Tiny House 29.05.2026, 10:00 Uhr

Dieses barrierefreie Tiny House könnte ein großes Problem lösen

Im Alter unabhängig in den eigenen vier Wänden zu leben, wünschen sich die meisten Menschen. Können Tiny Houses dazu beitragen, diesen Wunsch zu erfüllen?

Viel Platz: Der Innen- raum des „TinyCare- Home“-Prototyps bie- tet unter anderem eine Küchenzeile und ein barrierefreies Bad.

Viel Platz: Der Innenraum des „TinyCare-Home“-Prototyps bietet unter anderem eine Küchenzeile und ein barrierefreies Bad.

Foto: Laura Bauer

Warum nicht auch barrierefrei? Dann so klein Tiny Houses auch sein mögen, so universell sind ihre Einsatzgebiete. Vom Ferienhaus über spezielle Wohnquartiere bis hin zu temporären Mitwohnangeboten für behinderte und ältere Menschen. Das Angebot ist riesig, seit einigen Jahren gibt es in Karlsruhe auch eine Messe, wo sich Smaller-Living-Interessenten die Angebote zahlreicher Unternehmen anschauen und selbst ein Probewohnen verabreden können.

Florian Burg studierte als einer der Ersten im Pionierstudiengang Gesundheitsökonomie an der Universität Bayreuth, später zusätzlich Informatik an der Fernuniversität Hagen. Parallel arbeitete er in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. Das hat ihn geprägt, wirft aber auch Zukunftsfragen auf. „Vor etwa drei Jahren habe ich vorgeschlagen, Einsatzmöglichkeiten von Tiny-Häusern im Hinblick auf die Pflegesituation zu untersuchen“, so der Wissenschaftler.

So geht barrierefrei auf kleinstem Raum

Dazu konzipiert er mit einem kleinen Team gewissermaßen den Prototyp eines „TinyCareHome“. „Das bietet nicht nur viele digitalmedizinische Ausstattungsobjekte und Systeme des ‚Ambient Assisted Living‘ (AAL), sondern ist so konzipiert, dass es finanziell eine flexible und attraktive Versorgungsoption darstellen kann“, so Burg. AAL meint technische Assistenzsysteme, die den Alltag sicherer, komfortabler und selbstständiger machen sollen. Bereits jetzt fehlen bei uns Zehntausende Pflegekräfte. Professionelle Pflege wird daher immer teurer und für viele gar unbezahlbar. „Deswegen brauchen wir Versorgungsalternativen. Eine Möglichkeit könnte sein, dass wir wieder mehr pflegende Angehörige haben, so wie es ja vor einigen Generationen Standard war“, so der Experte.

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Pflegebedürftige könnten mitsamt Tiny House in den Garten der Kinder ziehen oder in den eigenen, wobei die Kinder eventuell mit Enkeln wieder in das Elternhaus zurückziehen. „So werden wieder familiäre Pflegemodelle möglich, die vorher aufgrund räumlicher und wohnlicher Einschränkungen nicht möglich waren“, zeigt sich Burg zuversichtlich. Allerdings ist nicht vorgesehen, dass die Familie komplett in der Pflege aufgeht. „Es geht um gewisse Unterstützungsmaßnahmen, Essensversorgung, Reinigung der Kleidung und soziale Kommunikation – der ambulante Pflegedienst soll sich vor allem auf die Behandlungspflege konzentrieren.“

So initiiert Burg mit einigen Mitstreitern im Bosch Digital Innovation Hub (BDIH) des Bosch Health Campus (BHC) in Stuttgart sowie vom Steinbeis Transferzentrum für Soziale und Technische Innovation in Tübingen den Bau des Prototyps eines „TinyCareHome“, das inzwischen zur Serienreife gediehen ist.

Barrierefrei: Über eine fest installierte 6 m lange Rampe ist das „TinyCareHome“ auch mit Rollstuhl oder Rollator bequem erreichbar. Foto: Florian Burg

Innen und außen funktionial

Das Häuschen kann sich sehen lassen. Mit seinen 8 m Länge und 3 m Breite dürfte es in vielen Gärten Platz finden, braucht kein gegossenes Fundament, sondern nur eine befestigte Fläche – oder einige Schraubfundamente mit ca. 2 m langen Erdschrauben. Eine Baugenehmigung ist prinzipiell schon nötig, aber durch den im Oktober 2025 verabschiedeten sogenannten „Bau-Turbo“ könnte es damit schneller gehen. In der Diskussion ist auch eine Rückbauvorschrift, sofern der oder die Betroffene dann doch ins Heim muss oder verstorben ist.

Fürs Wasser würde prinzipiell ein beheizbarer Wasserschlauch zum Gartenwasseranschluss reichen. Abwasser wird über drei Hebeanlagen mit einem dicken, flexiblen Schlauch ins Haupthaus – und dort in einen Anschlusspunkt gepumpt. Übrigens – von den 24 m² Grundfläche bleiben 17 m² nutzbar.

„Die Rollstuhlfahrer, die sich das angesehen haben, halten das Tiny House für gut bewohnbar. Sie können über eine fest installierte 6 m lange Rampe bis zur 40 cm hohen Türschwelle hoch- und durch eine 90 cm breite Tür reinfahren – selbst bis in die Toilette, sofern es kein überbreiter E-Rollstuhl ist“, erläutert Burg. Eine Luft-Luft-Wärmepumpe heizt bzw. kühlt.

Das Tiny House wird strommäßig über das Haupthaus mit 230 V versorgt, verfügt aber auch über eine eigene 15-kWh-Batterie mit Wechselrichter, sodass eine 7-kW-Spitzenlast abgerufen werden kann. Telekommunikationsmäßig wird auf das 5G-Netz zurückgegriffen. Ein 5G-Router sorgt für mobiles Internet, Fernsehen geht über DVB-T2. Bei dementen Bewohnern signalisiert ein Türkontakt den Angehörigen, wenn die Tür geöffnet wird.

Kommt die Serienfertigung fürs barrierefreie Tiny House?

Noch läuft keine Serienfertigung, angestrebt ist sie. Eine Lieferung spätestens vier Wochen nach Bestellung – das wäre das Ziel des Teams, um selbst bei plötzlichem Eintritt der Pflegebedürftigkeit, z. B. durch Oberschenkelhalsbruch oder Schlaganfall, schnell an den Start gehen zu können. So können diese Menschen trotz körperlichen Einschränkungen ein weitestgehend selbstbestimmtes Leben führen.

Das Tiny House ist mit weiteren Technologien für einen Teil der pflegerischen Aufgaben ausgestattet, umfasst beispielsweise ein Pflegebett auf Rollen, radarbasierte Sturzerkennung, Medikamentenmanagement und ein integriertes Dusch-WC mit Ganzkörperföhn und zusätzlicher Infrarotheizung. Spüle und Waschbecken sind unterfahrbar, die Oberschränke im Küchenbereich höhenverstellbar. Auch die platzsparend eingebaute Kombination aus Waschmaschine und Wäschetrockner – selbstredend von Bosch – ist auf gut erreichbarer Höhe. Die Bedienung ist bewusst einfach gehalten – durch eine einheitliche Touch-Oberfläche auf einem Smartphone oder Tablet.

Tiny-House-Konzept statt stationäre Pflege

An Rauch- und CO₂-Melder wurde ebenso gedacht wie an Notrufsysteme. Zusammen mit weiteren Experten wird an einem „TinyCare­Home 2.0“ gearbeitet, das künftig z. B. auch Sprachsteuerung möglich machen wird. „Die Kombination aus engagierten, pflegenden Angehörigen, digitaler technologischer Unterstützung und einem ambulanten Pflegedienst dürfte die Pflegesituation in vielen Fällen verbessern und den Pflegebedarf abdecken – ohne auf eine ressourcenintensive stationäre Pflege angewiesen zu sein“, ist ­Florian Burg überzeugt. Das ­Modellprojekt „TinyCareHome“ kommt gut an. „Viele können sich ein solches Projekt für sich und die Angehörigen vorstellen. Noch in diesem Jahr könnten einzelne Hersteller mit der Produktion beginnen“, ist Burg zuversichtlich.

90.000 € kostet das voll ausgestattete Haus. Die Entwickler wollen auch eine temporäre Mietlösung mit Rückgaberecht anbieten. Die monatliche Warmmiete dürfte unter 1000 € liegen. Auch Florian Burg könnte sich „eine solche Lösung, sofern die Rahmenbedingungen dafür passen, als Versorgungsoption im Alter durchaus“ für sich persönlich vorstellen.

Ein Beitrag von:

  • Rainer Bücken

    Freier Fachjournalist in Berlin. Seit über 40 Jahren widmet sich Rainer Bücken mit profunden Fachkenntnissen allen Themen rund um Medien, gewissermaßen von der Quelle bis zur Senke. So begleitete er die Einführung von HDTV in Deutschland von den Anfängen bis zum Regelbetrieb und blickt gespannt auf die Entwicklungen bei 4K sowie 8K. Dabei spielen die Digitalisierung der TV-Landschaft und die Einführung neuer Technologien in allen Stufen der Medienverbreitung, vor allem der Glasfasertechnik, zentrale Rollen. Rainer Bücken studierte Nachrichtentechnik der Ingenieurakademie der Deutschen Bundespost Berlin und anschließend Publizistik an der FU Berlin.

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