Neun Container, kein Bauplan: So entstand die Pagode von Taucha
Kein Bauplan, keine Nägel: In Taucha mussten Statiker eine traditionelle vietnamesische Pagode nach deutschen Regeln berechnen.
In dem Hauptgebäude der buddhistischen Pagode aus rotem Lärchenholz erklärt der praktizierende Buddhist und Initiator des Tempels, Quang Ninh Dao (M), dem Bürgermeister der Stadt, Tobias Meier (FDP, l) und dem Architekten Marco Stelzel (R) die Anordnung verschiedener heiliger Tiere im Gebäude.
Foto: picture alliance/dpa | Waltraud Grubitzsch
Die Holzbalken waren fertig zugeschnitten. Die Verzierungen waren geschnitzt, die Zapfenverbindungen ausgearbeitet. Der Tempel hatte sogar schon einmal gestanden – allerdings nicht in Sachsen, sondern mehrere Tausend Kilometer entfernt in Vietnam.
Dort hatten Kunsthandwerker die Pagode vollständig vormontiert. Danach zerlegten sie das Gebäude wieder. 2018 erreichten die Einzelteile in neun Seecontainern die Stadt Taucha bei Leipzig. Was noch fehlte, war eine Montageplanung nach deutschem Standard.
Die vietnamesischen Handwerker wussten dennoch genau, welcher Balken an welche Stelle gehörte. Sie hatten die Konstruktion selbst gefertigt und trugen den Ablauf im Kopf. Doch bis sie nach Deutschland einreisen durften, vergingen acht Jahre.
Seit Juni 2026 wächst der buddhistische Tempel Chân Tịnh Thiền Viện nun auf einem Grundstück neben dem Tauchaer Bahnhof. Balken, Riegel und Stützen greifen über traditionelle Holzverbindungen ineinander. Nägel, Schrauben oder Stahlwinkel sucht man zumindest im historischen Holztragwerk vergeblich.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Pagode wurde über drei Jahre in Vietnam von Hand gefertigt.
- 2018 kamen die Bauteile in neun Containern nach Taucha.
- Vollständige deutsche Montagepläne existierten nicht.
- Visa- und Genehmigungsfragen verzögerten den Aufbau bis 2026.
- Vier vietnamesische Spezialisten setzen das Holztragwerk seit Juni zusammen.
- Die gesamte Tempelanlage soll schrittweise bis 2028 entstehen.
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Wer derzeit die Baustelle in Taucha bei Leipzig besucht, sieht eine Bauweise, die man so in Deutschland eher seltener sieht. Balken werden mit Zapfenverbindungen gefügt, Metallverbinder sucht man vergeblich. Errichtet wird eine traditionelle vietnamesische Pagode, die bereits 2018 vollständig in Vietnam gefertigt, anschließend wieder zerlegt und in neun Containern nach Deutschland verschifft wurde.
Dass der Tempel heute überhaupt gebaut werden kann, empfinden die Beteiligten fast als kleines Wunder. Die Grundidee entstand bereits 2013 – gemeinsam zwischen Thích Minh Tuệ, Abt der Vạn-Niên-Pagode in Hanoi, und dem im Taucha lebenden Quang Vinh Dao. 2017 wurde der Grundstein gelegt, 2018 erreichten die in Vietnam vorgefertigten Holzelemente Taucha.
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Ein Tempel, der zweimal aufgebaut wurde
Die Idee für die Pagode entstand 2013. Der in Taucha lebende Quang Vinh Dao entwickelte das Projekt gemeinsam mit Thích Minh Tuệ, dem Abt der Vạn-Niên-Pagode in Hanoi. Im Oktober 2017 legten die Beteiligten den Grundstein.
Zu diesem Zeitpunkt arbeiteten in Vietnam bereits rund 20 Kunsthandwerker an der Holzkonstruktion. Sie fertigten Stützen, Balken, Dachbauteile und Verzierungen über einen Zeitraum von etwa drei Jahren. Nach Angaben der Projektbeteiligten besteht das Tragwerk aus roter Lärche. Das Holz soll ursprünglich aus Kanada stammen und wurde in Vietnam verarbeitet.
Bevor die Teile verschifft wurden, setzten die Handwerker die Pagode probeweise zusammen. Damit konnten sie kontrollieren, ob die zahlreichen Verbindungen passten. Anschließend zerlegten sie das Bauwerk wieder und verpackten die Bauteile für den Transport nach Deutschland.
