Rettung oder Risiko? 01.11.2025, 11:55 Uhr

China verspricht Hilfe im Nexperia-Drama – aber Zweifel bleiben

China kündigt Hilfe im Chip-Streit um Nexperia an. Europas Autobranche hofft – doch viele Fragen bleiben offen.

Nexperia

China kündigt Unterstützung im Chip-Streit um Nexperia an. Doch konkrete Details fehlen: Wer darf Exporte beantragen, wann werden sie genehmigt, und was bedeutet das für Europa?

Foto: picture alliance/dpa | David Hammersen

Kaum ein anderer Name sorgt in der europäischen Industrie derzeit für so viel Nervosität wie Nexperia. Der niederländische Halbleiterhersteller steht im Zentrum eines politischen und wirtschaftlichen Tauziehens zwischen Europa und China – und droht dabei, zum Spielball globaler Interessen zu werden.

Nun signalisiert China Unterstützung. Das Handelsministerium in Peking erklärte, man wolle betroffenen Firmen bei Lieferproblemen helfen. Unternehmen könnten sich direkt an die Behörde wenden, um Exportgenehmigungen zu erhalten – sofern sie „die Voraussetzungen erfüllten“.

Klingt nach einem Schritt in Richtung Entspannung. Doch beim genaueren Hinsehen bleiben viele Fragen offen.

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Von Nimwegen nach Peking – und zurück

Nexperia ist kein Name, der sonst für Schlagzeilen sorgt. Das Unternehmen produziert keine Hochleistungsprozessoren oder futuristische KI-Chips, sondern unscheinbare Bauteile wie Transistoren, Dioden und Gleichrichter. Sie gelten als „diskrete Halbleiter“ – Standardkomponenten, die in fast jedem Steuergerät stecken.

Gerade in der Automobilindustrie ist Nexperia ein wichtiger Zulieferer: Rund 40 % der weltweit genutzten Standardchips stammen Schätzungen zufolge aus den Fabriken des Konzerns. In modernen Fahrzeugen steuern diese Bauteile alles Mögliche – von der Fensterheber-Elektronik bis zum Batteriemanagement.

Als Nexperia im Jahr 2019 von der chinesischen Wingtech-Gruppe übernommen wurde, blieb das zunächst ruhig. Doch die geopolitische Stimmung hat sich verändert. Nach zunehmenden Sicherheitsbedenken griff die niederländische Regierung Ende September ein – und übernahm die Kontrolle über das Unternehmen. Der Grund: Man wollte verhindern, dass Technologie oder Produktion in die falschen Hände geraten.

Peking reagierte prompt – und wütend. Man warf Den Haag „unzulässige Einmischung“ vor und beschuldigte die Niederlande, das globale Liefernetz zu destabilisieren. Gleichzeitig wurde der Export bestimmter Nexperia-Produkte in China eingeschränkt.

Stillstand in der Autoindustrie droht

Für viele deutsche Herstellerinnen und Hersteller war das wie ein Déjà-vu. Noch sitzen die Erinnerungen an den großen Chipmangel während der Corona-Pandemie tief. Nun droht wieder ein Engpass – diesmal hausgemacht durch politische Spannungen.

Der Verband der Automobilindustrie (VDA) warnte bereits vor „erheblichen Produktionseinschränkungen, gegebenenfalls sogar Produktionsstopps“. Auch Volkswagen reagierte alarmiert. Finanzvorstand Arno Antlitz sagte, man müsse sich „von Tag zu Tag und von Woche zu Woche“ nach Ersatz umsehen.

Um den Engpass zumindest kurzfristig zu entschärfen, will die Branche eine digitale Austauschplattform für Restbestände schaffen. Dort sollen verfügbare Nexperia-Chips gemeldet und umverteilt werden können. Eine Art Notlager im Netz – bis sich die Lage stabilisiert.

Chinas Hilfsangebot – mehr Schein als Sicherheit?

Als das chinesische Handelsministerium am Montag verkündete, man wolle „betroffenen Firmen helfen“, atmeten viele kurz auf. Doch die Mitteilung war so vage formuliert, dass sie mehr Verwirrung als Vertrauen stiftete.

Unklar ist bis heute, wer überhaupt einen Antrag stellen darf – nur chinesische Unternehmen oder auch ausländische Abnehmer wie Volkswagen oder Bosch? Ebenso offen bleibt, welche Bedingungen gelten müssen, damit die Behörde Exporte überhaupt genehmigt.

Von konkreten Zeitangaben ganz zu schweigen. Wann könnten die ersten Chips tatsächlich wieder fließen? Niemand weiß es.

Das macht das vermeintliche Hilfsangebot zu einem politischen Signal, aber nicht zu einer praktischen Lösung. Zwischen den Zeilen klingt eher: Wir haben das Heft des Handelns in der Hand.

Ein globales Machtspiel mit winzigen Bauteilen

Der Fall Nexperia zeigt, wie eng Politik und Technologie inzwischen miteinander verflochten sind. Ein Halbleiterhersteller mit Sitz in den Niederlanden, chinesischer Mutterfirma und Kunden in aller Welt wird plötzlich zum Brennpunkt internationaler Interessen.

China sieht in dem niederländischen Eingriff eine politische Provokation. Die Niederlande sprechen dagegen von einem Schritt zur Sicherung nationaler und europäischer Interessen. Dazwischen sitzen Dutzende Industriebetriebe, die schlicht ihre Lieferungen brauchen, um weiter produzieren zu können.

Die Ironie: Es geht nicht um hochkomplexe Chips für künstliche Intelligenz, sondern um Bauteile, die im Wert oft nur wenige Cent kosten. Und doch kann der Ausfall dieser Kleinteile ganze Fabriken lahmlegen.

Hoffnung aus Washington – und neue Ungewissheiten

Parallel kursieren Berichte, wonach die US-Regierung mit China über eine mögliche Lockerung der Exportkontrollen spricht. Demnach könnten Nexperias chinesische Werke bald wieder Chips liefern – zunächst für den amerikanischen Markt.

Ob Europa davon profitieren würde, ist allerdings unklar. Zwar gab es laut EU-Handelskommissar Maros Sefcovic Gespräche zwischen Brüssel und Peking, doch konkrete Zusagen blieben aus. China bestätigte lediglich, dass die Aussetzung bestimmter Exportbeschränkungen auch für seltene Erden gelten solle. Über Nexperia selbst wurde kein Wort verloren.

(mit  dpa)

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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