Instabile Bergflanke 04.09.2026, 17:13 Uhr

Felssturz am Monviso: Warum dieser Alpengipfel besonders gefährdet ist

Am Monviso sind erneut Tausende Kubikmeter Fels abgestürzt. Warum die Nordostwand so instabil ist und welche Rolle Permafrost spielen könnte.

Der Monviso in den Cottischen Alpen

Der Monviso in den Cottischen Alpen: An seiner stark zerklüfteten Nordostwand kommt es immer wieder zu Felsabbrüchen. Neben der geologischen Struktur gilt auch die Veränderung des Permafrosts als möglicher Einflussfaktor.

Foto: picture alliance / Visually | aerial-photos.com

Am Monviso in den italienischen Alpen sind erneut mehrere Tausend Kubikmeter Fels abgestürzt. Schon 2023 kam es an derselben Stelle zu einem ähnlichen Ereignis. Untersuchungen zeigen, warum die Nordostwand so anfällig ist – und welche Rolle tauender Permafrost spielen könnte.

Am Abend des 1. September löste sich hoch oben am Monviso eine größere Menge Fels. Das Gestein stürzte durch eine Rinne rund 1000 Höhenmeter nach unten. Eine dichte Staubwolke zog über den Wanderweg zum Rifugio Quintino Sella.

Das meiste Material blieb auf dem Schuttkegel am Fuß der Rinne liegen. Die italienische Umweltbehörde Arpa Piemonte schätzt das abgelagerte Volumen auf einige Tausend Kubikmeter. Neben kleineren Gesteinsstücken gingen auch metergroße Blöcke ab.

Menschen kamen nach bisherigen Erkenntnissen nicht zu Schaden. Auch der Wanderweg blieb von den eigentlichen Felsmassen verschont.

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Schon 2023 brach an dieser Stelle Fels ab

Die Abrissstelle liegt an der Nordostwand des 3841 m hohen Monviso etwas oberhalb des Torrione Saint Robert. Für die Fachleute ist der neue Abbruch kein völlig überraschendes Ereignis. Arpa spricht von der Reaktivierung eines bereits bekannten Bereichs.

Am 9. August 2023 ereignete sich dort ein Felssturz mit ähnlicher Dynamik und vergleichbarem Volumen. Auch nach dem jüngsten Abbruch ist der Hang nicht vollständig zur Ruhe gekommen. Bei einem Kontrollgang am 3. September registrierten die Fachleute über den ganzen Tag hinweg kleinere Steinschläge. Nach Einschätzung von Arpa kann diese Aktivität noch längere Zeit anhalten.

Ein wesentlich größerer Felssturz ereignete sich am 26. Dezember 2019 an einem anderen Abschnitt derselben Nordostwand. Damals lösten sich am Torrione del Sucai rund 200.000 m³ Fels. Die Abbruchzone war etwa 45 bis 55 m breit. Einzelne Blöcke im Ablagerungsbereich erreichten nach Schätzungen von Arpa Volumina zwischen 150 und 250 m³.

Untersuchungen nach diesem Ereignis liefern wichtige Hinweise darauf, warum gerade die Nordostseite des Monviso immer wieder Fels verliert.

Der Fels ist von zahlreichen Klüften durchzogen

Die erste Ursache steckt im Aufbau des Berges. Der Fels des Monviso ist stark zerklüftet. Zahlreiche Trennflächen durchziehen das Gestein und teilen es in einzelne Blöcke.

Für eine steile Felswand macht das einen erheblichen Unterschied. Je stärker ein Gesteinskörper von Klüften durchschnitten wird, desto mehr Flächen gibt es, entlang derer sich einzelne Partien lösen oder verschieben können.

Nach dem großen Felssturz von 2019 untersuchte Arpa die Nordostwand deshalb genauer. Dabei zeigte sich eine geologische und strukturelle Situation, die nicht nur an der damaligen Abrissstelle vorkommt. Nach Einschätzung der Fachleute sind größere Teile der Nordostwand aufgrund ihrer Zerklüftung grundsätzlich anfällig für Felsstürze.

Die Voraussetzungen für solche Abbrüche sind also bereits im Berg vorhanden. Der Klimawandel erzeugt diese Klüfte nicht. Er kann aber die Bedingungen verändern, unter denen das zerklüftete Gestein stabil bleibt.

Was Permafrost mit der Stabilität des Felses zu tun hat

Damit kommt ein zweiter Faktor ins Spiel: Permafrost. Permafrost bedeutet, dass der Untergrund mindestens zwei Jahre hintereinander dauerhaft gefroren bleibt. In einer Felswand muss das nicht bedeuten, dass dort große Eismassen verborgen sind. Häufig befindet sich Eis vor allem in Rissen und Klüften.

Dieses Eis kann einen stark zerklüfteten Felskörper zusätzlich stabilisieren. Arpa beschreibt für den Monviso eine zementierende Wirkung des Eises in den Trennflächen.

Steigen die Temperaturen über längere Zeit, verändern sich diese Bedingungen. Eis in den Klüften kann sich erwärmen oder tauen. Wasser kann in bestehende Spalten eindringen. Dadurch können sich die mechanischen Eigenschaften entlang der Trennflächen verändern.

Solche Prozesse sind aus alpinen Permafrostgebieten bekannt. Welche davon beim Felssturz vom 1. September konkret eine Rolle spielten, ist allerdings nicht untersucht.

