Kräfte werden verteilt 07.01.2014, 16:33 Uhr

Neues Hightech-Gewebe hält bei Erdbeben den Fluchtweg frei

Ein neues Hightech-Gewebe verstärkt Gebäudemauern so, dass bei Erdbeben die Trümmer länger zurückgehalten werden. Der Weg aus dem einstürzenden Gebäude bleibt damit länger frei. Ein internationaler Baustoffproduzent hat dieses Gewebe jetzt auf den Markt gebracht.

Männer auf Gerüst

In langen Bahnen wird das Erdbebenschutzgewebe auf Mauerwerk aufgebracht und dann verputzt. Im Ernstfall hält es Trümmer zusammen und Rettungswege frei.

Foto: M. Urban/KIT

Die „Erdbeben-Tapete“ ist ein Glasfaser-Kunststoffgewebe mit vier Faserrichtungen. Mit dem passenden Putz wird es an der Hauswand angebracht. Durch diese Verstärkung wird das Einstürzen der Mauern bei Erdbeben verzögert und im Idealfall sogar ganz verhindert.

Für den Schutz der Mauern sorgt dabei die zugfeste, steife Glasfaserkomponente des Gewebes. Es wird praktisch in den Putz eingelassen und verhindert, dass punktuelle Schäden entstehen, die sich zu Rissen auswachsen. Aber auch bei stärkeren Beben wirkt das Gewebe: Falls die Glasfasern reißen, halten die elastischen Fasern aus dem Kunststoff Polypropylen die zerbrochenen Wandsegmente zusammen. Das hält voraussichtlich in vielen Fällen die Mauern so lange zusammen, bis die Hausbewohner das Gebäude verlassen haben.

Schutz auch für ältere Gebäude

Die nachträgliche Sicherung auch älterer Gebäude war die Idee der beiden Forscher Lothar Stempniewski und Moritz Urban vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Nach mehrjähriger Forschung haben sie nun das Hightech-Gewebe zum Marktreife entwickelt, das der italienische Baustoffproduzent Röfix, Tochterunternehmen der deutschen Fixit-Gruppe, zusammen mit dem passenden Putz unter dem Markennamen „Sisma Calce“ jetzt auf den Markt gebracht hat.

„Gerade bei kurzen und mittelschweren Beben fehlt oft nicht viel zusätzliche Zugfestigkeit, um den Gebäudekollaps zu verhindern“, erklärt Urban. „Mit der textilen Gebäudeverstärkung können wir den Menschen die notwendige Zeit geben, ins Freie zu flüchten“, sind sich die Entwickler deshalb sicher. Aber für den nachträglichen Schutz spricht aus ihrer Sicht noch mehr. Das System sei einfach und wirke wie ein prophylaktischer Verband am Gebäude. Der Aufwand sei vertretbar: Es kann bei einer Gebäudesanierung in Kombination mit einer Wärmedämmung angebracht werden. „Schon wenn man die kritischen Infrastrukturen wie Krankenhäuser, Kindergärten, Schulen oder Altenheime verstärkt, wäre im Katastrophenfall eine Menge erreicht“, sagt Stempniewski.

In Vorbereitung: Erdbebenschutz für Innenräume

Der Erdbebenschutz wird die beiden Forscher auch weiter beschäftigen: Zusammen mit Partnern aus der Industrie bereiten sie zurzeit die Einführung eines klebbaren Erdbebenschutzgewebes für Innenräume vor. Und auf lange Sicht suchen sie nach einer Lösung, die sich nicht nur an gemauerten Wänden, sondern auch an Gebäuden aus Beton einsetzen lässt. „Die Herausforderung bei Beton sind die größeren Kräfte, die es aufzufangen gilt“, so Forscher Stempniewski. „Dafür testen wir neue Materialien wie Carbonfasern.“

 

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