Krise statt Komfort: Was Unternehmen heute von Vorständen erwarten
Krisen, Transformation und wirtschaftlicher Druck verändern die Anforderungen an Topmanager. Personalberater Kaan Bludau beobachtet eine Rückbesinnung auf Leistungsbereitschaft und lobt Bayer-Chef Bill Anderson.
Headhunter Kaan Bludau fordert mehr Leistungsbereitschaft ein und sieht Veränderungen in der Vorstandsetage.
Foto: BludauPartners
Inhaltsverzeichnis
- Topmanager tragen Verantwortung für den Zustand des Landes
- Warum Unternehmen wieder auf Leistung setzen
- Erfahrene Führungskräfte erleben eine Renaissance
- Deutschland verliert Unternehmen und Talente
- Präsenz statt Homeoffice: Das neue Führungsverständnis
- Kommunikation wird zur Schlüsselkompetenz
- Arroganz hat ausgedient
- Bill Anderson als Vorbild für moderne Führung
- Lernagilität schlägt Erfahrung
- Entscheidungen treffen statt abwarten
- „Kraftvolle Führung“ statt Druck
Ingenieur.de: Herr Bludau, Studien zeigen, dass die Fluktuation in DAX-Vorständen in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen ist. Erleben Sie das in Ihrer täglichen Arbeit ebenfalls?
Kaan Bludau: Ja, absolut. Gerade in den vergangenen Monaten hat die Fluktuation auf C-Level stark zugenommen – egal ob CEO, CFO oder CIO. Insgesamt bewegt sich auf der ersten Führungsebene sehr viel. Das hängt vor allem damit zusammen, dass sich die Rahmenbedingungen seit der Coronazeit massiv verändert haben. Wir erleben eine Krise nach der anderen. Unternehmen stehen heute unter einem völlig anderen Druck als noch vor wenigen Jahren.
Topmanager tragen Verantwortung für den Zustand des Landes
Ingenieur.de: Suchen Unternehmen deshalb heute andere Führungspersönlichkeiten?
Kaan Bludau: Ja. Es hat sich nicht nur wirtschaftlich viel verändert, sondern auch kulturell. Wir sehen weltweit ganz andere Entwicklungen als noch vor einigen Jahren. Wirtschaftsbosse gehen in die Politik, Politiker sprechen über Deals wie Unternehmer. Gleichzeitig entstehen neue Wirtschaftsmächte und neue Technologien verändern ganze Märkte.
Viele schieben die Verantwortung ausschließlich der Politik zu. Das greift mir aber zu kurz. Auch Topmanager tragen Verantwortung dafür, wo Deutschland heute steht. Zwischen Politik und Wirtschaft hat es über Jahre zu wenig gemeinsames Handeln gegeben, um gute Rahmenbedingungen für Unternehmen zu schaffen. Gerade für den Mittelstand ist das ein großes Problem geworden.
Warum Unternehmen wieder auf Leistung setzen
Ingenieur.de: Wo sehen Sie die größten Versäumnisse?
Kaan Bludau: Wir haben in Deutschland über Jahre hinweg vieles einfach hingenommen. Gleichzeitig hat der Fach- und Führungskräftemangel dazu geführt, dass Unternehmen ihren Mitarbeitenden immer mehr Zugeständnisse gemacht haben – Homeoffice, Workation, immer höhere Gehälter und viele weitere Privilegien.
Natürlich muss man gute Mitarbeitende gut behandeln. Aber irgendwann standen Leistung und Vergütung häufig nicht mehr in einem gesunden Verhältnis. Der Arbeitsmarkt neutralisiert sich inzwischen zwar etwas, aber Deutschland geht es dadurch noch lange nicht besser.
Vor allem habe ich den Eindruck, dass vielen Menschen gar nicht bewusst ist, in welcher wirtschaftlichen Lage wir uns befinden. Wir müssen wieder mehr arbeiten, wenn wir unseren Wohlstand erhalten wollen. Dieses Bewusstsein ist vielerorts verloren gegangen.
Erfahrene Führungskräfte erleben eine Renaissance
Ingenieur.de: Profitieren davon heute wieder erfahrene Führungskräfte?
Kaan Bludau: Ja, das beobachten wir ganz klar. Vor einigen Jahren wollten viele Unternehmen vor allem junge, dynamische Manager Anfang oder Mitte dreißig. Heute erleben wir eine regelrechte Sehnsucht nach den klassischen Führungswerten.
Gesucht werden Menschen, die diszipliniert sind, Verantwortung übernehmen, früh aufstehen, fleißig arbeiten und Leistung vorleben. Das sind Werte, mit denen Deutschland nach dem Krieg wieder aufgebaut wurde. Wir kommen aus einer Leistungsgesellschaft. Deutschland war wirtschaftlich erfolgreich, weil Menschen bereit waren, Verantwortung zu übernehmen und sich anzustrengen.
