Hitzewellen eskalieren 23.02.2026, 13:30 Uhr

Klimawandel rechnet ab: Zehnmal mehr Extremhitze als früher

Studie zeigt: Extreme Hitze in Europa hat sich seit 1960 etwa verzehnfacht. Das ist deutlich über natürlicher Variabilität.

Faust zerknautscht Weltkugel aus Schaumstoff

Der Klimawandel schlägt zu: Extreme Hitze in Europa hat sich seit den 1960ern massiv verstärkt.

Foto: Smarterpix / VadimVasenin

Wie stark nehmen Hitzewellen durch den menschengemachten Klimawandel zu? Eine aktuelle Studie aus Graz liefert eine dramatische Zahl: In großen Teilen Europas hat sich die Intensität extremer Hitze seit den 1960er-Jahren etwa verzehnfacht. Die Arbeit erschien in der Zeitschrift Weather and Climate Extremes und basiert auf einem neuen methodischen Ansatz zur Quantifizierung von Extremereignissen. Die zentrale Frage ist nicht mehr, ob Hitzeextreme zunehmen. Sondern wie stark und wie umfassend.

Mehr als nur „mehr heiße Tage“

Bisher wurde Hitze oft mit Einzelwerten beschrieben. Zum Beispiel mit der Zahl der Tage über 30 °C oder mit dem jeweils höchsten Jahreswert. Solche Indikatoren zeigen Trends. Sie greifen aber zu kurz.

Das Forschungsteam um Gottfried Kirchengast vom Wegener Center der Universität Graz hat deshalb eine neue Methode entwickelt. Sie misst nicht nur, wie oft ein Schwellenwert überschritten wird. Sie erfasst auch, wie lange eine Hitzewelle dauert, wie stark sie ausfällt und wie groß die betroffene Fläche ist.

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„Unsere neue, universell anwendbare Methode eignet sich für alle Gefahrenmaße, die durch das Überschreiten kritischer Schwellenwerte definiert sind. Mit ihr lassen sich Häufigkeit, Dauer, Intensität, räumliche Ausdehnung und andere Variablen von Extremereignissen berechnen, bis hin zur Kombination aller Metriken in der Gesamtextremität“, erklärt Gottfried Kirchengast.

Diese kombinierte Größe nennen die Forschenden „Total Events Extremity“, kurz TEX. Sie bündelt mehrere Dimensionen in einer einzigen Kennzahl.

Vergleich: Damals und heute

Als Referenz dient der Zeitraum 1961–1990. Für jede Region wurde ermittelt, welche Temperaturen dort nur an 1 % der Tage überschritten wurden. Diese Schwelle liegt regional unterschiedlich:

  • In Österreich bei rund 30 °C
  • In Südspanien über 35 °C
  • In Finnland bei etwa 25 °C

Anschließend verglichen die Forschenden diese Referenz mit der aktuellen Klimaperiode 2010–2024. Das Ergebnis: In Österreich und in großen Teilen Mittel- und Südeuropas hat sich die Gesamtextremität extremer Hitze um etwa den Faktor 10 erhöht.

Das bedeutet nicht nur mehr Hitzetage. Es bedeutet längere Hitzephasen, höhere Spitzenwerte und größere betroffene Gebiete – alles gleichzeitig.

Deutlich jenseits natürlicher Schwankungen

Klimasysteme schwanken von Natur aus. Entscheidend ist deshalb die Frage: Könnte dieser Anstieg noch natürliche Variabilität sein?

Die Studie kommt zu einem klaren Schluss. Die beobachtete Verstärkung liegt weit außerhalb dessen, was sich statistisch als natürliche Schwankung erklären lässt. Die Autorinnen und Autoren sprechen von „eindeutigen Beweise für den anthropogenen Klimawandel“.

Mit anderen Worten: Der Einfluss des Menschen ist hier deutlich messbar.

Inwieweit werden Klimagefahren wie Hitzewellen, Überschwemmungen, Dürren und Stürme (Symbole links) durch den anthropogenen Klimawandel verstärkt?

Inwieweit werden Klimagefahren wie Hitzewellen, Überschwemmungen, Dürren und Stürme (Symbole links) durch den anthropogenen Klimawandel verstärkt? Die Studie beantwortet diese Frage durch die Einführung einer neuen ganzheitlichen Klasse von Gefahrenmetriken (dargestellt in der Grafik in der Mitte), mit denen die Verstärkung der Extremität solcher Ereignisse – von der bloßen Häufigkeitsänderung bis hin zu ihrer Gesamtextremität – mit einer bisher unerreichten Genauigkeit verfolgt werden kann. Aufgrund dieser Diagnosekraft ermöglichen die Metriken eine bessere Quantifizierung und Zuordnung von Klimaauswirkungen, wie beispielsweise die Quantifizierung der Schäden für Menschen, Eigentum, Ökosysteme und Infrastruktur (Symbole rechts).

Foto: Universität Graz/Wegener Center

Was das für Technik und Infrastruktur bedeutet

Hitze wirkt nicht abstrakt. Sie wirkt konkret. Wir sprechen hier nicht von einzelnen Hitzetagen. Entscheidend sind Ketten von Tagen, hohe Spitzenwerte und große betroffene Regionen. Genau diese Mehrdimensionalität bildet die neue Metrik ab.

Das hat Einfluss auf viele Bereiche von Technik und Infrastruktur:

  • Straßenbeläge verlieren bei anhaltender Hitze an Stabilität.
  • Stromnetze geraten bei hoher Klimatisierungslast unter Druck.
  • Kühlwassersysteme von Kraftwerken stoßen an thermische Grenzen.

Eine Kennzahl wie TEX ist deshalb mehr als nur Statistik. Sie beschreibt die reale Belastung für Systeme.

Gesundheit und Landwirtschaft unter Druck

Temperaturen über 30 °C beeinträchtigen die Leistungsfähigkeit des Körpers. Je länger eine Hitzewelle anhält, desto höher wird das Risiko für Kreislaufprobleme und Hitzeschäden. Besonders betroffen sind ältere Menschen und Personen, die sich nicht ausreichend kühlen können.

Auch die Landwirtschaft reagiert sensibel auf Hitze. Längere Hitzephasen erhöhen die Verdunstung, verschärfen Trockenstress und beeinflussen die Erträge negativ. Die neue Methodik liefert eine belastbare Grundlage für Schadensabschätzungen und Klimafolgenanalysen in diesem Bereich.

Hitze ist nur der Anfang

Das Verfahren lässt sich auch auf andere Extremereignisse anwenden, etwa Starkregen oder Dürren. Überall dort, wo ein klarer Schwellenwert definiert werden kann, lässt sich die Entwicklung systematisch verfolgen.

Für Europa zeigt die Analyse vor allem eines: Die Referenzwerte der 1980er-Jahre sind keine verlässliche Planungsgrundlage mehr. Extreme Hitze ist kein Ausreißer. Sie ist Teil des neuen Klimaniveaus.

Hier geht es zur Originalpublikation

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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