Die Wärmewende hat ein Platzproblem, wir wohnen zu groß
Der Gebäudesektor muss bis 2050 massiv Emissionen senken. Eine neue Studie zeigt, warum Wohnfläche pro Kopf dabei zentral wird.
Große Wohn- und Essbereiche stehen für Komfort – in der Klimabilanz des Gebäudesektors wird die genutzte Fläche pro Person jedoch zu einem entscheidenden Faktor.
Foto: Smarterpix / jacek_kadaj
Wer über klimafreundliche Gebäude spricht, landet schnell bei Wärmepumpen, Dämmung und erneuerbaren Energien. Alles wichtig. Doch eine neue Studie mit Beteiligung der TU Graz lenkt den Blick auf einen unbequemeren Hebel: die Fläche, die jeder Mensch im Durchschnitt bewohnt. Denn je mehr Quadratmeter pro Kopf beansprucht werden, desto größer wird der Bedarf an Neubau, Material, Energie und späterer Sanierung.
Nach Projektangaben entfallen auf Gebäude und Bau in der Europäischen Union rund 40 % der CO₂-Emissionen, wenn der gesamte Lebenszyklus betrachtet wird. Entscheidend ist also nicht nur der Betrieb mit Heizung, Kühlung und Stromverbrauch. In die Bilanz gehören auch die Herstellung von Baustoffen, Bauprozesse, Renovierungen, Wartung, Rückbau und Entsorgung.
Genau diese Gesamtrechnung hat ein internationales Forschungsteam nun für den europäischen Gebäudebestand durchgeführt. Im Auftrag der EU-Kommission entwickelten die Forschenden das Modellierungs- und Prognosewerkzeug PULSE-EU. Damit lassen sich Szenarien berechnen, wie stark die Emissionen des Gebäudesektors bis 2050 sinken könnten – und welche Stellschrauben dabei tatsächlich den größten Effekt haben.
Inhaltsverzeichnis
15.000 Gebäudetypen für Europa modelliert
An der Studie beteiligt waren neben der TU Graz unter anderem die KU Leuven, die Aalborg University, das Politecnico di Milano, das IIASA, Ramboll Management Consulting und das Buildings Performance Institute Europe. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse in „Nature Communications“.
Für die Analyse baute das Team ein digitales Abbild des europäischen Gebäudebestands auf. Dafür modellierten die Forschenden rund 15.000 repräsentative Gebäudetypen und ordneten sie den 27 EU-Mitgliedstaaten zu. Berücksichtigt wurden unter anderem:
- Bauweise, Alter und Nutzung der Gebäude
- energetischer Standard
- Sanierungsrate und Energiebedarf
- Leerstand und Wohnflächennachfrage
- Anteil erneuerbarer Energien
- Materialeinsatz und Designentscheidungen
- politische, wirtschaftliche und soziale Rahmenbedingungen
PULSE-EU rechnet damit nicht nur einzelne Beispielgebäude durch. Das Modell zeigt, welche Maßnahmen im europäischen Gebäudebestand besonders stark wirken – und wo nationale Umsetzungskapazitäten an Grenzen stoßen.
Genau darin liegt der Unterschied zu vielen früheren Analysen. „In bisherigen Analysen standen vor allem die Emissionen im Gebäudebetrieb im Fokus“, sagt Alexander Passer vom Institut für Tragwerksentwurf der TU Graz. PULSE-EU bezieht dagegen auch Emissionen aus Materialherstellung, Bauprozessen, Renovierung, Wartung, Rückbau und Entsorgung systematisch ein.
Technik allein reicht nicht
Die Botschaft der Studie ist unbequem: Mehr Sanierungen, effizientere Heizungen und sauberere Baustoffe bleiben notwendig. Aber sie reichen nicht automatisch aus, wenn die Nachfrage nach Fläche weiter steigt.
Denn jede zusätzliche Wohnung, jedes neue Bürogebäude und jede zusätzliche Nutzfläche verursacht Emissionen, bevor überhaupt geheizt oder gekühlt wird. Beton, Stahl, Dämmstoffe, Fenster, Haustechnik und Ausbau schlagen bereits in der Bauphase zu Buche. Auch spätere Instandhaltung und Modernisierung benötigen Material und Energie.
Das Forschungsteam untersuchte deshalb nicht nur klassische technische Maßnahmen. Es berücksichtigte auch Strategien, die den Bedarf an neuer Fläche senken. Dazu gehören eine bessere Nutzung des bestehenden Gebäudebestands, weniger Leerstand, mehr Umbau statt Abriss und eine geringere durchschnittliche Wohnfläche pro Person.
Genau hier liegt der kritische Punkt. Die Fläche pro Kopf entscheidet darüber, wie viel zusätzliche Gebäudefläche in Zukunft überhaupt entstehen muss. Sinkt der Wohnflächenbedarf, sinkt auch der Neubau- und Materialdruck. Steigt er weiter, fressen zusätzliche Quadratmeter einen Teil der Einsparungen wieder auf.
Zwei Quadratmeter mit großer Wirkung
Besonders deutlich wird dieser Zusammenhang in einer ergänzenden Studie zu Österreich, die im Fachjournal „Environmental Science & Technology“ veröffentlicht wurde. Dort untersuchten die Forschenden fünf Entwicklungspfade für den österreichischen Gebäudebestand.
