1,4-Mrd.-$-Investition 11.06.2026, 11:00 Uhr

Neura-Chef Reger: „Ein menschenähnlicher Roboter muss zwangsläufig verlieren“

1,4 Mrd. $ für humanoide Roboter: Neura Robotics will künstliche Intelligenz aus dem Rechenzentrum in die reale Welt bringen. CEO David Reger erklärt im Interview, warum dafür nicht nur Investoren überzeugt werden müssen, sondern auch die Gesellschaft.

Nuera-CEO Reger vor einem humanoiden Roboter

"Abstrahierte Bauformen von Robotern haben einen großen Vorteil: Sie vermeiden falsche Erwartungen", sagt Neura-Chef David Reger. Hier steht er vor einem humanoiden Roboter, den sein Unternehmen 2025 auf der Messe Automatica in München vorstellte.

Foto: Neura Robotics GmbH

Mit einer milliardenschweren Finanzierungsrunde hat das deutsche Robotikunternehmen Neura Robotics internationale Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Das frische Kapital soll dabei helfen, die Entwicklung humanoider Roboter voranzutreiben und das Unternehmen als führenden Anbieter im Bereich der sogenannten „Physical AI“ zu positionieren.

Künstliche Intelligenz soll künftig nicht nur auf Bildschirmen stattfinden, sondern in der realen Welt handeln. Roboter werden Waren bewegen, Maschinen bedienen oder Menschen im Alltag unterstützen. Genau diese Vision verfolgt Neura Robotics. Doch um sie Wirklichkeit werden zu lassen, braucht es nicht nur Investoren…

ingenieur.de: Herr Reger, es gibt viele Menschen, die humanoiden Robotern kritisch gegenüberstehen. Was halten Sie denen entgegen?

David Reger: Die Debatte über humanoide Robotik wird häufig emotional geführt, weil sie unser Selbstbild berührt. Dabei könnten und sollten wir das sehr pragmatisch sehen: Wir stehen vor großen demografischen und wirtschaftlichen Herausforderungen – unsere alternde Gesellschaft mit steigendem Dienstleistungsbedarf trifft auf Fachkräftemangel und eine junge Generation, die seltener bereit ist, schwere, gefährliche oder monotone Berufe zu ergreifen. Humanoide Robotik ist in dieser Realität keine Spielerei, sondern die derzeit einzige Antwort.

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Deshalb ist die richtige Balance zwischen Funktion, Design und gesellschaftlicher Akzeptanz tatsächlich der entscheidende Faktor.

Pro und Kontra: Menschlicher Formfaktor bei humanoiden Robotern

Wie wirken humanoide Roboter auf Menschen – und wo sollte die menschliche Form vermieden werden?

Wenn es um die Wirkung humanoider Roboter auf Menschen geht, ist eine wichtige Unterscheidung nötig: Sprechen wir von menschenähnlicher Körperanatomie mit Armen, Beinen und Händen – oder von der Nachbildung zwischenmenschlicher Signale durch Mimik und Körpersprache.

Eine menschenähnliche Bauform ist technisch sinnvoll, wenn Roboter in einer für Menschen gemachten Umgebung arbeiten sollen. Um mit Türen, Treppen oder Schaltern umgehen zu können, sind Arme, Beine und Hände eine funktionale Notwendigkeit.

Bei der Nachbildung von Gesicht, Mimik und emotionalem Ausdruck ist dagegen Vorsicht geboten. Denn je stärker ein Roboter menschliche Signale simuliert, desto eher entstehen Erwartungen, die er weder erfüllen kann noch erfüllen sollte. Roboter sind am Ende nicht mehr als hoch entwickelte Werkzeuge und Maschinen. Sie sollen mit uns interagieren, um zu unterstützen und zu entlasten. Aber sie können und sollten menschliche Beziehungen und echte emotionale Nähe niemals ersetzen.

Humanoider Roboter von Neura auf der Hannover Messe 2026
Auf der Hannover Messe 2026 präsentierte Neura Robotics beim Partner Dassault Systèmes dieses Roboterdesign. Foto: Martin Ciupek

Können humanoide „soziale“ Roboter Menschen ersetzen oder sogar übertreffen?

In dieser Fragestellung steckt eine Gefahr: Man kann sie so lesen, als ginge es dabei um einen Wettbewerb – oder sogar um ein erstrebenswertes Ziel. Gerade im sozialen Bereich darf es nie darum gehen, den Menschen zu ersetzen oder ihn in seiner Menschlichkeit „zu übertreffen“. Im sozialen menschlichen Miteinander geht es ja nicht um Effizienz, Verfügbarkeit oder fehlerfreie Ausführung. Es geht um Würde, um ein wahrhaftiges und verantwortungsvolles Gegenüber, um Intuition oder Mitgefühl.

