China kopiert den erfolgreichsten Mondplan der Geschichte
China setzt beim neuen Wettlauf zum Mond auf ein Apollo-ähnliches Konzept. Mit bewährter Technik will Peking die Nasa überholen und bis 2030 Menschen landen.
Splash-down: China testet die Wasserlandung einer Mondkapsel.
Foto: picture alliance / Xinhua News Agency / Yang Guanyu
Die Artemis-II-Mission im April ist als voller Erfolg in die Geschichtsbücher der bemannten Raumfahrt eingegangen. Dennoch verfolgt China einen anderen Weg als die US-Weltraumagentur Nasa. Eine Kopie des erfolgreichen amerikanischen Apollo-Mondlandeprogramms der 1960er- und 1970er-Jahre soll einen verlässlicheren Erfolg versprechen als das neue Artemis-Konzept.
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Die USA tun sich schwer mit dem Mond. Das überrascht. Schließlich waren sie es, denen – und das bislang exklusiv – Landungen von Menschen auf dem Mond gelungen sind.
Doch das ist mehr als 50 Jahre her. Seitdem hat die Nasa in der bemannten Raumfahrt nicht viel mehr zustande bekommen, als um sich selbst oder maximal um die Erde zu kreisen: Skylab, Spaceshuttles, die Internationale Raumstation ISS. Da verliert man schon mal das Know-how, das für Explorationsaufgaben in den tieferen Weltraum nötig ist. Die Ziele ihrer nächsten Artemis-Missionen werden – nach jahrelangen Planungen – kurzfristig umgeschmissen, eine ebenfalls seit Jahren geplante Station in der Mondumlaufbahn auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben. Dafür wurde die Vision einer Mondbasis ausgerufen. Jeder US-Präsident – und damit jeder neue Nasa-Administrator – kocht sein eigenes Süppchen.
Eagle war gestern, Lanyue ist heute
Solche chaotischen Planungen sind für das Reich der Mitte keine Option. In einer Diktatur gibt es keine Wahlen und somit keine Kursänderungen. Was das Zentralkomitee beschließt, setzt es auch um. „Die Chinesen haben angekündigt, bis 2030 Landsleute auf dem Mond landen zu lassen“, ruft der Weltraumexperte Dean Cheng vom Space Policy Institute der George Washington University in der US-Hauptstadt in Erinnerung. „Und die Chinesen handeln verlässlich.“ Wenn sie etwas für einen bestimmten Zeitraum ankündigen, dann setzen sie das auch um.
So wie die Apollo-Missionen der USA wird auch Chinas Mondmission aus zwei Raumschiffen bestehen: Dem früheren amerikanischen Kommandomodul Columbia wird die Mannschaftskapsel Mengzhou (梦舟) entsprechen, deren Name sich mit „Traumschiff“ übersetzen ließe. Das Gegenstück zum einstigen US-Mondlander Eagle ist Lanyue (揽月), was passenderweise so viel bedeutet wie „den Mond umarmen“. Mit dem Traumschiff sollen drei Taikonauten in eine Mondumlaufbahn reisen, wo Lanyue auf sie warten wird. Zwei der drei Raumfahrer wechseln in die Landekapsel und beginnen den Abstieg auf die Oberfläche, der dritte kreist weiter um den Mond.
Dieses Szenario ähnelt der Aufgabenteilung der ersten Mondmenschen Neil Armstrong und Buzz Aldrin, die ihren dritten Mann, Michael Collins, im Mondorbit zurückließen. Es ist auch deshalb auffällig, weil es geradezu altmodisch ist. Die Chinesen wiederholen hier das Prozedere der ersten bemannten Mondlandung von 1969.
Taxi von der Erde zum Mond
Die Amerikaner haben sich für ihre Missionen ein anderes Design überlegt. Bereits in der Erdumlaufbahn sollen vier Astronauten mit der Orion-Kapsel an Elon Musks Starship docken, das dann mit ihnen zum Mond fliegt, dort landet, wieder startet und zurückfliegt bis zum Erdorbit. Für die Landung auf der Erde wechselt die Crew wieder in die Orion-Kapsel. Das Starship selbst verbleibt im All, wird dort aufgetankt und bietet einen Pendelservice vom Erdorbit zur Mondoberfläche.
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China setzt auf Bewährtes. Und packt zu den beiden Taikonauten gleich noch einen Mondrover in die Lanyue-Landekapsel, was den Amerikanern erst beim fünften Flug zum Mond eingefallen war.
So wie der Eagle der USA wird auch Chinas Lanyue aus zwei Einheiten bestehen. Die Nasa-Astronauten sind mit dem oberen Teil der Landefähre zurückgeflogen und haben das untere Landegestell auf dem Mond zurückgelassen. Auch Lanyue ist aus zwei Modulen zusammengesetzt: Zunächst wird der eigentliche Mond-Lander von einem Antriebsmodul auf Kurs Richtung Landestelle gebracht. Läuft alles nach Plan, wird es abgetrennt und das Landemodul mit seinen vier Triebwerken übernimmt Steuerung, Antrieb und später auch den Wiederaufstieg. Es fliegt als Ganzes zurück zum wartenden Kommandomodul in der Umlaufbahn und lässt kein Landegestell auf dem Mond zurück – diesen Unterschied zu Apollo leisten sich die Chinesen dann doch.
