34 Brücken müssen weg: Ludwigshafen holt die B44 zurück auf den Boden
34 Brücken verschwinden: Ludwigshafen ersetzt die marode Hochstraße Nord durch die 860 m lange Helmut-Kohl-Allee auf Bodenniveau.
Die Hochstraße Nord prägt mit ihren zahlreichen Brückenbauwerken noch das Zentrum Ludwigshafens. Die marode B44 soll schrittweise verschwinden und größtenteils durch die ebenerdige Helmut-Kohl-Allee ersetzt werden.
Foto: picture alliance/dpa | Uwe Anspach
34 Einzelbrücken, rund 2 km Hochstraße und elf Auf- und Abfahrten: Ludwigshafen beginnt mit dem Rückbau einer Verkehrsanlage, die seit den 1970er-Jahren das Stadtbild prägt. Die marode Hochstraße Nord der B44 soll vollständig verschwinden. An ihre Stelle tritt keine neue Hochstraße, sondern eine rund 860 m lange ebenerdige Stadtstraße – die Helmut-Kohl-Allee.
Im August 2026 erreicht das Großprojekt eine entscheidende Phase. Nach umfangreichen Vorarbeiten beginnt am Nordbrückenkopf der Rückbau der Verbindung zwischen Hochstraße Nord und Kurt-Schumacher-Brücke. Ab dem 10. August ist der Bereich weitgehend gesperrt. Nach Angaben der Stadt werden die Arbeiten dort mehrere Jahre dauern. Ende 2031 soll der neue Nordbrückenkopf fertig sein, die Helmut-Kohl-Allee 2031 beziehungsweise vollständig ab 2032 zur Verfügung stehen.
Die Baustelle ist weit mehr als ein Ersatzneubau. Ludwigshafen verändert gleichzeitig Verkehrsführung, Straßenbahninfrastruktur und Stadtstruktur. Wo heute eine aufgeständerte Bundesstraße liegt, soll künftig eine mehrspurige Straße auf Bodenniveau verlaufen – flankiert von Grünstreifen, Fuß- und Radwegen und neuen Stadtquartieren.
Inhaltsverzeichnis
- Eine Hochstraße aus 34 einzelnen Brücken
- Vier Varianten für den Ersatz
- So sieht die neue B44 aus
- Hochstraße Süd musste zuerst fertig werden
- Vor dem Brückenabriss musste erst Platz entstehen
- Auch unter der Straße wird umgebaut
- Aus Verkehrsraum werden knapp 40 ha Stadtentwicklungsfläche
- Vier Jahre Großbaustelle am Nordbrückenkopf
Eine Hochstraße aus 34 einzelnen Brücken
Die Hochstraße Nord entstand zwischen 1970 und 1981. Auf rund 2 km Länge besteht sie nach Angaben der Stadt aus 34 einzelnen Brückenbauwerken mit Spannweiten von bis zu 70 m. Elf Auf- und Abfahrten verbinden die B44 mit dem innerstädtischen Straßennetz.
Schon lange vor dem jetzigen Abriss war klar, dass die Konstruktion erhebliche Probleme hat. Seit März 2010 war ein rund 470 m langer Abschnitt für Lkw gesperrt. Noch im selben Jahr ließ die Stadt Schutznetze montieren, weil sich Betonteile lösen konnten.
2012 fiel dann die entscheidende Diagnose: Eine wirtschaftliche Sanierung der Hochstraße war nach den vorliegenden Gutachten nicht mehr möglich. Die Stadt nennt neben altersbedingten Schäden auch konstruktive Defizite aus der Entstehungszeit. Hinzu kamen die über Jahrzehnte steigenden Verkehrs- und insbesondere Schwerverkehrslasten. Damit war klar, dass die B44 in diesem Bereich neu organisiert werden musste. Offen war zunächst nur, wie.

Vier Varianten für den Ersatz
2014 standen vier grundsätzliche Lösungen zur Diskussion. Möglich gewesen wäre, die Hochstraße auf ihrer bisherigen Trasse neu zu bauen. Eine zweite Variante sah einen leicht nach Süden verschobenen Hochstraßenneubau vor.
Daneben untersuchte Ludwigshafen zwei ebenerdige Lösungen: eine kürzere und eine längere Stadtstraße.
Nach einer Bürgerbeteiligung entschied sich der Stadtrat für die lange Stadtstraßenvariante. Statt erneut eine kilometerlange Brückenkonstruktion durch die Innenstadt zu führen, sollte die Bundesstraße größtenteils zurück auf Bodenniveau.
