Anzeige

Energiegipfel 2026: Die Energiewende im Wartemodus

29. Januar 2026

Katherina Reiche bei ihrer Eröffnungs-Keynote.
Katherina Reiche bei ihrer Eröffnungs-Keynote. Foto: Marc Steffen Unger/Handelsblatt Energiegipfel
Der Handelsblatt Energie-Gipfel in Berlin brachte wenige Antworten und viele Fragen. Das ist nicht unbedingt schlecht: Nirgendwo sonst erhält man eine derart gründliche Übersicht der aktuellen Debatten zur deutschen Energiewende.
Anzeige
Anzeige


„Wir machen uns industriell extrem schwach, wenn wir jetzt nicht anfangen zu agieren.“ Thomas Schulz, CEO von Bilfinger, fasste den vom Handelsblatt veranstalteten Energiegipfel 2026 in einem Satz zusammen.

Rund 1000 Teilnehmer kamen vom 27. bis 29. Januar ins Berlin Congress Center (bcc) am Alexanderplatz, um bis zu 110 Rednerinnen und Redner zu hören, viele davon hochrangige Politiker und Vertreterinnen aus Wirtschaft, Forschung und Industrie. Die Atmosphäre im bcc ist entspannt, doch der Grundtenor ist Ungeduld.

Anzeige
Anzeige

Die Branche wartet. Auf das Kraftwerkssicherheitsgesetz, das Wasserstoffbeschleunigungsgesetz, das Gebäudemodernisierungsgesetz, die Umsetzung der RED‑III‑ und RFNBO‑Vorgaben in nationales Recht und auf vieles mehr. Vieles davon soll noch 2026 kommen. Bis dahin bleibt die Energiewende im Wartemodus.

Inhaltsverzeichnis

Die politischen Versprechen

Wirtschaftsministerin Katharina Reiche listet zu Beginn auf, was die schwarz-rote Regierung seit dem Mai 2025 geliefert habe: die Stromsteuer gesenkt, die Gasspeicherumlage abgeschafft, den Industriestrompreis durchgesetzt. Dann skizziert sie den weiteren Fahrplan: 2026 sollen 12 GW ausgeschrieben werden, 2027 folgen 20 bis 25 GW. In der ersten Welle gehe es vor allem um Gaskraftwerke.

Das begründet sie mit der Gefahr einer Dunkelflaute: 2025 habe es 40 Tage gegeben, an denen die Erneuerbaren-Einspeisung unter 20 % lag, einmal sogar sieben Tage am Stück. Für solche Phasen brauche es zuschaltbare Kapazitäten. Zugleich fordert sie von den Erneuerbaren mehr Marktreife: Wer fast 60 % des Stroms liefere, müsse sich auch ohne Förderung am Markt behaupten können. „Wenn man erwachsen ist, muss man Verantwortung für das Gesamtsystem übernehmen.“

Anzeige
Anzeige

Umweltminister Carsten Schneider setzt andere Akzente: „Die Abhängigkeit von Energieimporten hat uns erpressbar gemacht. Diese Erpressbarkeit möchte ich nicht noch einmal erleben.“ Erneuerbare seien deshalb auch „Sicherheitsenergien“. 2025 stammten bereits 55 % des deutschen Stroms aus erneuerbaren Quellen. Schneider will den Ausbau weiter forcieren: „Kein Wackeln, kein Schlingerkurs beim Klimaschutz.“

In einem Punkt waren sich Schneider und Reiche einig: Das europäische Emissionshandelssystem (ETS) müsse reformiert werden. Zumindest hier nicken auch die Unternehmensvertreter. Darüber hinaus haben sie wenig Lob für die Regierung übrig.

Anzeige
Anzeige

Die energieintensive Industrie verliert die Geduld

Die Krise der energieintensiven Industrie zieht sich durch fast alle Panels. Denn einer ihrer Hauptgründe sind die hohen Energiekosten. Christian Hartel, CEO von Wacker Chemie, wird besonders deutlich: „Ein Industriestrompreis mit 48 Monaten Laufzeit ist schlicht ein Witz. Wir brauchen einen Planungshorizont von zehn Jahren. Und den kriege ich in anderen Regionen.“ Eine Drohung spricht er offen aus: „Wenn das hier zu kompliziert wird, macht man halt woanders weiter.“

Bilfinger-CEO Thomas Schulz vergleicht den Industriestrompreis mit dem Kurzarbeitergeld. Die befristete Notlösung sei keine Absicherung für langfristige Investitionen: „BASF wird keine Anlage für 30 Jahre bauen, weil es einen zwei bis drei Jahre laufenden Industriestrompreis gibt.“ Matthias Dohrn von BASF verweist zudem auf die Gaspreise, die seit dem Ukraine-Krieg ebenfalls deutlich gestiegen sind. Auch wenn das Rekord-Hoch von 2022/23 heute überwunden ist, liegen sie doch strukturell höher, da sie nun an LNG gekoppelt sind. „Das ist für uns eine massive tektonische Veränderung.“

