Felssturz an der Loreley: Warum selbst überwachte Hänge gefährlich bleiben
Nach dem Felssturz an der Loreley bleibt die B42 gesperrt. Experten prüfen den Hang und planen bereits ein Fangnetz. So funktioniert Felssicherung.
Felsbrocken auf der B42 unterhalb der Loreley: In dem engen Mittelrheintal verlaufen Verkehrswege unmittelbar unter steilen Felshängen. Fangnetze, Felsanker und regelmäßige Kontrollen sollen das Risiko durch Steinschlag und Felsabbrüche verringern.
Foto: picture alliance/dpa | Thomas Frey
Am 31. August gegen 8 Uhr lösten sich mehrere Felsbrocken vom Loreleyfelsen und stürzten auf die B42 zwischen St. Goarshausen und Kaub. Nach Angaben des SWR waren einzelne Stücke etwa schuhkarton- bis bierkastengroß. Fahrzeuge wurden nicht getroffen, Menschen nicht verletzt.
Trotzdem bleibt die Bundesstraße zunächst vollständig gesperrt. Der Landesbetrieb Mobilität Rheinland-Pfalz (LBM) und das Landesamt für Geologie und Bergbau untersuchen den Hang. Am Montag wurde der Bereich bereits vermessen und mit Drohnen aufgenommen. Am Dienstag sollen Fachleute sich von oben abseilen, den Fels abklopfen und nach weiteren losen Partien suchen.
Nach aktuellem Stand soll der betroffene Bereich anschließend mit einem Fangnetz gesichert werden. Die Sperrung könnte deshalb noch mehrere Tage dauern.
Inhaltsverzeichnis
- Warum die B42 an der Loreley so exponiert ist
- Steinschlag ist nicht gleich Felssturz
- Kestert: 16.000 m³ Fels trotz vorheriger Kontrollen
- Wie lässt sich ein Felshang überhaupt sichern?
- Fangzäune halten nicht beliebig große Felsmassen auf
- Nach Kestert waren 620 Felsanker nötig
- Drohnen vergleichen den Fels mit Aufnahmen von 2021
- Der aktuelle Felsbruch kam ohne offensichtlichen Auslöser
- 2027 wird direkt unter dem Loreleyfelsen ohnehin gebaut
Warum die B42 an der Loreley so exponiert ist
Die Loreley erhebt sich rund 125 m über den Rhein. Zwischen dem steilen Schieferhang und dem Fluss bleibt nur wenig Raum. Genau dort verlaufen die B42 und die rechtsrheinische Bahnstrecke.
Solche Engstellen gehören zu den schwierigsten Bereichen für den Infrastrukturbau im Mittelrheintal. Das Landesamt für Geologie und Bergbau dokumentiert seit Jahren Steinschläge und Felsabbrüche entlang von Rhein, Mosel und anderen tief eingeschnittenen Tälern. Besonders problematisch sind steile, stark geklüftete Felsmassive, die teilweise unmittelbar an Straße und Bahn grenzen.
Im Schiefer können Klüfte, Verwitterung und langfristige Erosionsprozesse dazu führen, dass sich einzelne Blöcke aus dem Felsverband lösen. Wann genau das passiert, lässt sich nicht immer erkennen.
Steinschlag ist nicht gleich Felssturz
Bei einem kleinen Steinschlag lösen sich vergleichsweise kleine Gesteinsstücke oder einzelne Blöcke. Bei einem Felssturz können dagegen wesentlich größere zusammenhängende Gesteinsmassen in Bewegung geraten. Der Unterschied ist für Schutzanlagen erheblich.
Die Bewegungsenergie hängt von der Masse des Felsblocks und von seiner Geschwindigkeit ab. Ein einige Kilogramm schwerer Stein stellt deshalb völlig andere Anforderungen an einen Fangzaun als ein mehrere Tonnen schwerer Block. Wie groß solche Ereignisse werden können, zeigte sich nur wenige Kilometer von der Loreley entfernt.
