
Das Europäische Parlament (EPA) hat die 15 Finalisten, die für den Europäischen Erfinderpreis 2019 nominiert sind, bekanntgegeben. Der Preis wird zum 14. Mal verliehen. Erfinder und Erfinderteams werden für ihre Kreativität ausgezeichnet. Die Finalisten kommen aus 12 Ländern, darunter Österreich, Deutschland, Japan, Italien und den USA. Der Preis wird in den Kategorien „Industrie“, „Forschung“, „Nicht-EPO-Staaten“, „KMU“ und „Lebenswerk“ vergeben.
Die Finalisten 2019 in den 5 Kategorien
Die Erfindungen betreffen Bereiche und Herausforderungen der Gesellschaft und reichen von ökologischen Verpackungen über wiederaufladbare Batterien, Agrarwirtschaft, Krebsdiagnose, moderne Fahrerassistenzsysteme bis hin zum Kunststoffrecycling. Die Gewinner des Innovationspreises des EPA werden im Rahmen einer Galaveranstaltung am 20. Juni in Wien bekannt gegeben.
Das sind die Gewinner des letzten Jahres
Der Europäische Erfinderpreis soll eine „Ehrung der kreativen Leistung aller Erfinder dieser Welt“ sein, eine Hommage an den Erfindergeist an sich. Die 6 Gewinner des Europäischen Erfinderpreises 2018 sehen Sie hier.
Der regenerierende Reifen von Agnès Poulbot und Jacques Barraud
Reifen sind die stillen Helden aller Autos. Ihnen werden laufend Höchstleistungen abverlangt: Sie müssen eine sichere Traktion gewährleisten – und gleichzeitig einen niedrigen Rollwiderstand bieten. Sie sollen heftigen Stößen von der Fahrbahn trotzen – und trotzdem Tausende von Kilometern halten. Dementsprechend sind sie seit über 100 Jahren Gegenstand intensiver Forschung. Trotzdem ist es den beiden französischen Wissenschaftlern Agnès Poulbot und Jacques Barraud gelungen, eine ganz neue Pneuklasse zu etablieren. Deren Lauffläche regeneriert sich bei Verschleiß von selbst. Außerdem bieten sie eine erhöhte Kraftstoffeffizienz und eine um bis zu 20 % verlängerte Lebenszeit. Die Jury des Europäischen Erfinderpreises zeigte sich am Donnerstag begeistert – und wählte das Erfinderduo auf den ersten Platz in der Kategorie „Industrie“.
Das Geheimnis des sogenannten Regenion-Reifens ist seine – im wahrsten Sinne des Wortes – Vielschichtigkeit: Seine Lauffläche ist mehrlagig. Wenn er erstmalig aufgezogen wird, ist zunächst nur die äußere Traktionsschicht sichtbar. Im Lauf der Zeit nutzt sich diese ab und darunter wird eine neue Lauffläche sichtbar – mit speziell angeordneten Rippen und Vertiefungen. Nach einer gewissen Zeit nutzt sich auch diese zweite Schicht ab, und eine dritte erscheint. Jede Schicht hat nur ein flaches Profil, das für minimalen Energieverlust und möglichst niedrigen Rollwiderstand optimiert ist. Dadurch wird die Lebensdauer des Reifens entsprechend der Anzahl von Schichten der Lauffläche verlängert.
Die schnelle MRT von Jens Frahm
In der Kategorie „Forschung“ setzte sich der Deutsche Jens Frahm durch. Dem Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen ist zu verdanken, dass der unangenehme Aufenthalt in der MRT-Röhre (Magnetresonanztomographie) nur noch ein paar Minuten dauert. Vor seiner Erfindung von 1985 vergingen regelmäßig mehrere Stunden, bis ausreichend scharfe Einblicke ins Innere des Menschen möglich wurden. Seine Idee hat er „Fast Low Angle Shot“ (Flash) getauft. Der Name verrät schon, worum es inhaltlich geht: Statt die vom Magnetfeld eingenordeten Wasserstoffatome mittels Radiowellen um 90 Grad auszulenken, begnügte er sich mit 5 Grad bis 15 Grad. Die Atome schwingen nach Abschaltung der Störfrequenz also deutlich schneller in ihre Ausgangsposition zurück. Das erlaubt schnellere Bildfolgen. Die Untersuchungszeit wird unter dem Strich um den Faktor hundert reduziert. Die Bildgebungsmethode, die er mit seinem Team damals entwickelte, ist seither Grundlage für fast alle medizinischen Magnetresonanzanwendungen auf der Welt. Heute ist „Flash“ für die Max-Planck-Gesellschaft der gewinnträchtigste Wert in ihrem IP-Portfolio.
