
Ein Ladestopp von zehn Minuten soll künftig genügen, um mit einem Elektro-SUV weitere 454 Kilometer zurücklegen zu können. Zumindest rechnerisch. Mercedes-AMG hat am 17. Oktober 2026 seinen neuen GT SUV vorgestellt und verspricht eine Ladeleistung von bis zu 710 kW. Das ist deutlich mehr, als viele heutige Schnellladesäulen überhaupt bereitstellen können.
Der neue AMG soll nicht nur schnell laden, sondern auch außerordentlich viel Leistung auf die Straße bringen. Das Spitzenmodell GT 63 SUV kommt auf 1.169 PS, beschleunigt laut Hersteller in 2,5 Sekunden auf Tempo 100 und erreicht mit der größten Batterie bis zu 700 Kilometer WLTP-Reichweite.
Das technisch Interessante ist allerdings weniger die Motorleistung. Es ist die Frage, wie Mercedes innerhalb weniger Minuten so viel Energie in einer Batterie unterbringen will, ohne dass die Zellen zu heiß werden.
Inhaltsverzeichnis
- 83 kwh in nur zehn Minuten
- Warum Mercedes seine Batteriezellen direkt mit Öl kühlt
- Auch die Ladesäule muss bis zu 1000 A liefern können
- Wie weit kommt der Mercedes mit 83 kWh wirklich?
- 600 oder 710 kW: Welche AMG-Version lädt am schnellsten?
- Mercedes setzt auf hohe Dauerleistung
- Wann kommt der neue Mercedes-AMG GT SUV?
83 kwh in nur zehn Minuten
Der neue AMG GT SUV wird mit zwei Batteriegrößen angeboten: 106 und 128 kWh nutzbare Kapazität. Mit der größeren Batterie sollen innerhalb von zehn Minuten bis zu 83 kWh nachgeladen werden. Mercedes rechnet das in 454 Kilometer zusätzliche Reichweite um.
83 kWh in zehn Minuten entsprechen einer durchschnittlichen Ladeleistung von 498 kW. Zum Vergleich: Eine Schnellladesäule mit 150 kW müsste für dieselbe Energiemenge rechnerisch gut 33 Minuten lang ihre volle Leistung liefern. Tatsächlich würde es wegen der üblichen Ladeleistungsbegrenzungen während des Ladevorgangs länger dauern.
Der Mercedes kann in der Spitze sogar 710 kW aufnehmen. Diesen Wert hält die Batterie allerdings nicht während des gesamten Ladevorgangs. Die Ladeleistung verändert sich mit dem Ladezustand, der Zelltemperatur und weiteren Betriebsbedingungen. Eine detaillierte Ladekurve hat Mercedes bislang nicht veröffentlicht.
Für den Ladehub von zehn auf 80 Prozent nennt der Hersteller bei der 128-kWh-Batterie rund zwölf Minuten. Das entspricht einem Energiezuwachs von 89,6 kWh, wenn man die nutzbare Kapazität zugrunde legt.
Auffällig ist, wie hoch die durchschnittliche Ladeleistung damit bleibt. Rechnerisch nimmt die Batterie über diesen Ladehub durchschnittlich 448 kW an gespeicherter Energie pro Zeiteinheit auf. Das ist ein berechneter Wert, keine unabhängige Messung der elektrischen Leistung am Ladeanschluss.

Warum Mercedes seine Batteriezellen direkt mit Öl kühlt
Beim Schnellladen entsteht Wärme. Ein Teil der elektrischen Energie wird durch den Innenwiderstand der Batteriezellen in Wärme umgewandelt. Je höher die Ladeströme ausfallen, desto schwieriger wird es, die Zellen in ihrem optimalen Temperaturbereich zu halten.
Mercedes-AMG setzt deshalb auf eine direkte Flüssigkeitskühlung. Ein elektrisch nichtleitendes Öl umströmt die einzelnen Batteriezellen und nimmt Wärme direkt an deren Gehäuse auf. Bei vielen herkömmlichen Batteriesystemen fließt das Kühlmittel dagegen durch separate Kühlplatten oder Kanäle.
Die verwendeten Rundzellen sind 105 mm hoch und haben einen Durchmesser von 26 mm. Ihre schlanke Form verkürzt den Weg, den die Wärme vom Zellinneren bis zur Oberfläche zurücklegen muss. Hinzu kommen Aluminiumgehäuse, die Wärme gut leiten, und eine sogenannte Full-Tab-Konstruktion. Dabei wird der Strom über viele Kontaktbereiche abgeführt. Das senkt den elektrischen Widerstand innerhalb der Zelle.
