Geisterteilchen auf der Spur 26.03.2026, 16:30 Uhr

Ein Schritt näher an der Wahrheit: Neutrino-Masse weiter eingegrenzt

Deutsches Forschungsteam verbessert die Grenze für die Neutrino-Masse. ECHo liefert neue Daten und plant den nächsten Schritt.

Detektormodul für die ECHo-Experimente

Das Foto zeigt ein am Kirchhoff-Institut für Physik entwickeltes und hergestelltes Detektormodul für die ECHo-Experimente. Der Detektorchip befindet sich in der Mitte. Die vier umgebenden Chips enthalten sogenannte Quantum Interference Devices für die Auslesung der Signale.

Foto: ECHo-Kollaboration

Die Masse der Neutrinos gehört zu den Fragen, die die Physik seit Jahren begleiten. Klar ist: Die Teilchen haben eine Masse. Unklar ist, wie groß sie tatsächlich ist.

Das Problem liegt nicht in der Theorie, sondern in der Praxis. Neutrinos wechselwirken so selten mit Materie, dass sie sich kaum direkt messen lassen. Stattdessen müssen Forschende Umwege gehen. Sie analysieren Prozesse, bei denen Neutrinos entstehen, und suchen dort nach indirekten Hinweisen.

Genau diesen Ansatz verfolgt das ECHo-Experiment – eine internationale Kooperation mit starkem Schwerpunkt in Deutschland. Koordiniert wird das Projekt am Kirchhoff-Institut für Physik der Universität Heidelberg. Beteiligt sind unter anderem das Max-Planck-Institut für Kernphysik, mehrere Universitäten sowie große Forschungszentren wie CERN und das Institut Laue-Langevin.

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Der Blick auf ein winziges Energiesignal

Im Zentrum des Experiments steht ein spezieller Zerfall: der Elektroneneinfang von Holmium-163. Dabei nimmt ein Atomkern ein Elektron auf, wandelt ein Proton in ein Neutron um und erzeugt ein Neutrino.

Ein Teil der Energie verschwindet mit diesem Neutrino. Der Rest bleibt im Atom zurück – und genau dieser Rest ist entscheidend.

Denn diese Energie ist nicht immer exakt gleich. Sie verändert sich minimal, abhängig von der Masse des Neutrinos. Genau diese Abweichungen suchen die Forschenden im Energiespektrum.

„Aus den winzigen Veränderungen im gemessenen Energiespektrum können wir Rückschlüsse auf die Neutrinomasse ziehen“, sagt Loredana Gastaldo, die das Projekt in Heidelberg leitet.

Messung an der Grenze des Machbaren

Damit diese feinen Unterschiede sichtbar werden, braucht es extrem empfindliche Detektoren. Sie sind kaum größer als ein Staubkorn und arbeiten bei Temperaturen nahe dem absoluten Nullpunkt.

Das Prinzip ist einfach, die Umsetzung nicht: Jeder Zerfall setzt Energie frei. Diese Energie führt zu einer minimalen Erwärmung im Detektor. Genau diese winzige Temperaturänderung wird gemessen.

Das Besondere: Das Holmium sitzt direkt im Detektor. Dadurch geht möglichst wenig Information verloren. In der aktuellen Ausbaustufe konnten so rund 200 Millionen Zerfälle erfasst werden. Gleichzeitig blieb der störende Hintergrund sehr gering – eine wichtige Voraussetzung für verlässliche Ergebnisse.

Neue Grenze – vorsichtig einordnen

Das Ergebnis des Experiments: Die Masse des Neutrinos liegt unter 15 Elektronenvolt – mit einer Sicherheit von 90 %.

Das ist ein Fortschritt. Gegenüber vergleichbaren Experimenten verbessert sich die Grenze etwa um den Faktor 2. Auch im eigenen Projekt hat sich die Genauigkeit deutlich erhöht.

Trotzdem bleibt Abstand zu anderen Ansätzen. Das Tritium-Experiment KATRIN erreicht bereits Werte im Bereich unter 1 eV. Der Vergleich hinkt jedoch etwas, weil beide Experimente unterschiedliche Wege gehen.

Gerade darin liegt der Wert von ECHo. Es liefert eine unabhängige Messung. Wenn sich die Ergebnisse langfristig decken, wird das Gesamtbild deutlich belastbarer.

Nicht nur die Messung macht Probleme

Die Herausforderung liegt nicht nur in der Technik. Auch die Auswertung ist alles andere als trivial. Die Forschenden mussten verschiedene Modelle durchspielen, um das Energiespektrum überhaupt sinnvoll beschreiben zu können. Ein einfaches Modell reicht aktuell nicht aus.

Die Konsequenz: Technik allein reicht nicht. Erst mit einer passenden Theorie werden die Daten wirklich aussagekräftig.

Der nächste Schritt steht bereits fest

Das aktuelle Experiment ist nur ein Zwischenschritt. Die Forschenden denken längst weiter und arbeiten schon an einer deutlich größeren Version.

Geplant sind mehr Detektoren, längere Messzeiten und eine höhere Aktivität. Damit soll die Messgenauigkeit deutlich steigen – mit dem Ziel, in den Bereich unter 1 eV zu kommen.

Ob das klappt, ist offen. Die Technik muss über lange Zeit stabil laufen, Störsignale dürfen die Messung nicht verfälschen, und auch die Modelle zur Auswertung müssen noch genauer werden.

Hier geht es zur Originalpublikation

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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