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Forscher rechnen nach: So stark könnte die Energiewende die Natur belasten

29. Mai 2026

Klimaschutz gegen Naturschutz
Wie viel Natur kostet die Energiewende? Neue Forschungsergebnisse liefern überraschende Antworten auf diese Frage. Foto: Smarterpix / VectorMine
Wie viel Natur kostet die Energiewende? Forschende haben verschiedene Szenarien berechnet – mit überraschenden Ergebnissen.
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Die Energiewende soll den Ausstoß von Treibhausgasen senken und den Klimawandel bremsen. Doch was passiert, wenn der Ausbau erneuerbarer Energien selbst neue Belastungen für die Natur verursacht? Genau dieser Frage ist ein Forschungsteam der Norwegischen Universität für Wissenschaft und Technologie (NTNU) und des Norwegischen Instituts für Naturforschung (NINA) nachgegangen.

Die Ergebnisse zeigen einen Zielkonflikt, der in der öffentlichen Debatte oft zu kurz kommt. Windparks, Solaranlagen, Wasserkraftwerke und Stromtrassen liefern klimafreundlichen Strom. Gleichzeitig benötigen sie Fläche und greifen in natürliche Lebensräume ein. Die Forschenden kommen zu einem klaren Ergebnis: Nicht nur die Wahl der Technologie entscheidet über die Folgen für die Umwelt. Mindestens genauso wichtig ist die Frage, wie viel Strom künftig überhaupt benötigt wird.

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Inhaltsverzeichnis

Mehr Strombedarf bedeutet mehr Eingriffe in die Natur

Norwegen steht vor einer ähnlichen Herausforderung wie viele andere Industrieländer. Verkehr, Industrie und Gebäude sollen zunehmend elektrifiziert werden. Dadurch steigt der Strombedarf in den kommenden Jahrzehnten deutlich an.

Um diesen Bedarf zu decken, müssen neue Erzeugungsanlagen und zusätzliche Netze entstehen. Genau hier beginnt das Dilemma. „Ein zentrales Dilemma besteht darin, dass Norwegen und viele andere Länder mehr Strom aus erneuerbaren Energien benötigen, um dekarbonisiert zu werden“, sagte Studienautor Jan Borgelt von der NTNU.

Gleichzeitig weist er auf die Kehrseite hin: „Doch der Bau dieser Infrastruktur wirkt sich auch auf die Artenvielfalt und natürliche Lebensräume aus. Die Energiewende muss stattfinden, aber wo und wie wir bauen, ist entscheidend für die Natur und die Artenvielfalt.“

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Die Forschenden berechneten verschiedene Szenarien für die Entwicklung des norwegischen Energiesystems bis 2050. Je nach Ausbaupfad könnte die Belastung natürlicher Lebensräume um bis zu 28 % steigen.

Wasserkraft dominiert Norwegens Stromversorgung

Heute stammen rund 88 % des norwegischen Stroms aus Wasserkraft. Mehr als 1.800 Kraftwerke und etwa 1.100 Stauseen prägen die Energieversorgung des Landes.

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Viele dieser Anlagen entstanden bereits im frühen und mittleren 20. Jahrhundert. Entsprechend ist ein großer Teil der ökologischen Auswirkungen bereits eingetreten. Stauseen und Wasserkraftwerke gehören zu den größten Eingriffen in Landschaften und Ökosysteme.

Für die Zukunft erwarten die Forschenden jedoch keinen vergleichbaren Ausbau mehr. Viele der verbleibenden Potenziale liegen in Schutzgebieten. Zusätzliche Strommengen dürften daher vor allem durch die Modernisierung bestehender Anlagen entstehen.

Wichtig ist dabei ein Blick auf die Grenzen der Untersuchung. Die Studie konzentriert sich hauptsächlich auf Auswirkungen an Land. Die Folgen der Wasserkraft für Flüsse, Seen und andere Gewässerökosysteme wurden nicht im Detail analysiert. Gerade dort gelten Staudämme und Wasserregulierungen seit Jahrzehnten als erhebliche Eingriffe in natürliche Prozesse.

Warum gerade Windkraft im Fokus steht

Bei der Betrachtung künftiger Ausbauoptionen rückt vor allem die Windenergie an Land in den Mittelpunkt. Norwegen verfügt derzeit über 64 Windparks, die zusammen rund 15,9 TWh Strom pro Jahr erzeugen. In den Zukunftsszenarien der Studie weist die Onshore-Windkraft das größte Potenzial für zusätzliche Flächeneingriffe auf.

