69-Meter-Monolith am Lake Michigan 19.06.2026, 20:32 Uhr

Schwieriger Baugrund, geneigte Wände: Der Obama-Turm im Check

Jahrelange Klagen, schwierige Caisson-Gründung und Streit am Bau: Das neue Obama Center am Lake Michigan ist eröffnet. Alles zu Technik und Architektur.

Das Obama Presidential Center kurz vor seiner Eröffnung

Das Obama Presidential Center kurz vor seiner Eröffnung im Juni 2026: Der knapp acht Hektar große Campus im Jackson Park umfasst neben den Ausstellungsgebäuden auch frei zugängliche Grünanlagen, Gärten und öffentliche Aufenthaltsbereiche.

Foto: picture alliance / Newscom | Brian Cassella

Wer das Obama Presidential Center zum ersten Mal sieht, blickt nicht auf eine klassische Präsidentenbibliothek. Statt eines flachen Archivgebäudes erhebt sich im Süden Chicagos ein fast 70 Meter hoher Turm aus Beton und Naturstein. Daneben liegen Veranstaltungsgebäude, eine Bibliothek, öffentliche Plätze, Gartenanlagen und eine Sporthalle.

Das Zentrum wurde am 19. Juni 2026 eröffnet – bewusst am amerikanischen Juneteenth-Feiertag, der an das Ende der Sklaverei in den USA erinnert. Der Campus soll nicht nur an die Präsidentschaft Barack Obamas erinnern. Die Obama Foundation versteht ihn als Bildungs-, Kultur- und Begegnungsort für die Menschen in der South Side von Chicago.

Doch bis zur Eröffnung war es ein langer Weg. Kaum ein Kulturbau der vergangenen Jahre wurde in der Fachwelt und der Öffentlichkeit so intensiv diskutiert wie dieses Projekt.

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Warum der Standort von Anfang an umstritten war

Das Obama Presidential Center entstand im Jackson Park im Süden Chicagos. Dieser Park besitzt eine ganz besondere Bedeutung für die Stadtgeschichte: Die Landschaftsarchitekten Frederick Law Olmsted und Calvert Vaux entwarfen ihn bereits im 19. Jahrhundert. Weltweit bekannt wurde das Gelände 1893 als Austragungsort der World’s Columbian Exposition, der damaligen Weltausstellung.

Gerade deshalb löste die Entscheidung für diesen Standort heftige Debatten aus. Die Kritiker des Projekts sahen den historischen Charakter des Parks gefährdet. Befürworter verwiesen dagegen auf die wirtschaftlichen Chancen für die strukturschwächeren Stadtteile Woodlawn und South Shore.

Hinzu kam eine weitere Sorge: Viele Anwohnende befürchteten steigende Mieten und eine Verdrängung der bisherigen Bevölkerung. Die Diskussion über das Obama Center entwickelte sich deshalb schnell zu einer Debatte über Stadtentwicklung und soziale Gerechtigkeit.

Obama Presidential Center: Die wichtigsten Kennzahlen

  • Standort: Jackson Park, Chicago
  • Eröffnung: 19. Juni 2026
  • Campusgröße: 19,3 Acre (rund 7,8 Hektar)
  • Höhe des Museumsturms: 225 Fuß (ca. 69 Meter)
  • Architekten: Tod Williams Billie Tsien Architects (TWBTA) und Interactive Design Architects (IDEA)
  • Energieversorgung: Geothermie, Wärmepumpen und Photovoltaik
  • Besonderheit: Erste Präsidentenbibliothek mit weitgehend digitalem Archivkonzept

Aus einer Verkehrsschneise wurde wieder Park

Aus ingenieurtechnischer Sicht gehört der Umbau des Umfelds zu den spannendsten Teilen des Projekts. Über Jahrzehnte durchschnitt der South Cornell Drive große Bereiche des Jackson Parks. Die sechsspurige Straße stammte aus den 1960er-Jahren und trennte Teile der historischen Parklandschaft voneinander.

Im Zuge der Bauarbeiten wurde die Verkehrsführung grundlegend verändert. Abschnitte der Straße verschwanden komplett, andere wurden verlegt, und neue Rad- und Fußwege entstanden. Dadurch konnten die Planer den Park wieder stärker mit seinen Lagunen und Grünflächen verbinden.

Der eigentliche Gebäudekomplex umfasst rund 19 Acre (knapp acht Hektar). Die Auswirkungen reichen jedoch weit über das Baugrundstück hinaus. Tatsächlich handelt es sich ebenso um ein Infrastruktur- wie um ein Architekturprojekt.

Jahre voller Klagen und Genehmigungsverfahren

Die Standortentscheidung fiel bereits 2015. Ein Jahr später erhielten Tod Williams Billie Tsien Architects gemeinsam mit Interactive Design Architects den Planungsauftrag. Danach begann ein jahrelanger Genehmigungsmarathon.

