Drei Gründe für das Revier 29.06.2026, 12:00 Uhr

1.640 km² Erdwärme: Warum Deutschlands größtes Geothermie-Projekt im Ruhrgebiet startet

Von Oberhausen bis Hamm dürfen sieben Unternehmen auf der Rekordfläche von 1.640 km² nach Erdwärme suchen. Die Region bringt drei Vorteile mit, die keine andere so bietet.

Essen, Ruhrgebiet, Nordrhein-Westfalen, Deutschland - Zeche Zollverein, UNESCO Welterbe Zollverein, Foerderturm

Die industrielle Vergangenheit des Ruhrgebiets macht es zu einer der Regionen Deutschlands, die am stärksten vom Geothermie-Einsatz profitieren könnten.

Foto: picture alliance / Rupert Oberhäuser

Es ist die perfekte Zahl für Pressemitteilungen: Auf einer Fläche von 1640 km² darf ein Konsortium aus sieben Unternehmen künftig zwischen Oberhausen und Hamm nach Erdwärme suchen. Die Bezirksregierung Arnsberg erteilte dazu Ende Juni die nach eigenen Angaben größte Aufsuchungserlaubnis für Geothermie, die in Deutschland je vergeben wurde.

Doch die Größe des Suchfelds von „Erdwärme Metropole Ruhr“ sagt noch nichts darüber aus, was am Ende aus dem Untergrund zu holen wäre. Erlaubt ist bisher die Suche, nicht die Förderung. Die interessantere Frage lautet ohnehin: Warum ausgerechnet das Ruhrgebiet?

Drei Vorteile kommen hier zusammen, die sonst kaum eine Region Deutschlands vereint.

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Wer an der Erkundung beteiligt ist

Hinter „Erdwärme Metropole Ruhr“ stehen sieben Partner:

  • E.ON Business Solutions
  • der Essener Geo-Dienstleister DMT
  • die Deutsche ErdWärme
  • die Fernwärmeversorgung Niederrhein
  • Iqony Fernwärme
  • Iqony Wärme und die Hertener Stadtwerke.

Ein gemeinsames Unternehmen ist nach Angaben der Beteiligten geplant, steht aber unter dem Vorbehalt der kartellrechtlichen Freigabe.

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Vorteil 1: Was 200 Jahre Bergbau hinterlassen haben

Das größte Risiko jedes Geothermieprojekts: Niemand weiß vorher mit Sicherheit, ob in der Tiefe genug heißes Wasser zirkuliert, um eine Bohrung wirtschaftlich zu machen. Eine Fehlbohrung kostet schnell mehrere Millionen Euro. Je besser der Untergrund vorab bekannt ist, desto kleiner ist dieses Risiko.

Im Ruhrgebiet fällt diese Unsicherheit kleiner aus. Der Grund sind 200 Jahre Bergbau. Wo über Generationen Kohle gefördert wurde, wurde gebohrt, gemessen und kartiert. Tausende Bohrungen, seismische Messungen und geologische Aufzeichnungen lagern in den Archiven. Daraus ergibt sich ein Bild des Untergrunds, wie es andere Regionen erst mühsam erarbeiten müssten.

Auswertung alter Kohle-Daten

Den Schlüssel zu diesen Archiven hält ein Konsortialpartner selbst in der Hand. Die Essener DMT, hervorgegangen aus der Bergbauforschung des Reviers, wertet seit Jahren alte Kohle-Daten für die Geothermie aus. Für den Geologischen Dienst NRW arbeitet das Unternehmen an einem „Geologischen Atlas des Ruhrgebiets“, der Explorationsdaten aus dem Bergbau nutzbar macht. Erklärtes Ziel ist, das Bohrrisiko zu senken. Im Projekt KarboEx wertet DMT zudem bis zu 50 Jahre alte Seismik und Tiefbohrungen neu aus.

Dass im Revier schon geforscht wird, zeigt ein Feldversuch des Fraunhofer IEG in Marl – einem der Orte, die heute im Erlaubnisfeld liegen. Dort erprobten Forschende, wie sich bestehende Bohrungen mit einer Mikro-Turbine erweitern lassen, statt teuer neu zu bohren. Solche Altbohrungen gibt es im Ruhrgebiet in großer Zahl.

Karte des Ruhgebiets mit blau markiertem Bereich
In diesem Bereich dürfen die sieben Konsortialpartner jetzt nach Erdwärme suchen. Es ist nach Angaben der Unternehmen das größte Suchfeld dieser Art in Deutschland. Foto: Steag Iqony

Vorteil 2: Das teure Netz steht bereits

Selbst eine fündige Bohrung nützt wenig, wenn die Wärme nicht zu den Abnehmern kommt. Der Bau von Fernwärmeleitungen ist der teuerste und langsamste Teil vieler Wärmeprojekte – aber im Ruhrgebiet ist er schon weitgehend erledigt. NRW verfügt mit rund 5000 km über das längste Wärmenetz Deutschlands, und sein dichtes Zentrum liegt im Revier.

Mittendrin befindet sich ein weiterer Konsortialpartner: Der Energiekonzern Iqony betreibt nach eigenen Angaben Fernwärmenetze mit insgesamt 2186 km Länge. Damit bezeichnet er sich als größten Fernwärmeanbieter in Nordrhein‑Westfalen, die gelieferte Wärmemenge entspreche dem Bedarf von mehr als 275.000 Haushalten. Das Rückgrat dieser Versorgung bildet die Fernwärmeschiene Ruhr, nach Unternehmensangaben das erste überregionale Fernwärme-Verbundsystem Deutschlands. Es verbindet Städte wie Bottrop, Essen und Gelsenkirchen.