Das Hauptgebäude soll eine Grundfläche von rund 280 m² erhalten. Die gesamte Anlage entsteht auf einem etwa 2000 m² großen Gelände. Neben dem Tempel sind weitere Gebäude und Außenanlagen vorgesehen.

Wenn der Montageplan in den Köpfen steckt
Auf einer gewöhnlichen deutschen Baustelle arbeiten die Gewerke mit Ausführungszeichnungen, Positionsplänen und detaillierten Stücklisten. Bei der Pagode war die Ausgangslage anders.
Es gab handgezeichnete Unterlagen aus Vietnam. Sie enthielten geometrische Angaben und halfen dabei, die Konstruktion zu erfassen. Eine vollständige Montageplanung nach deutschem Standard lag jedoch nicht vor. Vor allem die Reihenfolge des Zusammenbaus kannten die vietnamesischen Handwerker aus eigener Erfahrung.
„Es gibt keinen (deutschen) Plan und keine (deutsche) Bauzeichnung. Die Arbeiter haben alles im Kopf“, sagte Quang Vinh Dao.
Das bedeutet nicht, dass die Pagode ohne Regeln entstand. Die Handwerker folgen einem überlieferten Konstruktionssystem. Sie kennen die Proportionen, die Verbindungstechniken und die Reihenfolge der Arbeiten. Dieses Wissen wird praktisch weitergegeben. Formale Ausbildungsnachweise, wie sie deutsche Behörden kennen, gibt es für diese spezielle Baukunst jedoch nicht.
Architekt Marco Stelzel vergleicht die Arbeitsweise mit einer europäischen Tradition. „Das ist wie bei den mittelalterlichen Bauhütten in Europa“, erklärt Stelzel gegenüber ingenieur.de. „Damals gab es ebenfalls kein vollständiges statisches Regelwerk, sondern Erfahrungswissen der Handwerker.“
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Zapfen statt Schrauben
Das Holztragwerk besteht aus Stützen, Riegeln und Dachbalken, die über passgenaue Holzverbindungen gefügt werden. Zapfen greifen in entsprechend ausgearbeitete Öffnungen. Andere Bauteile werden ineinandergesteckt oder mit Holzkeilen gesichert.
Die Verbindungen müssen präzise sitzen. Sind die Aussparungen zu groß, verliert der Knoten seinen Halt. Fallen sie zu klein aus, lassen sich die Bauteile nicht zusammenfügen oder können beim Eintreiben beschädigt werden.
Hinzu kommt eine weitere Schwierigkeit: Holz verändert seine Abmessungen mit der Feuchtigkeit. Es quillt und schwindet. Die Bauteile hatten bereits eine lange Reise und anschließend mehrere Jahre Lagerung in Deutschland hinter sich. Trotzdem musste das Puzzle weiterhin zusammenpassen.
Wie viele Verbindungen vor Ort nachgearbeitet werden mussten, ist nicht öffentlich dokumentiert. Klar ist aber: Ohne die Handwerker, die das Gebäude in Vietnam gefertigt hatten, wäre die Montage erheblich schwieriger geworden.
Teamleiter Nguyễn Văn Tuấn und seine Kollegen kennen nicht nur die einzelnen Verbindungen. Sie wissen auch, in welcher Reihenfolge die Konstruktion wachsen muss. Bei einem derart verzahnten Tragwerk kann ein falsch eingesetztes Bauteil spätere Arbeitsschritte blockieren.
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Acht Jahre lang blieb das Holz im Lager
Nach der Ankunft der Container im Jahr 2018 hätte der Aufbau beginnen sollen. Doch die vietnamesischen Spezialisten konnten zunächst nicht einreisen.
Ein Kernproblem waren die Arbeitsvisa. Die Behörden mussten klären, unter welchen Voraussetzungen die Handwerker für ein zeitlich begrenztes, nicht gewerbliches Tempelprojekt nach Deutschland kommen durften. Hinzu kam, dass sich ihre Qualifikation nicht ohne Weiteres durch anerkannte Berufsabschlüsse belegen ließ.
Dann folgte die Coronapandemie. Internationale Reisen waren zeitweise kaum möglich. Das Projekt verzögerte sich weiter, während die Holzteile in Deutschland lagerten.
In Vietnam wuchs nach Angaben Stelzels die Sorge, dass die Konstruktion inzwischen Schaden genommen haben könnte.
„Der Tempel ist ein Geschenk aus Vietnam und liegt jetzt seit so langer Zeit hier herum. Die Vietnamesen dachten schon, er wäre kaputt“, sagt der Architekt gegenüber ingenieur.de.
