Schutz der Freizeit 02.12.2013, 10:02 Uhr

Gewerkschaftsboss will Gesetz gegen Mails und SMS nach Feierabend

Keine E-Mails und keine SMS mehr nach Feierabend: Der neue IG Metall-Chef Detlef Wetzel will genau das durch ein Gesetz erreichen. Für ihn gibt es ein Recht auf Feierabend und auf planbare Freizeit. Einige Unternehmen haben solche Regeln bereits eingeführt.

Schreiben einer SMS in der Freizeit: Die IG Metall fordert garantierte Freizeit und ein Verbot dienstlicher Nachrichten nach Feierabend.

Schreiben einer SMS in der Freizeit: Die IG Metall fordert garantierte Freizeit und ein Verbot dienstlicher Nachrichten nach Feierabend.

Foto: dpa/Daniel Naupold

Detlef Wetzel macht nur wenige Tag nach seiner Wahl zum neuen Chef der IG Metall Schlagzeilen mit einem spektakulären Vorstoß: Wetzel fordert eine gesetzliche Regelung, die SMS- und Mail-Verkehr nach Feierabend und an Wochenenden unterbindet. „Die Digitalisierung darf nicht dazu führen, dass Arbeitnehmer rund um die Uhr erreichbar sind“, sagte Wetzel zur der Bild-Zeitung und gab der großen Koalition gleich den ersten gewerkschaftlichen Arbeitsauftrag mit. „Die neue Koalition muss hier strenge Regeln gegen Stress im Job und zu Haus vereinbaren.“ Für den IG-Metall-Chef ist es „unzumutbar“, dass immer mehr Beschäftigte nach Feierabend und an Wochenenden E-Mails oder SMS von Vorgesetzten bekommen.

Laut Wetzel gibt es ein Recht auf Feierabend und planbare Freizeiten. Für viele Mitarbeiter in den deutschen Unternehmen ist eben genau das keine Selbstverständlichkeit mehr. Jede E-Mail schreit nach sofortiger Antwort, natürlich auch des Nachts. Es sind informelle und nicht offen ausgesprochene Regeln, wegen denen Arbeitnehmer oft im Hamsterrad rennen. Sie haben schlicht Angst, bei der nächsten anstehenden Beförderung ignoriert zu werden oder gleich ganz entsorgt zu werden.

Diese ständige Erreichbarkeit fordert ihren Tribut. Zwischen 2005 und 2011 haben sich die Krankheitstage wegen Burn-Out verelffacht, auf 2,7 Millionen. Jede dritte Frühverrentung hat inzwischen psychische Gründe. Im Durchschnitt sind diese Frührentner 48 Jahre alt. Ein Trend, der dringend gestoppt werden muss.

VW belästigt die Mitarbeiter 30 Minuten nach Feierabend nicht mehr

Einige Unternehmen in Deutschland haben bereits firmeninterne Regeln im Umgang mit digitalen Nachrichten nach Feierabend eigeführt. So hat beim Autobauer VW der Betriebsrat eine Vereinbarung durchgesetzt, wonach die E-Mail-Funktion für Blackberry-Geräte 30 Minuten nach Feierabend abgeschaltet wird. Die Deutsche Telekom fordert ihre Mitarbeiter auf, in der Freizeit berufliche Telefonate und Schreiben zu unterlassen. Auch E.On, Puma und BMW haben Beschränkungen eingeführt.

Der neue Chef der IG Metall, Detlef Wetzel (l.) und sein Vorgänger Berthold Huber: Wetzel hat nach seiner Wahl zum Chef der Gewerkschaft ein gesetzliches Verbot dienstlicher Mails und SMS nach Feierabend gefordert.

Der neue Chef der IG Metall, Detlef Wetzel (l.) und sein Vorgänger Berthold Huber: Wetzel hat nach seiner Wahl zum Chef der Gewerkschaft ein gesetzliches Verbot dienstlicher Mails und SMS nach Feierabend gefordert.

Foto: dpa/Uwe Anspach

Im Arbeitsministerium gibt es seit 2012 einen Kodex

Auch die Politik ist nah an diesem Thema dran: Noch-Arbeitsministerin Ursula von der Leyen hat schon im vergangenen Jahr in ihrem Ministerium einen Kodex eingeführt, wonach Führungskräfte ihre Mitarbeiter nur noch „in begründeten Ausnahmefällen“ in ihrer Freizeit durch E-Mails oder Anrufe stören dürfen. Der Kodex regelt auch, dass niemand benachteiligt werden soll, der außerhalb seiner Arbeitszeit etwa sein Handy „abschaltet oder Nachrichten nicht abruft“. Eine gesetzliche Regelung durch eine Änderung des Arbeitsschutzgesetzes hatte von der Leyen aber gescheut.

Und genau diese fordert der gelernte Werkzeugmacher Detlef Wetzel, der mit dieser Forderung eine Duftmarke für seinen zukünftigen Kurs setzt. Der Chef der mit knapp 2,3 Millionen weltweit größten freien Gewerkschaft betonte, die neue Führung der IG Metall werde „auch in Zukunft keiner Auseinandersetzung aus dem Weg gehen, wenn es darum geht, die Interessen der Beschäftigten durchzusetzen.“

Weil eine Duftmarke vielleicht zu leicht untergehen kann, setzte Wetzel gleich noch eine hinzu und stellte eine hohe Lohnforderung für die Tarifrunde 2015 in Aussicht: „Läuft die Konjunktur gut, sind deutliche Lohnerhöhungen zwangsläufig. Da sind die Arbeitgeber mehr denn je in der Pflicht.“ Eine konkrete Höhe in Prozentpunkten nannte der neue IG Metall-Boss nicht. Dafür müsse die genaue Wirtschaftsentwicklung im kommenden Jahr abgewartet werden.

Wetzel erhielt bei seiner Wahl nur 75,5 Prozent der Stimmen

Die kämpferischen Töne des früheren Stellvertreters von Ex-Metall-Chef Berthold Huber dürften ihren Grund im schlechten Abschneiden Wetzels am vergangenen Montag in Frankfurt bei seiner Wahl zum neuen Chef der IG Metall haben. Er erhielt nur 75,5 Prozent der Stimmen. Huber war 2011 noch mit 96,2 Prozent wiedergewählt worden.

In dieser Wahl-Watsche drückt sich der Unmut vieler Metaller über den Kuschelkurs mit der SPD aus, den Huber und Wetzel der IG Metall verordnet hatten. Wetzel selbst hatte am Sonntag vor der Wahl mit einem Ergebnis von mindestens 80 Prozent gerechnet. Er kündigte an, dass er seine Arbeit für die Gewerkschaft wie gewohnt fortsetzen werde und meinte zum Wahlergebnis lakonisch: „Ausreichend ist das allemal, aber es hätte besser sein können“.

Klares Signal von der Basis

So wird Wetzel und sein neuer Vize, der mit 77,7 Prozent gewählt Jörg Hofmann, ihre Wahlergebnisse als klares Signal auffassen, dass die Basis der Gewerkschaft sich wieder eine politischere IG Metall wünscht – als Kontrapunkt zur wohl kommenden großen Koalition. Also eine Gewerkschaft, die mehr unternimmt, als in den Betrieben um neue Mitglieder zu werben. Eine Gewerkschaft, die eigene Schwerpunkte setzt und durchaus auch mal eine Zerreißprobe mit den Regierenden in Berlin wagt. So wie die Forderung nach einer gesetzlichen Regelung, die E-Mails und SMS nach Feierabend untersagt.

Von Detlef Stoller
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