Dass sich neue Quellen in dieses Netz einspeisen lassen, hat Iqony bereits demonstriert. Seit Dezember 2025 liefert die Anlage „Green Heat“ rund 50 MW Abwärme aus einer Gelsenkirchener Raffinerie, genug für etwa 30.000 Haushalte. Erdwärme unterscheidet sich aus Netz-Sicht nur insofern von industrieller Abwärme, als man sie aus dem Boden holt, statt aus einem Industriebetrieb.

Vorteil 3: Die Nachfrage liegt direkt über der Quelle

Wärme lässt sich nicht wie Strom über Hunderte Kilometer leiten; schon nach wenigen Kilometern wird der Transport unwirtschaftlich. Geothermie braucht deshalb Abnehmer nahe der Quelle – und die gibt es im Ruhrgebiet dichter gedrängt als anderswo in Deutschland.

Rund 5,1 Mio. Menschen leben hier auf engem Raum, mit etwa 1200 Einwohnern/km² etwa fünfmal so viele wie im Bundesschnitt. Alleine Herne zählt 3000/km². Die Abnehmer wohnen also nicht nur in der Nähe der Quelle, sondern quasi direkt darüber.

Wie die Erkundung abläuft

Eine Aufsuchungserlaubnis nach dem Bundesberggesetz ist kein Förderbescheid und keine Baugenehmigung. Sie gibt dem Konsortium für das ausgewiesene Feld einfach das ausschließliche Recht, nach Erdwärme zu suchen. Wer dort später fördern wollte, bräuchte eine eigene Bewilligung; wer ein Heizwerk bauen wollte, das Baurecht.

Gesichert haben sich die sieben Unternehmen bislang nur den Zugriff auf den Untergrund – nicht auf das, was in ihm steckt. Vorerst wird vor allem gemessen. Die Erkundung läuft in Stufen:

  • 2D-Seismik: Zuerst tasten Schallwellen den Untergrund grob ab, vergleichbar mit einem Ultraschall – das liefert ein erstes Bild der Gesteinsschichten.
  • 3D-Seismik: Auf den Ergebnissen aufbauend werden vielversprechende Bereiche dreidimensional vermessen, um mögliche Reservoire genauer einzugrenzen.
  • Probebohrungen: Erst wenn die Seismik passende Strukturen zeigt, könnten Bohrungen folgen – der teure, riskante Schritt, der über Erfolg oder Misserfolg entscheidet.

Seismische Standorterkundungen seien nötig, um das Potenzial überhaupt zu ermitteln, sagt Jens-Peter Lux, Managing Director bei DMT – das sei „die unmittelbare Aufgabe des Konsortiums“.

Den politischen Rahmen liefert der Masterplan Geothermie NRW: Bis 2045 könnten bis zu 20 % des Wärmebedarfs im Land aus Erdwärme stammen – so das Ziel der Landesregierung. Rückenwind kommt auch aus Berlin. Seit dem 22. Juni gilt der letzte Baustein des Geothermiebeschleunigungsgesetzes: Er unterstellt seismischen Messungen mit Vibro-Trucks, dass sie streng geschützte Arten nicht erheblich stören, sofern ein Ökologe die Arbeiten begleitet. Zwei Tage später erteilte die Bezirksregierung die Erlaubnis.

Potenzial ja, Garantie nein

So überzeugend die drei Vorteile klingen – sie betreffen die Voraussetzungen, nicht den Rohstoff. Ob unter dem Revier tatsächlich genug heißes Wasser zirkuliert, ist noch unklar. Das müssen erst die seismischen Messungen zeigen und am Ende eine Bohrung beweisen. Dass ein Restrisiko bleibt, wird durch einen Blick in den NRW-Masterplan klar: Das Land sichert über die NRW.Bank bis zu 45 % der Kosten einer Bohrung ab, die nicht fündig wird.

Hinzu kommt die Geologie. Die Bergbau-Archive kartieren vor allem die Steinkohle des Oberkarbons, also die Schichten, die der Bergbau jahrzehntelang bearbeitet hat. Die tiefe Geothermie zielt jedoch auf wasserführende Gesteine, die oft tiefer liegen und deren Ergiebigkeit die alten Daten nur bedingt verraten. Und der Untergrund des Reviers ist tektonisch zerstückelt, von Störungen und Falten durchzogen. Die deutschen Vorzeigeregionen der Geothermie sind der Oberrheingraben mit seinem hohen Wärmestrom oder das süddeutsche Molassebecken mit seinem ergiebigen Malm-Aquifer. Ganz so günstig sind die Bedingungen im Revier nicht.

Dennoch ist das Potenzial da, wie eine Studie des Fraunhofer IEG am Beispiel der benachbarten Stadt Wuppertal zeigt. Ihre bisherigen Ergebnisse legen nahe, dass tiefe Geothermie auch abseits der klassischen Hotspots ergiebig sein kann. Das Ruhrgebiet bringt also Voraussetzungen mit, wie sie keine andere Region in Deutschland in dieser Kombination bietet: die Bergbau-Daten, das Wärmenetz, die Nachfrage. Was diese Voraussetzungen nicht liefern, ist die Antwort auf die Frage, was real an heißem Wasser vorhanden ist – und die womöglich erst nach Jahren der Erkundung vorliegt.

Ein Beitrag von:

  • Magnus Schwarz

    Magnus Schwarz schreibt zu den Themen Wasserstoff, Energie und Industrie. Nach dem Studium in Aachen absolvierte er ein Volontariat und war mehrere Jahre als Fachredakteur in der Energiebranche tätig. Seit Oktober 2025 ist er beim VDI Verlag.

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