Aufsteigen? Nein danke! 22.06.2026, 13:30 Uhr

Nur 18 % wollen befördert werden: Was ist los in Deutschland?

Nur 18 % der Beschäftigten in Deutschland streben eine Beförderung an. Statt Aufstieg zählen Work-Life-Balance, Weiterbildung und Stabilität stärker denn je.

symbolbild für ein Nein zum Karriereaufstieg.

Neue Job-Realität: Warum Titel und Beförderung für viele plötzlich unwichtig werden.

Foto: Smarterpix/HayDmitriy

Mehr Verantwortung, mehr Meetings, mehr Personalthemen – aber nicht unbedingt deutlich mehr Geld. Für viele Fachkräfte hat der klassische Chefposten seinen Reiz verloren. Das legt zumindest die aktuelle Arbeitsmarktstudie „Talent Trends 2026“ nahe. Demnach nennen nur 18 % der deutschen Beschäftigten eine Beförderung als wichtigstes Karriereziel.

Stattdessen investieren sie lieber in neue Fähigkeiten, Weiterbildung und fachliche Spezialisierung. Die Karriereleiter verliert an Bedeutung – und das könnte Unternehmen vor neue Probleme stellen.

Deutschland Schlusslicht beim Beförderungsstreben

Im direkten Vergleich mit anderen europäischen Ländern wird der Unterschied besonders deutlich: In Portugal verfolgen 48 % der Beschäftigten eine Beförderung als oberstes Karriereziel. Auch in Italien (29 %) und Polen (27 %) bleibt der klassische Aufstieg deutlich relevanter als in Deutschland.

Auffällig ist dabei nicht nur der Abstand zu Südeuropa, sondern auch die Nähe zu Österreich – dort zeigt sich ein ähnlich gering ausgeprägtes Interesse an vertikaler Karriereentwicklung.

Unter deutschen Beschäftigten verändern sich die beruflichen Prioritäten. Grafik: Talent Trends 2026, Michael Page

Karriere neu gedacht: Was deutsche Beschäftigte stattdessen wollen

Die Ergebnisse deuten auf einen grundlegenden Wertewandel hin: Der klassische „Aufstieg auf der Karriereleiter“ verliert an Bedeutung, während alternative Karriereformen an Relevanz gewinnen. Dazu zählen etwa:

  • mehr Flexibilität im Arbeitsalltag
  • fachliche Spezialisierung statt Führungsverantwortung
  • bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben
  • Sinn- und Stabilitätsorientierung im Job

Damit verschiebt sich das Verständnis von Karriere weg vom klassischen Hierarchiedenken hin zu individuellen Entwicklungswegen. Der berufliche Erfolg wird zunehmend weniger über Titel und Positionen definiert – und stärker über persönliche Prioritäten.

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Arbeitsbelastung unter Verdacht: Warum viele Beschäftigte den Karrieresprung infrage stellen

Der Wandel kommt nicht aus dem Nichts. Viele Arbeitnehmer hinterfragen zunehmend, ob sich ein zusätzlicher Titel überhaupt lohnt, wenn dafür mehr Druck und Verantwortung in Kauf genommen werden müssen. Laut der Studie geben knapp zwei Drittel (65 %) der deutschen Beschäftigten an, auf eine Beförderung mit Gehaltserhöhung zu verzichten, wenn ihr persönliches Wohlbefinden darunter leidet. Dieser Trend zeigt sich bereits seit mehreren Jahren und verweist auf eine klare Verschiebung der Prioritäten: Balance schlägt Karriereaufstieg.

Immer häufiger rückt damit die Frage in den Vordergrund, ob beruflicher Aufstieg automatisch auch mehr Lebensqualität bedeutet – oder im Gegenteil zu einer stärkeren Belastung führt.

Worin deutsche Beschäftigte im Job wirklich investieren wollen

Statt auf klassische Hierarchien zu setzen, konzentrieren sich deutsche Beschäftigte zunehmend auf horizontale Entwicklungspfade. Im Fokus steht weniger der nächste Karriereschritt nach oben als vielmehr der gezielte Ausbau von Kompetenzen im eigenen Fachgebiet.

Die Umfrage zeigt dabei klare Prioritäten:

  • neue Fähigkeiten erwerben (49 %)
  • sich fortbilden (44 %)
  • fachliche Expertise im aktuellen Bereich vertiefen (36 %)

Der Trend deutet auf eine stärkere Selbstbestimmung in der Karriereplanung hin – weg von Statussymbolen, hin zu individueller Weiterentwicklung.

„Wir sehen einen klaren Trend in der Karriereplanung deutscher Arbeitnehmer“, sagt Michael Baier, Geschäftsführer von Michael Page. „Fachkräfte investieren gezielt in ihre Expertise, nicht in Titel. Dieser Trend prägt den Arbeitsmarkt, und Arbeitgeber müssen ihn ernst nehmen, wenn sie Talente gewinnen und halten wollen.“

Für Unternehmen ergibt sich daraus ein strategisches Umdenken. Die klassische Karriereleiter verliert weiter an Bedeutung, während Weiterbildung zunehmend zum zentralen Instrument der Mitarbeiterbindung wird. Gleichzeitig sollten Arbeitgeber ihre Aus- und Weiterbildungsangebote klar sichtbar machen, so Baier.

„In einem Arbeitsmarkt, in dem künstliche Intelligenz Berufsbilder verändert, wird kontinuierliches Lernen zum Erfolgsfaktor für beide Seiten.“

Die Talent Trends-Studien werden im Auftrag der Personalberatung Michael Page durchgeführt und gehören zu den großen jährlichen Erhebungen zu Arbeitsmarkt, Karriereentwicklung und Recruiting. Für die Ausgabe 2026 wurden weltweit mehr als 60.000 Fach- und Führungskräfte befragt, darunter rund 23.000 in Europa sowie etwa 3000 in Deutschland.

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Ein Beitrag von:

  • Alexandra Ilina

    Alexandra Ilina ist Diplom-Journalistin (TU-Dortmund) und Diplom-Übersetzerin (SHU Smolensk) mit mehr als 20 Jahren Berufserfahrung im Journalismus, in der Kommunikation und im digitalen Content-Management. Sie schreibt über Karriere und Technik.

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