Hafen oder Befestigung? 04.09.2026, 15:00 Uhr

Fast 30 m Holz und Stein: Rätselhafter Keltenbau am Main entdeckt

Eichen aus dem Spessart, Trockenmauern und 250-kg-Balken: Ein Fund am Main zeigt, wie aufwendig die Kelten vor 2400 Jahren bauten.

Ein bis zu 250 kg schwerer Eichenbalken wird vorsichtig aus der Baugrube am Aschaffenburger Mainufer gehoben

Ein bis zu 250 kg schwerer Eichenbalken wird vorsichtig aus der Baugrube am Aschaffenburger Mainufer gehoben. Das Holz stammt aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. und gehörte zu einer aufwendigen eisenzeitlichen Konstruktion aus Holz und Stein.

Foto: Björn Friedrich

Rund 8 m tief in einer Baugrube am Aschaffenburger Mainufer haben Archäologen eine außergewöhnliche Konstruktion aus Holz und Stein freigelegt. Die Eichenbalken sind 3 bis 4 m lang und wiegen bis zu 250 kg. Gefällt wurden die Bäume zwischen 372 und 352 v. Chr. – vor rund 2400 Jahren.

Der Fund ist nicht nur wegen seines Alters bemerkenswert. Die Anlage zeigt, welcher Aufwand hinter einem größeren Bauwerk der Eisenzeit stecken konnte: schwere Eichen aus dem Spessart, Steinmaterial, Transport über den Main und eine aufwendige Konstruktion auf feuchtem Untergrund.

Wozu sie genau diente, ist noch nicht geklärt. Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege vermutet einen geschützten Zugang vom Fluss hinauf zu einer höher gelegenen Siedlung. Eine hölzerne Plattform vor dem Bauwerk könnte zudem mit dem Anlegen von Booten und dem Umschlag von Waren zusammenhängen.

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Ein Bauwerk, mit dem niemand gerechnet hatte

Entdeckt wurde die Anlage im März 2026 beim Bau eines Regenüberlaufbeckens nördlich der Willigisbrücke. Im Baustellenbereich war zuvor kein Bodendenkmal bekannt oder vermutet worden. Erst während der Tiefbauarbeiten kamen in etwa 8 m Tiefe gut erhaltene Holzkonstruktionen zum Vorschein.

Der Erhaltungszustand war so ungewöhnlich gut, dass die Fachleute zunächst von einem deutlich jüngeren Bauwerk ausgingen. Die dendrochronologische Untersuchung änderte dieses Bild grundlegend. Im Labor des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege wurden die Jahresringe einzelner Eichen mit regionalen Eichenchronologien verglichen.

Das Ergebnis: Die Bäume wurden im 4. Jahrhundert v. Chr. gefällt und unmittelbar danach verbaut. Die Datierung lässt sich inzwischen auf 372 bis 352 v. Chr. eingrenzen. Damit stammt das Bauwerk aus der frühen Latènezeit. Das BLfD bezeichnet es hinsichtlich Alter, Bauweise und Erhaltungszustand als bayern- und deutschlandweit einzigartig.

Die freigelegte Holz-Stein-Konstruktion am Aschaffenburger Mainufer zeigt, wie eng schwere Eichenbalken und Trockenmauerwerk miteinander kombiniert wurden. Foto: Björn Friedrich

Fast 30 m Holz und Stein

Schon die Dimension zeigt, dass es sich nicht um einen kleinen Uferausbau handelt. Der bislang bekannte Befund erstreckt sich auf eine Länge von fast 30 m. Bereits bei den ersten Untersuchungen beschrieb die Stadt Aschaffenburg eine komplexe, mehrlagige Konstruktion aus Holz- und Steinlagen.

Inzwischen ist klar, dass Trockenmauern und eine aufwendig ausgeführte Holzbalkenkonstruktion zusammengehören. Wie beide konstruktiv genau zusammenwirkten, wird noch untersucht. Das Landesamt geht davon aus, dass die Bauweise an die schwierigen Bedingungen des feuchten Untergrunds angepasst war.

