Neuartiger Wundverband 10.01.2020, 12:40 Uhr

Verbandmaterial wirkt blutstillend und verklebt nicht

Die ETH Zürich entwickelt einen neuen Wundverband: die blutstillende, nicht verklebende Innovation stellen wir hier näher vor.

Labor ETh Zürich

Labor ETH Zürich.

Foto: ETH Zürich / Gian Marco Castelberg

Wie aus einer offiziellen Mitteilung des ETH Zürich hervorgeht, haben Forscher in Kooperation mit der National University of Singapure einen neuartigen Wundverband entwickelt. Anders als herkömmliche Verbände, soll die offene Wunde nicht mehr mit dem Verband selbst verkleben – zeitgleich aber von einer blutstillenden Wirkung profitieren.

Die neuartige Entdeckung ist auch dem Zufall geschuldet

Schon fast etwas kurios wirkt die Entstehungsgeschichte des neuen Wundverbandes, wie sie vom ETH Professor Dimos Poulikakos erzählt wird. Eigentlich sei man in Zürich damit beschäftigt gewesen, nach Materialien zu forschen, die dem Teflon ähnlich seien und effizient Blut, Flüssigkeiten und Sekret abweisen können. Die Materialien sollten später verwendet werden, um beispielsweise besonders teure oder empfindliche Maschinen, Hilfsmittel und Sensorik zu ummanteln – so unter anderem ein Kunstherz oder Maschinen für Lungentests.

Bei den Tests selbst sind die Forscher darauf aufmerksam geworden, dass eines ihrer getesteten Materialien noch eine weitere Eigenschaft zeigte: nicht nur ist es Blut abweisend und verklebt nicht, also das, was aktiv gesucht wurde, zugleich fördert es die Gerinnung. Die Blutstillung einer offenen Wunde wird nach Kontakt mit dem Material also positiv beeinflusst. Damit hatte das Material zwar keine Zukunft mehr, um beispielsweise in Kunstherzen eingesetzt zu werden, stattdessen lag aber eine alternative Verwendung nahe: als Wundverband.

Wundverband: Einzigartige Kombination zweier Eigenschaften

Gerinnungsfördernd, ohne mit der Wunde, dem Sekret und dem Blut zu verkleben: beides sind Eigenschaften, die bei einem Wundverband offensichtlich von großem Vorteil sind. Für einen imminenten Effekt könnte die Heilung durch den Verband unterstützt werden, bei einem erforderlichen Verbandswechsel hingegen wird die Regeneration nicht unterbrochen. Bisher entstanden immer wieder oberflächliche Schäden an der Wunde, einfach weil Sekret und Blut mit dem Verband verklebten und dann mechanisch, eher rabiat getrennt werden mussten. Der neue, innovative Verband würde den Verbandswechselhingegen weitaus angenehmer und unkomplizierter gestalten.

Eine große Besonderheit ist der Verband aus den Händen der Forscher von der ETH Zürich allein deshalb, weil es aktuell einfach gar kein Material gibt, welches blutstillende und blutabweisende Eigenschaften miteinander vereint. Die Verwendung als Wundverband ist demnach naheliegend, generell aber ist die Entdeckung des Materials als großer Durchbruch zu verstehen – der auch künftig an weiterer Wichtigkeit gewinnen könnte. Wie Untersuchungen der Forscher zeigten, ist eine damit beschichtete Oberfläche tatsächlich auch antibakteriell. Das liegt daran, dass Bakterien nur sehr schlecht an der sehr glatten Oberfläche haften können.

So ist das Material aufgebaut

Das neue Material ist ein Gemisch aus verschiedenen Silikonen und Kohlenstoff-Nanofasern. Mit einem bereits existenten Material ist es kaum vergleichbar. Das zeigten auch die Untersuchungen, als ein gewöhnliches Baumwoll-Gaze-Gewebe mit dem neuartigen Material beschichtet wurde. Über den späteren Kontakt mit Blut konnten die Forscher ihre Vermutung untermauern, dass selbiges konsequent abgewiesen wird. Des Weiteren ist das Blut nach nur wenigen Minuten gerinnt. Während das selbst bewiesen wurde, sind sich die Forscher bisher nicht sicher, warum der blutgerinnende Effekt auftritt. Hauptsächlich wird aktuell die Kohlenstofffaser, die in dem Material enthalten ist, als Ursache dafür vermutet.

Der ETH Zürich Wundverband revolutioniert mitunter die Medizin

Die vorteilhaften Eigenschaften sind gefragt: mit ihnen wird der Verbandswechsel maßgeblich erleichtert, da Wunden so nicht immer wieder neu aufreißen. Das Aufreißen ist aus Sicht des Patienten nicht nur unangenehm und schmerzhaft, vor allem werden damit Bakterien und Viren eingeladen. Bleibt die Wunde hingegen verschlossen, reduziert sich im Umkehrschluss auch maßgeblich die Infektionsgefahr. Insbesondere in Krankenhäusern, wo oftmals hartnäckige, besonders leicht zu verbreitende Spitalkeime nachgewiesen werden können, stellt ein verbesserter Infektionsschutz eine kleine Revolution mit großer Wirkung dar

Natürlich gibt es für solch einen Verband auch noch viele weitere Einsatzgebiete, ganz egal ob in der Chirurgie oder unmittelbar aus der Hand des Notarztes. Tatsächlich könnten im Idealfall auch Laien direkt davon profitieren, zum Beispiel wenn das Material in einem breiteren Umfeld für klassische Pflaster und Verbände verwendet wird – und fortan zum festen Bestandteil in der heimischen Apotheke avanciert. Bis dahin ist das aber noch Zukunftsmusik, denn zum aktuellen Zeitpunkt müssen noch zahlreiche weitere Untersuchungen und Tests erfolgen, bis die Wirksamkeit tatsächlich als einwandfrei nachgewiesen gilt. Außerdem müssen die Forscher individuell schauen, wie Tier und Mensch darauf reagieren und ob der längere Kontakt mit dem Material Nebenwirkungen zur Folge haben könnte.

Sollten die ersten, positiven Ergebnisse weiter untermauert werden, ist auch eine stetige Weiterentwicklung durch Zugabe weiterer Stoffe und Materialien denkbar. Bis dahin hat die ETH Zürich aber erst einmal einen wichtigen Schritt gemeistert – und der Menschheit mitunter den ersten Anstoß für die Entwicklung eines gänzlich neuen Materials gegeben.

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