Kestert: 16.000 m³ Fels trotz vorheriger Kontrollen
Am 15. März 2021 gingen bei Kestert rund 16.000 m³ Gestein und Geröll nieder. Einzelne Felsblöcke wogen nach Angaben der Deutschen Bahn bis zu 100 t. Betroffen waren die rechtsrheinische Bahnstrecke und die B42. Besonders bemerkenswert: Der Hang war zuvor regelmäßig kontrolliert worden und verfügte bereits über technische Sicherungen.
Die Deutsche Bahn hatte die Rheintalhänge 2018 aus der Luft untersuchen lassen. Am späteren Abbruchbereich wurden dabei keine Auffälligkeiten festgestellt. Auch bei einer Kontrolle im Dezember 2020 waren nach Angaben der Bundesregierung keine Veränderungen erkennbar, die auf einen bevorstehenden Felssturz dieser Größenordnung hingedeutet hätten.
Der Fall zeigt ein grundsätzliches Problem: Monitoring kann Veränderungen erkennen, wenn sie bereits messbar oder sichtbar sind. Es kann aber nicht garantieren, dass sich jeder künftige Abbruch rechtzeitig ankündigt.
Ähnliche Fragen stellen sich auch bei großräumigen Hangbewegungen. Wie schwierig die Überwachung instabiler Bereiche werden kann, zeigt etwa der ingenieur.de-Beitrag über den Hangrutsch von Petacciato, der in Italien Autobahn und Bahnstrecke unterbrochen hat.
Wie lässt sich ein Felshang überhaupt sichern?
In der Praxis gibt es nicht die eine Schutzmaßnahme. Je nach Geologie und Gefährdung werden mehrere Verfahren kombiniert.
- Lose Felsen entfernen: Erkennbar instabile Blöcke können kontrolliert abgetragen werden. Bei großen Felsmassen kommen gegebenenfalls auch Sprengungen infrage.
- Fels stabilisieren: Anker reichen tief in tragfähigeres Gestein und verbinden gefährdete Felsblöcke mit dem stabileren Untergrund. Netze können zusätzlich die Oberfläche sichern.
- Steine auffangen: Fangzäune und Schutznetze sollen abstürzendes Material stoppen, bevor es Straße oder Bahn erreicht.
- Schutzwälle errichten: Bei größeren Mengen können Wälle oder andere massive Barrieren die Energie der Felsmassen aufnehmen oder deren Laufweg begrenzen.
Welche Technik funktioniert, hängt von Blockgröße, Fallhöhe, Hangneigung und vor allem vom verfügbaren Platz ab.
Fangzäune halten nicht beliebig große Felsmassen auf
Das Landesamt für Geologie und Bergbau hat an anderen Abschnitten des Mittelrheintals unter anderem Fangzäune mit Energieklassen von 500, 750 und 1000 kJ eingesetzt. Teilweise stehen mehrere Systeme hintereinander. Solche Anlagen sind auf definierte Belastungen ausgelegt.
Das Problem im Mittelrheintal: Zwischen Fels und Verkehrsweg fehlt vielerorts der Platz für große Auffangräume. Das LGB beschreibt Bereiche, in denen der Fels nahezu unmittelbar an Straße und Bahn grenzt. Ein stärkeres Netz allein löst das Problem deshalb nicht automatisch.
Nach Kestert waren 620 Felsanker nötig
Wie aufwendig eine Sicherung nach einem größeren Ereignis werden kann, zeigte ebenfalls Kestert. Nach dem Felssturz wurde der Hang umfangreich nachgesichert. Dazu gehörten mehrere hundert Felsanker, großflächige Netze und ein mehrere Meter hoher Schutzwall. Die Bundesregierung dokumentierte außerdem, dass dort bereits vor dem Ereignis Fang- und Stahlschwellenzäune vorhanden waren.
Der Fall macht den Unterschied zwischen Risiko reduzieren und Risiko ausschließen deutlich. Schutzsysteme werden für bestimmte Szenarien dimensioniert. Ein wesentlich größeres Ereignis kann diese Auslegung überschreiten.
