Heiko Mell: Der Aufstieg im Beruf führt vom „Tun“ zum „Sein“
Aufstieg im Beruf verändert den Fokus: Mit wachsender Verantwortung treten Fachaufgaben zurück, während Status, Entscheidungen und Führung wichtiger werden.
Mit dem Aufstieg verändert sich die Arbeit: Fachliches Tun tritt zunehmend hinter Verantwortung, Entscheidungsbefugnisse und Status zurück.
Foto: Smarterpix/dotshock
Die Überschrift klingt zunächst etwas geheimnisvoll, aber das ist Absicht. Ich will versuchen, damit Ihre Aufmerksamkeit auf ein zentrales Element unseres beruflichen Systems zu lenken. Zur Demonstration eignen sich besonders gut die beiden Ebenen an den extremen Enden der hierarchischen Kette.
Wir beginnen mit dem „Sachbearbeiter“ im unteren Hierarchiebereich. Er wird fachlich gefordert, führungs- und positionsbezogene Administrationsaufgaben gibt es für ihn kaum bis gar nicht. Die Position kann Startfunktion beim Einstieg ins Berufsleben sein, als Basis für einen späteren Aufstieg dienen oder bewusst als berufslebenslange Dauerstellung mit stetig wachsender Facherfahrung aus der Lösung adäquater fachlicher Aufgaben gesehen werden (Expertenfunktion, Fachlaufbahn etc.).
Unten zählt vor allem das Tun
Fragen Sie diesen Sachbearbeiter, wie ihm gefällt, was er tut, wie ihn der fachliche Anspruch herausfordert, vor den er gestellt wird – Sie werden i. d. R. eine positive, oft sogar eine sehr engagiert vorgetragene Antwort dieser Art bekommen.
Stellen Sie ihm jedoch die Frage, wie sehr ihn anspricht, befriedigt oder begeistert, was er in der hierarchischen Struktur des Unternehmens ist, wird er eher die Schultern zucken und abwinken. Diese Frage zielt aus seiner Sicht in die falsche Richtung. Er definiert sich und seine derzeitige Stellung im Berufsleben über sein Tun – an das er entsprechende Ansprüche stellt.
Lesen Sie auch: Mit fast 40 zu den Konzern-Wurzeln zurück?
Oben wird die Position zum Teil der Identität
Am anderen Ende der Skala steht der CEO, der Vorsitzende des Vorstands resp. der Geschäftsführung. Er ist formal kein „echter“ Angestellter, diesem aber in so vielen Details vergleichbar, dass er hier durchaus als Demonstrationsobjekt dienen kann. Auch er tut etwas und hat randvolle Arbeitstage, die durch unterschiedliches Handeln geprägt sind. Letzteres ist kaum verbindlich festgelegt, ergibt sich sowohl aus eigener Initiative als vor allem auch durch Impulse von außerhalb seines Arbeitsplatzes: Der Aufsichtsrat will Rechenschaft, die Gesellschafter wollen Erträge, die Öffentlichkeit erwartet Informationen, der Markt verlangt Reaktionen, hausinterne Belange erfordern seine Aufmerksamkeit ebenso wie strategische und taktische Überlegungen, mit denen er sein Überleben ebenso absichern muss wie das seines Unternehmens.
Fragen Sie ihn, ob er gern tut, was da täglich auf ihn zukommt, wird er seine Schultern zucken: Was kommt, muss so oder so erledigt werden – von der ganz großen Herausforderung, an der „alles“ hängen kann bis zum banalen Detail, von dem auch große Entscheidungsträger nicht verschont bleiben. Die Frage nach seiner Begeisterung für das tägliche Tun war in seinen Augen falsch gestellt.
Aber mit einem Gespräch über das, was er ist, locken Sie ihn schnell aus der Reserve: Darüber definiert er sich. Wenn Sie einen CEO kennenlernen, wird er sich als Vorsitzender der Unternehmensleitung der XY AG vorstellen. Fragen Sie ihn, ob er das gerne ist, wird er lächelnd zustimmen. Auf die Frage jedoch, ob er gern tut, was er täglich – absehbar oder völlig unvermutet – tun muss, wird er ähnlich reagieren wie der Sachbearbeiter auf die Frage nach dem, was er ist.
