Management 16.06.2026, 11:28 Uhr

Vorstände auf dem Schleudersitz? Warum DAX-Konzerne ihre Führungsteams neu aufstellen

Die Dauerkrise erreicht die Vorstandsetagen: DAX-Konzerne tauschen ihre Führungskräfte häufiger aus, setzen verstärkt auf externe Kandidaten und verkürzen die Halbwertszeit ihrer CEOs.

Mann mit Brille lächelt

Milan Nedeljkovic ist seit Mitte Mai Vorstandsvorsitzender der BMW AG. Zuvor hatte den Posten Oliver Zispe inne. In diesem Fall gab es keine überraschenden Veränderungen, Zispe schied aus Altersgründen aus.

Foto: picture alliance/dpa | Bernd Weißbrod

Die Zeiten stabiler Vorstandskarrieren in Deutschlands größten Konzernen scheinen vorbei zu sein. Pandemie, Ukrainekrieg, Nahost-Konflikte, Lieferkettenprobleme, steigende Regulierung und die rasante Entwicklung der künstlichen Intelligenz haben die Anforderungen an Führungskräfte grundlegend verändert. Statt langfristiger Planung stehen Krisenmanagement, Transformation und schnelle Anpassungsfähigkeit im Mittelpunkt.

Kürzere Amtszeiten und Kandidaten von außen

Der DAX-Vorstandsreport 2026 des Beratungsunternehmens Odgers zeigt, wie stark sich diese Entwicklung auf die Führungsetagen auswirkt. Unternehmen reagieren auf die Dauerkrise mit mehr personeller Bewegung, kürzeren Amtszeiten und einer stärkeren Öffnung für externe Kandidaten. Gleichzeitig gewinnen neue Kompetenzen an Bedeutung, die Vorstände werden weiblicher und internationaler.

Mehr Personalwechsel im DAX: Unternehmen setzen auf Bewegung statt Stabilität

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Im vergangenen Jahr schieden 39 Vorstandsmitglieder aus DAX-Unternehmen aus. Davon gingen 18 außerplanmäßig – so viele wie seit 2021 nicht mehr. Gleichzeitig wurden 36 Vorstandspositionen neu besetzt.

Auch im längerfristigen Vergleich zeigt sich laut Report eine deutliche Veränderung. Während vor 2020 durchschnittlich 16 % der Vorstandsmitglieder neu in die Gremien kamen, liegt dieser Wert in der Krisenphase seit 2020 bei 19 %. Die jährliche Abgangsquote stieg von 11 % auf 18 %. Unternehmen setzen in unsicheren Zeiten also häufiger auf personelle Veränderungen als auf Kontinuität.

Besonders bemerkenswert: CEOs wechseln in Krisenzeiten häufiger als CFOs. Gleichzeitig greifen Unternehmen bei Neubesetzungen öfter auf externe Kandidaten zurück. Der Anteil externer Berufungen stieg in der Krisenphase auf 53 %, während er vor 2020 noch bei 47 % lag.

CEO und CFO im Wandel: Amtszeiten werden immer kürzer

Der Trend wird laut Odgers auch durch die Amtszeiten belegt. Ein Vorstandsvorsitzender bleibt heute durchschnittlich nur noch 5,3 Jahre auf seinem Posten. Im Vorjahr waren es noch 5,6 Jahre. Besonders deutlich fällt die Entwicklung bei den Finanzvorständen aus. Ihre durchschnittliche Amtszeit sank von 4,6 auf rund vier Jahre.

Die klassische Langzeitkarriere an der Unternehmensspitze verliert damit an Bedeutung. Vorstände müssen schneller Ergebnisse liefern und gleichzeitig Unternehmen durch immer komplexere Transformationsprozesse führen.

Ingenieure im Vorstand: Technische Studiengänge bleiben präsent

Bei der Ausbildung dominieren weiterhin Wirtschaftswissenschaftler. 56 % der DAX-Vorstände haben ein entsprechendes Studium absolviert. Auf Platz zwei folgen Ingenieurwissenschaften mit 20 %, dahinter Naturwissenschaften mit 12 %.

Auch bei den neu berufenen Vorständen bleiben technische Studiengänge vertreten. 19 % der Neuzugänge haben Ingenieurwissenschaften studiert, weitere 17 % Naturwissenschaften. Wirtschaftswissenschaftler stellen mit 44 % jedoch weiterhin die größte Gruppe.

Die Studienautoren Emanuel Pfister und Ramona Kraft sehen einen Trend zu einer stärkeren Technisierung der Vorstandsetagen. Der Anteil von Ingenieurinnen und Ingenieuren bleibt über die Jahre hinweg weitgehend stabil.

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Karriere im DAX-Vorstand: Branchenkenntnis schlägt Herkunft

Entscheidend für den Aufstieg in die Führungsetage bleibt die Branchenerfahrung. Drei von vier DAX-Vorständen haben ihre Karriere überwiegend innerhalb derselben Branche aufgebaut. Bei Vorstandsvorsitzenden liegt dieser Wert sogar bei 85 %.

Besonders ausgeprägt ist dieser Trend in der Automobilindustrie. Dort haben 91 % der Vorstandsmitglieder eine brancheninterne Karriere absolviert. Keine andere Branche weist einen höheren Wert auf.