Das liegt nicht allein an den Windrädern selbst. Auch Zufahrtsstraßen, Netzanschlüsse und weitere Infrastruktur beanspruchen Fläche. Hinzu kommen mögliche indirekte Auswirkungen wie Lärm oder Vogelkollisionen.

Windkraft ist deshalb in Norwegen seit Jahren Gegenstand kontroverser Diskussionen. Während Befürworter auf den Beitrag zum Klimaschutz verweisen, sorgen sich Kritiker um Landschaftsbild, Erholungsräume und die biologische Vielfalt. Die Studie macht deutlich, dass die Auswirkungen stark vom jeweiligen Standort abhängen. Nicht jeder Windpark verursacht dieselben Konflikte.

Solarenergie ist nicht automatisch die beste Lösung

Auch die Solarenergie liefert interessante Ergebnisse. Auf den ersten Blick scheint sie besonders naturfreundlich zu sein. Doch bei einem Vergleich von Flächenbedarf und erzeugter Strommenge schneiden große Freiflächenanlagen weniger günstig ab als viele erwarten würden.

„Freiflächen-Solaranlagen beanspruchen im Verhältnis zur erzeugten Strommenge relativ große Flächen. In diesem Sinne sind sie also relativ ineffizient“, sagte Borgelt. Allerdings hängt auch hier vieles vom Standort ab. Werden große Solarparks in Wäldern oder naturnahen Gebieten errichtet, steigt das Konfliktpotenzial deutlich. Ganz anders sieht es bei Solaranlagen auf Dächern aus.

„Dach-Solaranlagen ändern dieses Bild jedoch dramatisch, da sie keine zusätzliche Umwandlung von Lebensräumen erfordern. Das kann Konflikte zwischen Energieerzeugung und Biodiversitätsschutz erheblich verringern.“ Für die Forschenden ist das ein wichtiger Hinweis darauf, dass nicht allein die Technologie entscheidend ist, sondern vor allem ihre konkrete Umsetzung.

Die oft vergessene Rolle des Stromnetzes

In der Diskussion über erneuerbare Energien geraten Stromleitungen häufig in den Hintergrund. Dabei zeigte die Untersuchung, dass das Übertragungsnetz zu den größten Verursachern von Lebensraumverlusten gehört.

Der Grund liegt vor allem in den Leitungskorridoren. Für Freileitungen müssen häufig Waldflächen gerodet und dauerhaft freigehalten werden. „Wir vergessen oft das Übertragungsnetz, wenn wir über die Energiewende und erneuerbare Energien sprechen“, sagte Mitautorin Dafna Gilad vom Norwegischen Institut für Naturforschung.

Die Analyse zeigt allerdings auch ein differenziertes Bild. Einige Tier- und Pflanzenarten profitieren von den offenen Flächen entlang der Leitungen. Für viele Vogel- und Säugetierarten überwiegen dagegen die negativen Folgen.

Die Alternative wäre ebenfalls problematisch

Die Studie liefert keine Argumente gegen den Ausbau erneuerbarer Energien. Die Forschenden betonen ausdrücklich, dass die Dekarbonisierung des Energiesystems notwendig bleibt.

Ohne Energiewende würden die Folgen des Klimawandels selbst zahlreiche Ökosysteme und Arten unter Druck setzen. Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb darin, Klimaschutz und Naturschutz gemeinsam zu denken. Es geht nicht um ein entweder- oder. Es geht darum, den notwendigen Ausbau möglichst naturverträglich zu gestalten.

Die wichtigste Erkenntnis: Weniger Verbrauch bedeutet weniger Eingriffe

Die vielleicht überraschendste Erkenntnis der Studie betrifft weder Windkraft noch Solarenergie oder Wasserkraft. Entscheidend ist vor allem die Höhe des künftigen Stromverbrauchs.

„Was zählt, ist, wie viel Strom wir insgesamt produzieren werden“, sagte Gilad. Je stärker der Strombedarf wächst, desto mehr Infrastruktur muss gebaut werden. Damit steigt zwangsläufig auch der Druck auf natürliche Lebensräume.

Die Forschenden sehen deshalb in Energieeffizienz einen der wirksamsten Hebel überhaupt. Jede eingesparte Kilowattstunde reduziert den Bedarf an neuen Anlagen, zusätzlichen Stromleitungen und weiteren Eingriffen in die Natur.

Hier geht es zur Originalpublikation



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