Mit wachsendem Wohlstand hat sich das verändert. Viele Eltern konnten ihren Kindern alles ermöglichen. Wenn ihnen ein Arbeitgeber nicht gefiel, hieß es: Dann kündige eben. Viele Familien hatten Vermögen aufgebaut, Immobilien geerbt oder finanziellen Rückhalt. Dadurch ist der Leistungsgedanke Stück für Stück in den Hintergrund gerückt.
Jetzt merken wir, dass dieses Modell an seine Grenzen kommt. Deutschland steckt wirtschaftlich in einer schwierigen Situation. Deshalb wächst wieder die Sehnsucht nach Führungskräften, die Leistung einfordern und selbst vorleben.
Deutschland verliert Unternehmen und Talente
Ingenieur.de: Woran machen Sie diese Entwicklung fest?
Kaan Bludau: Wir sehen doch längst, dass Unternehmen ihre Produktion ins Ausland verlagern. Ausländische Investoren kaufen deutsche Traditionsunternehmen auf – in der Industrie, in der Chemie oder in der Pharmaindustrie. Gleichzeitig wandern Unternehmen und Talente ab.
Das zeigt doch, dass wir unsere Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Deutschland war jahrzehntelang führend. Heute wird der Standort zunehmend unattraktiv. Das ist eine Entwicklung, die man sehr ernst nehmen muss.
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Präsenz statt Homeoffice: Das neue Führungsverständnis
Ingenieur.de: Wie verändert sich dadurch Ihr Suchauftrag als Personalberater?
Kaan Bludau: Unsere Mandanten suchen heute einen anderen Führungsstil als noch vor wenigen Jahren. Sie wollen keine Manager mehr, die überwiegend aus dem Homeoffice führen oder nur gelegentlich im Headquarter auftauchen.
Eine Führungskraft muss dort sein, wo das Unternehmen ist. Sie muss ihre Mitarbeitenden sehen, mit ihnen sprechen und Präsenz zeigen. Das war zwischenzeitlich fast verloren gegangen.
Selbst bei sehr hoch dotierten Positionen waren viele Kandidaten nicht mehr bereit umzuziehen oder eine Zweitwohnung in Kauf zu nehmen. Das war früher selbstverständlich. In den USA ist das bis heute völlig normal. Bei uns hat sich eine Mentalität entwickelt, die deutlich weniger Mobilität zulässt.
Ich beobachte aber, dass sich das gerade wieder verändert. Unternehmen erwarten wieder mehr Einsatzbereitschaft. Wer eine Spitzenposition übernehmen will, muss auch bereit sein, dorthin zu gehen, wo diese Aufgabe ist.
Kommunikation wird zur Schlüsselkompetenz
Ingenieur.de: Worauf achten Unternehmen heute besonders, wenn sie einen neuen Vorstand suchen?
Kaan Bludau: Unternehmen suchen heute Führungskräfte, die Menschen erreichen können. Es geht längst nicht mehr nur um fachliche Kompetenz oder strategisches Denken. Vorstände müssen Charisma haben, auf die Bühne gehen können und unterschiedliche Zielgruppen mitnehmen.
Unternehmen stehen mitten in Veränderungsprozessen. Es gibt Restrukturierungen, Personalabbau und Transformation. Da reicht es nicht, gute Entscheidungen zu treffen. Man muss sie auch erklären können. Wer Tausende Mitarbeitende durch Veränderungen führen will, braucht eine starke Kommunikation.
Ingenieur.de: Kommunikationsfähigkeit gehörte doch eigentlich schon immer zu den Anforderungen an Topmanager.
Kaan Bludau: Natürlich war Kommunikation schon immer wichtig. Aber früher lief vieles von allein. Die Unternehmen waren erfolgreich, die Märkte waren stabiler und Veränderungsprozesse hatten eine ganz andere Geschwindigkeit. Heute ist das komplett anders.
Deshalb brauchen Unternehmen Vorstände, die Investoren, Mitarbeitende, Medien und Kunden gleichermaßen erreichen können. Diese Fähigkeit entscheidet heute viel stärker über den Erfolg eines Unternehmens als noch vor einigen Jahren.
Arroganz hat ausgedient
Ingenieur.de: Welche Eigenschaften disqualifizieren einen Vorstand heute?
Kaan Bludau: Arroganz funktioniert heute nicht mehr. Ebenso wenig mangelnde Selbstreflexion oder fehlende Empathie. Ein Vorstand muss heute unterschiedlichste Interessen zusammenbringen. Da geht es um Mitarbeitende, Investoren, Kunden, Lieferanten, Medien und viele weitere Stakeholder. Wer diese unterschiedlichen Perspektiven nicht versteht, wird es schwer haben.
Früher konnten sich Vorstände stärker abschotten. Sie waren kaum erreichbar und wurden von vielen Ebenen geschützt. Solange die Geschäfte liefen, wurde das akzeptiert.
