Internet 08.10.2010, 19:49 Uhr

Internet Explorer 9 lässt XP außen vor

Internetvideos und Webseiten mit vielen Fotos sollen sich bald schneller öffnen. Die neueste Version von Microsofts Internetbrowser (IE9) kann nämlich zusätzlich die Rechenpower der PC-Grafikkarte (GPU) nutzen. Als Testversionen gibt es den neuen Browser bereits. Die finale Version erwarten Experten Anfang bis Mitte 2011. Als größtes Manko des IE9 könnte sich allerdings die fehlende Unterstützung des Betriebssystems Windows XP herausstellen.

Die irritierende Nachricht zuerst: Microsofts neuer Internet Explorer in der Version 9 (IE9) läuft nicht unter dem Betriebssystem Windows XP. Er unterstützt nur die Betriebssysteme Windows Vista (ab Service Pack 2) und Windows 7. Nach Angaben des Computermagazins Chip betrug im August 2009 der weltweite Marktanteil von Windows XP noch über 60 % – das heißt, dass Millionen Anwender beim veralteten IE8 bleiben müssen, zu moderneren Mitbewerbern wechseln oder ihr Betriebssystem modernisieren müssen. Doch dazu später mehr.

Über 1 Mrd. Windows-Anwender surfen im Internet. Der Browser wird dabei zur zentralen Software auf dem Computer. Urlaubsfotos werden online bearbeitet und mit Freunden geteilt. TV-Sendungen werden online angeschaut, Dokumente lassen sich im Netz gemeinsam bearbeiten.

Jetzt will Microsoft mit dem neuen Internet Explorer verloren gegangenes Terrain zurückerobern. Kürzlich hat Microsoft die Beta-Version des IE9 zum Download freigegeben. Mit dieser Vorabversion bewahrheiten sich zahlreiche Gerüchte der letzten Wochen: Der IE9 wird deutlich schlanker und kommt mit einer reduzierten Oberfläche daher, HTML5 und Grafikprozessor-Unterstützung spielen ebenfalls Hauptrollen. Neu ist der Download-Manager, Webseiten werden künftig zu „Apps“.

$Bild 1$ Der Internet Explorer – vielfach noch in Version 6 – verdankt seinen immer noch hohen Marktanteil vor allem der Tatsache, dass er in Bürobetrieben die vorinstallierte Wahl ist, dort liegt sein Anteil nach wie vor bei knapp über 70 %. Dazu Axel Oppermann, Technologieberater bei der Experton Group in Kassel: „Der IE6 stellt die größte Schwäche in der Browser-Geschichte von Microsoft dar, dieser Browser gehört deshalb abgewrackt.“

Während weltweit der IE immer noch die Nase vorn hat (s. Grafik links unten), hat sich mittlerweile in Deutschland das Blatt gewendet: Der Vorsprung von Firefox 3.x beträgt 18,6 % zu dem IE8 und nimmt weiter zu. Auch Apple Safari, Google Chrome und Opera legen weiter zu. Ihr Marktanteil liegt nach der jüngsten WWW-Benutzer-Analyse W3B bei derzeit knapp 12 %.

Daniela Reher, zuständige Marketing-Managerin für den IE9 bei Microsoft Deutschland, erläutert: „Nach meiner Einschätzung ist Cloud Computing einer der bedeutendsten Treiber für die Zukunft der IT-Branche, sowohl für Endkunden als auch für Business-Anwender. Hierbei spielt der Browser eine entscheidende Rolle.“ Auch Anbieter von Webplattformen wie Marc Schröder, Geschäftsführer von RTL Interactive und Mitglied der Geschäftsführung der RTL-Mediengruppe, freut das: „Wir haben die neuesten Features auf unseren Webseiten auf HTML5 abgestimmt mit 360-Grad-Ansichten und Zoomfunktion. Für RTL bietet der IE9 die Chance, die multimedialen Webinhalte den Usern noch schneller und eindrucksvoller zur Verfügung zu stellen.“

Schneller, sicherer, schöner – das ist das Motto der neuen IE-Version: Elfmal schneller als der Vorgänger soll der neue Explorer sein und damit auch seine Konkurrenten hinter sich lassen. Bei der Darstellung greift der IE9 auf den Grafikprozessor des PC zu – hochaufgelöste Videos würden dadurch ruckelfrei angezeigt.

Zentral ist auch die Unterstützung neuer Webstandards wie HTML5. So können Entwickler Videos und Audioclips jetzt genauso einfach wie ein Bild in Webseiten integrieren. Die Benutzerumgebung des IE9 zeigt sich minimalistisch neu: Das vereinfachtes Surfen mit weniger Steuerelementen und einem vergrößerten Anzeigebereich ähnelt den neuen Google-Chrome-Versionen. Kein Logo, keine Statusleiste, keine Lesezeichen drängen sich in die Navigation.

