10.07.2013, 11:57 Uhr | 0 |

Luftverschmutzung in Nordchina Heizen mit Kohle verringert die Lebenserwartung

Fünfeinhalb Jahre Leben kostet es die Menschen in Nordchina, dass sie im Winter alle zuhauf zum Heizen Kohle in die Öfen schieben. Die Feinstaub-Belastung ist in Nordchina um 55 Prozent höher als in Südchina. Der Grund ist die kostenlose Kohle vom Staat für die Nordchinesen. Und das seit Jahrzehnten.

Luftverschmutzung kostet Nordchinesen fünfeinhalb Jahre ihres Lebens.
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Luftverschmutzung wie hier in Peking kostet Nordchinesen fünfeinhalb Jahre ihres Lebens.

Foto: EPA/How Hwee Young

Also doch: Feinstaub-Belastungen machen krank und sie kosten Lebensjahre. Das legt jetzt eine groß angelegte Untersuchung vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) nahe, welche die Auswirkungen der Luftverschmutzung in China bewertet. Danach stirbt ein Nordchinese fünfeinhalb Jahre früher als ein Nordchinese. Die rund 500 Millionen Nordchinesen verlieren somit in der Zukunft 2,5 Milliarden Lebensjahre.

„Wir können jetzt mit mehr Überzeugung sagen, dass es die Lebenserwartung dramatisch verkürzt, wenn man der Umweltverschmutzung längerfristig ausgesetzt ist, vor allem dem Feinstaub“, sagte der federführende MIT-Professor für Umweltwirtschaft, Michael Greenstone, bei der Vorstellung der Ergebnisse der Langzeiterhebung. Die Studie ist eine Gemeinschaftsarbeit von Forschern aus China, Israel und den USA und wurde jetzt in der Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Science“ veröffentlicht.

184 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft

Es ist die chinesische Politik, die diesen dramatischen Umstand begünstigt:  Seit Jahrzehnten erhalten die Menschen im Norden Chinas zum Heizen kostenlose Kohle vom Staat, die Menschen im Süden nicht. Die Auswertung der Daten zur Luftverschmutzung aus 90 chinesischen Städten von 1982 bis 2000 zeigte: Nördlich des Huai-Flusses war die Feinstaubbelastung um 55 Prozent höher als südlich – sie lag bei 184 Mikrogramm pro Kubikmeter. Hier hilft ein Vergleich mit der Heimat: In Deutschland liegt der Feinstaub-Grenzwert bei 40 Mikrogramm pro Kubikmeter. Er wird zwar auch hierzulande überschritten, aber selten und nur an viel befahrenen Straßen in Großstädten.

Der Huai-Fluss verläuft zwischen dem Gelben Fluss und dem Jangtse rund 250 Kilometer oberhalb von Schanghai und 950 Kilometer unterhalb von Peking. Diesen Fluss wählte die chinesische Regierung als Wetterscheide und damit als Kohle-Subventionsscheide zwischen Nord und Süd. Diese staatliche Scheide am Huai-Fluss bestand bis etwa 1980. Bis heute gibt es in Südchina kaum Kohle- oder Gasheizungen. Um ihre Wohnungen im Winter warm zu bekommen, nutzen die Südchinesen oft Klimaanlagen.

Auswertung der Daten rund um den Huai-Fluss zeigt die Unterschiede

Datengrundlage für die Forscher war die Region unmittelbar diesseits und jenseits des Huai-Flusses, denn dort sind die klimatischen, sozialen, wirtschaftlichen und administrativen  Bedingungen identisch. So sind gasförmige Luftbelastungen wie Schwefeldioxid und Stickstoffoxid auf beiden Seiten des Flusses gleich verbreitet, nicht aber die schwerer beweglichen Feinstäube. Und die Menschen in China sind sehr ortsgebunden, weil es sehr schwer ist, auf legale Weise den Wohnsitz zu verlegen. „Wegen der geringen Migrationsrate in China während der 90er Jahre wissen wir ziemlich genau, in welchem Ausmaß die Menschen über eine lange Zeit solchen Einflüssen ausgesetzt waren“, erklärt Greenstone den Ansatz der Untersuchung.

Im modernen China tobt seit einigen Jahren eine Diskussion um die Gefahren der hohen Luftbelastung. Die Bilder aus den Nachrichten im Januar dieses Jahres, als die Menschen in Peking nur noch mit Mundschutz auf die Straße gehen konnten, bleiben nachhaltig im Gedächtnis haften. In der Metropole Peking hat der sogenannte Luftqualitätsindex absolute Negativrekorde erreicht. Im Januar kratzte er an dem Wert von 1000 Zählern, also 1000 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt derzeit maximal einen Wert von 25, also 25 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft. Aktuell hat die WHO die Europäische Union aufgefordert, diesen Grenzwert auf 20 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter abzusenken. Dazwischen liegen Welten. Am vergangenen Montag beispielsweise zeigte der Zähler nach luftreinigenden Regenfällen einen Stand von 100 an. In Baoding südlich der Hauptstadt ohne luftreinigenden Regen stand der Zähler auf 640. Es muss also etwas geschehen in China.