Für die Unternehmen zählt damit weiterhin vor allem die Fähigkeit, die Dynamik und Besonderheiten einer Branche zu verstehen und strategisch einzuordnen.

Warum externe Kandidaten für DAX-Unternehmen attraktiver werden

Gleichzeitig öffnen sich die Führungsetagen stärker für externe Bewerber. Nur noch 43 % der DAX-Vorstände stammen aus dem eigenen Unternehmen. Bei den neu berufenen Vorständen liegt der Anteil sogar bei lediglich 25 %.

Externe Perspektiven gewinnen an Bedeutung, weil Unternehmen auf neue Herausforderungen reagieren müssen. Die Suche nach Transformationskompetenz, internationaler Erfahrung und neuen Lösungsansätzen führt dazu, dass traditionelle Karrierepfade innerhalb eines Konzerns an Gewicht verlieren.

„Externe Berufungen an der richtigen Stelle können für Aufbruchstimmung sorgen und neue Perspektiven und spezifische Expertise einbringen“, so die Studienautoren.

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Krisenmanagement, Transformation und KI: Neue Anforderungen an Führungskräfte

Im Experteninterview des Reports beschreibt Thyssenkrupp-Personalvorstand Wilfried von Rath die veränderten Anforderungen an Vorstände. In einer Welt permanenter Unsicherheit seien insbesondere Ambiguitätstoleranz, Teamfähigkeit und Entscheidungsstärke gefragt. Transformation lasse sich nicht mehr in einzelnen Ressorts organisieren, sondern müsse vom gesamten Vorstand getragen werden.

Nach Einschätzung von von Rath verlieren dagegen klassische Karrierekriterien wie lineare Lebensläufe oder reine Ressortexpertise an Bedeutung. Entscheidend werde die Fähigkeit, Unternehmen unter Unsicherheit handlungsfähig zu halten.

Frauen im DAX-Vorstand: Anteil erreicht neuen Höchststand

Parallel zur steigenden Dynamik wächst auch die Diversität in den Führungsgremien. Der Frauenanteil in den DAX-Vorständen stieg 2026 auf 27 % und erreichte damit einen neuen Höchststand. Gegenüber dem Vorjahr bedeutet das einen weiteren Anstieg um einen Prozentpunkt.

Von den 36 neu berufenen Vorständen waren allerdings nur sieben Frauen. Das entspricht einem Anteil von 19 %.

Vier Unternehmen erreichen inzwischen eine paritätische Besetzung ihrer Vorstände: Beiersdorf, Merck, MTU und Siemens Healthineers.

Weibliche CEOs im DAX bleiben die Ausnahme

An der Spitze der Konzerne bleibt der Frauenanteil dagegen gering. Zum Stichtag 31. 3. 2026 wurden lediglich vier DAX-Unternehmen von Frauen geführt:

Gemessen an insgesamt 41 CEO-Positionen im DAX bleibt der Anteil der weiblichen Vorstandsvorsitzenden also niedrig.

Warum Frauen andere Karrierewege in den Vorstand wählen

Die Profile weiblicher Vorstände unterscheiden sich in mehreren Punkten von denen ihrer männlichen Kollegen. Frauen erreichen den Vorstand schneller, stammen seltener aus dem eigenen Unternehmen und verfügen häufiger über internationale oder branchenübergreifende Erfahrungen. 42 % der weiblichen Vorstände haben einen internationalen Hintergrund, bei den Männern sind es 35 %.

Zudem gelangen Frauen häufig über andere Funktionen in die Vorstandsgremien. Während Männer häufiger operative Karrierewege durchlaufen, sind Frauen besonders stark in Personal- und Finanzressorts vertreten.

Unternehmen ohne Frau im Vorstand: Wo der Nachholbedarf besonders groß ist

Trotz aller Fortschritte gibt es weiterhin Unternehmen ohne weibliche Beteiligung im Vorstand. Zum Stichtag trifft das auf Brenntag und die Porsche SE zu.

Gleichzeitig zeigt der Report erhebliche Unterschiede zwischen den Branchen. Besonders niedrig ist der Frauenanteil in der Automobilindustrie mit 18 %.

Ingenieurinnen im Vorstand: Technische Karrierewege bleiben selten

Während Ingenieurwissenschaften bei männlichen Vorständen die zweitwichtigste Studienrichtung darstellen, dominieren bei Frauen Wirtschaftswissenschaften, Naturwissenschaften und Jura. Technische Karrierewege führen bislang deutlich seltener in den Vorstand.

Auch in operativen Ressorts und technologieorientierten Führungsfunktionen bleiben Frauen unterrepräsentiert. Die stärkste Präsenz zeigen sie weiterhin im Personalbereich. So sind 83 % der HR-Vorstände im DAX weiblich.

Ein Beitrag von:

  • Claudia Burger

    Claudia Burger ist Redakteurin im VDI Verlag. Besondere Expertise hat sie in den Bereichen Arbeitsmarkt, Karriere, Arbeitsrecht, Bildung und Gesellschaft. Im Karriere-Podcast „Prototyp“ spricht sie mit prominenten Gästen aus Wirtschaft, Forschung und Bildung über das, was die Arbeitswelt von Ingenieurinnen und Ingenieuren bewegt.

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