Genau an diesem Punkt sollte man mit modernen Begriffen vorsichtig sein. Ob einzelne Balken beispielsweise eine Funktion hatten, die sich mit heutigen Pfahl- oder Rostgründungen vergleichen lässt, ist bislang nicht geklärt. Sicher ist nur: Die schweren Hölzer wurden gezielt in die Konstruktion eingepasst.

Das erste Drittel ist inzwischen geborgen

Der aktuelle Nachrichtenanlass ist die Bergung. Im August konnte das erste Drittel der rund 2400 Jahre alten Eichenbalken ausgebaut werden. Die Hölzer wurden zunächst von Hand aus dem Befund gelöst und anschließend per Kran aus der Baugrube gehoben.

Die Dimensionen sind beachtlich: Ein Balken ist etwa 3 bis 4 m lang und 200 bis 250 kg schwer. Trotz dieses Gewichts mussten die Restauratoren sehr vorsichtig arbeiten, denn das Jahrtausende alte Holz ist nach der Freilegung empfindlich.

Auf den Oberflächen sind noch Bearbeitungsspuren eisenzeitlicher Werkzeuge zu erkennen. Das BLfD nennt ausdrücklich Beile und Dechseln. Sie können Hinweise darauf liefern, wie die Balken zugerichtet und in die Konstruktion eingepasst wurden.

Wie viel sich aus historischen Hölzern noch über frühere Handwerkstechniken herauslesen lässt, zeigt auch ein aktueller Fund in Konstanz. Dort bestehen mehr als 25 m² einer mittelalterlichen Kellerdecke aus wiederverwendeten Schiffsplanken. Die Konstruktion wird heute digital dokumentiert, um Plankenformen, Verbindungen und Bearbeitungsspuren genauer untersuchen zu können. Mehr dazu: Fast 800 Jahre übersehen – in dieser Kellerdecke steckt ein mittelalterliches Schiff.

Ein bis zu 250 kg schwerer Eichenbalken wird nach der Bergung vorsichtig gereinigt und dauerhaft feucht gehalten. Foto: Björn Friedrich

Eichen und Steine kamen über den Main

Der Fund erzählt auch etwas über die Baustellenlogistik vor 2400 Jahren. Nach Angaben des BLfD wurden die Eichen im Spessart gefällt und bearbeitet. Anschließend gelangten sowohl das Holz als auch das Steinmaterial über den Main bis zur Baustelle. Erst dort errichteten die Bauleute die Trockenmauern und passten die schweren Balken in die Konstruktion ein.

Damit wurde für die Anlage Material aus einem größeren Umfeld zusammengeführt. Holz musste ausgewählt und gefällt, Stein gewonnen, beides transportiert und am Ufer verarbeitet werden. Allein aufgrund der Balkengewichte war dafür eine größere Zahl von Arbeitskräften notwendig.

Das Landesamt geht deshalb davon aus, dass hinter dem Bau erhebliche Planung und Organisation standen. Die Anlage dürfte vom Main aus weithin sichtbar gewesen sein und auf einen bedeutenden Ort oberhalb des Flusses hingewiesen haben.

War das ein keltischer Hafen?

Genau diese Frage ist verlockend – aber noch nicht beantwortet. Unmittelbar vor der großen Holz-Stein-Konstruktion lag zum Fluss hin eine hölzerne Plattform. Das BLfD hält es für möglich, dass dort Boote anlegten und Waren oder Lasten aus- und umgeladen wurden. Bewiesen ist das bislang nicht.

Auch der Begriff „Hafen“ wäre deshalb derzeit zu weitgehend. Die aktuelle Arbeitshypothese lautet eher, dass die Konstruktion den Zugang vom Main hinauf zur Siedlung geschützt haben könnte.

Die Stadt Aschaffenburg und das BLfD sprechen inzwischen von Resten einer latènezeitlichen Befestigung. Beim Tag des offenen Denkmals am 13. September soll genau diese Verbindung zwischen der heutigen Oberstadt, dem Main und den damaligen Handelswegen erläutert werden.