Mehrere Bürgerinitiativen und Denkmalschutzorganisationen zogen vor Gericht. Besonders die Organisation Protect Our Parks bekämpfte das Vorhaben über Jahre hinweg. Die Kläger argumentierten unter anderem, dass öffentliches Parkland faktisch einer privaten Stiftung überlassen werde.

Zusätzlich mussten verschiedene Bundesbehörden Umwelt- und Verkehrsfragen prüfen. Der Grund: Für Teile des Jackson Parks waren in der Vergangenheit Bundesmittel geflossen. Mehrere Gerichte bestätigten schließlich die Rechtmäßigkeit des Projekts. Erst danach konnte 2021 mit den eigentlichen Bauarbeiten begonnen werden.

Bei der Einweihungsfeier des Obama Presidential Center am 18. Juni 2026 versammelten sich Barack und Michelle Obama gemeinsam mit ihren Töchtern Sasha und Malia sowie zahlreichen Wegbegleitern. Rechts im Bild ist der frühere US-Präsident Bill Clinton zu sehen. Foto: picture alliance / Newscom | Brian Cassella

Ein Turm gegen die Fläche

Das auffälligste Bauwerk des Campus ist der Museumsturm. Mit einer Höhe von 225 Fuß (knapp 69 Meter) prägt er die Silhouette des Geländes. Die Entscheidung für einen Turm war ungewöhnlich, da Präsidentenbibliotheken traditionell aus flachen Gebäudekomplexen bestehen.

Barack Obama verfolgte jedoch einen anderen Ansatz: Das Gebäude sollte möglichst wenig Parkfläche beanspruchen und gleichzeitig weihin sichtbar sein. Architektonisch wirkt der Turm wie ein aus einem massiven Steinblock herausgeschnittenes Objekt. Die Fassaden verlaufen nicht senkrecht, sondern neigen sich leicht nach innen. Genau diese komplexe Geometrie machte die Tragwerksplanung und die Abstimmung im BIM-Modell (Building Information Modeling) besonders anspruchsvoll.

Schwieriger Baugrund am Lake Michigan

Der Standort liegt nur wenige Kilometer vom Lake Michigan entfernt – entsprechend hoch steht das Grundwasser. Für das Ingenieurteam bedeutete das eine Reihe zusätzlicher Herausforderungen. Bevor die eigentlichen Fundamentarbeiten beginnen konnten, musste zunächst eine wasserundurchlässige Baugrube hergestellt werden.

Besonders anspruchsvoll war die Gründung des Museumsturms. Das Gebäude ruht auf tiefen Großbohrpfählen, sogenannten Caissons. Sie übertragen die Lasten des Bauwerks auf tragfähige Gesteinsschichten tief im Untergrund. Warum der Aufwand? Die oberen Bodenschichten wären für die enormen Lasten des Turms schlicht nicht tragfähig genug gewesen.

Gleichzeitig mussten die Statiker die typischen Windverhältnisse Chicagos berücksichtigen. Die geneigten Fassaden erzeugen zusätzliche, asymmetrische Belastungen, die sicher in das Tragwerk eingeleitet werden müssen.

Was den Museumsturm besonders macht

  • Rund 69 Meter hoch
  • Leicht geneigte Fassaden statt klassischer senkrechter Außenwände
  • Stahlbetonskelett mit massiven Erschließungskernen
  • Natursteinfassade aus Granit aus New Hampshire
  • Vertikale Besucherführung über mehrere Ausstellungsebenen
  • Bewusst als Landmarke für die South Side von Chicago konzipiert

Beton als Tragwerk, Granit als Hülle

Das Tragwerk des Turms besteht überwiegend aus Stahlbeton, wobei zwei massive Erschließungskerne für die notwendige Aussteifung sorgen. Wer das Gebäude von außen betrachtet, nimmt davon allerdings wenig wahr. Dominierend ist die Natursteinfassade.

Die Planer suchten weltweit nach einem geeigneten Material. Ziel war ein Stein, der die Wirkung eines Monolithen erzeugt, zugleich aber dauerhaft widerstandsfähig gegen Frost, Feuchtigkeit und extreme Temperaturschwankungen bleibt. Die Wahl fiel schließlich auf Granit aus New Hampshire. Insgesamt wurden rund 15.000 Quadratmeter Naturstein verbaut.

Faszinierend ist die optische Wirkung des Materials: Bei trockenem Wetter erscheint die Fassade hellgrau. Nach Regenfällen dunkelt sie deutlich nach und wirkt beinahe anthrazitfarben. Um die Dauerhaftigkeit der Konstruktion zu garantieren, wurden vorab umfangreiche Material- und Belastungstests durchgeführt.

Nachhaltigkeit statt Gasheizung

Während die Architektur die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zieht, steckt ein großer Teil der Innovation in der technischen Gebäudeausrüstung (TGA). Der Campus verzichtet im regulären Betrieb komplett auf fossile Energieträger. Die Wärme- und Kälteversorgung erfolgt über ein groß dimensioniertes Geothermiesystem.

