Großbrand von Tai Po 28.11.2025, 11:30 Uhr

128 Tote in Hongkong: Wie Bambus zum Turbo-Feuer führte

Die Katastrophe fordert mindestens 128 Tote. Experten prüfen die Rolle von Bambusgerüsten als Brandbeschleuniger. Die technischen Hintergründe.

Feuer und Rauch

Bambusgerüst und Kunststoffnetz: Diese Brandbeschleuniger sind mögliche Ursachen für den Großbrand in Hongkong.

Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com/Nexpher Images/ Vernon Yuen

Der verheerende Hochhausbrand in Hongkong hat mindestens 128 Menschenleben gefordert. Die Flammen breiteten sich rasend schnell auf sieben Wohntürme aus. Die Feuerwehr hat den Brand inzwischen gelöscht. Im Fokus der Ermittlungen: die traditionellen Bambusgerüste an der Fassade. Wie gefährlich ist das asiatische Baumaterial und welche Rolle spielte es in dieser Katastrophe?

Die Feuerhölle von Tai Po

Mitten im belebten Bezirk Tai Po in Hongkong ereignete sich einer der schrecklichsten Wohnungsbrände der letzten Jahrzehnte. Ein Brand in einem riesigen Hochhauskomplex, dem Wang Fuk Court, forderte mindestens 44 Todesopfer. Hinzu kamen zahlreiche Verletzte und Vermisste.

Die Zahlen sind erschreckend: 279 Menschen galten zeitweise als vermisst, 29 Personen mussten im Krankenhaus behandelt werden, wie der Regierungschef der chinesischen Sonderverwaltungszone, John Lee, mitteilte. Auch ein 37-jähriger Feuerwehrmann verlor bei den schwierigen Löscharbeiten sein Leben.

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Feuer breitet sich in rasender Geschwindigkeit aus

Das Feuer, das am Nachmittag des 26. Novembers um 14:51 Uhr Ortszeit gemeldet wurde, breitete sich in unfassbarer Geschwindigkeit aus. Der Wohnkomplex besteht aus acht 32-stöckigen Türmen mit fast 2000 Wohnungen für rund 4800 Bewohnerinnen und Bewohner. Die Flammen griffen auf sieben dieser Hochhäuser über.

Der Vize-Feuerwehrchef beschrieb die Situation: Wegen Wind und herumfliegender Trümmerteile habe sich das Feuer rasend schnell ausgebreitet. Hohe Temperaturen am Unglücksort erschwerten die Rettungsarbeiten der Einsatzkräfte. Etwa 700 Bewohnerinnen und Bewohner mussten in Notunterkünfte gebracht werden.

Die Bilder glichen einer Feuerhölle: Helle Flammen und dichter Rauch quollen aus den Fenstern der dicht beieinander stehenden Gebäude. Die Feuerwehr setzte Drehleitern ein, um das wütende Feuer aus großer Höhe zu bekämpfen.

Bambusgerüste

Bambusgerüste und Kunstsstoffnetze könnten dafür gesorgt haben, dass sich das Feuer so schnell ausgebreitet hat.

Foto: picture alliance / Sipa USA | Nexpher Images/Vernon Yuen

Bambus: Traditionelles Baumaterial auf dem Prüfstand

Die Ermittlungen zur Brandursache laufen auf Hochtouren. Die Polizei nahm bereits drei Männer einer Baufirma unter dem Verdacht der fahrlässigen Tötung fest. Die Büroräume des Unternehmens wurden durchsucht.

Besondere Aufmerksamkeit widmen die Behörden einem Aspekt, der für viele in der westlichen Welt ungewöhnlich erscheint: Bambusgerüste.

Hongkong ist einer der wenigen Orte weltweit, an denen Bambus noch großflächig für Baugerüste verwendet wird. Bei dem Wang Fuk Court-Komplex umgaben diese Gerüste die Fassaden, da Renovierungsarbeiten stattfanden. Über diese Holzstruktur breiteten sich die Flammen laut Regierungschef Lee von einem Hochhaus auf die anderen aus.

Aber wie gefährlich sind diese Bambuskonstruktionen wirklich?

Die Brennbarkeit von Bambus

Bambus ist botanisch gesehen ein Gras und besteht hauptsächlich aus Zellulose und Lignin. Wie Holz ist es ein organisches, brennbares Material.

  • Trockener Bambus fängt relativ leicht Feuer. Im Vergleich zu modernen Stahl- oder Aluminiumgerüsten, die selbst nicht brennen, bildet Bambus eine durchgehende, leicht entzündliche Struktur entlang der gesamten Fassade. Gegenüber tagesschau24 erläutert Roland Goertz, Lehrstuhlinhaber für chemische Sicherheit und abwehrenden Brandschutz an der Bergischen Universität Wuppertal, dass sich die einzelnen Baubusteile „explosionsartig praktisch zerlegen“.
  • Die äußere Schicht des Bambus, die Epidermis, enthält Silikate, was ihm eine gewisse natürliche Feuerresistenz verleiht. Allerdings reicht diese Schutzschicht bei einem Großbrand oder bei älterem, trockenem Bambus nicht aus.
  • Die Gerüste werden mit Kunststoffnetzen und Planen verkleidet. Diese sind in der Regel ebenfalls leicht entzündlich und können das Feuer schnell über die gesamte Fläche verteilen. Sie wirken wie eine Zündschnur. Ermittler fanden vor Ort zudem Polystyrolplatten – einen leicht entflammbaren Kunststoff, der oft zur Dämmung genutzt wird. Dieser Materialmix an der Fassade könnte die schnelle Ausbreitung begünstigt haben.