Ein Schlüsselbegriff der Veranstaltung ist „Level Playing Field“. Ferdinand Rammrath von Covestro bezeichnet das ETS als „den Elefanten im Raum“. Der europäische Zertifikathandel sei eine einseitige Belastung im globalen Wettbewerb. Die Industrie habe aufgrund des hohen Transformationsdrucks in Deutschland und Europa schlechtere Ausgangsbedingungen als anderswo. Gleichzeitig seien die Transformationsbedingungen hier nicht gegeben: Vor drei bis vier Jahren habe man der Chemieindustrie Wasserstoff für 2 € pro kg in Aussicht gestellt. „Jetzt liegen die Angebote bei 8-10 €.“

Zwei Lager, ein Ziel

In den Debatten um die Versorgungssicherheit zeichnen sich zwei Fraktionen ab. Die Betreiber von Kraftwerken setzen auf den schnellen Zubau von Gaskraftwerken, betonen die Risiken von Dunkelflauten und warnen vor zu viel Optimismus bei dezentralen Lösungen. EnBW-Chef Georg Stamatelopoulos verweist etwa auf EE-arme Phasen von bis zu 14 Tagen ohne nennenswerte Wind- und Solareinspeisung. Die Kraftwerksstrategie sei nur ein erster Schritt, es brauche deutlich mehr Leistung als die geplanten 12 GW.

Anbieter dezentraler Lösungen sehen das anders. Greg Jackson von Octopus Energy kritisiert „systemische Verzerrungen zugunsten fossiler Energie“ und hat Ende 2025 rechtliche Schritte gegen Deutschlands Gaskraftwerk-Pläne eingeleitet. Benjamin Merle von Enpal verweist auf ungenutztes Potenzial: „Wir haben zwei Millionen Heimspeicher in deutschen Kellern, die alle nichts tun – 10 GW, 20 GWh.“

Dezentrale Speicherlösungen, die Haushalte zusammen mit ihren Solaranlagen installiert haben, könnten dem Netz bei Engpässen helfen. Doch weil Smart Meter fehlen und die Speicher nicht am Strommarkt teilnehmen, speichern sie nur für den Eigenverbrauch. Wie so viele Hürden aktuell sei auch dieses Problem nicht technischer, sondern struktureller Natur: „Wir haben uns daran gewöhnt, dass manche Dinge einfach nicht funktionieren, und schließen diese Lösungen dann komplett aus.“

Ein Hauptproblem dabei sei die mangelnde Digitalisierung. Dass Behörden, Stadtwerke und Verteilnetzbetreiber zum Teil nicht mit denselben digitalen Standards arbeiteten wie der Anbieter von Solaranlagen und Wärmepumpen, behindere die Energiewende auf sehr praktische Art: „Auf unserer Seite haben wir AI Agents, die die Ummeldung machen. Auf der anderen Seite landet es im Faxgerät.“

Das Drama um den Smart Meter-Rollout

Die lückenhafte Digitalisierung ist zweifellos ein großer Bremsklotz für die deutsche Energiewende. Sie macht sich vor allem beim Smart Meter-Rollout bemerkbar: Deutschland liegt hier bei gerade einmal 4 %.  „Als Schulnote entspräche das einer 6″, kommentiert Matthias Hartmann, CEO von Techem. Die geringe Smart Meter-Abdeckung verhindert dynamische Stromtarife und mittelbar eine Flexibilisierung des gesamten Energiesystems. Allerdings soll es besser werden: Bis Ende 2032 ist eine Abdeckung von 100 % geplant. Ob die realistisch ist?

Jochen Schwill vom Energieausrüster SpotmyEnergy sieht den Roll-Out vor einem strukturellen Problem. Mit 860 verschiedenen Verteilnetzbetreibern lasse sich kein digitales Geschäftsmodell skalieren. Es fehle an einheitlichen Datenstandards und Kooperationen.

Dass bessere Digitalisierung ein ganzes Spektrum dezentraler Ressourcen erschließen kann, zeigt Greg Jackson am Beispiel Großbritannien. Dort binde sein Unternehmen dank flächendeckender Smart Meter Elektrofahrzeuge mit bis zu 2,6 GW Ladeleistung ins Stromnetz ein. Durch bidirektionales Laden könne ein typisches E-Auto ein durchschnittliches Haus fünf Tage lang versorgen: „Das löst nicht alles – aber es macht einen sehr großen Unterschied.“

Wasserstoff: Das große Warten

Auch beim Thema Wasserstoff herrscht Ernüchterung. Vor zwei bis drei Jahren dominierte das grüne Gas noch die Diskussionen, 2026 wird es zur Randnotiz. Die Kurzfassung: Man wartet.