In der Grundeinstellung finden sich im Browserfenster nur noch Elemente, die für den Anwender von Bedeutung sind und häufig genutzt werden. So wurde der Zurück-Button größer und auffälliger gestaltet, die Adressleiste und das Suchfeld in einer neuen Eingabeleiste kombiniert und die verschiedenen Menüs der Vorgängerversionen in einem einzigen Menü zusammengefasst.

Mit dem neuen Download-Manager erhält der IE9-Nutzer mehr Kontrolle über die heruntergeladenen Dateien als in den früheren Browser-Versionen. Unter den neuen Sicherheitsvorkehrungen gibt es einen Pop-up-Blocker sowie integrierte Schutzmechanismen vor Phi-
shing-Angriffen. Was im Test aber hervorsticht, ist der Geschwindigkeitsschub im Vergleich zu Vorgängerversionen.

Viel Begrüßenswertes – jedoch: Im Vergleich zu anderen Browsern besteht selbst hier noch weiter Aufholbedarf, wie ein Check auf „html5test.com“ zeigt. Der IE9 kam dabei nur auf 106 Punkte, mit einem Netbook mit Atom-Prozessor sogar nur auf 37 Punkte. Die aktuellen Testversionen von Opera, Safari, Firefox und Chrome erreichten im Gegenzug 159, 165, 204 bzw. 217 Punkte (jeweils in der aufgezählten Reihenfolge mit einem Netbook: 159, 207, 139 bzw. 217 Punkte).

Für Daniel Melanchton, Technologieberater bei Microsoft Deutschland, kann sich der Umstieg auf IE9 aber selbst für Netbook-Anwender lohnen: „Durch effizientere CPU-Auslastung – die geht zwischendurch schlafen und gibt die Aufgaben an den Grafikprozessor weiter – kann man länger ohne externe Stromversorgung surfen.“

Testfazit von Axel Oppermann, der mehr den Business-Anwender im Fokus hat: „Die Beta-Version des IE9 erfüllt die zentralen Anforderungen hinsichtlich Geschwindigkeit und Kompatibilität. Auch die Sicherheitskonzepte werden dem Bedarf der IT-Verantwortlichen in Unternehmen gerecht.“

Einen Großteil der potenziellen Browsernutzer schließt Microsoft pauschal aus: Bei dem IE9 werden nicht nur Linux- und Mac-User außen vor gelassen, auch Windows-XP-Nutzer können nicht zur neuen Version wechseln. Sie ist exklusiv Windows Vista und Windows 7 vorbehalten. Laut Microsoft würden viele Neuerungen wie das GPU-unterstützte Browsen oder das Anpinnen von Tabs unter XP nicht zur Verfügung stehen. Microsoft-Experte Melanchton: „Die für die Hardwarebeschleunigung notwendigen Direct-X-Erweiterungsschnittstellen stehen erst ab Windows Vista zur Verfügung.“

Generell empfiehlt Microsoft den Umstieg auf Windows 7 wegen aktuellerer Sicherheitsfunktionen. Jens Trapp, Leiter Business Group Windows Consumer bei Microsoft Deutschland: „In den Jahren seit dem Erscheinen von Windows XP haben sich Vorgehensweisen und Technologien von Kriminellen im Internet enorm verändert und weiterentwickelt. Aus all diesen Gründen empfehlen wir allen Anwendern ein Upgrade auf Windows 7.“ Darüber hinaus hat Microsoft angekündigt, den Support für
Windows XP ab 2014 generell einzustellen. Wie viele Nutzer in gut drei Jahren immer noch XP als Betriebssystem nutzen, wird sich zeigen. Die, die es tun, werden es ohne moderne Browser von Microsoft tun müssen.

Alles in allem, mit der IE9-Beta-Version hat Microsoft technisch wieder zur Konkurrenz aufgeschlossen und diese teilweise überholt. Trotzdem muss der Softwareriese aus Redmond es schaffen, seinen Release-Zyklus von derzeit 18 bis 24 Monaten erheblich zu beschleunigen. Neben Konkurrenten wie Google, die durchschnittlich alle sechs Wochen neue Features bringen, könnte der IE9 sonst schon bald wieder reichlich alt aussehen.

XP-Anwendern, die von HTML5 und Hardwarebeschleunigung profitieren wollen, bleibt immer noch der Griff zu Firefox, Chrome und Co.

MARKUS AIGNER/pek

  • Markus Aigner

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    Peter Kellerhoff

    Redakteur VDI nachrichten
    Fachthemen: Automobil, Nutzfahrzeuge, Schiff, Bahn, Verkehr, Mobilität, E-Mobilität, Software, Cloud, Internet, KI

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