Für den großen Abbruch von 2019 ist die Datenlage besser. Arpa verglich die damalige Abrisszone mit zwei Modellen zur Verbreitung von Permafrost. Beide stuften den Bereich als wahrscheinlich von Permafrost betroffen ein. Zusammen mit den seit 2009 laufenden Messungen in Piemonte bezeichnete die Behörde die Degradation des Permafrosts als wahrscheinliche Mitursache des damaligen Felssturzes.

Das ist keine Erklärung für jeden Abbruch am Monviso. Es zeigt aber, dass neben der Zerklüftung auch Veränderungen im gefrorenen Untergrund für die Stabilität der Nordostwand relevant sein können.

Der Felssturz folgte auf einen Rekordsommer

Der Zeitpunkt des jüngsten Felssturzes fällt auf. Der Sommer 2026 war in Piemonte außergewöhnlich warm. Nach Angaben von Arpa war es der wärmste Sommer seit Beginn der regionalen Messreihe im Jahr 1958. Die Durchschnittstemperatur lag bei 21,6 °C und damit 3,1 °C über dem Mittel der Jahre 1991 bis 2020. Der bisherige Rekordsommer 2003 wurde um rund 0,5 °C übertroffen. Von den 92 Sommertagen waren nur acht kühler als die klimatologische Norm.

Arpa sieht auch einen möglichen Zusammenhang zwischen der starken Erwärmung und den häufigen Felsabbrüchen an der Nordostwand. Hohe Temperaturen können unter anderem zu einer thermischen Ausdehnung des Gesteins führen und bestehende Klüfte zusätzlich beanspruchen.

Für den aktuellen Abbruch ist damit aber noch keine Ursache bewiesen. Es fehlen bislang detaillierte Messdaten etwa zu möglichen Bewegungen der Felspartie vor dem Absturz, zu Temperaturen im Fels sowie zu Eis- und Wasserverhältnissen in den Klüften. Seriös lässt sich deshalb nur sagen: Die außergewöhnliche Wärme kann die Bedingungen in einer ohnehin stark zerklüfteten Hochgebirgswand beeinflussen. Ob sie den Felssturz vom 1. September tatsächlich begünstigt hat, ist offen.

Drohne liefert ein 3D-Modell der Felswand

Wie stark der Fels am Monviso zerklüftet ist, lässt sich vom Boden aus nur schwer erfassen. Die steile Nordostwand ist teilweise kaum zugänglich.

Nach dem Felssturz von 2019 setzte Arpa deshalb eine Drohne ein. Aus den Luftbildern entstand ein hochauflösendes 3D-Modell der Felswand. Die Aufnahmen erreichten eine Bodenauflösung von bis zu 3 cm.

Im digitalen Modell konnten Fachleute Trennflächen erkennen und ihre räumliche Orientierung untersuchen. Die Daten bilden außerdem die Grundlage für weitergehende Berechnungen zu möglichen Größen instabiler Blöcke und deren Fallbahnen.

Solche Verfahren helfen dabei, Gefahrenbereiche besser zu verstehen. Wann sich ein bestimmter Block tatsächlich löst, lässt sich daraus jedoch nicht automatisch ableiten.

Wie schwierig selbst die Überwachung bekannter Gefahrenbereiche ist, zeigte zuletzt auch der Felssturz an der Loreley. Dort war ein kontrollierter Felshang abgebrochen, ohne dass zuvor eindeutige Warnzeichen festgestellt worden waren.

Die problematische Wand war schon vor dem Felssturz im Blick

Nur wenige Stunden vor dem Abbruch hatten Fachleute von Arpa und Mitarbeiter des Naturparks genau diese Bergseite untersucht.

Im Rahmen der „Carovana dei ghiacciai“ hatten sie auf mehrere auffällige Entwicklungen hingewiesen. Dazu gehörten der starke Rückgang des Coolidge-Gletschers und die häufigen Felsabbrüche an der Nordostwand.

Den Felssturz wenige Stunden später hatten die Fachleute damit nicht vorhergesagt. Das Beispiel zeigt vielmehr den Unterschied zwischen einer bekannten Gefahrenzone und einem konkret bevorstehenden Abbruch.

Gerade bei größeren instabilen Felsmassen bleibt der genaue Zeitpunkt des Versagens schwierig zu bestimmen. Welche Rolle moderne Fernerkundung, Messdaten und künstliche Intelligenz dabei spielen können, zeigt der ingenieur.de-Beitrag „Risikobeurteilung und Bergstürze im Zeitalter von KI“.

Wanderweg wieder geöffnet – Warnung vor weiteren Steinschlägen

Nach dem Felssturz sperrte die Gemeinde Crissolo zunächst vorsorglich den Wanderweg CNAV13 zwischen Lago Chiaretto und Colle di Viso.

Bereits am 2. September wurde die Sperre wieder aufgehoben. Kontrollflüge und Untersuchungen hatten ergeben, dass kein Felsmaterial des aktuellen Abbruchs den Weg erreicht hatte.

Für Bergsteiger bedeutet das allerdings keine vollständige Entwarnung. Die örtlichen Bergführer warnten am 4. September vor möglichen Steinschlägen im Zustiegsbereich zur Cresta Est. Sie empfehlen, beim Zustieg tiefer gelegene und geschützte Bereiche zu wählen und besonders exponierte Rinnen zu meiden.

Auch die Beobachtungen von Arpa zeigen, dass die Nordostwand weiter aktiv ist. Noch zwei Tage nach dem größeren Abbruch kamen dort regelmäßig kleinere Steine herunter.

Quellen

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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