„Wir züchten eine Generation ohne Urteilskraft“
Generative KI verändert nicht nur Arbeitsabläufe, sondern auch die Art, wie Menschen im Beruf lernen. Warum Unternehmen Urteilskraft und eigenständiges Entscheiden gezielt fördern müssen, erklärt Tessa Pfattheicher im Interview.
Generative KI verändert Arbeitsabläufe und vor allem die Art, wie Menschen im Beruf lernen. Daher ist es umso wichtiger, Urteilskraft und eigenständiges Entscheiden gezielt zu fördern.
Foto: Smarterpix/DragosCondreaW
„Künstliche Intelligenz nimmt uns die Jobs weg!“ Solche Aussagen sind seit dem Boom von ChatGPT und anderen KI-Anwendungen häufig zu hören. Tatsächlich verändert generative KI nicht nur Arbeitsabläufe und Berufsbilder, sondern auch die Art, wie Menschen im Berufsalltag lernen.
Wenn Berufseinsteigerinnen und -einsteiger Aufgaben direkt an die KI delegieren, besteht die Gefahr, dass wichtige Erfahrungen beim eigenständigen Entscheiden und dem Lösen von Problemen verloren gehen. Warum Unternehmen deshalb neue Lernkonzepte brauchen und weshalb Urteilskraft auch im KI-Zeitalter eine Schlüsselkompetenz bleibt, erklärt Tessa Pfattheicher im Interview mit ingenieur.de.
Pfattheicher verantwortet beim Technologieunternehmen iteratec die KI-Transformation, sowohl im eigenen Betrieb als auch bei Kunden. Seit April 2026 ist sie zudem Geschäftsführerin des Unternehmens.
Inhaltsverzeichnis
Das Huckepackmodell – Lernen im Tandem
ingenieur.de: Bezogen auf die Gen Z in Zeiten von KI sagten Sie: „Wir züchten eine Generation ohne Urteilskraft“. Wie entsteht eigentlich Urteilskraft im Berufsalltag?
Tessa Pfattheicher: Ganz einfach ausgedrückt: durch Erfahrung. Wer Entscheidungen trifft, ihre Konsequenzen erlebt und, ganz wichtig, auch Fehler macht, entwickelt Urteilskraft.
KI bringt eine Versuchung mit sich, ihr einen Teil der Verantwortung zu überlassen und sich vielleicht sogar zurückzulehnen. Ein Berufseinsteiger, der direkt vor die KI gesetzt wird und ihr alle Entscheidungen überlässt, kann kaum lernen, selbstständig kritische Fragen zu beantworten oder Probleme selbstständig zu analysieren. Es ist daher wichtig, Modelle in Unternehmen einzuführen, die es jungen Menschen ermöglichen, Urteilskraft zu entwickeln und selbständig zu entscheiden.
Bei iteratec gibt es das sogenannte Huckepackmodell. Wir nehmen im Umgang mit KI unerfahrene Mitarbeitende direkt von Anfang an bei allen Entscheidungen mit und bringen sie mit erfahrenen Kollegen zusammen, sodass sie voneinander lernen können. Dieses Wissen wird dadurch schneller weitergegeben. Man kommt nur an diese Erfahrungen, wenn man das Wissen direkt nutzt und aktiv mitarbeitet. Das steht in keinem Lehrbuch.
Für solche Modelle in Unternehmen braucht es auch die passenden Rahmenbedingungen. Es muss den entsprechenden Freiraum geben, damit die Menschen überhaupt Huckepack genommen werden können. Das Projekt dauert dann ein bisschen länger, aber das ist ein Investment, das dem Unternehmen langfristig Erfolg bringt, weil die Nachwuchstalente direkt mitten im Geschehen sind und lernen, aktiv mitzuentscheiden. So ein Modell schweißt das Team ordentlich zusammen und man bekommt mit: Wie trifft Kollege XY Entscheidungen? Wie wird das begründet? Es ist vergleichbar mit lautem Denken und da können Berufseinsteiger ganz schön viel abgucken.
Kann man da sagen, dass Soft Skills im Zeitalter von KI wichtiger werden als technische Fähigkeiten?
