Bewerbungsfrust 13.07.2026, 08:00 Uhr

Absagen nach der Bewerbung: So bitte nicht!

Schlechte Absagen, Ghosting und Floskeln: Wie Unternehmen durch mangelhafte Kommunikation im Recruiting Ingenieur-Fachkräfte verlieren und ihre Arbeitgebermarke schädigen.

Eine zerrissene Bewerbung

Absagen gehören zum Recruiting-Alltag – doch fehlende Transparenz und Standardfloskeln können das Verhältnis zwischen Unternehmen und Bewerber*innen nachhaltig belasten.

Foto: picture alliance / CHROMORANGE | Michael Bihlmayer

Eine Absage dauert wenige Sekunden – ihre Wirkung kann jedoch Jahre an Imagearbeit zunichtemachen. Gerade in technischen Disziplinen, in denen spezialisierte Fachkräfte heiß begehrt sind, ist der Umgang mit Bewerbungen ein entscheidender Faktor bei der Bewertung eines Arbeitgebers. Unternehmen investieren viel Budget in ihre Arbeitgebermarke, verspielen das Vertrauen aber häufig genau am Ende des Bewerbungsprozesses: durch Standardfloskeln, fehlende Transparenz und ausbleibendes Feedback.

Das zeigt eine gemeinsame Umfrage der Arbeitgeber-Vergleichsplattform kununu und der Unternehmensberatung HR4Good unter 1032 Beschäftigten, durchgeführt vom Marktforschungsinstitut bilendi. Die Ergebnisse offenbaren eine deutliche Lücke zwischen den Erwartungen der Bewerber*innen und der Realität in den Personalabteilungen.

Mehr Bewerbungen, mehr Absagen: Der Arbeitsmarkt wird härter

Der Arbeitsmarkt hat sich spürbar verändert. Während Bewerber*innen in den vergangenen Jahren häufig zwischen mehreren Angeboten wählen konnten, steigt der Wettbewerb um attraktive Stellen wieder. Unternehmen erhalten mehr Bewerbungen pro Position – und entsprechend häufiger müssen sie Absagen verschicken.

Auch Ingenieurinnen und Ingenieure erleben diese Entwicklung. Zwar bleibt technisches Know-how in den allermeisten Bereichen extrem gefragt, doch Unternehmen können bei offenen Stellen wieder selektiver auswählen. Damit wird die Absage zum häufigsten Kontaktpunkt zwischen Arbeitgeber und Fachkraft. Genau dieser Moment entscheidet darüber, wie ein Unternehmen langfristig wahrgenommen wird: Ein professioneller Auswahlprozess stärkt die Arbeitgebermarke – eine schlechte Absagepraxis beschädigt sie nachhaltig.

Floskeln statt Wertschätzung: Was Bewerbende wirklich wollen

Die Erwartungen an eine Absage sind eindeutig: Bewerberinnen wollen nachvollziehen können, warum eine Entscheidung gegen sie gefallen ist. Besonders für Ingenieurinnen ist das relevant. Ihre Bewerbungen enthalten häufig detaillierte Angaben zu komplexen Projekten, spezifischen technischen Fähigkeiten und langjähriger Berufserfahrung. Eine pauschale Absage ohne Bezug zur eigenen Qualifikation vermittelt schnell das Gefühl, dass die investierte Zeit nicht wertgeschätzt wurde.

Die Studienergebnisse zeigen hier ein massives Defizit:

  • Individuelle Begründung: 91,3 % der Befragten bewerten eine persönliche Erklärung im Absageschreiben als wichtig oder sehr wichtig. Gleichzeitig erleben 65,5 % solche Rückmeldungen selten oder nie.
  • Die Nerv-Faktoren: Absageschreiben sind noch immer ein Sammelbecken für austauschbare Phrasen. Zu den unbeliebtesten Standardformulierungen gehören:

„Leider müssen wir Ihnen mitteilen“ (36,7 %)

„Nach gewissenhafter Prüfung müssen wir leider“ (22,6 %)

„Vielen Dank für Ihr Interesse“ (20,9 %)

  • Fehlendes Entwicklungs-Feedback: 70,2 % der Befragten wünschen sich konkrete Rückmeldungen dazu, wie sie ihren Lebenslauf oder ihr Anschreiben optimieren können. Doch 80,9 % erhalten solche Hinweise selten oder nie.

Der Faktor Zeit: Das Warten auf die Entscheidung

Neben dem Inhalt enttäuscht oft das Timing. Während 48,6 % der Bewerber*innen spätestens nach einer Woche eine Antwort erwarten, sieht die Realität anders aus: Nur 47,3 % erhalten innerhalb dieser Frist eine Rückmeldung. 62,3 % müssen zwei Wochen oder länger warten – und 2 % gaben an, sogar schon einmal länger als ein Jahr auf eine Entscheidung gewartet zu haben.

Ghosting im Recruiting: Wenn Unternehmen gar nicht mehr antworten

Noch problematischer als eine verspätete oder floskelhafte Absage ist das komplette Schweigen seitens der Arbeitgeber. Viele Bewerber*innen erleben, dass Unternehmen nach dem Absenden der Unterlagen oder sogar nach einem persönlichen Gespräch gar nicht mehr reagieren.

Gerade nach einem persönlichen Austausch wirkt das Ausbleiben jeglicher Kommunikation fatal, da die Kandidat*innen bereits viel Zeit, Vorbereitung und Engagement investiert haben.

Wie Sie solche Jobs erkennen, haben wir ausführlich berichtet.

Der wirtschaftliche Schaden: Schlechte Absagen ruinieren das Geschäft

Eine unprofessionelle Absage bleibt nicht ohne Folgen. Die Erfahrungen aus dem Bewerbungsprozess beeinflussen, wie Menschen ein Unternehmen langfristig wahrnehmen – und das reicht bis hin zu handfesten geschäftlichen Einbußen. So geben 65,0 % der Befragten an, dass sie sich nach einer schlechten Absage nie wieder bei dem betreffenden Arbeitgeber bewerben würden. Zudem würden 35,0 % nach einer solchen negativen Erfahrung auch keine Produkte oder Dienstleistungen des Unternehmens mehr kaufen.

Gleichzeitig verschenken Arbeitgeber wertvolles Zukunftspotenzial für ihr Talent-Pooling: Gerade für technische Fachkräfte, deren Anforderungen sich mit neuen Projekten und wachsenden Teams ständig verändern, wäre ein warmer Kontakt Gold wert. Eine heute nicht passende Bewerbung kann künftig sehr wertvoll werden. 72,5 % der Befragten wünschen sich deshalb in Absagen Hinweise auf spätere Chancen im Unternehmen – doch 65,3 % finden solche Perspektiven selten oder nie in ihrem Posteingang.

Lesen Sie auch: Noch eine Absage – und jetzt?

Absageprozesse als Wettbewerbsvorteil

Wer transparent und respektvoll kommuniziert, erhöht die Chance, auch langfristig als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen zu werden. Experten mahnen hier ein dringendes Umdenken an:

„Eine Absage ist ein kritischer Moment für die Arbeitgebermarke. Wer Bewerbende hier mit Standardfloskeln und Intransparenz abspeist, produziert unnötigen Frust und riskiert einen langfristigen Vertrauensverlust“, kommentiert Nina Zimmermann, CEO von kununu.

„Arbeitgeber, die sich um potenzielle Kandidat*innen bemühen, versuchen meist mit viel Mühe ein positives Bild von sich zu erzeugen, damit sich diejenigen bei ihnen bewerben. Eine schlechte Absagepraxis führt diese Bemühungen allerdings ad absurdum und verhindert eine langfristige Beziehung, die zu einem anderen Zeitpunkt extrem hilfreich sein könnte”, erklärt auch Marcel Rütten von HR4Good.

Über die Studie

Für die Untersuchung führte das Marktforschungsinstitut bilendi eine Online-Befragung unter 1032 Arbeitnehmerinnen in Deutschland durch, die sich in den vergangenen drei Jahren bei einem Unternehmen beworben hatten.

Lesen Sie auch: Absagen bei Bewerbungen: Muster und Best Practices

Ein Beitrag von:

  • Alexandra Ilina

    Alexandra Ilina ist Diplom-Journalistin (TU-Dortmund) und Diplom-Übersetzerin (SHU Smolensk) mit mehr als 20 Jahren Berufserfahrung im Journalismus, in der Kommunikation und im digitalen Content-Management. Sie schreibt über Karriere und Technik.

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