Zu gut für die Beförderung? Wenn Leistung plötzlich zur Karrierebremse wird
Zu gut für die Beförderung? Wie Ingenieurinnen und Ingenieure die Kompetenzfalle erkennen, Wissen teilen und ihre Karriere voranbringen.
Unersetzlich im Job, aber festgefahren bei der Karriere?
Foto: Smarterpix/fizkes
Wer als Leistungsträger im Ingenieurwesen jedes komplexe Problem löst und für das Team kaum zu ersetzen ist, hat eigentlich beste Voraussetzungen für den nächsten Karriereschritt. Doch genau diese Stärke kann in manchen Unternehmen zur Karrierebremse werden. Denn wenn wichtiges Wissen stark an einer Person hängt, kann ein Wechsel in eine andere Position organisatorisch schwieriger werden.
Die Personalberatung Robert Walters bezeichnet diese Situation als „Paradox der Unersetzlichkeit“ und spricht in diesem Zusammenhang von einer „Kompetenzfalle“. Gemeint ist eine Situation, in der eine Fachkraft für das Tagesgeschäft so wichtig geworden ist, dass das Unternehmen einen Wechsel in eine übergeordnete Rolle nur ungern vollzieht. Die Person übernimmt immer mehr Verantwortung, bleibt aber auf ihrer bisherigen Position.

Dass gute Leistung grundsätzlich Beförderungen verhindert, lässt sich daraus allerdings nicht ableiten. Problematisch kann es vor allem dann werden, wenn umfangreiches Spezialwissen an einer einzelnen Person hängt und keine Nachfolge aufgebaut wurde.
Für Ingenieurinnen und Ingenieure kann diese Konstellation besonders relevant sein, wenn technisches System-, Projekt- oder Prozesswissen nur bei wenigen Beschäftigten vorhanden ist. Der Ausweg besteht allerdings nicht darin, absichtlich weniger zu leisten. Sinnvoller ist es, die eigene Expertise so weiterzugeben, dass der Bereich auch ohne die tägliche Präsenz einer einzelnen Person funktioniert.
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Stecken Sie in der Kompetenzfalle?
Ein einzelnes Signal reicht nicht aus, um von einer solchen Situation zu sprechen. Aussagekräftiger ist ein Muster, das sich über längere Zeit entwickelt.
Folgende Hinweise können darauf hindeuten, dass die eigene Rolle zum Karrierehindernis geworden ist:
- Sie werden immer wieder als „unverzichtbar“ für Ihren aktuellen Aufgabenbereich bezeichnet.
- Sie übernehmen kontinuierlich mehr Verantwortung, ohne dass sich Titel oder Gehalt entsprechend verändern.
- Beförderungen gehen regelmäßig an andere Kolleginnen und Kollegen.
- Sie arbeiten neue Mitarbeitende ein, die später Führungsaufgaben übernehmen.
- Strategische oder leitende Aufgaben werden anderen übertragen, während Sie dauerhaft für das operative Tagesgeschäft zuständig bleiben.
Dahinter muss keine bewusste Blockade durch die Führungskraft stecken. Unternehmen müssen bei internen Wechseln schließlich sicherstellen, dass Wissen und Verantwortung nicht verloren gehen. Genau deshalb kann es helfen, frühzeitig eine Vertretung oder mögliche Nachfolge aufzubauen.
Vom Unverzichtbaren zum Aufsteiger: 5 Wege aus der Karrieresackgasse
Um die eigene berufliche Entwicklung wieder in Bewegung zu bringen, empfiehlt Niklas Schmidt, Principal bei Robert Walters, einen systematischen Ansatz in fünf Schritten.
1. Bauen Sie Ihre eigene Nachfolge auf
„Ein häufiger Grund für das Feststecken in einer Position ist die Angst des Unternehmens vor einem Wissensverlust“, beobachtet Schmidt. Es gilt daher, dem Arbeitgeber zu demonstrieren, dass das Tagesgeschäft auch reibungslos ohne die eigene Person weiterläuft.
Gerade bei hoch spezialisierten technischen Aufgaben kann dieser Punkt relevant sein. Prozesse lassen sich dokumentieren, Wissen kann im Team geteilt und eine Stellvertretung gezielt aufgebaut werden.
Das hat einen weiteren Effekt: Die eigene Rolle verändert sich. Statt allein für eine bestimmte Aufgabe zuständig zu sein, übernimmt die Fachkraft zunehmend Verantwortung dafür, dass Wissen und Abläufe im gesamten Team funktionieren.
2. Zeigen Sie, dass Sie die nächste Rolle beherrschen
Wer eine Führungs- oder strategische Position anstrebt, sollte nicht ausschließlich mit technischen Erfolgen argumentieren. Entscheidend ist auch, ob bereits Erfahrungen vorhanden sind, die für die Zielposition benötigt werden.