Herz- und Atemwegserkrankungen im Norden in allen Altersgruppen signifikant höher

Denn Feinstaub wirkt tödlich. Das jedenfalls legen die Zahlen der Studie vom MIT nahe. Neben den offiziellen chinesischen Luftwerten knöpften die Wissenschaftler sich auch die Sterbestatistik seit 1991 vor. Es zeigte sich, dass korrelierend mit der um 55 Prozent höheren Feinstaubbelastung in Nordchina, die Sterblichkeit wegen Herz- und Atemwegserkrankungen signifikant höher ist – und zwar in allen Altersgruppen. Ein Neugeborenes im Norden hat drei Lebensjahre weniger vor sich, als eines im Süden, wenn die Feinstaub-Belastung um 100 Mikrogramm pro Kubikmeter über dem Wert im Süden liegt.

Feinstaub ist auch in Deutschland ein großes Problem

Die Untersuchung des MIT in China könnte auch Auswirkungen auf die Diskussion um die Energiewende und die Art der Stromerzeugung in Deutschland haben. Denn im April dieses Jahres legte Greenpeace in Kooperation mit der Universität Stuttgart eine Studie vor, die auch hierzulande eine ganze Menge Todesfälle durch die Kohleverstromung errechnet hat. Hochgerechnet auf die Gesamtbevölkerung kommen die Stuttgarter und Greenpeace auf beeindruckende Zahlen: Der Betrieb der 67 größten Kohlekraftwerke führt pro Jahr zu 33 000 verlorenen Lebensjahren in Europa, etwa die Hälfte davon in Deutschland. Oder: Das Braunkohlekraftwerk Jänschwalde in Brandenburg soll statistisch für 373 Tote im Jahr 2010 verantwortlich sein. Dahinter folgt das Braunkohlekraftwerk Niederaußem in NRW mit 269 Toten. Soweit die Zahlen der Studie, die das Institut für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung (IER) der Universität Stuttgart im Auftrag von Greenpeace erstellt hat.

 „Die Ergebnisse der Universität Stuttgart sind erschütternd“, schreibt Greenpeace in seinem auf der Studie beruhenden Bericht und fasst die Zahlen zusammen: „Insgesamt führten die Emissionen der größten deutschen Kohlekraftwerke im Jahre 2010 zum Tod von ungefähr 3100 Menschen.“ Nun ist das zwar Statistik und es ist nicht möglich, einen einzigen der Todesfälle einem Kraftwerk zuzuordnen. Dennoch kritisiert die Greenpeace-Studie der Universität Stuttgart unter der Leitung von Professor Rainer Friedrich, dass jeder dieser statistischen Todesfälle überflüssig ist. „Die Verkürzung der Lebenserwartung durch Kohlekraftwerke ist ganz und gar vermeidbar“, so Greenpeace, „da wir mit Erneuerbaren Energien und den aktuellsten Lösungen zur Energieeffizienz in der Lage wären, die Lichter ohne ein einziges neues Kohlekraftwerk weiter brennen zu lassen.“

Von der Verteilung der Schadstoffe sind vor allem Ballungsgebiete wie das Ruhrgebiet und Großstädte wie Köln, Leipzig, Dresden und Berlin betroffen. „In großen Städten oder Ballungszentren, wo besonders viele Menschen auf engstem Raum zusammenleben, treten durch die hohe Populationsdichte auch besonders hohe gesundheitliche Schäden auf“, so Greenpeace. Es sind nicht nur Tote, um die es bei der Untersuchung aus Stuttgart geht. Die Forscher haben sich auch mit den Krankenständen beschäftigt. Statistisch sind 2010 in Deutschland schätzungsweise 700 000 Arbeitstage aufgrund von Atemwegserkrankungen, Herzinfarkten, Lungenkrebs oder Asthmaanfällen verloren gegangen.

1,2 Millionen Menschen in China sterben vorzeitig

Trotz dieser erschreckenden Zahlen ist die Situation in Deutschland recht komfortabel gegenüber dem Desaster in China. Hierzulande muss ja niemand einen Mundschutz anlegen, wenn er Brötchen holen will. Die im Jahre 2010 veröffentlichte Untersuchung „Global Burden of Disease“ (GBD) fand heraus, das in China wegen der Umweltverschmutzung 1,2 Millionen Menschen vorzeitig sterben. Das sind fast 40 Prozent aller Menschen, die verschmutzungsbedingt vorzeitig sterben. Die GBD-Studie wurde 1992 von der Harvard School of Public Health an der Harvard University, der WHO und der Weltbank ins Leben gerufen. Sie quantifiziert und untersucht 135 Krankheiten und Behinderungen, und versucht anhand dieser Daten weltweit die Ursachen für Sterblichkeit und Krankheiten zu ergründen. In China, so sieht es wohl aus, ist die Lage besonders schlimm.

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Von Detlef Stoller
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