Robotaxis von Mercedes: Warum das Unternehmen auf die Bremse drückt
Mercedes-Benz bringt mit dem neuen CLA ein seriennahes Fahrassistenzsystem auf die Straße, das stark auf künstliche Intelligenz setzt. Herzstück ist die Nvidia Drive AV-Software, die ab 2027 zentrale Fahrfunktionen steuern soll. Der Hersteller spricht von einem großen Schritt in Richtung automatisiertes Fahren, betont aber auch die Grenzen der Technik und bleibt vorsichtig.
Mercedes bringt mit dem CLA KI-gestütztes Fahren von Nvidia in die Serie. Ab 2027 sind Robotaxis auf öffentlichen Straßen geplant. Aber warum kein Level 3?
Foto: picture alliance / Kyodo
Im neuen CLA kommt eine Softwareplattform von NVIDIA zum Einsatz, die nicht mehr nur einzelne Assistenzfunktionen kombiniert, sondern das Fahrverhalten als Ganzes interpretiert. Nvidia-Chef Jensen Huang versprach auf der CES-Technikmesse in Las Vegas eine künstliche Intelligenz im Auto, die Verkehrssituationen wie ein Mensch am Steuer analysieren und Entscheidungen treffen könne. Zwischen 2028 und 2030 möchte das Unternehmen die Technologie auch in Privatfahrzeuge bringen. Komplett autonom fährt das Fahrzeug aber weiterhin nicht.
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Level 2++ bleibt Assistenz, keine Autonomie
Mercedes ordnet das System weiterhin dem Automatisierungsgrad Level 2 zu, intern als Level 2++ bezeichnet. Das bedeutet: Gemeinsame Steuerung zwischen System und Fahrer, punktgenaue Navigation durch komplexe städtische Umgebungen, erweiterte aktive Sicherheitsfunktionen mit vorausschauender Kollisionsvermeidung sowie automatisches Parken auf engem Raum. Der Fahrer muss das System jedoch permanent überwachen und jederzeit eingriffsbereit bleiben. Rechtlich trägt weiterhin der Mensch die volle Verantwortung. Diese klare Abgrenzung ist ein bewusst gewählter vorsichtiger Ansatz.
Die Software verarbeitet dabei Kameradaten, Radar- und Sensordaten, um die Umgebung in Echtzeit zu erfassen und darauf zu reagieren. Sie arbeitet nicht ausschließlich regelbasiert, sondern nutzt eine künstliche Intelligenz, die mit großen Datenmengen trainiert worden ist.
Ziel ist es, das Fahrzeug in die Lage zu versetzen, auch komplexere Verkehrssituationen zu bewältigen, etwa im Stadtverkehr mit Kreuzungen, abbiegenden Fahrzeugen und wechselnden Verkehrsflüssen. Nvidia beschreibt diesen Ansatz als einen Schritt hin zu einem durchgängigen, KI-gestützten Fahrzeug, das Wahrnehmung, Planung und Ausführung miteinander verbindet. Komplette Autonomie möchte der deutsche Autobauer aber zunächst nicht haben.
Warum Level 2++ und nicht Level 3?
Dass Mercedes das System trotz seiner Fähigkeiten nicht als Level 3 einstuft, ist vor allem eine Frage von Verantwortung und Absicherung. Bei Level 3 dürfte der Fahrer die Fahraufgabe zeitweise vollständig an das System abgeben und sich anderen Tätigkeiten widmen. Genau das erlaubt Mercedes im CLA nicht. Der Fahrer muss das System dauerhaft überwachen.
Zudem würde Level 3 bedeuten, dass der Hersteller in definierten Szenarien die Haftung übernimmt. Angesichts der hohen Komplexität realer Verkehrssituationen, uneinheitlicher Infrastruktur und offener Zulassungsfragen verzichtet Mercedes bewusst auf diese Einstufung. Level 2++ signalisiert deshalb: technisch weit fortgeschritten, rechtlich und sicherheitsseitig jedoch klar unterhalb echter automatisierter Verantwortung.
In San Francisco steuerte bereits ein seriennahes Fahrzeug des neuen Mercedes CLA selbständig durch den Stadtverkehr. Dabei erkannte und beachtete es Vorfahrtsregeln, Ampeln, Verkehrsschilder sowie Fußgänger. Während der etwa 45-minütigen Testfahrt musste der Sicherheitsfahrer nur in einigen wenigen Situationen eingreifen
KI fährt mit, entscheidet aber nicht alleine
Der neue Mercedes CLA nutzt ein Netzwerk aus zehn Kameras und fünf Radarsensoren, um seine Umgebung präzise zu erfassen. Für seine geplanten Robotaxis will Nvidia zusätzlich Laser-Radare (Lidar) einsetzen, die das Umfeld dreidimensional abtasten.
