Rückblick auf eine Jahrhundert-Katastrophe 13.07.2022, 07:00 Uhr

Flut im Ahrtal: ein Jahr danach

Die Bilder haben viele von uns sicherlich noch im Kopf. Weggerissene Häuser, Wassermassen überall. Die Flut im Ahrtal hat zahlreiche Menschenleben gekostet, Schäden in zweistelliger Milliardenhöhe angerichtet und den Bewohnern ihr Zuhause genommen. Welche Lehren hat man daraus gezogen, welche Veränderungen schon eingeleitet und wie steht es um die Aufbauarbeiten?

Häuser von Hochwasser überflutet

Das Hochwasser hat im Ahrtal schwere Schäden und Verwüstungen angerichtet (Beispielbild).

Foto: panther media.net/kotafoty

Schon am 11. Juli 2021 kamen erste Meldungen vom Deutschen Wetterdienst (DWD), dass in der Region des Ahrtals extremer Starkregen erwartet wird. Die Meldungen spitzten sich innerhalb der nächsten drei Tage weiter zu. Und dann, am 14. Juli kam der angekündigte Starkregen. Er zeigte sich mit einem Ausmaß, das kaum zu erfassen war. In der Nacht zum 15. Juli wurde der Höhepunkt erreicht: Wassermassen rissen ganze Häuser weg, Menschen flüchteten auf Dächer. Rettungskräfte kamen in Hubschraubern. Am nächsten Morgen wurde klar, welches Drama sich in der vergangenen Nacht in dem Tal abgespielt hatte. Die sich anschließenden Rettungsmaßnahmen wurden nicht nur dadurch erschwert, dass der Zugang zu der Region kaum möglich war, sondern auch durch ein völlig zusammengebrochenes Mobilfunknetz.

Fahrlässige Tötung? Ermittlungsverfahren gegen Landrat nach Flutkatastrophe

Schon drei Wochen später ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen den Landrat, es ging um fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung durch Unterlassen. Ein Untersuchungsausschuss im Landtag wurde im Oktober 2021 eingesetzt, im selben Monat der Landrat in den Ruhestand versetzt, auch die Grünen-Politikerin Anne Spiegel trat als Bundesfamilienministerin aufgrund von Fehlverhalten zurück. Parallel gründete sich eine Kommission des Landtags, die unter anderem Empfehlungen für einen besseren Katastrophenschutz, aber auch Anpassungen der Region an den Klimawandel erarbeiten möge.

Die Flut im Ahrtal: an der Geometrie der Region ändert sich nichts

Wer heute, ein Jahr nach der Katastrophe, auf das Ahrtal blickt, sieht immer noch Teile der Zerstörung. Zwar sind alle Ortschaften wieder an das Straßennetz angebunden und erreichbar, allerdings teilweise noch provisorisch. Von den mehr als 100 beschädigten oder komplett zerstörten Brücken ist noch keine wieder nutzbar. Stattdessen gib es fünf Behelfsbrücken. Erst Ende 2023 geht man von einem komplett normalen Betrieb der Bahnstrecken aus. Die Versicherungen haben knapp drei Viertel aller Versicherungsfälle abgeschlossen und fünf Milliarden Euro ausgezahlt. Der Schaden beläuft sich laut dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft auf 8,5 Milliarden Euro.

Kritik kommt derzeit von Forschenden und Experten und Expertinnen aus der Versicherungswirtschaft. Die Tatsache, dass man bis auf wenige Häuser alle am selben Standort wieder aufbauen möchte, ändere nichts. Denn die Voraussetzungen im Ahrtal bleiben: Es ist ein V-förmiges Tal umgeben von Steilhängen. Wenn die Ahr noch einmal stark ansteigen sollte, wären die Folgen vermutlich sehr ähnlich. Häuser stehen nah am Fluss, bei Hochwasser werden sie auf jeden Fall vom Fluss erreicht. Insgesamt ist das Ahrtal sehr dicht bebaut, Raum für Dämme oder andere Formen des Hochwasserschutzes gibt es kaum. „Die Ahr hat uns gezeigt, wo sie natürlicherweise entlangfließt. Doch statt das zum Teil neu entstandene Flussbett zu erhalten, wurde das Gewässer wieder ins alte Bett gezwungen“, sagt Sabine Yacoub, BUND-Landesvorsitzende in Rheinland-Pflanz. Damit seien weitere Hochwasser praktisch vorprogrammiert.

