Hightechmetalle 23.04.2010, 19:46 Uhr

Der China-Faktor: Hightechmetalle

Ob Windkraftanlagen oder Hybridmotoren – ohne Seltene Erden kann die Industrie viele ihrer Hightechprodukte nicht herstellen. Doch aktuell verfügt China bei diesen Rohstoffen über ein ähnliches Monopol wie die Opec beim Öl. Ein Fakt, der Unternehmern in den etablierten Industriegesellschaften zunehmend Sorgen macht.

„Im Mittleren Osten gibt es Öl, in China Seltene Erden.“ Mit diesem Satz von Deng Xiaoping wirbt das chinesische Industriegebiet Baotou in der Inneren Mongolei um Investoren. Dem damaligen Staatschef war offenbar schon 1992 klar, was viele Hightechunternehmen weltweit gerade im Schnellkurs lernen: Seltene Erden sind für moderne Industriegesellschaften ebenso wichtig wie das im öffentlichen Bewusstsein viel prominenter verankerte Erdöl.

Seltene Erden sind Zutaten, ohne die es viele Technologien gar nicht oder zumindest nicht mit der notwendigen Leistungsstärke geben würde: keine Windkraftanlagen oder Elektroautos ohne Dysprosium und Neodym, keine Darstellung der Farbe Rot auf LCD-Monitoren ohne Yttrium und Europium, keine hocheffizienten Leuchtmittel ohne Terbium.

Anders als ihr Name vermuten lässt, sind Seltene Erden Metalle und geologisch sogar relativ häufig. Lagerstätten finden sich von Kanada und Brasilien über Madagaskar und Russland bis Indien und Australien. Dennoch sorgen sich Experten um die gesicherte Rohstoffversorgung in künftigen Schlüsselindustriebereichen.

Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) und der Geologische Dienst der USA (USGS) schätzen übereinstimmend, dass China über ein knappes Drittel der weltweiten Reserven verfügt.

Aktuellen USGS-Zahlen zufolge kamen 2009 von knapp 124 000 weltweit geförderten Tonnen Seltene Erden allein 120 000 t aus China. Bei einigen Metallen wie den als besonders knapp geltenden Stoffen Dysprosium und Terbium liegt der China-Monopolfaktor sogar bei 99 %.

Ein Problem, da der größte Teil der Fördermenge gar nicht erst auf den Weltmarkt gelangt: Exportbeschränkungen und -zölle verhindern hohe Ausfuhren, denn für die chinesische Regierung hat die Versorgung der eigenen Industrie Priorität. Da diese ebenso wächst wie die weltweite Nachfrage nach den begehrten Rohstoffen, scheint ein Engpass vorprogrammiert, zumal China Anfang Februar beschlossen hat, zusätzlich eine eigene strategische Reserve aufzubauen.

Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) und das Institut der Deutschen Wirtschaft Köln (IW) haben das Ausmaß der Probleme bei der Versorgung mit Metallen und Mineralien in einer Studie untersucht. Demnach mache der Umsatzanteil der Seltenen Erden an den in Bayern hergestellten Produkten durchschnittlich nur 0,03 % aus, für deren Funktionalität seien sie aber unverzichtbar.

„Ein Engpass bei der Versorgung mit diesen Rohstoffen kann ganze Wertschöpfungsketten lahmlegen“, warnt der Chef der vbw, Bertram Brossardt. Und laut IW-Studienverfasser Hubertus Bardt ist der angespannte Weltmarkt „schon heute für die Produktion von Hybridfahrzeugen ein großes Hindernis“. Analysten schätzen den weltweiten Umsatz der Industrien, die von Seltenen Erden abhängig sind, auf 3,4 Billionen € – immerhin 5 % des Welt-Bruttoinlandsprodukts.

Inzwischen ist das Problem auch in der Politik angekommen. Die EU-Kommission hat eine Rohstoffinitiative angestoßen, die sich u. a. auf die Verfügbarkeit von seltenen Hochtechnologiemetallen konzentriert. Ein erster Bericht der Arbeitsgruppe wird aber erst im Juni erwartet.

Die Unternehmen bemühen sich in der Zwischenzeit um pragmatische Lösungen. So hat z. B. die Siemens-Tochter Osram im Oktober mit China Rare Earth ein Joint Venture gegründet, das für das Unternehmen und deren Tochtergesellschaften Leuchtstoffe für Energiesparlampen produzieren soll.

Die japanischen Automobilunternehmen Mitsubishi und Toyota – der Toyota Prius gilt unter den Hybridfahrzeugen als der Spitzenreiter im Verbrauch Seltener Erden – meldeten ebenfalls Joint Ventures, allerdings mit brasilianischen und kanadischen Firmen.

Ein Forschungsteam lässt außerdem auf der Suche nach neuen Vorkommen Satelliten über Botswana kreisen. Und in einigen Ländern bemühen sich Minengesellschaften um die Erschließung neuer Lagerstätten oder die Revitalisierung alter Bergwerke. Die Förderung Seltener Erden außerhalb Chinas wird jedoch erst in einigen Jahren ein nennenswertes Volumen erreichen.

Für Dysprosium und Terbium beispielsweise, die aus geologischen Gründen bisher nur in einem einzigen Gebiet abgebaut werden können, dem chinesischen Sichuan, müsste mit Thor Lake eine Mine im kanadischen Nordwesten die Produktion aufnehmen, deren Exploration sich noch in einem Frühstadium befindet.

Außerdem strebt China an, über Beteiligungen den Markt auch außerhalb des eigenen Landes mitzubestimmen. Der Einstieg in zwei australische Unternehmen ist bereits gelungen, und auch weitere Firmen könnten sich von der Finanzkraft der Chinesen beeindrucken lassen.

Die deutsche Tantalus AG, die mit Geld aus ihrem Börsengang im Januar ein Vorkommen in Madagaskar erschließen will, ist ein Beispiel für dieses Dilemma zwischen nationalen und monetären Interessen: „Das Tantalus-Projekt trägt dazu bei, das Monopol der Chinesen aufzuheben und stellt gleichzeitig ein adäquates Beteiligungs-/Übernahmeobjekt für die Chinesen dar“, so die Gründer.

China will jedoch seine marktbeherrschende Stellung nicht dafür nutzen, mit den steigenden Preisen für Seltene Erden Kasse zu machen. Erklärtes Ziel ist, westliche Unternehmen zur An- oder Übersiedlung von Produktionsstätten im Reich der Mitte zu bewegen.

Die Werber des chinesischen Industriegebiets Baotou zitieren dafür nicht nur Deng Xioaping, sondern auch dessen Nachfolger Jiang Zemin: „Wir müssen die Gewinnung und die Verwendung Seltener Erden verbessern und so aus dem Ressourcen-
vorteil wirtschaftliche Überlegenheit werden lassen.“ PETRA HANNEN

Von Petra Hannen

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