„Thyssenkrupp und Salzgitter haben Milliarden investiert und wissen nicht, wann der Wasserstoff kommt“, sagt Sabine Nallinger von der Stiftung Klimawirtschaft. Iqony-CEO Andreas Reichel beleuchtete exemplarisch den Hintergrund des auf Eis gelegten Elektrolyseur-Projekts im Saarland: „Aktuell kann man Wasserstoff-Projekte in Deutschland wirtschaftlich nicht realisieren.“ Das Problem: Der stündliche Grünstromnachweis hätte neue Speicher für 60 Mio. € erfordert, die ein französischer Wettbewerber dank Atomstrom nicht braucht. Das sei „kein Level Playing Field.“

Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm adressierte das regulatorische Grundproblem: Deutschland könne zwar Wasserstoff herstellen, aber die Zertifizierung als „grün“ scheitere an der hohen Komplexität und den bürokratischen Hürden aus Brüssel. „Da stehen wir uns selber im Weg.“

Klimaschutz – da war doch mal was

Um eine Sache geht es bei den Diskussionen um Netzentgelte und Kapazitätsmärkte immer weniger: Den Klimaschutz. Kerstin Andreae vom BDEW bringt es auf den Punkt: „Im Moment ist es relativ schwierig, Transformationsthemen mit Klimaschutz zu argumentieren.“

Umso bemerkenswerter ist der Moment am Ende des ersten Kongresstages, als Luisa Neubauer sich aus der Antarktis zuschaltet. Hinter ihr: ein schmelzender Gletscher. „Wir verlieren in dem ganzen Nervtötenden aus dem Blick, warum wir das machen“, so die durch die Fridays for Future-Proteste bekannte Klimaaktivistin.

Die größte Baustelle der Energiewende ist nicht die Technologie, darin sind sich alle einig. Die größte „Baustelle“ ist die Zeit: Womöglich reicht sie nicht, um die vorhandene Technologie zu nutzen. Die größte Frage des Energiegipfels ist weniger die Frage „Können wir das schaffen?“, als: „Sind wir schnell genug?“



Ein Beitrag von:

Anzeige
Anzeige

Top Stellenanzeigen

Junior Projektingenieur Papierverarbeitung (m/w/d)
Fripa Papierfabrik Albert Friedrich KG

03.10.2026
Miltenberg
Teamleiter (m/w/d) Vertrieb und Kalkulation TGA
LIST AG

03.10.2026
Düsseldorf
Ingenieur:in Explosionsschutz als Fachleiter:in
TÜV NORD CERT GmbH

03.10.2026
Essen
Bauüberwacher (m/w/d) Straßenverkehrsanlagen
Bundesagentur für Arbeit - Vössing Ingenieurgesellschaft mbH

03.10.2026
Stuttgart
Bauingenieur/-in (m/w/d)
Bundesagentur für Arbeit - Landeshauptstadt Stuttgart

03.10.2026
Stuttgart
Technische/r Projektmitarbeiter/in (m/w/d) – Bauwesen / Projektkoordination
Bundesagentur für Arbeit - Dr. Kerner GmbH & Co. KG

03.10.2026
Stuttgart
Junior Bauüberwacher:in Oberbau / Konstruktiver Ingenieurbau (w/m/d)
DB InfraGO AG

03.10.2026
Köln
Senior Ingenieur:in Leit- und Sicherungstechnik im Großprojekt Rhein-Ruhr-Express (w/m/d)
DB InfraGO AG

03.10.2026
Duisburg
Junior Bauingenieur:in als Bezirksleiter:in Fahrbahn (w/m/d)
DB InfraGO AG

03.10.2026
Aachen, Bonn, Köln, Troisdorf
Projektleiter (m/w/d) Industriebau
MEGGLE GmbH & Co. KG

03.10.2026
Wasserburg
Projektingenieur Elektrotechnik (w/m/d)
Infraserv GmbH & Co. Höchst KG

03.10.2026
Frankfurt am Main
Teamleiter (m/w/d) Vertrieb und Kalkulation TGA
LIST Ingenieure GmbH & Co. KG

04.10.2026
Bielefeld
Senior Projektingenieur (m/w/d) – EMSR-Technik – Projektmanagement
REUTERS INGENIEUR GmbH

04.10.2026
Hofheim
Technische*r Angestellte*r (Techniker*in oder Ingenieur*in) Werkstofftechnik, Physiktechnik, Maschinenbau
Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP)

04.10.2026
Garching
Ingenieurin (m/w/d) / Techniker (m/w/d) der Mess- und Regelungstechnik für Gebäudeautomation
Gebäudemanagement Schleswig-Holstein (GMSH)

04.10.2026
Eutin, Lübeck
Leitung Entwicklung (w/m/d) Mechatronische Systeme / Industrielle Sicherheits- und Automatisierungstechnik
Bernstein AG

04.10.2026
Porta Westfalica
Planungsingenieur (w/m/d) und Projektsteuerung – Verkehrsinfrastruktur und Gleisplanung
Ruhrbahn GmbH

04.10.2026
Essen
Gruppenleiter:in Automatisierungstechnik
TraveNetz GmbH

04.10.2026
Lübeck
Bauleiter (m/w/d) Rohrsanierung / Kanalsanierung
Max Bögl Bauservice GmbH & Co. KG

04.10.2026
München, Neumarkt in der Oberpfalz, Nürnberg, Regensburg
Vertriebsingenieur / Projektingenieur (m/w/d) im Außendienst – Südbayern
DEPRAG SCHULZ GMBH u. CO. KG

04.10.2026
verschiedene Einsatzorte

Weitere Artikel



Firmenprofile

Anzeige
Anzeige