Gesundheit

Lackierbranche setzt auf Biomonitoring

Bessere Methoden in der Arbeitsmedizin konnten Gesundheitsgefährdungen am Arbeitsplatz hierzulande deutlich verringern. Dabei entwickelt sich das Biomonitoring mehr und mehr zum entscheidenden Instrument. Ein Nullrisiko aber wird es nach Einschätzung der Experten dennoch nicht geben.

„Wenn sich Teleskope in den letzten 150 Jahren so verbessert hätten wie unsere arbeitsmedizinische Analytik in den letzten 30 Jahren“, behauptet der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Arbeits- und Umweltmedizin (DGAUM), Hans Drexler, „könnten Sie damit Bakterien auf dem Mars beobachten.“ Der Erlanger Professor ist überzeugt, dass die gesundheitlichen Belastungen am Arbeitsplatz in Deutschland „auf breiter Front“ zurückgegangen sind.

Um die Prävention und das Risikomanagement im Falle von Schadstoffbelastungen auf hohem Niveau zu garantieren, setzt Drexler auf Biomonitoring, also auf das Bestimmen von Schadstoffen in Blut- oder Gewebeproben. „Es muss zu einem selbstverständlichen ärztlichen Instrument werden“, forderte der Experte am Rande der 52. Jahrestagung der DGAUM in Göttingen. Welche Potenziale das Biomonitoring birgt und welchen konkreten Nutzen es hat, zeigten auf diesem Kongress Beispiele aus Forschung und Praxis.

So bestätigt eine vom Institut für Prävention und Arbeitsmedizin an der Ruhr-Uni Bochum (IPA) durchgeführte Feldstudie bei Lackierern aus der Automobilindustrie, dass eine innere Belastung der Arbeiter mit dem fortpflanzungsschädlichen Lösungsmittel NMP (N-Methyl-2-pyrrolidon) möglich ist, etwa beim Befüllen der Anlagen, bei der manuellen Reinigung der Düsen oder der Entnahme lackierter Teile.

Wissenschaftler finden NMP und NEP im Urin von Arbeitern

Zwar wurde der sogenannte BAT-Wert, der die biologische Toleranz eines Arbeitsstoffs festlegt, in keinem Fall überschritten, wie IPA-Experte Tobias Weiß betont. Dennoch fanden die Mediziner im Urin aller untersuchten 23 Arbeitnehmer nicht nur NMP oder sein Stoffwechselprodukt, sondern auch die Laborchemikalie NEP (N-Ethyl-2-pyrrolidon), die in der Industrie offenbar zum Teil als Ersatzstoff für NMP eingesetzt wird, obwohl es hierfür noch keinen Arbeitsplatzgrenzwert gibt.

Nach Angaben von Weiß sind mittlerweile auch Teile der Gesamtbevölkerung gegenüber NMP und NEP exponiert. Ein Biomonitoring des Instituts für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Uni Erlangen bei Universitätsmitarbeitern, die auf ihre Belastung mit Organophosphat-Flammschutzmitteln (OPFSM) getestet wurden, zeigt, dass das offenbar auch für diese Stoffe gilt. Sie sind als krebserregend und fortpflanzungsschädigend eingestuft. Eine Folgeuntersuchung soll nun u. a. klären, wie genau die betreffenden Flammschutzmittel, die in Gebäuden und Verkehrsmitteln ebenso vorkommen wie in Elektroinstallationen, Möbeln und Textilien, in den Körper gelangen.

Auf Spurensuche begaben sich auch die Mitarbeiter bei Currenta, dem Betreiber des Chemparks Leverkusen und dort auch für den Gesundheitsschutz verantwortlich, nachdem sie im Rahmen einer arbeitsmedizinischen Vorsorgeuntersuchung bei 24 % der Mitarbeiter eines Produktionsbetriebes von Hexamethylen-1,6-Diisocyanat (HDI) deutlich erhöhte Werte festgestellt hatten, die über dem arbeitsmedizinischen Erfahrungswert lagen.

HDI wird als Lackhärter eingesetzt und verstoffwechselt sich im Körper zu Hexamethylendiamin (HDA). Es kann Haut- und Schleimhautreizungen verursachen und zu chronischem Asthma führen. Die am stärksten Betroffenen arbeiteten nicht etwa in der Produktion, sondern in der Messwarte.

„Wir haben uns gefragt: Woher kommt das HDA?“, berichtet Gabriele Leng, Leiterin des Instituts für Human Biomonitoring bei Currenta. Eine Übertragung über die Atemwege konnte ausgeschlossen werden. Also entnahmen die Experten Wischproben und fanden das Stoffwechselprodukt eigentlich überall: im Materiallager, am Handlauf der Tankcontainer, am Werkzeug, in den Helmfächern, an Handschuhen und den Schnürsenkeln der Arbeitsschuhe. In dem betroffenen Betrieb sollen nun strikte arbeitsmedizinische Standards eingeführt werden.

Biomonitoring auch in der Recycling-Branche wichtig

Welche Bedeutung dem Biomonitoring zukommt, zeigt auch das Beispiel eines auf Recycling von Transformatoren spezialisierten Unternehmens in Dortmund. In dessen Umfeld wurden im Sommer 2008 erhöhte Werte für hochgiftige polychlorierte Biphenyle, kurz PCB, gemessen. Die Ursache blieb zunächst unklar.

Untersuchungen zum Humanbiomonitoring zwei Jahre später wiesen dann hohe PCB-Werte im Blut von Beschäftigten nach. Als Sollbruchstellen kamen laut Untersuchung der Experten vom Institut für Arbeits- und Sozialmedizin der RWTH Aachen gleich mehrere Arbeitsplätze der Recyclingfirma in Frage: das „Knacken“ der Trafos und Kondensatoren, die Reinigung kontaminierter Bleche oder das Schreddern von Kupferspulen.

„Es gab multiple Möglichkeiten der Belastung“, berichtet die Aachener Arbeitsmedizinerin Monika Gube. 16 Monate waren die untersuchten 87 männlichen Mitarbeiter im Schnitt einer direkten PCB-Belastung ausgesetzt. Ihre innere Belastung stimme mit dieser Expositionsdauer und den ausgeübten Tätigkeiten überein, so Gube. Die Aachener Forscher fanden zudem Schilddrüseneffekte, die sich in Richtung einer Schilddrüsenunterfunktion entwickeln könnten.

Trotz Biomonitoring: „Ein Nullrisiko wird es nicht geben“

Seit Juli 2010 nehmen infolge der PCB-Funde rund 300 Personen an einem medizinischen Betreuungsprogramm teil, damit mögliche Erkrankungen rechtzeitig erkannt und behandelt werden können. DGAUM-Präsident Drexler geht davon aus, dass es sich bei dem betroffenen Unternehmen nicht um den einzigen Ausreißer handelt. „Die Arbeitsplätze werden sicherer und Arbeitsschutz wird immer teurer“, stellt der Experte fest. Insofern gebe es durchaus Unternehmen, die das Thema Arbeitssicherheit zugunsten des Profits vernachlässigten.

Drexler plädiert vor diesem Hintergrund für realistische Grenzwerte, die eingehalten werden können und dann aber auch eingehalten werden müssten: „Wir als Arbeitsmediziner müssen das akzeptable Risiko definieren, denn ein Nullrisiko wird es nicht geben.“

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