Weniger Regen an Deutschlands Küste? Was ein massiver Offshore-Ausbau verändern könnte
Große Offshore-Windparks könnten Regen vom Land aufs Meer verlagern. Eine Studie berechnet für Teile der deutschen Küste 5 bis 8 % weniger.
Mehr Regen über Windparks, weniger an der Küste: Eine neue Modellstudie zeigt mögliche Folgen eines massiven Offshore-Ausbaus.
Foto: picture alliance/dpa | Lars Penning
Ein massiver Ausbau der Offshore-Windenergie könnte den Niederschlag an Teilen der deutschen Nordseeküste verändern. In einer neuen Modellstudie berechnen Forschende für den Nordwesten Schleswig-Holsteins und die niedersächsische Küste im Extremfall 5 bis 8 % weniger Regen im Jahresmittel. Über den großen Windparkflächen würde dagegen mehr Niederschlag fallen.
Die Ergebnisse stammen vom Helmholtz-Zentrum Hereon und wurden im Fachjournal Communications Earth & Environment veröffentlicht. Die Forschenden betonen allerdings eine entscheidende Einschränkung: Das Szenario bildet keinen erwarteten Ausbau für das Jahr 2050 ab, sondern eine technische Obergrenze.
Inhaltsverzeichnis
Forschende simulieren zehn Jahre Wetter
Das Team um Naveed Akhtar vom Hereon-Institut für Küstensysteme nutzte das regionale Klimamodell COSMO-CLM. Es arbeitet in der Studie mit einer horizontalen Auflösung von rund 5 km.
Die Forschenden verglichen mehrere Offshore-Konfigurationen: den Bestand von 2023, ein Ausbauszenario für 2030 und ein sehr weitgehendes Szenario für 2050 beziehungsweise die Zeit danach. Für die Modellierung kamen Referenzturbinen mit 5, 10 und 15 MW Leistung zum Einsatz.
Für alle Varianten berechnete das Modell die atmosphärischen Bedingungen über einen Zeitraum von zehn Jahren – von 2008 bis 2017.
Das ist für die Interpretation wichtig: Die Forschenden simulierten nicht das Klima des Jahres 2050. Sie setzten unterschiedliche Windpark-Konfigurationen in dieselben Wetterbedingungen der Jahre 2008 bis 2017 ein. Dadurch lässt sich untersuchen, welchen zusätzlichen Einfluss die Windparks auf die Atmosphäre haben könnten.
Deutlicher Effekt erst im Extremszenario
Für die Konfigurationen von 2023 und 2030 bleiben die Auswirkungen auf den Niederschlag in der Simulation gering und weitgehend auf Meeresgebiete beschränkt.
Anders sieht es beim weitreichenden Szenario aus. Dafür wurden alle derzeit identifizierten Offshore-Entwicklungsgebiete im Modell mit Windenergieanlagen belegt. Die Forschenden nahmen dabei eine einheitliche Leistungsdichte von 8 MW/km² an.
Sie bezeichnen diese Konfiguration ausdrücklich als technische Obergrenze. Welche Flächen tatsächlich bebaut werden und mit welcher Turbinendichte, ist damit nicht gesagt.
Erst unter diesen Annahmen treten größere Veränderungen auf. Direkt über den Windparkflächen steigt der Niederschlag in den Simulationen stellenweise um 8 bis 10 mm pro Monat beziehungsweise 12 bis 18 %. An einigen Küstenregionen passiert das Gegenteil.
In Teilen Deutschlands 5 bis 8 % weniger Niederschlag
Besonders deutlich sind die Veränderungen in Teilen Dänemarks. In Jütland berechnet das Modell regional einen Rückgang von mehr als 15 %.
Für Deutschland weist die Detailauswertung vor allem zwei Regionen aus: den Nordwesten Schleswig-Holsteins und die Küstengebiete Niedersachsens. Dort sinkt der Niederschlag im Jahresmittel um etwa 5 bis 8 mm pro Monat beziehungsweise 5 bis 8 %.
Auch für die Niederlande und die Westküste Großbritanniens ergeben die Simulationen in einigen Gebieten Rückgänge in ähnlicher Größenordnung.
Die Wirkung schwankt allerdings stark mit Jahreszeit und Windrichtung. Besonders ausgeprägt ist sie bei südwestlichen Winden, die für den Nordwesteuropäischen Schelf eine wichtige Rolle spielen. Bei diesen Windrichtungen berechnet das Modell über den Windparks 9 bis 20 % mehr Niederschlag, während benachbarte Küstenregionen etwa 5 bis 8 % verlieren.
Im Herbst und Winter können die regionalen Rückgänge in den Simulationen 10 bis 20 % erreichen. Für den Sommer finden die Forschenden dagegen kein einheitliches Signal.
Wie Windparks den Feuchtigkeitstransport verändern
Der Effekt beginnt mit der Energiegewinnung selbst. Windkraftanlagen entziehen der Luftströmung kinetische Energie. Gleichzeitig erzeugen die Rotoren zusätzliche Turbulenz.
Bei einem sehr großflächigen Ausbau sinkt die Windgeschwindigkeit in 10 m Höhe über den Windparkflächen in der Simulation um bis zu 2 bis 3 m/s. Dadurch verändern sich auch der Austausch von Wärme und Feuchtigkeit zwischen Meer und Atmosphäre sowie die Luftbewegungen oberhalb der Anlagen.
Über den Windparks verstärken sich Aufwärtsbewegung und vertikaler Feuchtigkeitstransport. In der Simulation nehmen dort niedrige Bewölkung und Niederschlag zu.
Hinter den Windparks kehrt sich der Effekt teilweise um. Die vertikale Aufwärtsbewegung wird schwächer, und die Luft enthält weniger Feuchtigkeit. Ein Grund dafür ist, dass über den Windparkflächen bereits mehr Wasser aus der Atmosphäre ausregnet. Mit der Strömung gelangt diese trockenere Luft bis in Küstenregionen.
Der Niederschlag wird in der Simulation damit räumlich verschoben: mehr über Teilen des Meeres, weniger in einigen Gebieten an Land.
Deutschland steht erst am Anfang des Offshore-Ausbaus
Die Dimension des geplanten Ausbaus macht die Frage relevant. Mitte 2026 waren in Deutschland 1764 Offshore-Windenergieanlagen mit insgesamt 10,8 GW Leistung in Betrieb.
Das Windenergie-auf-See-Gesetz sieht deutlich höhere Werte vor. Bis 2030 sollen mindestens 30 GW am Netz sein, bis 2035 mindestens 40 GW und bis 2045 mindestens 70 GW.
Das untersuchte Extremszenario lässt sich daraus jedoch nicht direkt ableiten. Es umfasst wesentlich größere Teile der Nord- und Ostsee sowie Offshore-Gebiete anderer europäischer Staaten und setzt eine gleichmäßige Belegung der Entwicklungsflächen voraus.
Quellen
- Akhtar et al.: „Projected impacts of future offshore wind farms on coastal precipitation over the Northwest European shelf“, Communications Earth & Environment, 12. August 2026. Originalstudie
- Gesetze im Internet: Windenergie-auf-See-Gesetz (WindSeeG), § 1 – Ausbauziele für Offshore-Windenergie. WindSeeG § 1
- Stiftung OFFSHORE-WINDENERGIE: „Status des Offshore-Windenergiezubaus in Deutschland“, Stand 30. Juni 2026. Ausbaustand 1. Halbjahr 2026
Ein Beitrag von: