive Debatte führte später zu einer politischen Kehrtwende. Im neuen bioklimatischen Stadtentwicklungsplan führte Paris die traditionelle Höhenbegrenzung von 37 m weitgehend wieder ein. Damit dürfte die Tour Triangle zu den letzten Hochhausprojekten ihrer Art innerhalb der Pariser Stadtgrenzen gehören.

Die Baustelle am 21. Februar 2026. Kranarbeiten an der Spitze der Pyramide. Die Tour Triangle hat zu diesem Zeitpunkt fast ihre volle Größe erreicht. Foto: picture alliance / abaca | Blondet Eliot/ABACA

Bürohochhaus in Zeiten des Homeoffice

Neben den städtebaulichen Fragen stand auch die wirtschaftliche Sinnhaftigkeit im Fokus. Kritiker hinterfragten, ob Paris überhaupt zusätzliche Büroflächen benötigt, da Homeoffice und hybride Arbeitsmodelle den Flächenbedarf seit der Corona-Pandemie deutlich reduziert haben.

Die Projektentwickler halten jedoch mit einem Mixed-Use-Konzept dagegen. Die Tour Triangle ist kein reines Bürogebäude, sondern als gemischt genutzter Stadtbaustein konzipiert. Das Raumprogramm umfasst:

  • Büroflächen: Rund 70.000 m² modernste Arbeitswelten
  • Hotellerie: Ein Radisson-Blu-Hotel mit 128 Zimmern
  • Infrastruktur: Konferenz- und Veranstaltungsflächen, Einzelhandel sowie Gesundheits- und Kulturangebote
  • Öffentlichkeit: Öffentlich zugängliche Bereiche und eine Panorama-Aussichtsplattform

Die Investitionskosten werden auf rund 700 Millionen Euro geschätzt und vollständig privat finanziert.

Bauen zwischen U-Bahn und Stadtautobahn

Die eigentliche ingenieurtechnische Herausforderung begann allerdings lange vor dem ersten sichtbaren Stockwerk. Das Grundstück misst lediglich rund 200 m in der Länge und etwa 45 m in der Breite. Direkt unter und neben der Baustelle verlaufen lebenswichtige Verkehrsadern der Metropole – besonders kritisch waren die Tunnel der Métro-Linie 12 sowie Bauwerke entlang des Boulevard Périphérique. Schon geringste Bodenbewegungen hätten hier fatale Schäden verursachen können.

Deshalb investierten die Ingenieurteams erheblichen Aufwand in die Baugrubensicherung. Rund um die Baugrube entstand zunächst eine bis zu 20 Meter tiefe Schlitzwand. Dabei heben Spezialmaschinen schmale Gräben aus, die kontinuierlich mit einer Bentonitsuspension gefüllt werden. Diese tonhaltige Flüssigkeit verhindert durch ihren thixotropen Druck, dass die Grabenwände einstürzen. Anschließend werden die Bewehrungskörbe exakt ausgerichtet und die Gräben im Contractor-Verfahren mit Beton verfüllt. Die fertige Konstruktion übernimmt eine Doppelfunktion: Sie stabilisiert die Baugrube und sorgt für eine dauerhafte Abdichtung gegen das Grundwasser.

35 m tief in den Untergrund

Ein 180 m hoher Turm erzeugt enorme Lasten, die sich nicht allein über eine konventionelle Bodenplatte in den Untergrund ableiten lassen. Deshalb entschieden sich die Tragwerksplaner für eine Kombinierte Pfahl-Plattengründung (KPP).

Unter der Fundamentplatte wurden 25 Großbohrpfähle und weitere Tiefgründungselemente bis in die tragfähigen Kalk- und Sandsteinschichten eingebracht. Einige dieser Elemente reichen mehr als 35 m tief in den Boden. Während der gesamten Bauphase überwachten hochpräzise Sensoren jede relevante Veränderung. Sie erfassten rund um die Uhr Erschütterungen, Setzungen, Grundwasserstände und Bewegungen angrenzender Bauwerke. Solche Monitoring-Systeme gehören inzwischen zum absoluten Standard moderner Großprojekte in dicht bebauten Innenstädten.

Während weiter nach oben gebaut wird, werden weiter untern bereits die gläsernen Fassadenelemente montiert
Die Baustelle am 16. November 2025. Während weiter nach oben gebaut wird, werden weiter untern bereits die gläsernen Fassadenelemente montiert. Foto: picture alliance / SIPA | Xavier Francolon

Das Tragwerk folgt der Form

Auf den ersten Blick wirkt die Tour Triangle wie eine gläserne Pyramide. Tatsächlich verbirgt sich dahinter ein hochkomplexes Tragwerk. Die geneigten Fassaden führen dazu, dass sich die Lasten entlang des Gebäudes ständig verändern. Gleichzeitig muss der Turm den enormen Windlasten sicher standhalten.