Ein grundlegendes technisches Know-how bekommt man im Studium oder durch Erfahrung im Job. Was meiner Meinung nach schon immer viel wichtiger war, ist, wie jemand im Team agiert, wie man kommuniziert und den Austausch sucht. Das betrifft auch Skills wie die Abstraktionsfähigkeit. Das heißt: Wie schaffe ich es, von einem kleinen Problem auf das große Ganze zu blicken? Schaffe ich es, Abhängigkeiten darzustellen oder zu wissen, welche Risiken Entscheidungen mit sich bringen? Es ist die stetige Balance aus Soft Skills und technischem Wissen, die ein Projekt wirklich vorantreiben.
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Welche Fähigkeiten drohen verloren zu gehen, außer das Urteilsvermögen oder das selbstständige Denken?
Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Im Kontext von KI ist der Mensch trotzdem am Steuer. Das ist aber nur dann von Wert, wenn diese Person entsprechend Verantwortung übernimmt und für Ergebnisse geradesteht. Es heißt an vielen Stellen gerade, dass wir den Menschen bald nicht mehr brauchen. Ich sehe das anders. Ich glaube, dass wir noch viel mehr den Menschen an den richtigen Stellen brauchen, der in kritischen Situationen die verantwortungsbewussten Entscheidungen trifft.

Fehlerkultur als wesentlicher Faktor
Umso wichtiger ist bei diesem Thema aber auch die Fehlerkultur. Unternehmen müssen Raum dafür schaffen, dass man auch mal falsche Entscheidungen treffen darf. Da spielt Vertrauen eine wichtige Rolle: Habe ich ein Umfeld, in dem ich mich psychologisch sicher fühle, wo ich laut denken darf, wo ich auch als junge Person die kritischen Fragen stellen darf? Dann habe ich ein Umfeld, wo ich wachsen kann und wo ich Entscheidungen treffen darf.
Wo wir beim Thema Fehlerkultur sind: Was ist der größte Fehler, den man als Unternehmen im Umgang mit KI machen kann?
KI nur als Technologiethema abzustempeln. Es gibt Unternehmen, bei denen das Thema KI und Transformation in den Tech-Teams liegt. Das halte ich für falsch. KI ist ein Organisations-, ein Kultur- und ein Führungsthema. Das lässt sich daran erkennen, dass wir beispielsweise über Zukunftsskills und Lernpfade sprechen. Am Ende muss man es so sehen: Eine Technologie hat den Wandel zwar ausgelöst, aber er lässt sich nicht allein mit Technologie bewältigen.
Sollte es künftig Lernaufgaben geben, die man nicht automatisieren kann?
Ich bin mir ziemlich sicher, dass es die auch immer noch gibt. Ich glaube aber, dass KI auch ganz schön helfen kann beim Lernen. Ein Beispiel aus der IT: Die erste Programmiersprache zu lernen ist schwer, aber sobald man eine Sprache beherrscht, ist es leichter, eine weitere zu erlernen, weil man die Konzepte verstanden hat. Man kennt die Grammatik und muss sich nur noch das Vokabular aneignen. Jetzt kann die KI einem hands-on erklären, wie der Code, den ich schon kenne, in der anderen Programmiersprache aussieht. KI kann auch ein guter Mentor sein, um zu lernen, Entscheidungen zu treffen, indem man mit eigenem Problemverständnis richtig promptet und weiß, wie man Lösungen richtig abstrahiert.

iteratec entwickelt selbst KI-Lösungen und begleitet Unternehmen bei der KI-Transformation. Ist es da nicht ein Widerspruch, einerseits immer mehr Tätigkeiten zu automatisieren und andererseits vor den Folgen für Berufseinsteiger zu warnen?
Ich glaube nicht, dass es ein Widerspruch ist. KI ist die größte Chance für Unternehmen und Berufstätige. Diese Technologie ist so leistungsfähig, dass sie vieles verändert, was wir bislang als selbstverständlich betrachtet haben – etwa die Art, wie wir arbeiten. Das erfordert richtungsweisende Entscheidungen, unter anderem wie Menschen und KI in Zukunft in Unternehmen zusammenarbeiten sollen, welche neuen Rollen entstehen, aber auch wie Mitarbeitende lernen und sich weiterentwickeln. Sei es für Berufsanfänger oder für erfahrene Kollegen, für die das Thema KI noch Neuland ist. Es geht nicht darum zu warnen, sondern darum, die Zukunft zu gestalten. In erster Linie mit und für Menschen.
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