Robotik kann jedoch auch im sozialen Bereich entlasten, wenn Zeit oder Personal fehlen. Wir arbeiten daran, dass Roboter Routineaufgaben übernehmen und dadurch Freiräume schaffen, damit Menschen wieder mehr Zeit für Menschlichkeit haben. Die Unterstellung einer Vergleichbarkeit zwischen Menschen und Robotern in sozialen Kategorien sendet da ein falsches Signal. Technik sollte den Menschen nie verdrängen, sondern ihm dienen.

Für mich geht es immer um die Frage, wie wir Technologie so gestalten, dass sie menschliche Arbeit, menschliche Nähe und menschliche Verantwortung schützt und unterstützt.

Ängste gegenüber humanoiden Robotern ernst nehmen

Trotzdem machen solche Roboter Menschen Angst. Es besteht also die Gefahr der Ablehnung. Wie denken Sie darüber?

Wie bei jeder neuen Technologie gibt es bei Robotern nachvollziehbare Vorbehalte bis hin zur Ablehnung. Angst ist dann noch einmal etwas anderes. Sie geht darauf zurück, dass unser bildhaftes Verständnis von Robotern nicht im Alltag entstanden ist, sondern maßgeblich durch Hollywood geprägt wurde. Dort sind Roboter oft Bedrohung, Gegenspieler oder Projektionsfläche für Kontrollverlust. Diese Bilder wirken nachhaltig – auch dann, wenn die Realität eine ganz andere ist.

Im realen Leben hat ja niemand Angst vor einem Roboter, der ein Auto zusammenbaut oder ein Paket bewegt. Skepsis entsteht eher dort, wo Macht oder Nähe ins Spiel kommt – oder wo Menschen befürchten, dass ihre Rolle, ihr Arbeitsplatz oder ihre Bedeutung infrage gestellt wird.

Interessant ist hier der Blick auf andere Weltregionen: In vielen asiatischen Ländern ist die Offenheit gegenüber neuen Technologien wie der Robotik deutlich größer als in Europa. Dort sieht man die Chance, Wohlstand breiter zu verteilen und Menschen von harter, gefährlicher oder monotoner Arbeit zu entlasten. Ein solches Narrativ fördert die gesellschaftliche Akzeptanz.

Unabhängig davon müssen wir Bedenken ernst nehmen und nach ihrem Kern fragen. Denn das Unterbewusstsein einer Gesellschaft reagiert aufgrund jahrtausendelanger Erfahrung sehr sensibel, wenn es um Würde, Kontrolle, Nähe und Verantwortung geht.

In diesem Sinne kann man Ängste vor Robotern auch als eine Art Frühwarnsystem verstehen, das mögliche Fehlentwicklungen intuitiv erkennt und damit eine rechtzeitige Reaktion in Politik und Wirtschaft ermöglicht.

Was bedeutet das für Unternehmen, die künftig humanoide Roboter einsetzen wollen?

Akzeptanz entsteht nicht dadurch, dass man Ängste wegdiskutiert, sondern dadurch, dass man transparent informiert und Vertrauen aufbaut.

Das bedeutet: 1. Bedenken ernst nehmen und offen ansprechen, 2. klar kommunizieren, was Technologie leisten soll – und was nicht – sowie 3. bewusst so gestalten, dass sie unterstützt, aber nicht ersetzt.

Akzeptanz entsteht nicht dadurch, dass man Ängste wegdiskutiert, sondern dadurch, dass man transparent informiert und Vertrauen aufbaut. Das ist umso wichtiger, weil Robotik viele Chancen eröffnet, einigen der größten Herausforderungen unserer Zeit wirksam zu begegnen.

Lesen Sie auch: Humanoide Roboter im Einsatz: Wo können sie Fachkräfte ersetzen?

Deshalb setzt Neura bei Humanoiden auf reduzierte Designs

Sind abstrakte, künstliche Figuren dabei akzeptabler als menschenähnliche?

Ja – abstrahierte Bauformen von Robotern haben einen großen Vorteil: Sie vermeiden falsche Erwartungen und symbolisieren den Werkzeugcharakter eines Roboters. Ein menschenähnlicher Roboter wird automatisch an menschlichen Maßstäben gemessen – und muss dann zwangsläufig verlieren, weil er eben kein Mensch ist.

Deshalb setzen wir bei humanoiden Robotern bewusst auf reduzierte Designs:  zugänglich, aber auch aus der Ferne niemals mit einem Menschen verwechselbar. In Industrie und Logistik gibt es außerdem unzählige Einsatzfelder, wo Roboter zwar kognitive Fähigkeiten brauchen, um eigenständig arbeiten zu können, wo aber Rollen besser sind als Beine – oder wo vier Arme mehr leisten können als zwei.

Wir fragen daher nicht: „Wie menschlich können wir werden?“, sondern: „Welcher Formfaktor ermöglicht uns eine intuitive Interaktion der Maschine und versetzt sie in die Lage, ihre Aufgaben bestmöglich zu erfüllen?“.

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Ein Beitrag von:

  • Wolfgang Schmitz

    Fachthemen: Bildung, Karriere, Management, Gesellschaft, Arbeitsmarkt

Themen im Artikel

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