Die Entscheidung hatte auch einen wirtschaftlichen Hintergrund. Nach Darstellung der Stadt verursacht die ebenerdige Lösung gegenüber einer neuen Hochstraße geringere künftige Unterhaltungskosten. Eine Stadtstraße benötigt keine kilometerlangen Überbauten, Lager, Übergangskonstruktionen und Brückenpfeiler, die regelmäßig geprüft und instand gehalten werden müssen.
So sieht die neue B44 aus
Kern des Umbaus ist die Helmut-Kohl-Allee. Sie soll zwischen Lorientallee im Westen und Kurt-Schumacher-Brücke im Osten verlaufen. Der ebenerdige Abschnitt wird rund 860 m lang und mehrspurig ausgeführt.
Ganz ohne Brücken kommt das Projekt dennoch nicht aus. Im Westen führt die neue Westbrücke die Verkehrsachse über die Bahnanlagen und verbindet sie mit der A650. Im Osten muss die Straße wieder ansteigen, um den Anschluss an die Kurt-Schumacher-Brücke über den Rhein herzustellen.

Gerade der Nordbrückenkopf ist deshalb einer der kompliziertesten Abschnitte. Hier treffen Bundesstraße, innerstädtisches Straßennetz, Rheinquerung und Straßenbahn auf engem Raum zusammen. Während des Umbaus werden teilweise provisorische Brückenelemente eingesetzt, um Verkehrsverbindungen aufrechtzuerhalten.
Der Projektleiter bezeichnete die Arbeiten gegenüber dem SWR als eine „Operation am offenen Herzen“. Der Vergleich beschreibt vor allem die logistische Herausforderung: Ein zentraler Verkehrsknoten wird zerlegt und neu aufgebaut, während möglichst viele andere Verkehrsbeziehungen weiter funktionieren sollen.
Hochstraße Süd musste zuerst fertig werden
Dass der großflächige Rückbau erst jetzt beginnt, hängt auch mit der zweiten großen Ludwigshafener Hochstraße zusammen.
Die Hochstraße Süd war seit 2019 teilweise gesperrt und musste ebenfalls umfangreich erneuert werden. Am 3. Juli 2026 wurde sie nach weniger als drei Jahren Bauzeit wieder vollständig für den Verkehr freigegeben. Erst damit stand wieder eine leistungsfähige Ost-West-Verbindung zur Verfügung, bevor die Hochstraße Nord in die entscheidende Rückbauphase geht.

Für Ludwigshafen ergibt sich damit innerhalb weniger Wochen ein ungewöhnlicher Wechsel: Im Süden wird eine Hochstraße wieder eröffnet, im Norden beginnt der Rückbau einer anderen.
Der Unterschied liegt im jeweiligen technischen Zustand und in der langfristigen Planung. Während Teile der südlichen Verbindung erhalten beziehungsweise ersetzt wurden, hatte sich die Stadt bei der Hochstraße Nord bereits vor Jahren gegen einen erneuten Hochstraßenbau entschieden.
Vor dem Brückenabriss musste erst Platz entstehen
Der eigentliche Rückbau verlangt erhebliche Vorarbeiten. Seit 2025 werden Gebäude, Leitungen und andere Anlagen im Bereich des Nordbrückenkopfs entfernt.
Dazu gehört die sogenannte Blaue Halle, ein 1971 errichtetes Gebäude von rund 104 m Länge. Auch Fundamente und unterirdische Leitungen mussten weichen, um Baustelleneinrichtungsflächen zu schaffen.

Besonders auffällig ist der Abriss des sogenannten Würfelbunkers aus dem Zweiten Weltkrieg. Der massive Stahlbetonbau steht dort, wo künftig die Helmut-Kohl-Allee verlaufen soll. Im Juli 2026 arbeiteten Spezialmaschinen bereits an seinen bis zu 2,5 m dicken Betonwänden. Bis Ende des Jahres soll der Bunker vollständig verschwunden sein.
Auch Gehölze wurden entfernt und Verkehrsflächen umgebaut, um Zufahrten für schwere Baumaschinen zu schaffen. Die Vorbereitungen zeigen, dass der Rückbau der Hochstraße nicht isoliert betrachtet werden kann: Nahezu das gesamte Umfeld wird neu geordnet.
Auch unter der Straße wird umgebaut
Besonders komplex wird das Projekt durch die Straßenbahn. Mit dem neuen Nordbrückenkopf verändern sich die Zufahrten zur Kurt-Schumacher-Brücke. Deshalb muss auch die Straßenbahn neu geführt werden. Betroffen sind unterirdische Anlagen im Bereich des ehemaligen Rathauses.