Mit dem Aufstieg verschiebt sich die Bedeutung der Arbeit
Das bedeutet, auf dem Weg von unten nach oben verschiebt sich die Bedeutung der Aspekte: Die Wichtigkeit des Tuns geht zurück, die des Seins steigt dafür an. Mag sein, dass sich irgendwo dazwischen eine Position ergibt, in der beides halbwegs ausgewogen nebeneinander existiert – aber dann ist das Tun nur noch etwa 50% dessen, was seine Bedeutung unten ausgemacht hat, die andere Hälfte wird bereits durch das Sein ausgefüllt – das wiederum dort noch nicht die überragende Bedeutung hat, die dieser Aspekt noch weiter oben genießt.
Was das bedeutet? Dass mit dem Aufstieg zwangsläufig ein Bedeutungsverlust des – fachlich definierten – Tuns einhergeht, das wiederum mehr und mehr durch Statusfragen, Machtaspekte, Entscheidungsbefugnisse, Verantwortungsumfänge und andere Elemente dessen, was man erst wird und anschließend ist, ersetzt wird.
Lesen Sie auch: „KI ersetzt keine Fachkompetenz – sie erhöht den Anspruch daran“
Mehr Verantwortung bedeutet weniger Facharbeit
Schon der Abteilungsleiter kann i. d. R. nicht mehr „Oberfachmann“ seiner Einheit sein, muss „fachfremden“ Tätigkeiten Raum geben. Und weiter oben spitzt sich das zu. Wer Karriere will und sich dafür eignet, akzeptiert das nicht nur, er findet das ebenso herausfordernd wie selbstverständlich.
„Der Gefreite schießt, der General lässt schießen“
Auf das Militär übertragen, dem unsere Führungsstrukturen entstammen: Der Gefreite schießt, der General lässt schießen.
Daraus leite ich die Regel ab, die zum Systemverständnis beitragen kann: Sie sind entweder etwas Interessantes oder Sie tun etwas (fachlich) Interessantes, aber nur ganz selten fällt in einer Position beides zusammen. Oder: Bei der Auswahl einer Position oder Laufbahn müssen Sie Prioritäten setzen. Entweder lassen Sie die fachlichen Ansprüche oder die Entscheidungs-, Status- und Machtkomponenten bei der Auswahl dominieren. Aber der Versuch, beides in der einer Funktion dauerhaft mit Höchstwerten zu vereinen, wird kaum zum Erfolg führen.
Ein Ausweg liegt in der Definition von „interessant“, bei der Sie Spielraum haben. Was wollen Sie dagegen vorbringen, wenn Ihnen unser Beispiel-CEO erklärt: „Ich bin nicht nur etwas Interessantes, das was ich da tun muss, macht mir auch noch großen Spaß, fordert mich immer wieder neu heraus – und das an jedem Tag einer Woche.“
Gemeint ist hier vor allem: Das, was der Sachbearbeiter mit Betonung auf der fachlichen Komponente seiner Arbeit als interessant empfindet, lässt er auf dem Weg nach oben hinter sich – und ersetzt es durch Aspekte, die einer ganz anderen Kategorie entstammen und die näher am Ziel des unternehmerischen Handelns angesiedelt sind.
Beide Seiten werden gebraucht
Vergessen wir dabei nicht: Gebraucht werden beide Seiten dieser „Medaille“, sowohl der Mitarbeiter mit rein fachlicher Orientierung, bei dem das Tun dominiert als auch der Manager, der sich über das Sein definiert. Gelegentliche abfällige Betrachtungen der einen über die andere Gruppe sind unangebracht.
Am weitesten kommen Sie, wenn Sie das, was Sie – wo auch immer – gerade tun müssen, als außerordentlich interessant, Sie herausfordernd und Sie begeisternd definieren. Das geht – in einem gewissen Rahmen – durchaus. Versuchen Sie es!
Lesen Sie auch: „Dieses wirtschaftliche Honigschlecken ist vorbei“: Warum deutsche Unternehmen neue Manager brauchen
Ein Beitrag von: