Management

Auch Chefs müssen noch dazulernen  

Den Führungskräften verlangt die aktuelle Wirtschaftssituation einiges ab. Kurzfristig geht es darum, die Unternehmen durch die Krise zu bringen. Langfristig müssen sie die Unternehmen auf die Herausforderungen vorbereiten. Die Überlebensstrategie ist durch die aktuelle Situation bedingt, der Wandel hingegen ist ein regelmäßiger Prozess, der so sicher ist wie die nächste Krise. Manches lässt sich lernen. VDI nachrichten, Düsseldorf, 12. 3. 10, cha

Kurzarbeit hat in der aktuellen Krise bislang Hunderttausende Arbeitsplätze gerettet. Auch die von Managern. Doch Kurzarbeit ist, wie das Wort schon sagt, eine Frage der Zeit. Eventuell werden notwendige Entscheidungen nur vertragt. Das wissen auch die Mitarbeiter, entsprechend gedämpft ist die Stimmung in vielen Unternehmen. „Vor zwei Jahren war mein Alltag dadurch geprägt, das gewaltige Wachstum im Unternehmen zu managen und die internen Abläufe so zu optimieren, dass wir der Auftragsflut Herr wurden“, sagt Nicolai Stickel. Das waren gute Zeiten, jetzt herrschen die schlechten und Manager wie Stickel sind gezwungen, auf die radikalen Veränderungen am Markt zu reagieren.

Stickel ist Geschäftsführer in der Star Cooperation, einem Beratungsunternehmen mit Schwerpunkt Automobilindustrie und Sitz in Böblingen. Die Firma hat rund 420 Mitarbeiter, mehr als die Hälfte sind Ingenieure und jeder Zweite war um den Jahreswechsel in Kurzarbeit. Jetzt haben die weitaus meisten seiner gut 170 Mitarbeiter wieder zu tun. „Unsere Strategie, in der Krise die Mitarbeiter und das Management zu schulen, hat sich gelohnt.“ Er eignete sich das notwendige Fachwissen, um auf Marktveränderungen und Entwicklungen reagieren zu können, an der St. Gallener Business School in der Schweiz an.

Den berufsbegleitenden Diplom-Studiengang Consultant hat er bereits in guten Tagen angefangen, im August 2008, denn Krisen sind nichts Neues: Sieben fetten folgen schon in der Bibel sieben magere Jahre. Grundsätzlich ist das auch heute noch so, wenngleich die Zyklen mittlerweile rund zehn Jahre betragen, wie das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung weiß.

Allerdings: So stark wie derzeit, war der Einbruch noch nie. Entsprechend müssen die Unternehmen radikal reagieren, das erfordert konsequentes Management. „Kurzfristig geht es darum, das Überleben der Unternehmen zu sichern, indem sie Kosten sparen. Langfristig aber müssen sie das Unternehmen auf die neuen Herausforderungen am Markt ausrichten“, so Reinhard Jung, akademischer Direktor des Executive Master-Studiengangs Business Engineering der Universität St. Gallen.

Das Zweistudium für Fach- und Führungskräfte hat das Ziel, Spezialisten für Veränderungsprozesse auszubilden. Und das sei dringend notwendig: „Zwei Drittel aller Veränderungsprozesse scheitern“, weiß Jung. Häufig, weil Change-Management nur einzelne Aspekte von Veränderungen abdeckt, die heutigen Problemstellungen aber so komplex sind, dass man sie mit einseitigen Konzepten nicht bewältigen kann.

„Der Master of Business Engineering schließt deshalb eine fachliche Lücke, indem der klassische Master of Business Administration um die Disziplin Change Management und das Konzept Business Engineering erweitert wird“, wirbt Jung. Die Teilnehmer lernen demnach, Situationen zu analysieren, durchzudenken und abzubilden und greifen dazu auf Werkzeuge und Methoden der Ingenieurwissenschaften zurück.

Der St. Gallener Ansatz, ein System von innen und außen als Ganzes zu betrachten, fasziniert Stickel und bringt ihn fachlich weiter. Vor allem aber lernt der Wirtschaftswissenschaftler, die Star Cooperation als Einheit zu betrachten. Die rund 10 000 € Ausbildungskosten übernimmt sein Arbeitgeber.

Alexander Schülein ist Prokurist der Firma und beschreibt die Anforderungen so: „Durch Innovationen müssen wir Nachfrage erzeugen, die Mitarbeiter motiviert halten und zukunftsgerichtet qualifizieren. Bei den Kosten müssen wir wissen, welche sich reduzieren lassen, ohne den laufenden Betrieb oder die Zukunft zu gefährden, und der Kunde muss trotz fordernder Preisreduktionen mehr denn je betreut werden.“

Denn die Rechnung ist denkbar einfach: Kommt der Kunde nicht durch, bleibt auch sein Lieferant auf der Strecke, dem ist sich Schülein durchaus bewusst und dementsprechend wird gehandelt und geschult. Deshalb wird auch er an einem Kurs in St. Gallen teilnehmen, um den ganzheitlichen Ansatz der Unternehmensführung und -steuerung zu verinnerlichen.

Den ganzheitlichen Blick üben und Strategieumsetzung erlernen

Ronald Gleich, Geschäftsführer der Executive Education an der European Business School EBS in Oestrich-Winkel macht fünf Themenfelder aus, in denen eine Notwendigkeit der Managerqualifizierung besteht und für die entsprechende Programme angeboten werden, als mehrtägige Kurse oder als mehrjährige berufsbegleitende MBA: Ganzheitlicher Blick, Strategieumsetzung und Implementierung, Restrukturierung, Controlling, innovative Geschäftsmodelle. Die EBS hat pro Jahr einige tausend Teilnehmer. „Derzeit ist die Nachfrage eher konstant“, beschreibt Gleich die Auslastung. Doch es finde eine Umschichtung statt. „Zurzeit stehen Controlling-Kurse hoch im Kurs und Fortbildungen im Bereich Interimsmanagement sind sehr gefragt.“ Kein Wunder: Die Manager-Opfer der Krise suchen ihr Heil in der Flucht nach vorne und erschließen neue Geschäftsfelder für sich selbst. „Schließlich ist das Stellenangebot für Manager derzeit nicht gerade üppig“, meint Gleich.

Sven Hennige, Managing Direktor Central Europe bei Robert Half in München, einem auf Fach- und Führungskräfte im Finanz-, Rechnungs- und Bankwesen spezialisierten Personaldienstleister, macht für diese Branchen und Themen eine ganz andere Erfahrung: „Die Nachfrage nach Managern ist genau so hoch wie vor der Krise.“ Das mag daran liegen, dass viele Unternehmen Spezialisten suchen, um Kosten einzusparen und den Überblick über die Finanzen zu behalten. Den Schulungsbedarf im Management bezeichnet Hennige als „beachtlich, weil in den Zeiten des Wachstums viele Mitarbeiter befördert wurden, für das sie das fachliche, aber nicht das Management-Wissen hatten“. Das ist ein typischer Managementfehler, weil nicht daran gedacht wurde, dass sich die Zeiten ändern und das in immer kürzeren Abständen. Der Wandel ist so sicher wie die nächste Krise. PETER ILG

Von Peter Ilg

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