Die Ingenieure kombinierten deshalb mehrere Tragwerkssysteme. Den Kern bilden massive Stahlbetonkerne, die durch Stützen, Träger und ein außenliegendes Diagrid-System ergänzt werden. Bei diesem System handelt es sich um ein statisch hocheffizientes Netz diagonal verlaufender Stahlprofile. Das Prinzip bietet entscheidende Vorteile:

  • Maximale Steifigkeit gegen windbedingte Horizontalkräfte
  • Geringerer Materialeinsatz durch optimierten Lastfluss
  • Hohe Grundrissflexibilität im Innenraum
  • Optimale Lastverteilung über die gesamte Außenhaut

Für die markante Stahlkonstruktion wurden rund 4200 t hochfester Stahl verbaut. Nach Angaben der Projektbeteiligten ließ sich dadurch der Stahlbedarf gegenüber klassischen Tragwerkslösungen signifikant reduzieren.

70.000 m³ Beton für den Rohbau

Ende 2025 erreichte der Rohbau einen wichtigen Meilenstein: Der letzte große Betonierabschnitt wurde erfolgreich abgeschlossen. Die Dimensionen des Projekts spiegeln sich eindrucksvoll in den Kennzahlen des Rohbaus wider:

  • Rund 70.000 m³ Beton
  • Etwa 2000 Stützen
  • Rund 1600 Fertigteilträger
  • Mehr als 90.000 m² Deckenflächen

Besonderes Augenmerk legten die Verantwortlichen auf die CO₂-Bilanz. Ein Großteil des Betons basiert auf Hüttensandzement der Klasse CEM III. Dieser Klinkerersatzstoff verursacht bei der Herstellung deutlich weniger Emissionen als klassischer Portlandzement (CEM I). Nach Projektangaben sanken die herstellungsbedingten CO₂-Emissionen des Betons dadurch um rund 30 Prozent.

Nachhaltigkeit als Planungsziel

Die Tour Triangle soll neue Maßstäbe in Sachen Energieeffizienz setzen. Eine zentrale Rolle spielt dabei die hochmoderne Fassade. Sie besteht aus rund 8.300 vorgefertigten Elementen und umfasst insgesamt etwa 54.600 m² Fläche.

Das Gebäude nutzt eine doppelschalige Fassadenkonstruktion. Zwischen den beiden Glasebenen befindet sich ein belüfteter Zwischenraum mit integrierten, automatisierten Sonnenschutzsystemen. Dies minimiert die solaren Einträge und die Aufheizung im Sommer, während es im Winter wie eine zusätzliche Thermohülle wirkt. Integrierte Lüftungselemente ermöglichen zudem eine natürliche Frischluftversorgung in weiten Teilen des Gebäudes.

Bei der Energieversorgung setzt das Projekt auf einen intelligenten Technologiemix:

  1. Geothermie zur Abdeckung eines Teils des Wärme- und Kältebedarfs
  2. Fernwärme und Fernkälte über die effizienten städtischen Netze (u.a. Climespace)
  3. Photovoltaik integriert in die Südfassade
  4. Energierückgewinnung beim Betrieb der Aufzugsanlagen

Logistik als unterschätzte Ingenieurleistung

Eine Hochhausbaustelle im Herzen einer europäischen Metropole ist vor allem ein logistisches Meisterstück. Täglich müssen Just-in-time-Lieferungen von Material, Maschinen und Personal koordiniert werden, ohne den fließenden Verkehr zu blockieren.

Um die Zahl der CO₂-intensiven Lkw-Fahrten im Stadtgebiet zu minimieren, nutzten die Projektverantwortlichen die Seine als Transportweg. Ein erheblicher Teil des Aushubmaterials wurde per Lastkahn abtransportiert. Das entlastete nicht nur das Pariser Straßennetz, sondern verbesserte auch die ökologische Gesamtbilanz der Großbaustelle.

Aktueller Baufortschritt: Rohbau steht, Eröffnung für 2027 geplant

Nach Jahren der Planung und einer komplexen Bauphase hat die Tour Triangle inzwischen ihre endgültige Höhe erreicht. Im April 2026 feierten die Projektbeteiligten das sogenannte Topping-out. Mit 180 m Höhe prägt der Turm inzwischen sichtbar die Skyline im Süden von Paris. Damit ist ein wichtiger Meilenstein erreicht: Die tragende Struktur des Gebäudes steht vollständig.

Bereits Ende November 2025 waren die Betonarbeiten am Rohbau abgeschlossen worden. Insgesamt wurden dafür rund 70.000 m³ Beton verbaut. Die letzten Betonagen erfolgten in den oberen Geschossen des Turms, bevor die Arbeiten an Fassade und Innenausbau in den Vordergrund rückten.

Derzeit konzentrieren sich die Arbeiten auf die Gebäudehülle, die technische Gebäudeausrüstung und den Innenausbau. Parallel werden die Hotelbereiche, Konferenzflächen, Bürogeschosse sowie die öffentlich zugänglichen Bereiche fertiggestellt. Auch die Installation der Aufzüge und der komplexen Haustechnik läuft auf Hochtouren. Nach Angaben des Generalunternehmers BESIX verlaufen die Arbeiten weitgehend nach Plan.

Ursprünglich war eine Eröffnung bereits für 2026 vorgesehen. Inzwischen nennen die Projektverantwortlichen jedoch Anfang 2027 als realistischen Termin für die Fertigstellung. Damit nähert sich eines der umstrittensten Bauprojekte Frankreichs seinem Abschluss.

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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