Die Verzögerung hatte auch baurechtliche Folgen. Zwar lag bereits eine Baugenehmigung vor. Weil der Aufbau jedoch nicht rechtzeitig begann, verlor sie ihre Gültigkeit. Das Projekt musste erneut durch das Genehmigungsverfahren.

Aus Handskizzen wurden deutsche Bauunterlagen
Während die vietnamesischen Handwerker für die traditionelle Konstruktion zuständig waren, übernahmen deutsche Fachplanende die Genehmigungsplanung, die technische Koordination und den Standsicherheitsnachweis.
Dafür mussten sie die vorhandenen Handskizzen auswerten und in prüffähige Unterlagen übertragen. Das deutsche Baurecht verlangt nachvollziehbare Angaben zum Tragwerk. Die Bauaufsicht muss erkennen können, wie Lasten abgetragen werden und ob das Gebäude Wind, Schnee und seinem eigenen Gewicht standhält.
Die Arbeit bestand daher nicht darin, die vietnamesische Konstruktion vollständig umzubauen. Die Fachplanenden mussten vielmehr einen Weg finden, die traditionelle Bauweise mit den deutschen Anforderungen zu verbinden.
Die zweite Genehmigung verlief nach Aussage Stelzels schließlich ohne größere Konflikte. Schwieriger blieb die Frage, wie die vietnamesischen Handwerker legal nach Deutschland kommen konnten.
„Wir sind froh und glücklich, dass wir es nach vielen Jahren gemeinsam geschafft haben, eine Lösung zu finden, unter welchen Bedingungen die Handwerker nach Deutschland kommen dürfen“, sagt Stelzel.
Das Vorhaben passte in keine einfache Standardschublade. „Ein Geschenk aufzubauen, das nicht gewerblich betrieben wird, sondern religiösen Zwecken dient – dafür gab es keine einfache Lösung nach deutschem Recht.“

Die Dachrinne wurde zum Diskussionsthema
Nicht jedes Problem betraf das ungewöhnliche Holztragwerk. Ausgerechnet die Entwässerung sorgte nach Aussage des Architekten für längere Erklärungen.
Traditionelle vietnamesische Pagoden besitzen keine Dachrinnen. Ihre Dächer kragen weit über die Außenwände hinaus. Regenwasser läuft über die Traufen ab und fällt auf den Boden.
In Deutschland muss jedoch geregelt sein, wo dieses Wasser bleibt. Es darf weder benachbarte Grundstücke beeinträchtigen noch die Fundamente unterspülen oder dauerhaft Feuchtigkeit an die Holzkonstruktion bringen. Daher musste die Entwässerung in die deutsche Planung integriert werden, ohne das Erscheinungsbild des Tempels grundlegend zu verändern.
„Das war schwieriger zu erklären als zunächst angenommen“, sagt Stelzel.
Der Fall zeigt, dass die größten Hürden bei einem ungewöhnlichen Bauprojekt nicht immer dort entstehen, wo sie zunächst vermutet werden. Die traditionelle Zapfenkonstruktion ließ sich fachlich erfassen. Eine Pagode ohne Dachrinne passte dagegen nur schwer in die gewohnten Planungsabläufe.
Deutsche Wandergesellen helfen beim Aufbau
Seit Anfang Juni 2026 setzen vier vietnamesische Fachleute die Pagode Stück für Stück zusammen. Dabei erhalten sie Unterstützung von deutschen Zimmerleuten. Mehrere Wandergesellen auf der Walz arbeiten freiwillig auf der Baustelle mit.
Für sie bietet das Projekt die seltene Möglichkeit, traditionelle Holzverbindungen direkt kennenzulernen. Viele dieser Techniken erinnern an historische europäische Zimmermannskonstruktionen, auch wenn sich Formen und Details unterscheiden.
„Die lernen hier, wie man es früher gemacht hat“, sagt Stelzel.
Der Wissenstransfer funktioniert in beide Richtungen. Die vietnamesischen Handwerker bringen ihre Erfahrung mit der Pagodenkonstruktion ein. Die deutschen Zimmerleute kennen die hiesigen Werkzeuge, Baustellenabläufe und Anforderungen. Gemeinsam fügen sie eine Konstruktion zusammen, die bereits einmal in Vietnam gestanden hat.
Die vollständige Tempelanlage soll nach den bisherigen Plänen 2028 fertig sein. Bis dahin bleibt die Baustelle in Taucha ein Ort, an dem sich beobachten lässt, wie überliefertes Handwerk und heutige Bauvorschriften zusammenfinden.
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