Ein weiterer zentraler Punkt der Nvidia-Plattform ist die Sicherheitsarchitektur. Neben der KI-basierten Entscheidungslogik läuft ein regelbasiertes System parallel. Dieses soll als Absicherung dienen, falls die KI an ihre Grenzen stößt oder widersprüchliche Situationen nicht eindeutig auflösen kann.
Stellen wir uns beispielhaft eine innerstädtische Kreuzung vor, an der eine Baustelle die Fahrbahnführung verändert hat. Provisorische Markierungen sind teilweise verblasst, ein Bauzaun ragt in die Straße, zusätzlich regelt eine Ampel den Verkehr. Die KI-basierte Wahrnehmung erkennt zwar Fahrzeuge, Fußgänger und Ampelsignale, kann die Situation aber nicht eindeutig bewerten, weil die visuelle Information nicht zu den gelernten Mustern passt.
In diesem Moment greift das regelbasierte System ein. Es orientiert sich nicht an Wahrscheinlichkeiten oder gelernten Szenarien, sondern an festen Sicherheitsregeln. Dazu gehören definierte Mindestabstände, eine Geschwindigkeitsreduzierung und im Zweifel das Abbrechen des Manövers. Das Fahrzeug verzichtet dann beispielsweise auf das Abbiegen, bremst kontrolliert ab oder fordert den Fahrer zur Übernahme auf.
Software-Updates am laufenden Band
Grundlage bildet das neue Betriebssystem MB.OS, in das die Nvidia-Software tief integriert ist. Funktionen sollen zukünftig nicht mehr ausschließlich beim Fahrzeugkauf festgelegt sein, sondern sich über Software-Updates weiterentwickeln lassen.
Für den Hersteller eröffnet das neue Möglichkeiten, Assistenzsysteme im laufenden Betrieb zu verbessern oder zu erweitern. Für die Entwicklung bedeutet es einen grundlegenden Wandel. Software, Datenverarbeitung und Validierung rücken stärker in den Fokus als klassische Mechanik. Nvidia sieht darin einen entscheidenden Schritt, um Fahrfunktionen schneller, aber kontrolliert in die Serie zu bringen
Noch kein vollautonomes Fahren
Nvidia verfolgt das Ziel, seine Hard- und Software in den kommenden Jahren in Autos verschiedenster Hersteller zu integrieren.
Ali Kani, Vizepräsident des Automobilbereichs bei NVIDIA:
„Beginnend mit Mercedes-Benz und dem beeindruckenden neuen CLA feiern wir eine bemerkenswerte Leistung in den Bereichen Sicherheit, Design, Ingenieurwesen und KI-gestütztes Fahren, die jedes Auto in eine lebendige, lernende Maschine verwandeln wird.“
Wie die Deutsche Presse-Agentur berichtet, sieht Mercedes den CLA als wichtigen Zwischenschritt auf dem Weg zu höher automatisierten Fahrzeugen, nicht als Endpunkt. Der Hersteller betont selbst, dass vollautonomes Fahren weiterhin Entwicklungs- und Zulassungsarbeit erfordert, um das Rennen um autonomes Fahrzeuge nicht zu verlieren. Insbesondere rechtliche Fragen und Sicherheitsnachweise gelten als zentrale Hürden.
Ein vorsichtiger Ansatz im Wettkampf um das autonome Auto
Auf der CES in Las Vegas präsentierten sich zahlreiche Wettbewerber. Uber zeigte gemeinsam mit Lucid Fahrzeuge, die noch in diesem Jahr als Robotaxis im Raum San Francisco starten sollen und von Software des Unternehmens Nuro gesteuert werden. Auch Zoox, eine Amazon-Tochter, testet bereits fahrerlose Fahrzeuge im öffentlichen Raum.
Als derzeit technologisch führend gilt Waymo, die Google-Schwesterfirma, mit rund 2.500 fahrerlosen Robotaxis in mehreren US-Städten. Mercedes geht bewusst einen anderen Weg. Statt früh Verantwortung an das System abzugeben, bleibt der Fahrer Teil der Sicherheitskette. Der Ansatz wirkt weniger spektakulär, ist aber aus Sicht von Zulassung, Haftung und funktionaler Sicherheit deutlich konservativer.
Der neue CLA mit Nvidia Drive AV-Software steht damit nicht direkt für den Durchbruch zum autonomen Fahren, sondern für einen technisch kontrollierten Übergang in eine zunehmend softwaredefinierte Mobilität.
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