Der Superkleber von Jane ní Dhulchaointigh
Die irische Produktdesignerin Jane ní Dhulchaointigh und ihr Team haben den Erfinderwettbewerb in der Kategorie „Kleine und mittlere Unternehmen“ gewonnen. Ihr Produkt: ein formbarer Multifunktionsklebstoff. Sein Name: „Sugru“. Seine Besonderheit: Er verbindet die Stärke eines Hochleistungsklebers mit der Biegsamkeit von Gummi. Die Erfindung eröffnet neue Möglichkeiten, Gegenstände zu reparieren und sie individuell anzupassen. Wenn Sugru – das in einer Reihe unterschiedlicher Farben erhältlich ist – aus der Verpackung entnommen wird, bleibt die Masse etwa 30 min lang formbar. Dann dauert es ungefähr 24 h, bis sie ausgehärtet ist und eine gummiartige Oberfläche entwickelt hat. Sugru ist formstabil, elastisch und wasserfest und hält Temperaturen von -50 °C bis +180 °C stand. Es haftet auf einer Vielzahl von Materialien, beispielsweise auf Metall, Glas, Textilien oder Keramik. Von den meisten Oberflächen lässt es sich mithilfe eines scharfen Messers leicht wieder entfernen. 2010 landete Sugru auf Platz 22 der „50 besten Erfindungen des Jahres“ in der Liste des Time Magazines. Zum Vergleich: Das iPad nahm in diesem Jahr Platz 34 ein.
Die Li/SVO-Batterie von Esther Sans Takeuchi
Zur besten Erfindung aus einem nicht-europäischen Staate, wurden die Batterien der Chemieingenieurin Esther Sans Takeuchi aus den USA gewählt. Ihre Lithium/Silber-Vanadiumoxid-Kraftpakete (Li/SVO-Batterien) werden meist in implantierbaren Kardioverter-Defibrillatoren (ICDs) genutzt. ICDs werden unter die Haut implantiert und mit dem Herzen verbunden.
Sie erkennen Unregelmäßigkeiten im Herzrhythmus und liefern genau den richtigen elektrischen Impuls, um den normalen Rhythmus wiederherzustellen. Dazu benötigen sie allerdings einen elektrischen Strom von etwa 2 A bis 3 A zur Ladung ihres Kondensators. Das ist mehr als eine Million Mal die Stromstärke, die für einen Herzschrittmacher benötigt wird. Die Li/SVO-Batterien der Amerikanerin sind seit Mitte der 80er-Jahre verfügbar und halten bis zu fünf Jahre lang. Sie ersparen Tausenden von Patienten jährliche Operationen zum Zwecke des Batterieaustauschs.
Ursula Kellers Beitrag zu Ultrakurzpulslasern
In der Kategorie „Lebenswerk“ setzte sich Ursula Keller aus der Schweiz durch. Sie hat 1992 den „sättigbaren Halbleiterabsorberspiegel“, kurz „SESAM“ (für „semiconductor saturable absorber mirror“) entwickelt. Er ist die Basis für fast alle heute verfügbaren Ultrakurzpulslaser (UKP). Diese senden hochenergetische Laserlichtpulse im Bereich von Pikosekunden (10-12 s) bis Femtosekunden (10-15 s) aus – und das mehrere Milliarden Male pro Sekunde. Der globale Markt für ultraschnelle Laser wurde 2017 auf 2,17 Mrd. € beziffert. Das entspricht einem Anteil von rund einem Fünftel am Gesamtmarkt für Lasersysteme.
UKP-Laser finden Einsatz in verschiedensten Industriebereichen sowie in der Medizin. Nur sie ermöglichen die sogenannte kalte Ablation. Dabei wird Material abgetragen, ohne dass es zu einer mechanischen oder thermischen Schädigung des Werkstücks bzw. des umliegenden Gewebes kommt.
Dieser Text stammt von Stefan Asche und wurde zuerst in den VDI nachrichten veröffentlicht.
Frühere Preisträger und Nominierte des Europäischen Erfinderpreises
Da der Preis schon einige Jahre vergeben wird, lohnt sich auch ein Blick zurück.
2017 standen der Chemiker Ernst Krendlinger und sein Chef Günter Hufschmid mit einer Zauberwatte gegen Ölpest im Finale.
Wer 2017 alles nominiert war und vor allem wofür, sehen Sie in unserer Bildergalerie.
2015 wurde der Meeresbiologe Hendrik Marius Jonkers für seinen selbstheilenden Beton nominiert. Mehr zur Selbstheilung durch Bakterien
2014 wurden Forscher u.a. für einen Airbag-Fahrradhelm, ein Genlabor auf einem USB-Stick und luftreinigende Fassadenfarbe nominiert. Mehr zu den Nominierten 2014.
2013 zeichnete das Europäische Patentamt Martin Schaft für sein Lebenswerk aus. Der Schweizer Physiker hatte im Jahr 1970 die erste LCD-Anzeige entwickelt.





























