Lübeck baut Wärmenetz aus 135 Erdbohrungen
135 Erdwärmesonden, 3 km Netz, dezentrale Wärmepumpen: Lübeck setzt in einem neuen Wohnquartier auf kalte Nahwärme.
Für das kalte Nahwärmenetz im Lübecker Wohnquartier Lauerhofer Feld wurden 135 Erdwärmesonden eingebaut. Jede Sonde reicht rund 170 m tief in den Boden.
Foto: Bauer Gruppe
In Lübeck entsteht ein neues Wohnquartier, das seine Wärme nicht aus einem klassischen Fernwärmenetz beziehen soll. Statt heißes Wasser mit hohen Vorlauftemperaturen durch das Gebiet zu schicken, setzen Stadt und Stadtwerke auf ein kaltes Nahwärmenetz. Die Energie kommt aus dem Untergrund. Dafür wurden im Stadtteil St. Gertrud 135 Erdwärmesonden eingebaut. Jede Sonde reicht rund 170 m tief.
Das Projekt gehört zum Wohnquartier „Schlutuper Straße / Lauerhofer Feld“. Es liegt etwa 2,5 km östlich der Lübecker Altstadt. Auf dem früheren Teil einer Kleingartenanlage soll Wohnraum für 800 bis 1000 Menschen entstehen. Die Stadt nennt rund 400 Wohneinheiten. Vorgesehen sind Geschosswohnungsbau sowie Reihen- und Doppelhäuser. Hinzu kommen eine Quartiersgarage, Grünflächen und soziale Infrastruktur.
Der technische Teil des Projekts ist bereits weit vorangekommen. Bauer Resources hat für die Stadtwerke Lübeck die Bohrungen ausgeführt, die Erdwärmesonden eingebracht und die Anlage an das Leitungsnetz angebunden. Nach Unternehmensangaben wurden insgesamt 23.552 Bohrmeter realisiert.
Inhaltsverzeichnis
135 Sonden, aber keine tiefe Geothermie
Die Bohrtiefe von 170 m ist für Erdwärmesonden beachtlich. Dennoch handelt es sich nicht um tiefe Geothermie. Das Projekt nutzt oberflächennahe Geothermie. Tiefe Geothermie arbeitet in ganz anderen Dimensionen und reicht meist in mehrere hundert bis mehrere tausend Meter Tiefe.
Bei den Lübecker Sonden zirkuliert ein Wasser-Glykol-Gemisch durch Rohrleitungen im Boden. Es nimmt Wärme aus dem Untergrund auf und transportiert sie zum kalten Nahwärmenetz. Dieses Netz verbindet die Sondenfelder mit den Gebäuden im Quartier. Nach Angaben der Stadtwerke ist ein Wärmenetz von rund 3 km Länge vorgesehen. Die 135 Sonden sind in neun Sondenfeldern organisiert.
Das Netz arbeitet mit niedrigen Temperaturen. Die Stadtwerke nennen für das Lauerhofer Feld einen Bereich von etwa 5 bis 12 °C. Damit unterscheidet sich das System deutlich von klassischer Fernwärme. Dort wird Wasser mit deutlich höheren Temperaturen verteilt, damit es direkt für Heizung und Warmwasser genutzt werden kann.
Die Wärmepumpen liefern die eigentliche Heizwärme
Das kalte Nahwärmenetz liefert noch keine fertige Heizwärme. Die Temperatur des Netzes ist dafür zu niedrig. In den Gebäuden übernehmen deshalb dezentrale Sole/Wasser-Wärmepumpen die eigentliche Wärmebereitstellung. Sie heben die Temperatur auf das Niveau, das für Raumwärme und Warmwasser benötigt wird.
Der Vorteil liegt vor allem in den geringen Netzverlusten. Weil das Leitungsnetz nur mit niedrigen Temperaturen arbeitet, geht auf dem Weg zu den Gebäuden weniger Wärme verloren. Außerdem kann das System auch im Sommer eine Rolle spielen. Dann kann es zur Kühlung beitragen. Die dabei abgeführte Wärme lässt sich in den Untergrund zurückführen. Das hilft, die Erdwärmesonden thermisch zu regenerieren.