„Wenn Ihre Zielposition beispielsweise eine Führungsrolle ist, sollten Sie bereits jetzt zeigen, dass Sie Führungskompetenzen besitzen“, rät der Experte – etwa durch freiwillige Projektleitungen, präsentierte Innovationsideen oder Stakeholder-Management.
Für Ingenieurinnen und Ingenieure können beispielsweise die Leitung eines interdisziplinären Projekts, die Koordination verschiedener Fachbereiche oder die Präsentation eines technischen Konzepts vor Entscheidern solche Erfahrungen ermöglichen. Damit entsteht zugleich eine bessere Grundlage für das spätere Beförderungsgespräch.
3. Sprechen Sie Ihr Karriereziel konkret an
Nicht jede Führungskraft kennt automatisch die langfristigen beruflichen Ziele ihrer Mitarbeitenden. Wer sich eine andere Position wünscht, sollte deshalb nicht ausschließlich darauf warten, dass dieser Wunsch von selbst erkannt wird.
Dabei sollte es möglichst konkret werden. Welche Position streben Sie an? Welche Voraussetzungen fehlen noch? Welche Aufgaben könnten Sie übernehmen, um entsprechende Erfahrungen zu sammeln? Und wann soll gemeinsam überprüft werden, ob die nächsten Schritte erreicht wurden?
Ein solches Gespräch macht aus einem allgemeinen Wunsch nach „mehr Verantwortung“ einen konkreteren Entwicklungsplan.
4. Prüfen Sie die Beförderungsstruktur Ihres Unternehmens
Nicht jede ausbleibende Beförderung hat mit der eigenen Position im Unternehmen zu tun. Es kann beispielsweise an fehlenden Stellen, organisatorischen Veränderungen oder anderen Auswahlkriterien liegen.
Trotzdem kann ein Blick auf die bisherige Beförderungspraxis aufschlussreich sein. Welche Kompetenzen werden bei Führungspositionen tatsächlich erwartet? Werden Entwicklungsmöglichkeiten transparent kommuniziert? Wie werden interne Kandidatinnen und Kandidaten ausgewählt?
„Falls solche Muster erkennbar sind, könnte es sinnvoll sein, über andere Stellenangebote nachzudenken“, warnt Schmidt.
Ein Arbeitgeberwechsel sollte daraus allerdings nicht automatisch folgen. Zunächst geht es darum, herauszufinden, ob innerhalb des Unternehmens überhaupt eine realistische Perspektive für die eigene Entwicklung besteht.
5. Prüfen Sie Ihren Marktwert
Auch ein Blick nach außen kann bei der persönlichen Standortbestimmung helfen. Gespräche mit Personalberatungen oder Bewerbungen auf passende Stellen zeigen, welche Positionen zum eigenen Profil passen und welche Kompetenzen auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind.
Dabei sollte ein externes Angebot allerdings nicht überinterpretiert werden. Ein anderes Unternehmen kann eine höhere Position anbieten, weil dort andere Strukturen, Aufgaben oder Anforderungen gelten. Das allein beweist noch nicht, dass der aktuelle Arbeitgeber die eigenen Fähigkeiten falsch einschätzt.
Dennoch kann ein solcher Vergleich eine zusätzliche Perspektive liefern. Schmidt erklärt: „Wenn andere Unternehmen bereit sind, Ihnen eine höhere Position anzubieten als Ihr aktueller Arbeitgeber, ist das ein klares Signal: Es könnte Zeit sein, neue Wege zu gehen.“
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Nicht jedes Karriereproblem ist eine Kompetenzfalle
Ob jemand tatsächlich in einer solchen Situation steckt, lässt sich kaum anhand eines einzelnen Signals feststellen. Wichtiger ist die Entwicklung über einen längeren Zeitraum.
Bleibt die eigene Rolle trotz wachsender Verantwortung dauerhaft auf das operative Tagesgeschäft beschränkt? Werden Gespräche über die weitere Entwicklung wiederholt vertagt? Gibt es kaum Möglichkeiten, neue Aufgaben zu übernehmen? Und hängt gleichzeitig immer mehr Wissen an der eigenen Person? Dann lohnt es sich, die eigene Position genauer zu hinterfragen.
Dabei geht es nicht darum, weniger Leistung zu bringen oder die eigene Expertise zurückzuhalten. Im Gegenteil: Wer Wissen weitergibt, Kolleginnen und Kollegen entwickelt und Verantwortung delegieren kann, schafft Raum für neue Aufgaben.
Gerade für Ingenieurinnen und Ingenieure kann das wichtig sein. Der nächste Karriereschritt bedeutet nicht zwangsläufig, noch mehr technische Probleme selbst zu lösen. Mit zunehmender Verantwortung kommt es vielmehr darauf an, andere zu befähigen, Entscheidungen zu treffen und den eigenen Blick vom Tagesgeschäft auf größere Zusammenhänge zu richten.
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