Mercedes verwendet außerdem eine NCMA-Kathode und eine siliziumhaltige Anode. Die Energiedichte soll auf Zellebene mehr als 298 Wh/kg betragen. Über die Fertigung der direktgekühlten Hochleistungsbatterien beim Zulieferer Webasto und die damit verbundenen technischen Herausforderungen hat ingenieur.de bereits im August 2026 berichtet. Beim neuen SUV steigt die angegebene Spitzenladeleistung mit der großen Batterie auf 710 kW.

Auch die Ladesäule muss bis zu 1000 A liefern können
Die 710 kW sind nicht an jeder Schnellladesäule erreichbar. Für die maximale Ladeleistung benötigt der AMG GT SUV eine entsprechend leistungsfähige 800-Volt-Ladeinfrastruktur. Mercedes spricht von Ladepunkten, die Ströme von bis zu 1000 A bereitstellen können.
Wie anspruchsvoll das ist, zeigt eine einfache Rechnung: Bei 800 V wären für 710 kW rund 888 A nötig. Bei niedrigeren Batteriespannungen steigt der erforderliche Strom weiter an.
Solche Stromstärken stellen hohe Anforderungen an Ladekabel, Steckkontakte und Leistungselektronik. Schon geringe elektrische Widerstände führen zu Verlustwärme. Weil diese Verluste mit dem Quadrat des Stroms steigen, ist eine wirksame Kühlung der Ladetechnik besonders wichtig.
Ob ein bestimmter Ladepunkt die vollen 710 kW tatsächlich liefern kann, hängt deshalb nicht allein von der beworbenen Ladeleistung der Station ab. Auch Spannung, Strombegrenzung und die verfügbare Leistung spielen eine Rolle.
Mercedes nennt für eine 400-kW-Schnellladesäule ebenfalls kurze Ladezeiten: Die 128-kWh-Batterie soll dort in rund 16 Minuten von zehn auf 80 Prozent kommen. Mit der kleineren Batterie sind es nach Herstellerangaben etwa 14 Minuten.
Der GT SUV kann außerdem an 400-Volt-Ladeinfrastruktur laden. Dabei passt das Fahrzeug seine elektrische Verschaltung beziehungsweise den Lademodus automatisch an. Die maximale Ladeleistung der 800-Volt-Technik steht in diesem Fall nicht zur Verfügung.
Wie weit kommt der Mercedes mit 83 kWh wirklich?
Die versprochenen 454 km beruhen auf dem WLTP-Prüfverfahren. Im Alltag kann die Reichweite deutlich geringer ausfallen. Vor allem bei hohem Autobahntempo steigt der Stromverbrauch.
Mercedes gibt für die stärkeren Modelle 21,2 bis 23,8 kWh pro 100 km nach WLTP an. Die in zehn Minuten nachgeladenen 83 kWh entsprechen rechnerisch rund 18,3 kWh Batterieenergie pro 100 km. Der Unterschied zum offiziellen Verbrauch erklärt sich unter anderem dadurch, dass dieser auch Ladeverluste berücksichtigt.
Was das praktisch bedeutet, zeigt eine einfache Rechnung: Verbraucht der SUV auf der Autobahn 30 kWh pro 100 km, reichen die nachgeladenen 83 kWh nur für rund 277 km. Das ist ein Rechenbeispiel, kein gemessener Verbrauch. Die 454 km sind also ein WLTP-Rechenwert, keine garantierte Reichweite nach zehn Minuten Laden.
600 oder 710 kW: Welche AMG-Version lädt am schnellsten?
Mercedes bietet den neuen Elektro-SUV in drei Leistungsstufen an. Interessanterweise hängt die maximale Ladeleistung nicht von der Motorleistung ab, sondern von der gewählten Batterie.
| Modell | Motorleistung | Batterie | Max. Ladeleistung | Reichweite nach 10 Min. |
| AMG GT 53 SUV | 544 PS | 106 kWh | 600 kW | 440 km |
| AMG GT 55 SUV | 816 PS | 128 kWh | 710 kW | 454 km |
| AMG GT 63 SUV | 1.169 PS | 128 kWh | 710 kW | 454 km |
Vorläufige Herstellerwerte; nachgeladene Reichweiten nach WLTP. Die Modelle GT 55 und GT 63 können laut Mercedes alternativ auch mit dem kleineren 106-kWh-Akku ausgestattet werden.
