Management

In Detmold bekommt das Denken Flügel

Ihr großes künstlerisches Potenzial nutzt die Stadt Detmold zur kreativen Weiterbildung Berufstätiger, vom Auszubildenden bis zur Führungskraft. Grundlage aller Lehreinheiten ist die starke Erlebnisorientierung, die das Miteinander fördern soll – ob über Rollenspiele, Film, Musik, Jonglage oder Malerei.

Denken verleiht Flügel. Vor allem wenn der geistige Ausflug die Grenzen des Gewohnten und Bewährten hinter sich lässt. Und wenn dahinter Neues sichtbar wird. Am besten, man lässt Schreibtisch Schreibtisch sein und vergisst für einige Stunden PC und Kaffeemaschine. Am besten, man sucht eine neue Umgebung, deren puristische Atmosphäre Raum für geistige Freiflüge bietet.

Dieses Ambiente bietet die Stadt Detmold im „Hangar 21“. Die Flugzeughalle wurde 1936 auf dem damaligen „Fliegerhorst“ errichtet. Sie allein ist schon einen Besuch wert. Die britische Besatzungsmacht nutzte die stützenfreie Stahlkonstruktion aus Bogenbindern als Karosseriewerkstatt. Nach Abzug der Briten 1995 wurde der Hangar zu einer Ausstellungshalle umfunktioniert. Bis 2005 beherbergte sie das Art-Kite-Museum, in dem künstlerisch gestaltete Flugdrachen einen Vorgeschmack auf das gaben, was heute dort passiert: Flugshows der anderen, der kreativ-abstrakten Art.

Als Kulturfabrik „für Kreativität, Ideen und Produktionen“, heißt es auf den Webseiten der Detmolder Stadthallen GmbH, gehört die Halle inzwischen zum festen Bestandteil Detmolds. Die mehr als 73 000 Einwohner zählende Stadt in Ostwestfalen-Lippe könne getrost von sich behaupten, eine „Kultur-Oase“ in einer ländlich geprägten Umgebung zu sein, sagt Astrid Diekmann. Die gebürtige Detmolderin weiß um die Werte ihrer Heimat. Und als Controllerin im Bereich Kultur, Tourismus und Marketing weiß sie auch, wie sie zu vermarkten sind.

„Wir haben etwa durch die Hochschule für Musik und die Hochschule OWL oder durch das Landestheater hervorragende Künstler hier“, erklärt Astrid Diekmann. Als nach Schließung des Museums die Frage aufkam, was denn jetzt mit dem Hangar 21 geschehe, verknüpfte sie den Gedanken an die Kultur-Oase mit den Bedürfnissen der lokalen Wirtschaft. „Ich habe mich gefragt: Was bringt die Region weiter? Können wir die künstlerischen Potenziale für die klassische Personalentwicklung nutzen?“ Die Antwort lag in der nächsten Frage: „Wer kann etwa besser Rhetorik vermitteln als ein Schauspieler oder eine Sängerin?“

Astrid Diekmann holte Kultur, Wirtschaft und Verwaltung an einen runden Tisch. Wenig später war das gemeinsame Kind unter allgemeinem Applaus geboren. Der Tisch hatte danach keineswegs ausgedient. Er dient den Partnern heute noch, wenn es um die gemeinsame Gestaltung, die zeitliche Absprache und die Inhalte von Seminaren und Workshops in der Akademie „Denkflügel“ geht.

Der Hangar 21 ist ein außergewöhnlicher Bildungsort, der Auszubildenden und Beschäftigten bis hinauf zur Führungsebene die Möglichkeit gibt, frei und völlig anders als im Alltag üblich an Themen heranzugehen: keine Vorträge, kein Frontalunterricht, keine Beamervorträge“, betont die Denkflügel-Leiterin den Perspektivwechsel, den die Teilnehmer mit Blick auf ihren beruflichen Alltag gewinnen sollen.

Wie aber sieht das in der Praxis aus? „Wenn die Kunden ihr Problem geäußert haben, suchen wir gemeinsam nach geeigneten Kreativmaßnahmen. Das Potenzial, aus dem wir schöpfen können, ist groß. Hapert es in einem Unternehmen etwa am Teamgedanken, wäre Percussion eine Lösung: Wer gibt den Takt an, wer kommt mit, wer nicht?“

Grundlage aller Lernprozesse sei die starke Erlebnisorientierung, die zur Diskussion anregen und das Miteinander fördern soll – ob über Rollenspiele, Film, Musik, Jonglage oder Malerei. „Viele Teilnehmer haben zunächst einmal Hemmungen“, erzählt Denkflügel-Dozent Jens Heuwinkel. „Da werden Gefühle frei, die ich zu Beginn meiner 25-jährigen Laufbahn in Seminaren nicht wahrgenommen habe. Heute gehe ich auf die Empfindlichkeiten in Absprache mit den Teilnehmern ein.“

Führungskräfte hätten einen bestimmten Status erreicht und sollen sich plötzlich anfassen oder mit Bällen jonglieren. Was soll ich damit?, fragten sie sich dann. „Dass sie damit neue Erfahrungen sammeln, wird ihnen häufig erst nach mehreren Praxisversuchen bewusst“, sagt der Schauspieler, Artist und Autor Heuwinkel.

Diese Schale, in die sich Teilnehmer zunächst zurückzögen, werde peu à peu geöffnet, hat Denkflügel-Leiterin Astrid Diekmann erfahren. Wer sich anfangs noch sieze, duze sich bald wer sportliche Aktionen von sich weise, schlägt wenig später einen Ausflug in den nahe liegenden Kletterpark vor.

„Der zuweilen schwere Einstieg ist auch ein kulturelles Problem. In anderen Ländern werden solche Projekte nicht als Ringelrein abgetan. In Deutschland muss Weiterbildung leider immer noch weh tun.“ Zudem werde sie von vielen als Strafkommando empfunden. Wer Fortbildung auferlegt bekomme, denke, er sei zu schlecht in seinem Job.

Diese Vorbehalte gelte es auszuräumen. Aber nicht, indem man den Weg des Eintrichterns inklusive anschließendem Vergessen einschlage. „Das, was man hier lernt, nimmt man mit in den Alltag. Das vergisst man nie. Es wird nichts aufgeschrieben, man macht es einfach.“

Um Erfolg zu haben, müssen sich alle Beteiligten wohlfühlen. Auch die Dozenten. „Die Umgebung allein ist schon inspirierend“, findet Jens Heuwinkel. Der Hangar 21 als „wetterfeste Spielwiese“ und die Einzigartigkeit des Projektes, in dem Künstler verschiedener Richtungen zusammenkämen und auf Ingenieure, Kaufleute und Auszubildende träfen, regten zu vielen neuen Ideen an. „Das macht wirklich Spaß.“

Dieser Spaß trägt sich kostenmäßig nicht nur selbst, das Projekt Denkflügel fördert auch das Renommee der Stadt als Kultur-Hochburg und lässt Wirtschaft, Verwaltung und Kultur näher zusammenrücken.

WOLFGANG SCHMITZ

Von Wolfgang Schmitz

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