Automatische Landung auf dem Mond
Eine solche automatische, also nicht von den Taikonauten an Bord gelenkte Landung hat China in den vergangenen Monaten im Extraterrestrial Gravity Simulator in Huailai durchexerziert. Zum Einsatz kamen Sternsensoren (Star Tracker) zur Orientierung im Raum. Dazu optische Navigationssensoren mit Bezug zur Mondoberfläche, ein Mikrowellenradar zur Distanzbestimmung und zum Abgleich der eigenen Geschwindigkeit. Und schließlich ein Lasersensor, der während des Abstiegs mögliche Unebenheiten, Felsen oder Krater auf der Oberfläche erkennen und entsprechend Flugänderungen einleiten soll. Den Großteil dieser Soft- und Hardware hat China schon auf Mondmissionen der Chang’e-Reihe und bei der Marssonde Tianwen-1 erprobt. Nach Auskünften der China Manned Space Agency (CMSA) soll bei diesen Simulationen eine Landegenauigkeit von 100 m erzielt worden sein.
Aber auch im fernen Osten erinnert man sich an die Unglücksgeschichte der amerikanischen Apollo-13-Mission. Die Nasa musste abbrechen, die Crew den Mond ohne Landung umkreisen. Die Chinesen müssen damit rechnen, dass Dinge schiefgehen, Triebwerke nicht zünden oder Flugmanöver fehlschlagen.
Für so gut wie alle denkbaren Ausfälle liegen Notfallpläne vor. Versagen die Triebwerke des lunaren Antriebsmoduls ihren Dienst, landet die Crew nicht. Stattdessen umkreist sie weiter den Mond, bis sie nach einer Umrundung wieder an die Kommandokapsel andocken kann. Fällt einer der vier Motoren des Landemoduls aus, schaltet sich der gegenüberliegende automatisch ebenfalls ab. So bleibt der Schub gleichförmig. Und wenn schon auf dem Weg zum Mond oder beim Einschwenken in die Umlaufbahn eines der Triebwerke des Kommandomoduls versagt, steht der Besatzung die gleiche Extrarunde um den Mond bevor wie ihren Apollo-13-Kameraden 60 Jahre zuvor.
Gestein statt Eis?
Unklar ist noch, wo genau der erste Chinese seine Stiefel in den grauen Staub setzen wird. Eigentlich haben alle Nationen, die Sonden oder Astronauten zum Mond schicken wollen, dessen Südpol im Visier. Dort, an den Abhängen stets schattiger Krater, wohin nie die Sonne scheint, gibt es Wassereis. Dieses könnten Menschen abbauen – zum Atmen, zum Trinken und zur Treibstoffgewinnung. „Aber diese Gegend ist nach wie vor nicht besonders gut erforscht“, gibt Dean Cheng von der George Washington University zu bedenken. In der zweiten Jahreshälfte will China den Lander Chang’e 7 zum Mondsüdpol schicken, um mehr über dessen Topografie zu erfahren.
Noch nicht offiziell bestätigt ist daher zumindest für 2030 ein besser erforschtes Gebiet, das sich – genauso wie alle Apollo-Landestellen – auf der Mondvorderseite und in Äquatornähe befindet. Die Rimae Bode Region scheint durch ihre vulkanischen Ablagerungen und ihre „Boden-Rillen“ im Gestein zumindest für Geologen ein Paradies darzustellen. „Außerdem ist die Vorderseite von der Sonne beschienen und die Kommunikation mit der Erde wäre einfacher“, fügt Cheng hinzu. Es wäre jedoch nur eine Art Testlandung für den geplanten Bau der International Lunar Research Station (ILRS). Für dieses chinesisch-russische Projekt kommt nach wie vor nur der rohstoffreichere Südpol infrage. „Obwohl es auch möglich wäre, dass das Land nicht nur eine, sondern mehrere Basen an verschiedenen Standorten errichtet“, mutmaßt der Raumfahrtexperte aus Washington, D.C.
Die Chancen für eine Kooperation auf dem Mond
Auch ob die Zeichen nicht früher oder später doch noch auf Kooperation auf dem Mond stehen, ist noch offen. „Man könnte sich einen gegenseitigen Crewbesuch vorstellen – die Chinesen auf der amerikanischen Station, die Amerikaner bei den Chinesen“, überlegt Dean Cheng. Auch bei der Versorgung sei ein Austausch möglich. So könnte ein Transporter aus Peking auch Nachschub für eine Nasa-Basis liefern. Eine Zusammenarbeit, die der mit Europa, Kanada oder Japan – wie heute auf der ISS – ähnelt, sieht Cheng jedoch nicht. „Eine Kooperation im All und auf dem Mond wird immer abhängig sein von den Beziehungen zwischen den USA und China auf der Erde – und die sind momentan nicht sehr gut“, sagt der Experte.
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