Entscheidend wird dabei die Jahresbilanz. Dem Boden darf über die Heizperioden nicht dauerhaft mehr Wärme entzogen werden, als er auf natürlichem Weg oder durch sommerliche Rückspeisung zurückerhält. Deshalb wurden im Quartier zwei Temperaturmessstellen vorgesehen. Sie sollen künftig überwachen, wie sich die Bodentemperaturen entwickeln.
Bohrungen in Feinsand ohne Verrohrung
Die Arbeiten für den geothermischen Teil begannen im November 2024. Bauer Resources setzte für die Bohrungen eine KLEMM KR 806-3GW ein. Nach Angaben des Unternehmens erfolgte das Abteufen im Feinsand ohne Verrohrung. Das ist bautechnisch anspruchsvoll, weil nicht bindige Böden Bohrlöcher instabil machen können.
Nach den Bohrungen folgten die Erdarbeiten und die Anbindung der Sonden. Außerdem wurden elf Verteilerschächte gesetzt. In der letzten Bauphase im Herbst 2025 wurden die Erdwärmesonden mit dem Wasser-Glykol-Gemisch befüllt.
Auch die Mengen zeigen die Dimension der Baustelle. Das Team entsorgte nach Bauer-Angaben 1455 t Bohrgut und 700 t Boden. Zusätzlich wurden 750 t Sand geliefert und verbaut.

1760 kW Heizleistung für das Quartier
Die Stadtwerke Lübeck geben für das System eine thermische Heizleistung von 1760 kW an. Der erwartete Wärmebedarf liegt bei rund 3 GWh pro Jahr. Die Inbetriebnahme des kalten Nahwärmenetzes ist für 2026 vorgesehen.
Für die künftigen Grundstückseigentümer ist das Wärmenetz nicht nur ein freiwilliges Zusatzangebot. Die Stadtwerke verweisen auf eine Anschlusspflicht. Das ist bei solchen Quartierssystemen technisch und wirtschaftlich relevant. Ein kaltes Nahwärmenetz funktioniert vor allem dann, wenn ein großer Teil der Gebäude angeschlossen ist. Sonst wird die Auslegung schwieriger, und die Kosten verteilen sich auf weniger Nutzer.
Gleichzeitig bedeutet das für Eigentümer eine langfristige Bindung an die Quartierslösung. Sie kaufen also nicht nur ein Grundstück oder eine Wohnung, sondern werden Teil eines fest geplanten Energiesystems.
CO₂-arm, aber nicht automatisch klimaneutral
Das Lübecker Projekt zeigt, wie neue Wohnquartiere mit niedrigen Netztemperaturen und oberflächennaher Geothermie versorgt werden können. Es ersetzt keine fossile Heizzentrale durch eine einzelne Großanlage, sondern kombiniert Erdwärmesonden, ein kaltes Leitungsnetz und Wärmepumpen in den Gebäuden.
Das kann den CO₂-Ausstoß gegenüber konventionellen Heizsystemen deutlich senken. Automatisch klimaneutral ist die Lösung aber nicht. Entscheidend sind der Strombedarf der Wärmepumpen, die reale Jahresarbeitszahl, der Anteil erneuerbarer Energien im Betrieb und die langfristige thermische Entwicklung des Sondenfelds.
Auch die ökologische Gesamtbilanz hängt nicht nur am Wärmenetz. Das Quartier entsteht auf einer früheren Kleingartenfläche und bringt neue Versiegelung mit sich. Die Wärmeversorgung ist also nur ein Teil der Bewertung. Technisch bleibt das Projekt dennoch bemerkenswert: Lübeck setzt im Lauerhofer Feld auf ein groß dimensioniertes kaltes Nahwärmenetz mit 135 Erdwärmesonden, rund 3 km Leitungsnetz und dezentralen Wärmepumpen. Damit wird das Quartier zu einem konkreten Beispiel dafür, wie sich oberflächennahe Geothermie in der Stadtentwicklung einsetzen lässt.
Lübeck ist natürlich nicht das einzige Projekt, bei dem das Potenzial von Geothermie deutlich wird. So wird zum Beispiel in Berlin ein Fußballplatz zum Wärmelieferant. Bei rund 45.000 Sportplätzen in ganz Deutschland könnte hier einiges gehen. Ganz aktuell berichten wir zudem von Deutschlands größtem Geothermie-Projekt im Ruhrgebiet. Erdwärme lässt sich allerdings nicht überall in der Republik anzapfen. Wieso das so ist und wo Geothermie möglich ist, darüber sprechen wir in diesem Beitrag.
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