Wie viele Anforderungen einer Stellenanzeige müssen Ingenieure erfüllen?
Müssen Ingenieurinnen und Ingenieure wirklich alle Anforderungen einer Stellenanzeige erfüllen? Studien zeigen, warum viele ihre Chancen unterschätzen.
Was wir suchen. In den seltensten Fällen müssen alle Anforderungen einer Stellenanzeige erfüllt werden.
Foto: Smarterpix / keport
Fünf Jahre Berufserfahrung, Kenntnisse in zwei CAD-Systemen, Projektmanagement nach Scrum, Erfahrung mit Python, SAP-Kenntnisse, fließendes Englisch und idealerweise internationale Projekterfahrung.
Viele Ingenieurinnen und Ingenieure lesen Stellenanzeigen wie technische Lastenhefte: Jeder einzelne Punkt scheint erfüllt werden zu müssen. Fehlt eine Qualifikation, wandert die Ausschreibung schnell in den Papierkorb.
Doch genau diese Denkweise könnte viele gute Fachkräfte davon abhalten, sich auf passende Stellen zu bewerben. Denn aktuelle Untersuchungen zeigen: Die berühmte Regel, man müsse nahezu alle Anforderungen erfüllen, hält einer wissenschaftlichen Überprüfung kaum stand. Gleichzeitig betrachten Unternehmen ihre Anforderungsprofile häufig als Idealbild und nicht als starre Checkliste.
Inhaltsverzeichnis
- Die berühmte 100-%-Regel hat eine überraschend schwache Grundlage
- Eine Studie mit mehr als 10.000 Teilnehmenden zeichnet ein anderes Bild
- Stellenanzeigen sind häufig Wunschlisten
- Im Ingenieurwesen gelten oft andere Regeln
- Es gibt allerdings echte Ausschlusskriterien
- Der Fachkräftemangel ist differenzierter als oft dargestellt
- Auch Bewerbermanagementsysteme sind nicht so starr wie ihr Ruf
- Wie sollten Ingenieurinnen und Ingenieure Stellenanzeigen lesen?
- Der eigentliche Irrtum liegt oft in der Interpretation
Die berühmte 100-%-Regel hat eine überraschend schwache Grundlage
Kaum eine Recruiting-Weisheit wird häufiger zitiert als diese: Männer bewerben sich bereits bei 60 % Übereinstimmung, Frauen erst bei 100 %.
Bekannt wurde diese Aussage durch einen Beitrag der Harvard Business Review aus dem Jahr 2014. Dort wird auf eine interne Untersuchung des Technologiekonzerns Hewlett-Packard verwiesen.
Das Problem: Diese Studie wurde nie veröffentlicht. Es gibt keine öffentlich zugängliche Methodik, keine Stichprobengröße und keine wissenschaftliche Begutachtung. Viele Karriereportale behandeln die Regel dennoch wie eine gesicherte Tatsache. Genau diesen Mythos hat das britische Behavioural Insights Team (BIT) wissenschaftlich überprüft.
Eine Studie mit mehr als 10.000 Teilnehmenden zeichnet ein anderes Bild
In einer 2022 veröffentlichten Untersuchung analysierten die Forschenden, wie Menschen auf unterschiedlich formulierte Stellenanzeigen reagieren und ab welchem Grad der Übereinstimmung sie sich bewerben würden.
Das Ergebnis überraschte:
| Gruppe | Durchschnittliche Passung bis zur Bewerbung |
| Männer | 52,1 % |
| Frauen | 55,7 % |
Der Unterschied existiert also durchaus, fällt aber deutlich geringer aus als die oft zitierte 60-gegen-100-Regel. Interessanter noch: Viele Teilnehmende interpretierten die Anforderungen grundsätzlich als zwingende Mindestkriterien. Genau hier scheint das eigentliche Problem zu liegen.
Stellenanzeigen sind häufig Wunschlisten
Aus Sicht von Unternehmen erfüllen Stellenanzeigen mehrere Funktionen gleichzeitig. Sie sollen geeignete Kandidatinnen und Kandidaten ansprechen, ungeeignete aussortieren und gleichzeitig ein möglichst attraktives Bild der Position vermitteln.
Das führt häufig zu sehr langen Anforderungskatalogen. Recruiting-Fachleute unterscheiden deshalb zwischen drei Kategorien:
| Typ | Bedeutung |
| Must-have | Ohne diese Qualifikation ist die Stelle kaum auszuüben. |
| Should-have | Wünschenswert, kann aber erlernt werden. |
| Nice-to-have | Zusätzlicher Bonus. |
Genau diese Unterscheidung fehlt jedoch in vielen Ausschreibungen. Studien zur Gestaltung von Stellenanzeigen weisen seit Jahren darauf hin, dass überladene Anforderungsprofile qualifizierte Bewerberinnen und Bewerber abschrecken können. Unternehmen formulieren deshalb häufig das Profil einer Idealbesetzung – wohl wissend, dass sie diese in der Realität nur selten finden werden.
Im Ingenieurwesen gelten oft andere Regeln
Für technische Berufe kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Über Einstellungen entscheiden häufig nicht allein Personalabteilungen.
Gerade im Maschinenbau, der Energietechnik oder der Automatisierungstechnik sitzen Entwicklungsleiter, Projektverantwortliche oder Konstrukteure bereits früh im Auswahlprozess.