Der GT 53 erreicht mit 600 kW eine geringere Spitzenladeleistung, kommt aber auf bis zu 440 Kilometer zusätzliche Reichweite in zehn Minuten. Das sind lediglich 14 Kilometer weniger als bei den stärkeren Versionen mit großem Akku.
Der Grund liegt unter anderem im geringeren Energieverbrauch. Mercedes nennt für den GT 53 zwischen 18,8 und 21,1 kWh je 100 Kilometer nach WLTP. Die beiden stärkeren Varianten liegen mit der großen Batterie bei 21,2 bis 23,8 kWh.
Auch beim Antrieb unterscheiden sich die Fahrzeuge. Während im GT 53 zwei klassische Synchronmotoren arbeiten, setzt Mercedes im GT 55 und GT 63 auf jeweils drei Axialflussmotoren. Diese Bauart ermöglicht besonders kompakte und leistungsstarke Elektroantriebe. Wie Mercedes die Motoren inzwischen in Berlin-Marienfelde in Großserie fertigt, erläutert der ingenieur.de-Beitrag „Mercedes schafft, woran viele scheiterten: Axialflussmotor geht in Großserie“.

Mercedes setzt auf hohe Dauerleistung
Die Batterie muss nicht nur beim Laden große elektrische Leistungen verkraften. Auch beim Beschleunigen werden innerhalb kurzer Zeit hohe Ströme benötigt.
Der AMG GT 63 SUV erreicht eine Spitzenleistung von 860 kW. Mercedes gibt für den Sprint von null auf 100 km/h 2,5 Sekunden an, wenn das sogenannte One-Foot-Rollout-Verfahren verwendet wird. Dabei bleiben die ersten 30,48 cm der Beschleunigungsstrecke unberücksichtigt. Ohne dieses Verfahren nennt Mercedes 2,7 Sekunden.
Interessanter für die technische Beurteilung ist die Dauerleistung von bis zu 530 kW. Sie beschreibt, welche Leistung der Antrieb unter den vom Hersteller zugrunde gelegten Bedingungen längerfristig bereitstellen kann.
Damit die Batterie und die drei Elektromotoren dabei nicht überhitzen, verwendet Mercedes einen zentralen Kühlmittelverteiler. Der sogenannte Central Coolant Hub steuert, welche Komponenten wie stark gekühlt werden. Die Kühlung der Batteriezellen ist dabei in das gesamte Wärmemanagement des Fahrzeugs eingebunden.
„Mit dem neuen Mercedes‑AMG GT SUV übertragen wir zentrale Innovationen unserer AMG.EA Architektur in ein Full-Size-SUV“, erklärt Jörg Burzer, Technikvorstand der Mercedes-Benz Group, in der Pressemitteilung zur Fahrzeugvorstellung vom 17. Oktober 2026. Er verweist dabei auf die Kombination aus hoher Dauerleistung, großer Reichweite und kurzen Ladezeiten.
Wann kommt der neue Mercedes-AMG GT SUV?
Der AMG GT 53 SUV soll ab dem 20. Oktober 2026 in Deutschland bestellbar sein. Der Einstiegspreis beträgt laut Mercedes 113.050 Euro. Die beiden stärkeren Modelle GT 55 und GT 63 sollen im Frühjahr 2027 folgen. Gefertigt wird das Fahrzeug im Mercedes-Werk Sindelfingen.
Quellen:
- Mercedes-Benz Media: High-Tech SUV mit Sportwagen-DNA – Original-Pressemitteilung vom 17. Oktober 2026 mit technischen Daten, Ladezeiten und Originalzitaten.
- Mercedes-AMG: Der neue GT SUV – Offizielle Modellseite, einschließlich der Angabe von 454 Kilometern Reichweitengewinn.
- ingenieur.de: Ölkühlung gegen Leistungsverlust – Neue AMG-Batterie geht in Serie – Hintergrund zur Batterieproduktion und Direktkühlung.
- ingenieur.de: Mercedes schafft, woran viele scheiterten – Axialflussmotor geht in Großserie – Technik und Herstellung der Axialflussmotoren.




