Die Flut im Ahrtal: zehn Empfehlungen zum Wiederaufbau

Das Bundesministerium für Forschung und Bildung (BMBF) hat das Projekt KAHR (Klima, Anpassung, Hochwasser, Resilienz) gefördert – mit dem Ziel, den Wiederaufbau der betroffenen Regionen wissenschaftlich zu begleiten und Empfehlungen zu erarbeiten. Zehn Empfehlungen haben sie erarbeitet:

  1. Man solle das Hochwasserereignis auch als Chance für einen strategischen Transformationsprozess nutzen. Zum Beispiel, sich von Ölheizungen verabschieden und im Sinne des Klimawandels neue Strukturen schaffen, um die Gebäude zu beheizen.
  2. Wenn man die Wissenschaft mit ihren neuen Methoden zur Hochwassermodellierung einbeziehe, die Risikoanalysen detaillierter ausarbeite, könnten die Menschen besser vorgewarnt und geschützt werden.
  3. Mehr Raum für den Fluss und damit auch eine angepasste Nutzung von Flächen: Parks und Sportplätze könnten als Überflutungsflächen dienen, ohne dass zu große Schäden entstünden.
  4. Mehr Augenmerk auf Brücken. Sie müssen hydraulisch leistungsfähiger sein, um einer Überflutung besser standhalten zu können.
  5. Das Frühwarnsystem müsse effektiver funktionieren. Deshalb sollten die Warnsysteme überprüft und weiterentwickelt werden.
  6. Starkregengefahren- und Risikokarten müssten öffentlich zugänglich sein. Das bedeute auch, dass Hauseigentümer bei Baugenehmigungen oder Umbauten automatisch die dafür notwendigen Informationen über Hochwasser- und Starkregengefahren bekämen.
  7. Bauämter von Städten und Kommunen müssten alle Facetten des Klimawandels und seiner Auswirkungen berücksichtigen. Deshalb sei eine Stärkung der grün-blauen Infrastrukturen entscheidend. Sie dienen der Vorsorge bei Hitze, Hochwasser und Starkregen.
  8. Zum Wiederaufbau gehöre auch eine engere Zusammenarbeit. Von Strukturen, die nicht auf einzelne Ortschaften beschränkt seien, profitiere die gesamte Region. So ließen sich auch Lösungsansätze für den Wiederaufbau auf andere Orte übertragen.
  9. Eine engere Zusammenarbeit von Wasserwirtschaft und Katastrophenschutz sei sinnvoll. Wenn sie gemeinsam Modellszenarien analysieren, ließe sich die Vorwarnzeit bei solchen Ereignissen verlängern.
  10. Einrichtungen, die zur sogenannten kritischen und sensiblen Infrastruktur gehören, wie unter anderem Krankenhäuser, Kindergärten, Altenheime, bräuchten höhere Schutzstandards und -ziele.

Mehr Schutzmaßnahmen nach der Flut im Ahrtal

Die Flut im Ahrtal mit all ihrer Zerstörung hat bei Politik, Planern und den Menschen, die dort wohnen, ein Umdenken in Gang gesetzt. Das Landesamt für Geologie und Bergbau (LGB) erfasst gemeinsam mit dem Institut für Geowissenschaften der Johannes-Gutenberg-Universität (JGU) Gefährdungen durch Massenbewegungen und Erosion. Die Ergebnisse sollen die Hochwasserschutzmaßnahmen ergänzen. Das gilt auch für die Brücken in dem Gebiet. Die Statik wird bedeutsamer, sie muss vergleichbaren Flutereignissen künftig standhalten. Der Wiederaufbau soll insgesamt klimafreundlicher gestaltet werden. Das bedeutet auch, dass neue Wärmelösungen entstehen. Die Kanalisation soll hochwassersicher und die Kläranlagenstandorte neu geprüft werden. Der Anfang ist also gemacht. Wie viel tatsächlich in die Tat umgesetzt wird, wird sich zeigen.

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Ein Beitrag von:

  • Nina Draese

    Nina Draese hat Geschichte und Kunstgeschichte (M.A.) studiert. Unter anderem hat sie für die dpa gearbeitet, die Presseabteilung von BMW, für die Autozeitung und den MAV-Verlag. Sie ist selbstständige Journalistin und gehört zum Team von Content Qualitäten. Ihre Themen: Automobil, Energie, Klima, KI, Technik, Umwelt.

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