Dafür wurden zahlreiche Erdsonden tief in den Untergrund eingebracht. Wärmepumpen nutzen die konstanten Temperaturen des Erdreichs zum Heizen im Winter und Kühlen im Sommer. Zusätzlich erzeugen Photovoltaikanlagen einen Teil des benötigten Stroms. Mit diesem Konzept strebt das Projekt höchste internationale Nachhaltigkeitszertifizierungen an.

Eine Statue von Barack und Michelle Obama begrüßt Besucher am Eingang des Obama Presidential Center in Chicago. Das Zentrum wurde am 19. Juni 2026 eröffnet und soll als Ort für Bildung, Kultur und gesellschaftliches Engagement dienen. Foto: picture alliance / AP Photo/Jeff Roberson | Jeff Roberson

Fast jeder Regentropfen bleibt auf dem Gelände

Auch beim Wassermanagement gingen die Planer ungewöhnliche Wege. Statt Regenwasser blitzschnell in die Kanalisation abzuleiten, wird der Großteil direkt auf dem Gelände zurückgehalten. Dazu entstanden unterirdische Speicheranlagen, Retentionsflächen und künstliche Feuchtgebiete.

Eine zentrale Rolle spielt der sogenannte Wetland Walk. Dieses künstlich geschaffene Feuchtbiotop nimmt überschüssiges Regenwasser auf und filtert es auf natürlichem Weg. Das gereinigte Wasser gelangt anschließend zeitverzögert in die Lagunen des Jackson Parks. Gerade angesichts häufiger Starkregenereignisse entlastet dieses Konzept die städtische Kanalisation und reduziert das Risiko lokaler Überschwemmungen spürbar.

Baustelle mit Konflikten

Wie viele Großprojekte blieb auch das Obama Presidential Center nicht von Reibereien verschont. Während der Rohbauphase kam es zu harten Auseinandersetzungen zwischen den beteiligten Unternehmen. Besonders öffentlich wurde eine Klage des Subunternehmers II in One Contractors gegen die Tragwerksplaner von Thornton Tomasetti.

Das Unternehmen erhob unter anderem Diskriminierungsvorwürfe und kritisierte überzogene Qualitätsanforderungen. Thornton Tomasetti wies die Vorwürfe zurück und verwies seinerseits auf gravierende Ausführungsfehler bei den sensiblen Betonarbeiten. Über die juristische Bewertung hinaus zeigt der Fall vor allem eines: Die Umsetzung eines technisch so anspruchsvollen Großprojekts verläuft selten reibungslos.

Der markante Museumsturm des Obama Presidential Center prägt die Silhouette des Jackson Parks in Chicago. Die Natursteinfassade trägt großformatige Textinstallationen und verbindet Architektur, Kunst und politische Symbolik zu einem zentralen Element des neuen Campus. Foto: picture alliance / Anadolu | Jacek Boczarski

Warum die Kosten immer weiter stiegen

Als die ersten Planungen vorgestellt wurden, lagen die Kostenschätzungen deutlich niedriger als heute. Im Laufe der Jahre stiegen die Ausgaben erheblich. Dazu trugen vor allem diese Faktoren bei:

  • Aufwendige Spezialtiefgründungen (Caissons) im schwierigen Baugrund
  • Komplexe Betonarbeiten für die geneigte Turmgeometrie
  • Hochwertige, importierte Natursteinfassaden
  • Planungsänderungen während der laufenden Bauphase
  • Globale Preissteigerungen bei Baumaterialien
  • Verzögerungen durch die jahrelangen Rechtsstreitigkeiten
  • Umfangreiche Infrastruktur- und Straßenbaumaßnahmen im Umfeld

Schätzungen gehen inzwischen von Gesamtinvestitionen in der Größenordnung von rund 850 Millionen US-Dollar aus. Hinzu kommen erhebliche öffentliche Ausgaben für die Anpassung der Verkehrsinfrastruktur.

Die erste digitale Präsidentenbibliothek?

Eine Besonderheit des Obama Presidential Centers wird häufig übersehen: Anders als frühere Präsidentenbibliotheken lagern die historischen Akten nicht im Gebäude selbst. Der Grund ist pragmatischer Natur – die Obama-Regierung arbeitete bereits weitgehend digital.

Die physischen Dokumente befinden sich in zentralen Einrichtungen der National Archives. Als Besucher erlebst du im Zentrum stattdessen digitale Inhalte, multimediale Ausstellungen und interaktive Formate. Das Obama Presidential Center markiert damit einen echten Wandel im Selbstverständnis dieser Institutionen. Es versteht sich weniger als staubiges Archiv, sondern vielmehr als lebendiger, gesellschaftlicher Treffpunkt.

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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