Die heutige Tunnelhaltestelle Rathaus soll aufgegeben werden. Teile der Straßenbahntunnel und die Rampen zur Rheinquerung müssen an die neue Straßenführung angepasst werden.
Damit arbeiten die Ingenieurteams auf mehreren Ebenen gleichzeitig: Über der Erde verschwinden Hochstraßenbauwerke, auf Straßenniveau entsteht die neue Verkehrsachse und darunter wird die Stadtbahninfrastruktur verändert.
Aus Verkehrsraum werden knapp 40 ha Stadtentwicklungsfläche
Die ebenerdige Lösung hat einen Effekt, den ein Hochstraßenneubau nicht in gleicher Weise ermöglicht hätte: Flächen rund um die Trasse können neu geordnet werden.
Die Stadt spricht von einem rund 39 ha großen innerstädtischen Entwicklungsgebiet entlang der künftigen Helmut-Kohl-Allee. Es soll die bislang durch große Verkehrsflächen getrennten Bereiche Mitte und Nord beziehungsweise Hemshof stärker miteinander verbinden.
Im Juni 2026 stellte die Stadt die Rahmenplanung für fünf sogenannte Zukunftsquartiere vor. Vorgesehen ist ein Mix aus Wohnen, Gewerbe, öffentlichen Nutzungen und Grünflächen.
Was kostet der Umbau?
- 865 Mio. €: aktuelle Kostenschätzung für Westbrücke und Helmut-Kohl-Allee zusammen.
- 475 Mio. €: Förderbescheid von Bund und Land für die Ludwigshafener Hochstraßenprojekte.
- rund 80 Mio. €: ursprünglich veranschlagte Kosten für den Abriss des Rathaus-Centers; zuletzt wurde mit etwas geringeren Kosten gerechnet.
Hinweis: Die genannten Summen beziehen sich auf unterschiedliche Projektbestandteile und lassen sich nicht direkt addieren oder voneinander abziehen.
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Die Helmut-Kohl-Allee selbst soll auf beiden Seiten breite Grünstreifen erhalten. Nach Angaben der Stadt sind rund 920 klimaangepasste Straßenbäume vorgesehen. Die Grünflächen sollen zugleich Niederschlagswasser aufnehmen und versickern lassen. Eigene Wege für Fuß- und Radverkehr sowie zusätzliche Bushaltestellen sollen die Verkehrsanlage ergänzen.
Damit bleibt die B44 eine leistungsfähige Verkehrsachse. Sie wird nicht aus der Innenstadt entfernt. Die räumliche Wirkung verändert sich jedoch grundlegend: Statt auf einer Folge von Brücken über der Stadt soll der Verkehr künftig überwiegend auf Straßenniveau geführt werden.
Vier Jahre Großbaustelle am Nordbrückenkopf
Für Autofahrer und ÖPNV-Nutzer bedeutet der Umbau zunächst erhebliche Einschränkungen. Mit Beginn der Arbeiten am Nordbrückenkopf wird die Hochstraße Nord in Richtung Mannheim gesperrt. Auch die Rheinuferstraße ist betroffen. Überregionalen Verkehr will die Stadt möglichst über Autobahnen und die B9 an Ludwigshafen vorbeiführen.
Allein die Arbeiten am Nordbrückenkopf sollen rund vier Jahre dauern. Ziel ist dessen Fertigstellung Ende 2031. Die neue Helmut-Kohl-Allee soll anschließend die Funktion der alten Hochstraße vollständig übernehmen.
Dann wird von der alten Hochstraße Nord wenig übrig sein. Ihre 34 Einzelbrücken verschwinden schrittweise aus dem Stadtbild. Was an ihre Stelle tritt, ist allerdings nicht einfach eine kleinere Straße: Ludwigshafen baut eine zentrale Bundesstraßenverbindung, einen Straßenbahnknoten und große Teile seines nördlichen Innenstadtbereichs gleichzeitig um.
Quellen und weiterführende Informationen
- Stadt Ludwigshafen: Helmut-Kohl-Allee – Planung, Bauablauf, Förderung und Kosten
- Stadt Ludwigshafen: Schäden und technische Gründe für den Ersatz der Hochstraße Nord
- SWR: Sperrung und Rückbau am Nordbrückenkopf ab August 2026
- SWR: Stadtentwicklung und Zukunftsquartiere entlang der Helmut-Kohl-Allee
- SWR: Rückbau des Würfelbunkers für die neue Verkehrsachse
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