Im ambitioniertesten Szenario kommen mehrere Maßnahmen zusammen: strengere politische Rahmenbedingungen, effizientere Technologien und verändertes Nutzungsverhalten. Unter diesen Annahmen könnten die CO₂-Emissionen des Gebäudesektors bis 2050 um rund 90 % sinken. Das würde aus Sicht der Studie ausreichen, um mit einem Zwei-Grad-Pfad vereinbar zu sein.
Ein rein technologischer Ansatz schneidet schwächer ab. Werden vor allem Industrie und Energieversorgung dekarbonisiert, während sich das Nutzungsverhalten nur geringfügig ändert, liegt die Minderung laut Studie bei etwa 84 bis 86 %. Das könnte knapp reichen, bleibt aber deutlich anfälliger. Werden heutige Regeln und Praktiken dagegen weitgehend fortgeschrieben, sinken die Emissionen nur um etwa 66 %. Damit würde der Gebäudesektor seine Ziele klar verfehlen.
Der stärkste Einzelhebel in der österreichischen Sensitivitätsanalyse war überraschend klein: eine Verringerung der durchschnittlichen Wohnfläche pro Person um zwei Quadratmeter. „Bei unseren Berechnungen stellte sich heraus, dass die Verringerung des durchschnittlichen Wohnraums pro Person um nur zwei Quadratmeter die größte Auswirkung hat“, sagt Nicolas Alaux, der die wissenschaftlichen Modelle im Rahmen seiner Dissertation entwickelt hat.
Dahinter folgen nach seinen Angaben die Sanierungsrate, die Verringerung des Energiebedarfs, die Nutzung erneuerbarer Energien und die Reduktion des Leerstands.
Warum das politisch heikel ist
Die Aussage ist politisch brisant. Denn Wohnfläche ist kein technisches Bauteil, das sich einfach austauschen lässt. Sie hängt mit Lebensstil, Eigentum, Alter, Einkommen, Haushaltsgrößen und regionalem Wohnungsmarkt zusammen. In vielen Städten fehlt bezahlbarer Wohnraum. In anderen Regionen stehen Gebäude leer oder werden ineffizient genutzt.
Eine pauschale Forderung nach „kleiner wohnen“ wäre deshalb zu grob. Der Befund zielt eher auf die Systemfrage: Wie lässt sich vorhandene Fläche besser nutzen, bevor neu gebaut wird?
Mögliche Hebel sind:
- Umbau statt Abriss, wenn die Gebäudestruktur es zulässt
- bessere Nutzung leerstehender Wohnungen und Büros
- flexible Grundrisse für veränderte Haushaltsgrößen
- Umwandlung nicht mehr benötigter Büroflächen in Wohnraum
- gemeinschaftlich genutzte Flächen in Wohnprojekten
- politische Anreize, die Bestandserhalt und Umnutzung gegenüber Neubau stärken
Damit verschiebt sich die Gebäudewende. Es geht nicht mehr nur darum, jedes einzelne Gebäude effizienter zu machen. Entscheidend wird auch, wie viel Gebäude überhaupt gebraucht wird.
Lebenszyklus wird zur neuen Messlatte
Der Zeitpunkt der Studie ist nicht zufällig. Die EU richtet ihre Gebäudepolitik stärker auf den gesamten Lebenszyklus aus. Die überarbeitete Gebäuderichtlinie sieht vor, dass das Treibhauspotenzial neuer Gebäude künftig im Energieausweis ausgewiesen wird. Ab 2028 gilt das für Neubauten mit mehr als 1000 m² Nutzfläche, ab 2030 für alle neuen Gebäude.
Damit rücken auch sogenannte graue Emissionen stärker in den Fokus. Gemeint sind Emissionen, die in Baustoffen, Bauteilen, Transporten, Bauprozessen und Rückbau stecken. Gerade bei sehr effizienten Neubauten kann dieser Anteil erheblich sein. Je sauberer der Betrieb wird, desto wichtiger wird die Frage, wie klimabelastend Herstellung und Bau waren.
PULSE-EU soll hier als Entscheidungshilfe dienen. Über einen Scenario Explorer können verschiedene Annahmen kombiniert und ihre Wirkung auf die Lebenszyklus-Emissionen des Gebäudebestands berechnet werden. Das macht sichtbar, welche Maßnahmen besonders stark wirken und welche Zielkonflikte entstehen.
Der unbequeme Hebel
Die Studie ist kein Argument gegen Wärmepumpen, Sanierungen oder erneuerbare Energien. Im Gegenteil: Ohne diese Maßnahmen wird der Gebäudesektor seine Klimaziele kaum erreichen. Der zentrale Punkt ist ein anderer: Technik kann viel kompensieren, aber nicht unbegrenzt wachsenden Flächenverbrauch.
Damit erweitert sich der Blick auf die Gebäudewende. Es geht nicht mehr nur darum, Gebäude effizienter zu machen und ihre Energieversorgung zu dekarbonisieren. Entscheidend wird auch, wie viel Fläche tatsächlich gebraucht wird – und wie sich bestehende Gebäude besser nutzen lassen, bevor neu gebaut wird.
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