Sie stellen oft ganz andere Fragen:
- Hat die Person vergleichbare Anlagen entwickelt?
- Versteht sie ähnliche Fertigungsprozesse?
- Kann sie sich schnell in neue Normen einarbeiten?
- Sind die bisherigen Projekte technisch übertragbar?
Die exakte Beherrschung eines bestimmten CAD-Systems oder einer einzelnen Programmiersprache ist dagegen häufig nachrangig.
Wer beispielsweise mit Siemens NX gearbeitet hat, wird sich meist auch in CATIA oder Creo einarbeiten können. Wer Erfahrung mit SPS-Programmierung besitzt, kann oft relativ schnell zwischen verschiedenen Herstellerplattformen wechseln.
Es gibt allerdings echte Ausschlusskriterien
Genau hier liegt ein wichtiger Unterschied, der in vielen Karriereratgebern zu kurz kommt. Nicht jede fehlende Qualifikation lässt sich einfach kompensieren.
Typische Must-have-Kriterien im Ingenieurwesen sind beispielsweise:
- gesetzlich vorgeschriebene Berufszulassungen,
- Bauvorlageberechtigungen,
- spezielle Schweißzertifizierungen,
- Functional-Safety-Kompetenzen nach IEC 61508,
- luftfahrtrechtliche Qualifikationen,
- regulatorische Kenntnisse in der Medizintechnik.
Fehlen solche Kernqualifikationen, sinken die Chancen auf eine Einladung tatsächlich erheblich.
Anders sieht es bei einzelnen Softwarekenntnissen, Methodenkompetenzen oder branchenspezifischen Werkzeugen aus. Diese werden häufig als wünschenswert aufgeführt, können aber im Unternehmen erlernt werden.
Der Fachkräftemangel ist differenzierter als oft dargestellt
Immer wieder heißt es, Ingenieurinnen und Ingenieure würden überall händeringend gesucht. Ganz so einfach ist die Lage allerdings nicht.
Während Bereiche wie Elektrotechnik, Energietechnik, Halbleiterindustrie, Automatisierung oder industrielle Softwareentwicklung weiterhin einen hohen Bedarf aufweisen, ist der Arbeitsmarkt im klassischen Maschinenbau oder bei manchen Automobilzulieferern regional deutlich angespannter.
Das bedeutet gleichzeitig: Unternehmen müssen häufig Kompromisse eingehen. Die perfekte Besetzung existiert schlicht nicht.
Gesucht werden daher zunehmend Bewerberinnen und Bewerber mit technischer Anschlussfähigkeit – also Menschen, die komplexe Systeme verstehen und sich fehlende Spezialkenntnisse schnell aneignen können.
Auch Bewerbermanagementsysteme sind nicht so starr wie ihr Ruf
Viele Ingenieurinnen und Ingenieure verzichten auf eine Bewerbung, weil sie glauben, ein digitales Bewerbermanagementsystem würde sie automatisch aussortieren.
Tatsächlich arbeiten moderne Applicant Tracking Systems (ATS) zwar mit Schlagwörtern und Qualifikationsprofilen. Die meisten Systeme treffen aber keine endgültigen Einstellungsentscheidungen. Sie unterstützen lediglich die Vorauswahl.
Gerade bei schwer zu besetzenden Ingenieurstellen werden Bewerbungen häufig zusätzlich von Fachabteilungen gesichtet. Dort zählen Projekterfahrung und technisches Verständnis meist mehr als eine hundertprozentige Übereinstimmung mit der Ausschreibung.
Wie sollten Ingenieurinnen und Ingenieure Stellenanzeigen lesen?
Aus den wissenschaftlichen Untersuchungen lässt sich keine magische Prozentzahl ableiten. Die Forschung zeigt aber deutlich, dass die weit verbreitete Vorstellung einer notwendigen 100-%-Passung kaum haltbar ist.
Für die Praxis kann daher eine einfache Prüfliste helfen:
Vier Fragen vor der Bewerbung
✔ Erfülle ich die fachlichen Kernanforderungen?
✔ Habe ich bereits ähnliche technische Probleme gelöst?
✔ Lassen sich fehlende Kenntnisse innerhalb weniger Monate aufbauen?
✔ Kann ich diese Lernfähigkeit im Gespräch glaubhaft belegen?
Wer diese Fragen überwiegend mit Ja beantwortet, sollte sich von einer langen Wunschliste nicht abschrecken lassen.
Der eigentliche Irrtum liegt oft in der Interpretation
Die wissenschaftlichen Untersuchungen legen nahe, dass viele Bewerberinnen und Bewerber Stellenanzeigen deutlich wörtlicher nehmen als die Unternehmen selbst.
Während Personalabteilungen und Fachbereiche häufig ein Idealprofil formulieren, lesen viele Ingenieurinnen und Ingenieure die Ausschreibung wie eine technische Spezifikation mit verbindlichen Mindestanforderungen. Genau dadurch könnten sich manche der besten Kandidatinnen und Kandidaten selbst aus dem Rennen nehmen.
Oder anders formuliert:
Viele Unternehmen schreiben nach einem Einhorn aus. Eingestellt wird am Ende aber oft jemand, der die wichtigsten technischen Herausforderungen beherrscht – und den Rest lernen kann.
Ein Beitrag von: