Nationaler Gebäuderenovierungsplan 09.07.2026, 08:20 Uhr

Millionen marode Gebäude: Deutschlands Wärmewende fehlt der Bauplan

Deutschlands Wärmewende hängt am Gebäudebestand. Warum der neue Renovierungsplan noch keinen echten Bauplan liefert.

Gebäude wird saniert

Millionen Gebäude müssen saniert werden. Der neue Gebäuderenovierungsplan zeigt das Problem – aber noch nicht den Hochlauf.

Foto: picture alliance / imageBROKER | Ulrich Rosenschild

Deutschland hat kein Erkenntnisproblem bei der Gebäudesanierung. Die Schwachstellen sind bekannt: zu viele energetisch schwache Gebäude, zu wenig Sanierungstiefe, hohe Kosten, Fachkräftemangel und eine Förderlandschaft, die sich immer wieder verändert. Der erste Nationale Gebäuderenovierungsplan soll daraus nun eine Strategie machen. Genau daran entzündet sich Kritik.

Mit „marode“ sind dabei nicht einsturzgefährdete Häuser gemeint, sondern Gebäude mit schlechter Energiebilanz: schlecht gedämmt, oft fossil beheizt und teuer im Betrieb. Der Entwurf der Bundesregierung beschreibt dieses Problem. Offen bleibt aber, wie Millionen solcher Gebäude schnell genug, tief genug und bezahlbar saniert werden sollen.

Die Deutsche Allianz für Serielle Sanierung (DASS) sieht darin eine zentrale Lücke. Ihr Argument: Ohne industrielle Verfahren, digitale Planung und langfristig verlässliche Förderung wird der Gebäudesektor den nötigen Hochlauf kaum schaffen.

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Der Plan kommt spät – und muss noch liefern

Der Nationale Gebäuderenovierungsplan, kurz NBRP, ist ein Baustein zur Umsetzung der europäischen Gebäuderichtlinie EPBD. Er soll zeigen, wie der Gebäudebestand bis 2050 hoch energieeffizient und dekarbonisiert werden kann. Die EU-Kommission verlangt dafür mehr als eine politische Absichtserklärung. Die Pläne müssen unter anderem den Gebäudebestand erfassen, nationale Zielpfade für 2030, 2040 und 2050 enthalten, Maßnahmen beschreiben sowie Investitionsbedarf und Finanzierungsquellen benennen.

Deutschland steht dabei unter zusätzlichem Druck. Die EU-Kommission hatte im März 2026 ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland und weitere Mitgliedstaaten eingeleitet, weil der Entwurf nicht fristgerecht bis Ende 2025 eingereicht wurde. Inzwischen führt die Kommission den deutschen Entwurf in ihrer Übersicht. Die finale Fassung muss bis Ende 2026 vorliegen.

Damit beginnt der entscheidende Teil erst jetzt. Aus dem Entwurf muss ein belastbarer Fahrplan werden. Die Bundesregierung muss also nicht nur erklären, welche Förderprogramme es gibt. Sie muss zeigen, welche Gebäude wann mit welchen Verfahren saniert werden sollen – und wie dieser Hochlauf finanziert und gesteuert wird.

Die EU schaut auf die schlechtesten Gebäude

Die EPBD setzt den Mitgliedstaaten klare Vorgaben. Bei Wohngebäuden soll der durchschnittliche Primärenergieverbrauch bis 2030 um 16 % sinken. Bis 2035 sollen es 20 bis 22 % sein. Mindestens 55 % dieser Einsparung müssen aus der Renovierung der energetisch schlechtesten Wohngebäude kommen.

Bei Nichtwohngebäuden sieht die Richtlinie Mindeststandards vor. Die energetisch schlechtesten 16 % sollen bis 2030 adressiert werden, die schlechtesten 26 % bis 2033. Damit rücken Gebäude mit besonders schlechter Gesamtenergieeffizienz in den Mittelpunkt.

Wichtig ist dabei die Unterscheidung: Die EPBD arbeitet beim Wohngebäudebestand mit den 43 % energetisch schlechtesten Gebäuden. Die deutsche Bundesförderung für effiziente Gebäude definiert „Worst Performing Buildings“ dagegen als die schlechtesten 25 % des Bestands. Beide Begriffe zielen auf denselben Problembereich, sind aber nicht deckungsgleich.

In der BEG-Förderung können Wohngebäude etwa dann als Worst Performing Building gelten, wenn sie in die Energieeffizienzklasse H fallen oder bei älteren Energieausweisen einen Endenergiewert von mindestens 250 kWh pro Quadratmeter und Jahr erreichen.

Der Kern bleibt: Deutschland muss nicht jedes Gebäude gleichzeitig sanieren. Aber die schlechtesten Gebäude müssen einen messbaren Beitrag leisten. Genau dort sind die Hürden oft besonders hoch.