Heute reicht das nicht mehr. Unternehmen brauchen nahbare Führungskräfte. Menschen wollen verstehen, warum Entscheidungen getroffen werden. Wer sich isoliert, verliert Vertrauen.
Bill Anderson als Vorbild für moderne Führung
Ingenieur.de: Gibt es dafür aus Ihrer Sicht Beispiele für gute Führung?
Kaan Bludau: Bill Anderson bei Bayer ist für mich ein gutes Beispiel. Sein Vorgänger Werner Baumann war fachlich sicher ebenfalls kompetent. Aber Bill Anderson ist deutlich sichtbarer. Er kommuniziert stärker, sucht den Austausch mit Mitarbeitenden, Investoren und den Medien.
Man sieht einfach, dass er sich intensiv darum bemüht, unterschiedliche Stakeholder mitzunehmen. Das gehört heute zu moderner Unternehmensführung.
Bei Volkswagen hat man dagegen gesehen, wie schwierig es wird, wenn Kommunikation nicht gelingt. Wenn interne Papiere plötzlich öffentlich werden und große Restrukturierungen über Medien bekannt werden, dann schafft das Unruhe. Genau solche Situationen müssen moderne Vorstände vermeiden.
Lernagilität schlägt Erfahrung
Ingenieur.de: Welche Fähigkeiten stehen heute ganz oben auf der Wunschliste Ihrer Mandanten?
Kaan Bludau: An erster Stelle steht für mich Lernagilität. Führungskräfte müssen bereit sein, sich ständig weiterzuentwickeln. Es entstehen permanent neue Themen. Künstliche Intelligenz ist nur eines davon. Wer glaubt, mit dem Wissen von gestern auch morgen noch erfolgreich führen zu können, wird scheitern.
Hinzu kommt systemisches Denken. Gute Vorstände verstehen die Wechselwirkungen ihrer Entscheidungen. Sie fragen sich nicht nur, was heute passiert, sondern auch, welche Folgen eine Entscheidung morgen oder in zwei Jahren haben wird.
Außerdem brauchen Unternehmen Veränderungskompetenz. Ein Vorstand muss selbst Veränderungen annehmen und gleichzeitig andere Menschen durch diese Veränderungen begleiten können. Das ist heute eine Kernaufgabe.
Technologieverständnis ist heute unverzichtbar. Dabei spielt das Alter überhaupt keine Rolle. Ich kenne viele Topmanager über 60, die sich intensiv mit KI beschäftigen. Gleichzeitig kenne ich deutlich jüngere Führungskräfte, die sich damit kaum auseinandersetzen.
Das ist kein Generationenthema. Es ist eine Frage des Mindsets.
Mindestens genauso wichtig ist Ambiguitätstoleranz – also die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, obwohl nicht alle Informationen vorliegen. Genau das erleben wir heute permanent. Wer als Vorstand erst handelt, wenn alle Unsicherheiten verschwunden sind, wird immer zu spät sein.
Entscheidungen treffen statt abwarten
Ingenieur.de: Wo sehen Sie die größten Schwächen deutscher Führungskräfte?
Kaan Bludau: Wir tun uns häufig schwer damit, Entscheidungen zu treffen. Das ist nicht nur in Unternehmen so, sondern auch in der Politik. Viele haben Angst, Fehler zu machen. Deshalb wird lieber gar nicht entschieden als möglicherweise falsch entschieden. Das unterscheidet Deutschland beispielsweise von den USA.
Dabei brauchen Menschen Orientierung. Führung bedeutet, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Natürlich kann sich später herausstellen, dass eine Entscheidung angepasst werden muss. Aber Nichtstun ist oft die schlechtere Alternative.
„Kraftvolle Führung“ statt Druck
Ingenieur.de: Bedeutet das eine Rückkehr zu härteren Führungsstilen?
Kaan Bludau: Nein. Druck ist keine gute Führung. Wer den eigenen Druck einfach an seine Mitarbeitenden weitergibt, macht einen Fehler.
Was Unternehmen heute brauchen, ist kraftvolle Führung. Führungskräfte müssen Stärke zeigen, Risiken eingehen und Entscheidungen treffen. Gleichzeitig müssen sie ihre Mitarbeitenden mitnehmen und Orientierung geben.
Innovation, Identifikation und Zusammenarbeit entstehen im Team – und dafür braucht es Führung, Präsenz und gemeinsame Ziele.
Kaan Bludau
Kaan Bludau ist Gründer und Geschäftsführer von BludauPartners Executive Consultants GmbH und Inhaber der GEMINI Executive Search GmbH und betreut seit 25 Jahren nationale und internationale Großunternehmen und Konzerne bei der Besetzung von gehobenen und strategisch bedeutenden Top-Managementpositionen, in der Beurteilung von Führungskräften sowie bei der strategischen Neuausrichtung von Unternehmensorganisationen.
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