Die geborgenen Eichenbalken werden in einem Wasserbecken gelagert und vorsichtig bewegt. Die Nasslagerung schützt das rund 2400 Jahre alte Holz vor Schäden durch zu schnelles Austrocknen. Foto: Björn Friedrich

Oberhalb lag offenbar ein bedeutender Zentralort

Dass auf der Höhe über dem Main in der Eisenzeit eine größere Siedlung existierte, ist schon länger bekannt. Funde aus der Aschaffenburger Oberstadt deuten auf einen keltischen Zentralort mit überregionalen Verbindungen hin. Beim Tag des offenen Denkmals sollen erstmals auch bislang nicht ausgestellte Latène-Funde aus diesem Bereich gezeigt werden.

Die neue Anlage am Ufer könnte deshalb eine wichtige Lücke schließen. Bislang war nur begrenzt bekannt, wie die höher gelegene Siedlung mit dem Fluss verbunden war.

Wenn sich die Vermutung einer befestigten Verbindung bestätigt, würde der Fund zeigen, dass der Main nicht nur Verkehrsweg war. Das Ufer selbst wäre dann Teil einer bewusst angelegten Infrastruktur gewesen.

Warum die Balken nach 2400 Jahren noch erhalten sind

Der gute Zustand der Hölzer hängt mit ihrer Lage zusammen. Sie befanden sich unterhalb des Mainpegels in dauerhaft nassem Boden. Dadurch war nur wenig Sauerstoff vorhanden und der biologische Abbau des Holzes stark verlangsamt.

Nach der Freilegung kehrt sich dieser Vorteil um. Wassergesättigtes archäologisches Holz darf nicht unkontrolliert austrocknen, weil es dabei schrumpfen, reißen und sich verformen kann.

Noch während der Grabung wurden die freiliegenden Hölzer deshalb regelmäßig befeuchtet. Im Juli installierten die Fachleute sogar ein automatisches Bewässerungssystem. Nach der Bergung werden die Balken gereinigt und zunächst nass gelagert.

Detail der freigelegten Holz-Stein-Konstruktion am Mainufer: Die massiven Eichenbalken liegen eng neben dem Trockenmauerwerk. Wie beide Bauteile konstruktiv genau zusammenwirkten, wird derzeit noch untersucht. Foto: Björn Friedrich

Jeder Balken wird dreidimensional vermessen

Als Nächstes beginnt die digitale Dokumentation. Für jeden einzelnen Balken sind 3D-Laserscans vorgesehen. Damit sollen Form, Abmessungen und sichtbare Bearbeitungsspuren möglichst genau erfasst werden.

Die Daten helfen später bei der Rekonstruktion der gesamten Anlage. Gerade weil die Hölzer nach der Bergung getrennt konserviert werden müssen, bleibt so ihre ursprüngliche Geometrie digital erhalten.

Langfristig sollen außerdem Teile der Balkenkonstruktion und der Steinmauer konserviert und im Stiftsmuseum Aschaffenburg ausgestellt werden.

Digitale Dokumentationsverfahren spielen inzwischen bei vielen bauarchäologischen Untersuchungen eine wichtige Rolle. Beim Doberaner Münster konnten moderne Untersuchungen beispielsweise lange verbreitete Vorstellungen über die historische Gründung korrigieren.

Mehrere Disziplinen untersuchen den Fund

Mit der Bergung ist die Arbeit deshalb längst nicht beendet. Archäologen und Bauforscher untersuchen den konstruktiven Aufbau, Geoarchäologen analysieren Böden und Ablagerungsschichten, Archäobotaniker nehmen Pflanzenreste in den Blick. Hinzu kommen Restaurierung und weitere naturwissenschaftliche Datierungen.

Im September will das Bayerische Landesamt für Umwelt außerdem sogenannte Klebeprofile des eisenzeitlichen Bodens anfertigen. Dabei werden komplette Bodenabfolgen als dünne, zusammenhängende Profile gesichert und können anschließend dauerhaft untersucht beziehungsweise ausgestellt werden. Die archäologischen Arbeiten sollen bis Ende 2026 abgeschlossen sein. Der Bau des Pumpenkellers läuft währenddessen in einem anderen Bereich der Baustelle weiter.

Quellen

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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