Hyperschall braucht neue Werkstoffe 04.03.2026, 13:02 Uhr

Material für Mach-5+: Neue Keramikstruktur löst ein altes Problem

Material für extreme Hitze: Neue Zirkoniumkarbid-Keramik zeigt deutlich bessere mechanische Eigenschaften und könnte Hyperschalltechnik voranbringen.

Hyperschall-Flugzeug

Hyperschall benötigt besondere Materialien. Forschende entwickeln neue Ultrahochtemperatur-Keramik für Hyperschallanwendungen. Mikrostrukturdesign steigert Festigkeit und Zähigkeit.

Foto: Smarterpix / vampy1

Hyperschallflugzeuge, wiederverwendbare Raumfahrzeuge oder Hochtemperatur-Antriebe stellen extreme Anforderungen an Materialien. Bauteile müssen Temperaturen von weit über 2000 °C aushalten, mechanischen Belastungen standhalten und gleichzeitig möglichst leicht bleiben. Eine Werkstoffklasse spielt dabei eine zentrale Rolle: sogenannte Ultrahochtemperaturkeramiken (UHTC).

Zu diesen Materialien zählt Zirkoniumkarbid (ZrC). Der Werkstoff besitzt einen extrem hohen Schmelzpunkt von mehr als 3500 °C und bleibt auch bei hohen Temperaturen strukturell stabil. Trotzdem hat sich ZrC bisher nur begrenzt durchgesetzt. Zwei Probleme behindern den Einsatz: Die Keramik lässt sich nur schwer verdichten und sie ist relativ spröde. Ein Forschungsteam aus China zeigt nun einen Weg, diese Einschränkungen deutlich zu reduzieren.

Warum Zirkoniumkarbid bisher schwierig zu nutzen ist

Bei keramischen Hochleistungswerkstoffen gilt meist ein klassischer Zielkonflikt: Wird ein Material besonders hart und fest, verliert es häufig an Zähigkeit. Genau dieses Problem zeigt sich auch bei ZrC-Keramiken.

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In der Praxis bedeutet das: Bauteile können hohe Temperaturen überstehen, reagieren aber empfindlich auf Risse oder mechanische Schläge. Gleichzeitig erfordert die Herstellung oft sehr hohe Sintertemperaturen. Das treibt den Energiebedarf und die Produktionskosten nach oben.

Viele Forschungsgruppen versuchten daher, das Material durch Zusatzstoffe oder Verbundstrukturen zu verbessern. Meist erhöhte sich entweder die Festigkeit oder die Zähigkeit – selten beides gleichzeitig.

„Die zentrale Herausforderung, die wir angehen wollten, bestand darin, sowohl das Verdichtungsverhalten als auch die Bruchfestigkeit von ZrC-Keramiken gleichzeitig zu verbessern“, erklärte Boxin Wei von der Harbin University of Science and Technology.

Zwei-stufiges Sintern als Schlüssel

Das Team entwickelte eine neue Herstellungsstrategie. Dabei kombinierten die Forschenden Zirkoniumkarbid mit Titandisilizid (TiSi₂) und Borcarbid (B₄C). Entscheidend ist jedoch nicht nur die Zusammensetzung, sondern vor allem der Prozess.

Die Keramik entsteht über ein zweistufiges Funkenplasmasintern. Dieses Verfahren nutzt elektrischen Strom und Druck, um Pulver sehr schnell zu verdichten.

Im ersten Schritt wird das Material etwa drei Minuten lang auf 1600 °C erhitzt. In dieser Phase reagieren Titandisilizid und Borcarbid miteinander. Dabei entstehen unter anderem Titanborid (TiB₂) und Siliziumkarbid (SiC).

Das freigesetzte Silizium reagiert anschließend mit der Zirkoniumkarbid-Matrix. Dadurch bilden sich weitere Phasen wie ZrSi₂ und zusätzliches Siliziumkarbid. Im zweiten Schritt folgt ein zehnminütiges Sintern bei 1800 °C. Jetzt dominiert die Diffusion. Die Struktur verdichtet sich vollständig.

„Der zweistufige Prozess ist für unseren Erfolg von entscheidender Bedeutung“, erklärte Yujin Wang vom Harbin Institute of Technology. Und weiter: „Die niedrigere Temperatur priorisiert die Vollendung der In-situ-Reaktionen und erzeugt eine hohe Dichte an feinen TiB₂- und SiC-Kernen, während das Matrixkornwachstum bewusst begrenzt wird.“

Hierarchische Mikrostruktur stärkt das Material

Das Ergebnis ist eine sogenannte multiskalige Mikrostruktur. Dabei wirken verschiedene Verstärkungsmechanismen gleichzeitig – von der atomaren bis zur mikroskopischen Ebene.

Die fertige Keramik besitzt extrem feine Körner mit Größen unter 500 nm. Gleichzeitig entstehen mehrere Phasen, die Risse bremsen oder umlenken können.

„Die Leistungssteigerung resultiert aus einem echten multiskaligen Synergieeffekt“, sagte Wei.
„Auf atomarer Ebene führt die Festlösungsverstärkung durch (Zr,Ti)C und (Ti,Zr)B₂ zu Gitterverformungsfeldern, die die Versetzungsbewegung behindern.“

Weitere Effekte wirken auf größeren Längenskalen:

  • Nanoskalige SiC-Partikel stabilisieren Korngrenzen
  • Plattenförmige TiB₂-Kristalle lenken Risse ab
  • ZrSi₂-Phasen nehmen Energie während des Bruchs auf

Zusätzlich fanden die Forschenden eine rund 9 nm breite Interdiffusionszone zwischen einigen Phasen. Sie sorgt für eine stabile Bindung zwischen den Kristallen.

Mechanische Eigenschaften deutlich verbessert

Die neue Keramik erreichte eine Biegefestigkeit von 824 ± 46 MPa sowie eine Bruchzähigkeit von 7,5 ± 0,5 MPa·m¹ᐟ². Für ZrC-basierte Materialien liegen diese Werte deutlich über vielen bisher veröffentlichten Ergebnissen.

Auch die Herstellung wird effizienter. Ein Teil der Verdichtung findet bereits im ersten Sinter-Schritt bei 1600 °C statt. Dadurch lässt sich das Kornwachstum kontrollieren, das bei herkömmlichen Verfahren häufig zu groben Strukturen führt.

Bedeutung für Hyperschall und Raumfahrt

Ultrahochtemperaturkeramiken gehören zu den Schlüsselmaterialien für mehrere Zukunftstechnologien. Dazu zählen:

  • Hyperschallflugzeuge und -raketen
  • Wiedereintrittsschilde von Raumfahrzeugen
  • Hochtemperatur-Triebwerke
  • Komponenten für Kernenergieanlagen der nächsten Generation

Gerade bei Hyperschallgeschwindigkeiten entstehen extreme thermische Belastungen. An den Vorderkanten von Flugkörpern können Temperaturen von über 2000 °C auftreten.

Hier geht es zur Originalpublikation

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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