„Wir erleben eine ausgeprägte Dualität auf dem Arbeitsmarkt“: Warum der Fachkräftemangel trotz Stellenabbau bleibt
Fachkräftemangel trotz Stellenabbau: Warum Ingenieur- und IT-Jobs rückläufig sind, der Bedarf aber hoch bleibt – Ursachen, Zahlen und Perspektiven im Überblick.
Maximilian Stindt vom VDI analysiert das Paradoxon am deutschen Arbeitsmarkt: weniger Stellenangebote, aber anhaltender Fachkräftemangel in Ingenieur- und IT-Berufen.
Foto: VDI
Stellenabbau und Fachkräftemangel gleichzeitig? Der deutsche Arbeitsmarkt für Ingenieur- und IT-Berufe sendet derzeit extrem widersprüchliche Signale. Während die schwache Konjunktur die Zahl der Stellenausschreibungen drückt, bleibt der strukturelle Bedarf durch Digitalisierung und Dekarbonisierung riesig. Wie passt das zusammen, und was bedeutet das für Berufseinsteiger? Maximilian Stindt, Arbeitsmarktexperte beim VDI (Verein Deutscher Ingenieure), analysierte die aktuelle Lage im Rahmen des VDI nachrichten Recruiting Tages in Dortmund und zeigte in seiner Keynote strategische Auswege aus dem „Matching-Problem“.
Die Ausgangslage: Vom Rekordhoch in die Abkühlung
Hinter uns liegt eine Phase historischen Wachstums. Der Arbeitsmarkt für Fachkräfte aus den Bereichen Ingenieurwesen und Informatik boomte über Jahre hinweg. Laut Daten des Mikrozensus gab es zuletzt rund 2,3 Millionen Menschen mit einem entsprechenden Studienabschluss in Deutschland, wovon etwa 1,4 Millionen auch direkt in technischen Kernberufen tätig waren.
Doch das Blatt hat sich gewendet. Die wirtschaftliche Stagnation hinterlässt deutliche Spuren bei den Neueinstellungen. Aktuell sind rund 99.000 offene Stellen in diesen Segmenten zu verzeichnen – das entspricht einem spürbaren Rückgang von etwa 23 % im Vergleich zum Vorjahr. Besonders drastisch zeigt sich der Einbruch in der IT-Branche: Hier ging die Zahl der ausgeschriebenen Stellen um fast 38 % zurück.
Das Paradoxon: Das Phänomen der „Doppeldeutigkeit“
Trotz sinkender Stellenzahlen von einem Mangel zu sprechen, klingt paradox. Und doch zeigen die Daten genau das. Das Zauberwort der Arbeitsmarktexperten heißt Engpass-Ziffer. Sie setzt die gemeldeten offenen Stellen ins Verhältnis zu den Arbeitslosen.
Liegt dieser Wert über 100, gibt es rechnerisch mehr Stellen als Bewerber. Gesamtwirtschaftlich liegt die Kennzahl im Ingenieursbereich trotz des Rückgangs immer noch bei 173 offenen Stellen pro 100 Arbeitslose.
Maximilian Stindt erklärte in Dortmund: „Wir erleben derzeit eine ausgeprägte Dualität auf dem Arbeitsmarkt. Die kurzfristige, konjunkturelle Schwäche überlagert die langfristigen, strukturellen Faktoren. Unternehmen halten sich bei Investitionen und dem Aufstocken von Personal zurück. Es wird zwar aktuell wenig betriebsbedingt gekündigt, aber frei werdende Stellen werden oft nicht nachbesetzt.“
Riesige Unterschiede zwischen Branchen und Regionen
Der Mangel ist extrem ungleich verteilt. Während im Bereich Technische Forschung und Produktionssteuerung (Engpass-Ziffer 91) sowie in der Chemie und Kunststoffherstellung rechnerisch kein Mangel herrscht, sieht die Welt im Bau- und Gebäudesektor völlig anders aus. Hier kommen astronomische 306 offene Stellen auf 100 Arbeitslose.
Auch geografisch klafft eine Schere auseinander:
- Süddeutschland: In Baden-Württemberg konzentrieren sich rund 32 Prozent aller bundesweit ausgeschriebenen Stellen – vor allem in der Informatik sowie der Energie- und Elektrotechnik.
- Ostdeutschland: In Bundesländern wie Sachsen-Anhalt und Thüringen sind die Engpässe aufgrund der Demografie besonders hoch.
- Westen & Norden: Hier flacht der rechnerische Mangel spürbar ab.
Das Resultat ist ein massives Matching-Problem: Bewerber und offene Stellen finden regional und qualifikatorisch oft nicht zusammen.