Die Bauweise als Risiko

Die Bauweise des Bambusgerüsts selbst trägt zum Risiko bei:

  1. Durchgehende Struktur: Die einzelnen Stangen sind eng miteinander verflochten und erstrecken sich über die gesamte Höhe und Breite des Gebäudes, oft auch von einem Block zum nächsten. Das schafft eine perfekte Brandbrücke, die es den Flammen erlaubt, vertikal und horizontal aufzusteigen und zu wandern.
  2. Kamineffekt: Zwischen dem Gerüst und der eigentlichen Gebäudewand entsteht ein Zwischenraum. Dieses vertikale „Kaminrohr“ kann bei einem Brand einen starken Luftzug erzeugen. Der dadurch entstehende Kamineffekt saugt die Flammen nach oben und beschleunigt die Ausbreitung extrem.

In Kombination mit den brennbaren Netzen und möglicherweise aufgestapelten Baumaterialien am Fuß des Gerüsts wird der Bambus zum Brandbeschleuniger und der „Kamin“ zum Turbo.

Warum werden überhaupt Bambusgerüste verwendet?

Bambusgerüste stellen in weiten Teilen Asiens eine langjährige Bautradition dar. Hongkong gilt als einer der letzten Orte weltweit, an dem diese Bauweise noch in signifikantem Umfang angewendet wird und integraler Bestandteil des städtischen Erscheinungsbildes ist.

Die Montage erfolgt durch spezialisierte Arbeitskräfte, die umgangssprachlich als „Spinnen“ bezeichnet werden. Sie fixieren die einzelnen Bambusstangen manuell mittels Kunststoffbändern. Bambus wird aufgrund seiner hohen Stabilität, Flexibilität und Wirtschaftlichkeit geschätzt, zudem ist es ein schnell nachwachsender Rohstoff. Nach Angaben von Jörg Endriss, Korrespondent des ARD-Studios Peking, beziffern Baufirmen die Kosten für Bambusgerüste auf einen Bruchteil der Ausgaben für Stahlkonstruktionen, was die Präferenz, insbesondere in Hongkong, erklärt.

Brandgefahr war bekannt

Gleichwohl stand die Verwendung von Bambusgerüsten wegen Brandschutzbedenken wiederholt in der Kritik. Bereits im März hatten die Hongkonger Behörden Richtlinien erlassen, die bei öffentlichen Bauvorhaben mehrheitlich den Einsatz von Stahlgerüsten zur Verbesserung der Feuersicherheit vorsahen.

Als Reaktion auf jüngste Brandereignisse intensiviert sich in Hongkong nun die Diskussion um die Gerüstmaterialien. Verwaltungschef Eric Chan kündigte eine zügige und umfassende Umstellung von Bambus- auf Stahlgerüste an. Er betonte, dass Bambus zwar vielseitig sei, jedoch im Hinblick auf den Brandschutz erheblich schlechter abschneide als Stahl.

Was die Ermittler sonst noch im Visier haben

Die Bambus-Gerüste sind ein wichtiger, aber nicht der einzige Faktor, den die Forschenden untersuchen. Medienberichten zufolge fanden die Ermittler auch Hinweise auf:

  • Blockierte Fenster: Mit Dämmplatten verbaute und teilweise blockierte Fenster erschweren nicht nur die Flucht, sondern auch die Belüftung der Gebäude.
  • Minderwertige Baumaterialien: Es besteht der Verdacht, dass minderwertige oder nicht feuerfeste Materialien in den Gebäuden selbst verbaut wurden.
  • Fehlende Sicherheitsstandards: Die Behörden prüfen die Einhaltung von Sicherheitsvorschriften bei der Errichtung der Bambusgerüste und den verwendeten Schutznetzen.

Früher waren tödliche Brände in Hongkong, insbesondere in älteren und ärmeren Stadtvierteln, häufiger. Durch verschärfte Sicherheitsmaßnahmen sind sie in Wohngebieten jedoch seltener geworden. Dieser aktuelle Großbrand wirft nun erneut die Frage auf, ob die traditionelle Bauweise den heutigen Sicherheitsanforderungen, gerade bei hoch verdichteten Wohnkomplexen, noch genügt.

Drei Festnahmen bei einer Baufirma nach schlimmster Brandkatastrophe seit 1948

Das Unglück wird als die schlimmste Brandkatastrophe in Hongkong seit dem Jahr 1948 eingestuft. Als Reaktion darauf hat Hongkongs Regierungschef John Lee einen Hilfsfonds in Höhe von 300 Millionen Hongkong-Dollar (entspricht 33 Millionen Euro) angekündigt.

In der Zwischenzeit hat die Polizei drei leitende Angestellte einer Baufirma unter dem Verdacht der fahrlässigen Tötung festgenommen. Eine Polizeisprecherin erklärte dazu: „Wir haben Grund zu der Annahme, dass die verantwortlichen Personen der Firma grob fahrlässig gehandelt haben, was zu diesem Unfall führte und eine unkontrollierte Ausbreitung des Feuers verursachte.“ Bei einer Durchsuchung der Geschäftsräume des Unternehmens Prestige Construction wurden von den Behörden Ausschreibungsunterlagen, Computer sowie Mobiltelefone als Beweismittel beschlagnahmt.

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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