Global Sourcing Risk Index 14.11.2025, 15:32 Uhr

Lieferketten am Limit: Mexiko, Indien, Türkei werden zur gefährlichen Achillesferse

Der Global Sourcing Risk Index zeigt die größten Gefahren für globale Lieferketten. Wir haben Studien-Autor René Petri gefragt, was deutsche Unternehmen unterschätzen – und wie sie jetzt resilienter werden können.

Klimarisiken treffen wichtige Handelsrouten – vier der fünf gefährdetsten Länder liegen am pazifischen Feuerring. Foto: Smarterpix/Faysal06

Klimarisiken treffen wichtige Handelsrouten – vier der fünf gefährdetsten Länder liegen am pazifischen Feuerring.

Foto: Smarterpix/Faysal06

Mexiko, Indien und die Türkei gewinnen für die Lieferketten deutscher Unternehmen an Bedeutung. Doch gerade die Profiteure der aktuellen Handelsbewegungen bergen die größten Risiken. Das zeigt der neue „Global Sourcing Risk Index“ der Einkaufsberatung Proxima, der 30 Volkswirtschaften anhand von acht Risikodimensionen bewertet – von Geopolitik über Klima bis hin zu Menschenrechten.

Die Quintessenz: Globale Lieferketten sind anfälliger, als vielen Unternehmen lieb sein dürfte. „Corona hat uns ganz klar vor Augen geführt, dass das System, in dem wir operieren, lieferkettenseitig sehr, sehr fragil ist“, erklärt Proxima-Experte und Co-Autor der Studie René Petri im Interview mit ingenieur.de. Seine Empfehlung: Transparenz schaffen, Risiken identifizieren und resiliente Lieferketten aufbauen.

Das allgegenwärtige Klimarisiko

Die Gefahr von Klimaschäden durchziehe alle untersuchten Regionen, warnt Petri: „Man kann sich sicher sein, dass es hier oder dort zuschlagen wird. Die Frage ist nicht ob, die Frage ist nur wann.“

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Im Klimarisiko-Ranking führen die Philippinen vor Indonesien, Indien, Kolumbien und Mexiko. Vier dieser fünf Länder liegen am zirkumpazifischen „Feuerring“, einer Region mit extremen Wetterereignissen wie Erdbeben, Taifunen und vulkanischer Aktivität.

Beispiel Philippinen: Die Inselgruppe ist Taifunen und Überschwemmungen im hohen Maße ausgesetzt, wie sich kürzlich bei dem Sturm „Fung-Wong“ wieder zeigte. Speziell Lieferketten im Lebensmittelbereich sind ausfallgefährdet.

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Ein ähnliches Bild zeigt sich in Indonesien: Der weltweit größte Exporteur für Palmöl (mehr als 50 % Marktanteil) leidet unter Extremwetterereignissen, die Ernteerträge beeinträchtigen. Zudem befinden sich viele Industriezonen in Gebieten mit hoher Überschwemmungsgefahr.

„Blinde Flecken“ jenseits von Tier-1

Ein weiteres übergreifendes Problem seien die „blinden Flecken“ in Lieferketten, erklärt Petri, also deren Intransparenz. Die meisten Firmen kennen in der Regel noch ihre direkten Lieferanten, doch darüber hinaus werde es oft kritisch: „Viele Unternehmen geben sich damit zufrieden, Klarheit über ihre Tier-1-Lieferanten zu haben“, kritisiert der Berater. „Aber ich kann fürchterlich überrascht sein, wenn in der Lieferkette danach – in Tier 2, 3 oder tiefer – plötzlich Umstände eintreten, die zu Lieferverzug führen.“

Die Studie zeigt: Gerade in Branchen mit hoher Importabhängigkeit wie dem Automobil-, Luftfahrt- oder Chemiebereich sind die Risiken umso größer, je länger die Lieferketten sind. Denn Zulieferer operieren oft unter schwächeren Arbeitsgesetzen und sind anfälliger für die Folgen von Naturkatastrophen.

Mexiko führt Ranking an

Ausschlaggebend für Mexikos Spitzenposition sind Risiken in den Bereichen Compliance und Governance, die starke wirtschaftliche Abhängigkeit von den USA sowie geopolitische Spannungen und Klimarisiken. Die USA selbst landen auf Rang 13.

Seit 2023 hat Mexiko China als den größten Handelspartner der USA abgelöst. Doch Mexikos wichtige Rolle auf dem Weltmarkt täuscht über strukturelle Schwächen hinweg: „Man kauft in Mexiko ein und denkt, das Risiko ist gebannt“, warnt Petri. „Aber wenn ich mir angucke, dass viele Investitionen dort von chinesischen Unternehmen stammen, kaufe ich mir ein zusätzliches geopolitisches Risiko ein– obwohl ich dachte, jetzt bin ich resilient aufgestellt.“ Tatsächlich haben chinesische Firmen ihre Investitionen in Mexiko massiv ausgebaut. Das gilt speziell für den Automobilsektor: Chinesische Unternehmen nutzen das mittelamerikanische Land als indirekten Zugang zum US-Markt, um Zölle zu umgehen.

Zudem ist Mexiko stark von der US-Politik in puncto Handel, Migration oder Energie abhängig: Entscheidungen aus Washington haben unmittelbare Folgen für mexikanische Zulieferer. Hinzu kommen Herausforderungen wie die organisierte Kriminalität oder Lücken in der Infrastruktur.