Auch bei Bahnstrecken wird deshalb zunehmend versucht, Hangbewegungen nicht nur baulich abzufangen, sondern frühzeitig zu erkennen. Welche Sensoren und Überwachungsverfahren dabei eingesetzt werden können, zeigt unser Beitrag „Zugunglücke durch Erdrutsche verhindern – mit smarter Technik“.
Drohnen vergleichen den Fels mit Aufnahmen von 2021
Bei der Loreley kommt nun ein weiterer Vorteil moderner Vermessungstechnik zum Tragen. Nach Angaben des SWR hatte das Landesamt für Geologie und Bergbau den Loreleyfelsen bereits nach dem Felssturz von Kestert 2021 untersucht. Damals wurden Drohnen mit Kameras und Lasertechnik eingesetzt. Die aktuellen Aufnahmen sollen nun mit diesen älteren Daten verglichen werden.
So können Fachleute beispielsweise feststellen, ob sich Konturen verändert haben oder neue Bereiche auffällig geworden sind.
Drohnen sind dabei vor allem deshalb hilfreich, weil sie schwer zugängliche Felsflächen erfassen können, ohne Menschen unnötig in den Gefahrenbereich zu schicken. Auch für andere Vermessungsaufgaben wird diese Technik zunehmend eingesetzt; ingenieur.de hat beispielsweise über autonome Drohnen mit Kameras und Lidar-Sensoren für die Geländeaufnahme berichtet.
Der aktuelle Felsbruch kam ohne offensichtlichen Auslöser
Eine eindeutige Ursache für den Abbruch vom 31. August gibt es bislang nicht. Nach Angaben des LBM lag weder eine typische Frost-Tau-Situation vor noch hatte es unmittelbar zuvor ein außergewöhnlich starkes Regen- oder Sturmereignis gegeben. Gerade deshalb wollen die Fachleute den Fels nun genauer untersuchen.
Mehr lässt sich derzeit seriös nicht sagen. Ein konkreter Zusammenhang mit Wetter, Temperaturverläufen oder langfristigen klimatischen Veränderungen ist für dieses Ereignis bislang nicht nachgewiesen.
2027 wird direkt unter dem Loreleyfelsen ohnehin gebaut
Der betroffene Straßenabschnitt steht außerdem vor einem größeren Umbau. Der LBM plant ab Frühjahr 2027 einen neuen Geh- und Radweg unmittelbar am Loreleyfelsen. Rheinseitig soll dafür ein rund 510 m langer Kragarm entstehen – vereinfacht gesagt eine balkonartige Konstruktion, die über den bestehenden Verkehrsraum hinausragt.
Für das Projekt sind rund 10,5 Mio. € veranschlagt, davon etwa 6,5 Mio. € für den Kragarm. Wegen der engen Verhältnisse soll die B42 während der Arbeiten vollständig gesperrt werden. Die Bauzeit wird auf rund zwei Jahre geschätzt. Der aktuelle Felsbruch zeigt noch einmal, unter welchen geologischen Randbedingungen dieses Projekt entstehen soll.
Quellen
- Landesbetrieb Mobilität Rheinland-Pfalz, 31.08.2026: Vollsperrung der B42 nach dem Felsbruch an der Loreley – aktueller Stand und geologische Untersuchung.
- SWR, 31.08.2026: Felssturz an der Loreley – B42 bleibt vorerst gesperrt – Drohnenvermessung, geplante Felserkundung und Fangnetz.
- Landesamt für Geologie und Bergbau Rheinland-Pfalz: Hangsicherungen im oberen Mittelrheintal – Fangzäune, Energieklassen und geologische Randbedingungen.
- Deutscher Bundestag: Drucksache 19/29671 zum Felssturz bei Kestert – Angaben zu Überwachung, Sicherungsmaßnahmen und Ereignisgröße.
- Landesbetrieb Mobilität Rheinland-Pfalz: Ausbau der B42 am Loreleyfelsen – geplanter Kragarm, Kosten und Bauzeit.
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