Die drei großen Treiber der künftigen Nachfrage
Auch wenn die aktuelle Konjunktur bremst – die langfristigen Trends sind unumkehrbar und werden die Nachfrage nach technischen Experten wieder massiv anfeuern.
- Die Green Transition: Die Dekarbonisierung der Industrie, die Kreislaufwirtschaft (Circular Economy) und der Energiesektor generieren völlig neue Berufsbilder und stabilen Bedarf.
- Digitalisierung: Keine Industrie kommt ohne IT-Infrastruktur aus. Der Bedarf an technischer Expertise zur Umsetzung digitaler Prozesse bleibt fundamental.
- Öffentliche Investitionen: Großprojekte in der Infrastruktur sowie im Rüstungs- und Mikrotechniskektor fordern enorme technische Kapazitäten ein.
Hinzu kommt der unbarmherzige demografische Wandel: Rund 20 % der heutigen Beschäftigten in den Engineering-Branchen sind 55 Jahre oder älter. Viele scheiden in den nächsten 5 bis 10 Jahren aus dem Erwerbsleben aus. Gleichzeitig sinken die Studierendenzahlen in den MINT-Fächern seit Jahren.
Ungehobene Potenziale: Frauen in den Fokus
Um die entstehende demografische Lücke langfristig zu schließen, müssen laut Experten drei Gruppen stärker aktiviert werden: Zuwanderer, ältere Beschäftigte (die länger im Job gehalten werden müssen) und Frauen.
Gerade der Frauenanteil im Ingenieurwesen stagniert insgesamt bei mageren 20 Prozent. In klassischen Domänen wie dem Maschinenbau oder der Elektrotechnik liegt er sogar bei gerade einmal 9 Prozent.
„Mehr Frauen in technische Berufe zu bringen, ist nicht nur eine Frage der wirtschaftlichen Vernunft und ein milliardenschweres Wertschöpfungspotenzial – es ist schlicht eine gesellschaftliche Pflicht zur Gleichberechtigung. Wir müssen Klischees abbauen, die Berufsorientierung frühzeitig anpassen und die passende Infrastruktur wie verlässliche Kinderbetreuung schaffen“, betonte Stindt.
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Karriere-Strategie für Einsteiger: Die „Drei-Säulen-Formel“
Für Absolventen und Berufseinsteiger ist die Situation schwieriger geworden als noch vor wenigen Jahren. Wer jetzt auf den Markt drängt, benötigt eine angepasste Strategie. Ingenieure sind vom Wandel nicht nur betroffen – sie sind diejenigen, die ihn durch technologische Innovationen (wie z. B. Künstliche Intelligenz) aktiv gestalten.
Für den erfolgreichen Berufseinstieg empfiehlt der VDI-Experte drei Kernkompetenzen:
1. Flexibilität
Fokussieren Sie sich beim Berufseinstieg nicht starr auf den einen perfekten „Traumjob“ in den bekannten Ballungszentren. Auch Mittelstandsunternehmen außerhalb der Metropolen bieten hervorragende Perspektiven.
2. Resilienz
Der Bewerbungsprozess erfordert aktuell mehr Ausdauer und Frustrationstoleranz als in den Boomjahren. Lassen Sie sich von Absagen in einer temporär schwierigen Konjunkturphase nicht entmutigen. Der strukturelle Bedarf spielt langfristig auf Ihrer Seite.
3. Netzwerk
Nutzen Sie Plattformen zum Austausch. Der VDI bietet hierfür mit den Young Engineers ein bundesweites Netzwerk von rund 20.000 Gleichgesinnten.
Dabei rät Maximilian Stindt: „Nutzen Sie Angebote wie den heutigen VDI nachrichten Recruiting Tag in Dortmund oder den Young Engineers Kongress. Das sind perfekte Gelegenheiten, um direkt mit Unternehmen in Kontakt zu treten, aber vor allem, um sich mit Menschen in derselben Lebenssituation auszutauschen, Tipps zu teilen und der Unsicherheit aktiv zu begegnen.“
Der Arbeitsmarkt für Ingenieure und IT-Spezialisten steckt im Spagat: Konjunkturelle Zurückhaltung trifft auf akuten, demografisch bedingten Fachkräftemangel. Für Fachkräfte gilt es jetzt, die Ruhe zu bewahren. Die Fundamente der deutschen Wirtschaft basieren auf Ingenieurskunst und IT-Kompetenz – sobald die wirtschaftliche Erholung einsetzt, wird der Bedarf an qualifizierten Gestaltern der Transformation so hoch sein wie eh und je.
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