Der Gebäudesektor bleibt unter Druck

Der Handlungsdruck ist nicht abstrakt. Nach Angaben des Umweltbundesamtes stiegen die Emissionen im Gebäudesektor 2025 um rund 3,4 Mio. t CO₂-Äquivalente auf 103,4 Mio. t CO₂-Äquivalente. Als Hauptgrund nennt das UBA die kälteren Wintermonate und den dadurch höheren Wärmebedarf.

Gleichzeitig zeigen die aktuellen Projektionsdaten, dass der Gebäudesektor seine kumulierten Jahresemissionsmengen zwischen 2021 und 2030 voraussichtlich um 110,1 Mio. t CO₂-Äquivalente verfehlt. Der Gebäudesektor bewegt sich also, aber nicht schnell genug.

Wärmepumpen, erneuerbare Wärme und kommunale Wärmeplanung sind wichtige Bausteine. Ohne eine deutliche Reduktion des Wärmebedarfs im Bestand bleibt die Wärmewende aber schwer steuerbar. Schlecht gedämmte Gebäude erhöhen Heizlasten, Energiekosten und Anforderungen an Wärmenetze oder Stromnetze.

Viele Renovierungen, aber kaum Tiefensanierungen

Ein zentrales Problem ist die Sanierungstiefe. Die Bundesarchitektenkammer weist in ihrer Stellungnahme zum NBRP-Entwurf darauf hin, dass Renovierungsquoten in Deutschland bislang nicht offiziell erhoben werden und die EPBD-Systematik nicht ohne Weiteres mit deutschen Sanierungsquoten vergleichbar ist.

Der Entwurf weist für Wohngebäude zwar eine jährliche Renovierungsrate von 6,0 % aus. Auf „Deep Renovations“, also tiefgreifende energetische Sanierungen, entfallen demnach aber nur 0,2 %. Eine durchschnittliche Renovierungstiefe kann der Entwurf nicht angeben.

Das ist mehr als eine methodische Frage. Eine hohe Renovierungsrate kann gut aussehen, wenn viele Einzelmaßnahmen gezählt werden. Für die Klimabilanz zählt aber, wie stark der Energiebedarf eines Gebäudes tatsächlich sinkt. Genau diese Wirkung muss der finale NBRP klarer abbilden.

Die Bundesarchitektenkammer kritisiert außerdem die Datenbasis. Besonders bei Nichtwohngebäuden, öffentlichen Gebäuden, Sanierungszuständen, jährlich durchgeführten Maßnahmen sowie deren Tiefe und Qualität bleibe sie lückenhaft. Ohne bessere Gebäudedaten lässt sich kaum steuern, welche Gebäude zuerst saniert werden sollten und welche Instrumente dort wirken.

DASS fordert mehr industrielle Logik

An diesem Punkt setzt die Kritik der Deutschen Allianz für Serielle Sanierung an. Die DASS begrüßt den Entwurf als wichtigen Anfang, sieht aber eine strategische Lücke.

„Der NBRP-Entwurf ist ein wichtiger Anfang, aber er muss mehr sein als eine Bestandsaufnahme der aktuellen und historischen Förderlandschaft“, sagt Alexander Fuchs, Sprecher der DASS. Ein relevanter Teil der deutschen Bestandsgebäude gehöre in die schlechtesten Effizienzklassen. Der Entwurf benenne dieses Problem, ohne einen Lösungsvorschlag zu liefern.

Aus Sicht der Allianz ist die serielle Sanierung ein solcher Ansatz. Gemeint sind energetische Sanierungen mit digitalem Aufmaß, industriell vorgefertigten Fassaden- und Dachelementen und möglichst standardisierten Abläufen. Ein Teil der Arbeit wird von der Baustelle in die Produktion verlagert. Das kann Bauzeiten verkürzen, Abläufe planbarer machen und den Bedarf an handwerklicher Arbeit vor Ort senken.

Die DASS will nach eigenen Angaben dazu beitragen, die jährliche Sanierungsquote im deutschen Gebäudebestand bis 2028 auf 2 % zu verdoppeln. Der Fokus liegt zunächst auf Wohnimmobilien. Perspektivisch sollen auch Gewerbeimmobilien und öffentliche Gebäude wie Schulen oder Amtsgebäude stärker einbezogen werden.

Serielle Sanierung ist ein Hebel, aber kein Allheilmittel

Für die serielle Sanierung gibt es erste Projekterfahrungen. Eine Evaluation der Deutschen Energie-Agentur zeigt, dass die Kosten bei ausgewerteten Projekten um rund ein Drittel sanken. Die Baustellenzeiten halbierten sich von 14 auf durchschnittlich 7 Wochen. Bei 86 % der untersuchten Gebäude wurde Effizienzhaus 55 erreicht, bei den übrigen 14 % Effizienzhaus 40.