Indien: Aufstrebender IT-Hub mit Risiken

Indien, auf Rang vier des Index, gilt als wichtigste China-Alternative: Über 55 % aller IT-, Finanz- und Einkaufsdienstleistungen werden dort erbracht. „Indien ist heute schon die Werkbank für Business Process Outsourcing (BPO)“, bestätigt Proxima-Experte Petri. „Wir haben hier ein erhöhtes Konzentrationsrisiko, und durch KI wird die Wertschöpfung dort immer höher.“ Damit steige aber auch die Abhängigkeit.

Die Chancen, die das südasiatische Land bietet, gehen mit erheblichen Klimarisiken einher: 27 der 29 indischen Bundesstaaten sind regelmäßig Zyklonen, Überschwemmungen, Dürren oder Erdbeben ausgesetzt. Naturkatastrophen im Osten beschädigen regelmäßig Reis- und Zuckerrohrernten und beeinträchtigen damit die Lieferketten. Im BPO-Sektor kommen indirekte Risiken wie Energie- oder Wasserknappheit hinzu, die immer wieder zu Betriebsunterbrechungen führen.

Ein weiterer Risikofaktor ist die Menschenrechtssituation: Indien verzeichnet mit 11 Mio. Menschen laut dem Proxima-Index die weltweit höchste absolute Zahl an moderner Sklaverei. Über 10 Arbeitsunfälle pro 100.000 Arbeitnehmer spiegeln die hohe Informalität in Branchen wie Bau, Landwirtschaft und Auftragsfertigung wider.

Türkei: Zwischen den Stühlen

Die Türkei belegt Platz zwei im Risiko-Index. Ausschlaggebend ist die Geopolitik: Als NATO-Mitglied mit Zollunion zur EU hat das Land sowohl eine westliche Ausrichtung als auch enge Beziehungen zu Russland, China und Indien. Diese Zwitterstellung macht die Türkei anfällig für Spannungen auf beiden Seiten. Hinzu kommt extreme wirtschaftliche Volatilität: Die Inflation erreichte 2022 über 70 %, der Mindestlohn stieg in zwei Jahren um mehr als 400 % in Lira. Das sei ein massives Kostenrisiko für Unternehmen, so die Studie.

Nichtsdestotrotz ist die Türkei ein wichtiger Lieferant für deutsche Unternehmen, insbesondere in der Automobil-, Textil- und Haushaltsgeräteindustrie. Das Land besitzt aufgrund seiner geografischen Nähe zu Europa („Nearshoring“) ein großes Potenzial, doch seine Instabilität und erratische Handelspolitik dämpfen die Bewertung der Proxima-Ökonomen. René Petri resümiert: „Die Türkei zeigt, wie schnell vermeintliche Nearshoring-Vorteile durch politische und wirtschaftliche Unsicherheit zunichte gemacht werden können.“

Was Unternehmen tun können

Die Studie benennt nicht nur Risiken, sondern gibt auch konkrete Handlungsempfehlungen für mehr Lieferketten-Resilienz. Entscheidend sind demnach:

  • Geografische Diversifizierung: Unternehmen sollten ihre Beschaffung auf mehrere Länder und Standorte verteilen, statt sich auf einzelne zu konzentrieren.
  • Vertragliche Absicherungen: Verträge sollten so gestaltet sein, dass sie flexible Preisanpassungen (z.B. bei Inflation) ermöglichen und Ausstiegsrechte für den Fall von Krisen oder massiven Kostensteigerungen enthalten.
  • Digitale Szenario-Planung: Proxima empfiehlt die Simulation von Klimaereignissen und anderen Störungen im Vorfeld. So lassen sich deren Auswirkungen abschätzen sowie Präventivmaßnahmen und Alternativrouten festlegen.
  • Transparenz erhöhen: Mit Hilfe von so genannten „Multi-Tier-Audits“, Whistleblower-Systemen und digitalen Nachweisen können Lieferketten besser nachverfolgt werden.
  • Echtzeit-Monitoring von Produktionsstandorten, zum Beispiel via Satellit, gibt einen direkten Einblick in Risikozonen. Unternehmen wie Unilever praktizieren dies bereits an einzelnen Standorten.

Die Lieferkette als Mischkalkulation

Ob all das nicht viel zu teuer sei? Nein, entgegnet Petri: „Wenn Sie heute einen Produktionsausfall haben, sprechen wir zum Beispiel in der Automobilindustrie von täglichen Kosten in Millionenhöhe. Die Kosten für Transparenz, Bewusstsein und Quellenidentifizierung liegen hingegen bei mehreren hunderttausend Euro.“ Mit anderen Worten: Es ist günstiger, in Resilienz zu investieren, als die Folgekosten mangelnder Resilienz zu tragen.

Unternehmen können ihre Lieferkette also als Mischkalkulation betrachten. „Sie gehen nicht komplett nach Indien, sondern nutzen auch Osteuropa“, erläutert Petri. In der Gesamtrechnung werden die höheren Beschaffungskosten, die mit stabileren Regionen einhergehen, durch die geringeren Ausfallrisiken kompensiert.

Die vollständige Studie finden Sie hier.

Ein Beitrag von:

  • Magnus Schwarz

    Magnus Schwarz schreibt zu den Themen Wasserstoff, Energie und Industrie. Nach dem Studium in Aachen absolvierte er ein Volontariat und war mehrere Jahre als Fachredakteur in der Energiebranche tätig. Seit Oktober 2025 ist er beim VDI Verlag.

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