Die Datenbasis ist allerdings noch überschaubar. Die Auswertung beruht auf 14 fertiggestellten Projekten und einem weiteren kurz vor Abschluss. Außerdem betont die dena, dass Projektgröße, Wiederholungseffekte und Standardisierung entscheidend für Kostensenkungen sind.

Damit eignet sich serielle Sanierung besonders für Gebäudetypen, bei denen sich Lösungen wiederholen lassen: Mehrfamilienhäuser, Quartiere, Wohnungsbestände großer Eigentümer, Schulen oder andere öffentliche Gebäude.

Der schlechteste Gebäudebestand ist jedoch nicht nur dort zu finden. Eine sozio-technische Analyse der Worst Performing Buildings in Deutschland zeigt, dass diese Gebäude vor allem vor 1979 errichtet wurden und besonders häufig Ein- und Zweifamilienhäuser sind. Freistehende Einfamilienhäuser machen in der Modellrechnung etwa 55 % der WPB-Gruppen aus; Mehrfamilienhäuser spielen mit insgesamt 10,4 % eine deutlich kleinere Rolle.

Daraus ergibt sich die eigentliche Herausforderung: Serielle Sanierung kann ein wichtiger Skalierungshebel sein. Sie wird aber nicht automatisch alle energetisch schwachen Gebäude erreichen. Für viele Einfamilienhäuser, individuelle Altbauten, denkmalgeschützte Gebäude oder komplexe Eigentümerstrukturen braucht es zusätzliche Instrumente.

Die Förderung entscheidet über den Hochlauf

Für industrielle Sanierung braucht es planbare Nachfrage. Anbieter investieren nur dann in digitale Planung, Produktion, Logistik und Montagekapazitäten, wenn sie auf stabile Rahmenbedingungen vertrauen können. Genau hier wird die Förderung entscheidend.

Aktuell verändert sich die wichtigste Förderkulisse erneut. Die KfW hat am 8. Juli 2026 Anpassungen in der Bundesförderung für effiziente Gebäude angekündigt. Die neuen Bedingungen gelten ab 21. Juli 2026. Für systemische energieeffiziente Sanierungen von Wohn- und Nichtwohngebäuden werden die Tilgungszuschüsse pauschal um 10 Prozentpunkte reduziert.

Gleichzeitig wird der Bonus für serielles Sanieren ausgeweitet. Bei Wohngebäuden soll er künftig auch für serielle Sanierungen auf Effizienzhaus 70 EE gelten. Für Nichtwohngebäude wird ein entsprechender Bonus neu eingeführt. Die Förderung bleibt aber abhängig von verfügbaren Bundesmitteln. Ein Rechtsanspruch besteht nicht.

Für den Hochlauf industrieller Sanierung ist das eine schwierige Ausgangslage. Einerseits soll schneller und standardisierter saniert werden. Andererseits bleibt offen, wie verlässlich die Förderung über mehrere Jahre trägt. Genau diese Planungssicherheit fordert die DASS.

Was dem Bauplan noch fehlt

Der NBRP muss am Ende mehr leisten als eine Übersicht bestehender Programme. Er muss zeigen, welche Gebäude zuerst adressiert werden, welche Verfahren dort passen und wie Finanzierung, Daten, Förderung und Kapazitäten zusammenwirken.

Entscheidend ist nicht nur, wie viele Gebäude renoviert werden. Entscheidend ist, wie tief sie saniert werden und ob die Maßnahmen dauerhaft in Richtung Klimaneutralität führen.

Ein belastbarer Sanierungsfahrplan müsste deshalb nach Gebäudetypen unterscheiden: große Wohnungsbestände, kommunale Gebäude, Nichtwohngebäude, Ein- und Zweifamilienhäuser, Denkmalschutzfälle und besonders schwierige Bestände. Für jedes Segment braucht es passende Instrumente.

Serielle Sanierung gehört dazu, vor allem dort, wo Wiederholung und Vorfertigung funktionieren. Für den kleinteiligen Bestand reicht sie allein nicht. Der Entwurf des Nationalen Gebäuderenovierungsplans macht sichtbar, wie groß die Aufgabe ist. Offen bleibt, ob daraus bis Ende 2026 ein steuerbarer Hochlauf wird.

Ohne bessere Gebäudedaten, klare Zielquoten für Tiefensanierungen und verlässliche Förderung bleibt unklar, welche Gebäude wann mit welchem Verfahren saniert werden sollen. Genau das muss der finale Gebäuderenovierungsplan beantworten.

Quellen und weiterführende Informationen

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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