Technikgeschichte 18.06.2010, 19:47 Uhr

„Er hätte so reich werden können wie Bill Gates“

Am 22. 6. wäre der Computerpionier und Unternehmer Konrad Zuse 100 Jahre alt geworden. Zuse brach mit der Darstellung von Zahlen mit zehn Ziffern, dem so genannten Dezimalsystem, das damals alle Rechenmaschinen nutzten. Sein erster Computer Z1 aus dem Jahr 1936 rechnete nur mit zwei Ziffern, 0 und 1, also im Binärsystem, das heute alle Computer nutzen.

Der Computererfinder Konrad Zuse hasste Statikberechnungen. „Eine besondere Abneigung“ habe er gegen die Rechnerei während seines Bauingenieurstudiums an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg zu Beginn der 1930er-Jahre entwickelt, schrieb er in seiner Autobiographie. Zuse wollte der stupiden Rechenarbeit – nicht nur Studenten wurden damit gequält, sondern auch Ingenieurbüros ließen komplizierte Berechnungen durch jede Menge manuelle Eingaben an Tischrechenmaschinen erledigen – ein Ende bereiten. Er wollte eine Rechenmaschine entwickeln, welche die komplexen Kalkulationen der Ingenieure automatisch abarbeitete, kurzum: Er wollte einen programmierbaren Computer bauen.

Er gab eine frisch angetretene Stelle als Statiker bei den Henschel-Flugzeugwerken in Berlin auf und wurde Computererfinder. Seine Werkstatt richtete der am 22. Juni 1910 in Berlin geborene Zuse in der Berliner Wohnung seiner Eltern ein. Finanziell unterstützten ihn ehemalige Schul- und Studienfreunde, seine Schwester und seine Eltern.

Zuse war Autodidakt. Er hatte wenig Ahnung, wie die damaligen Rechenmaschinen funktionierten. Doch das war kein Nachteil: „Er ging unvoreingenommen an die Aufgabe heran“, sagt der Informatiker Horst Zuse, Sohn von Konrad Zuse und Professor an der brandenburgischen Fachhochschule Lausitz. Daher sei es ihm leichtgefallen, Konventionen zu missachten.

So brach er mit der Darstellung von Zahlen mit zehn Ziffern, dem so genannten Dezimalsystem, das damals alle Rechenmaschinen nutzten. Sein erster Computer, 1936 fertiggestellt und später Z1 genannt, rechnete nur mit zwei Ziffern, 0 und 1, also im Binärsystem, das heute alle Computer nutzen. Zuse war damit der erste Konstrukteur, der einen vollständig im Binärsystem arbeitenden Computer baute. Für Maschinen ist das Binärsystem ideal. Denn die beiden Ziffern können durch „Schalter aus“ und „Schalter an“ dargestellt werden.

Sie funktionierte allerdings nicht richtig. Wie sich herausgestellte, waren die von Freunden handgefertigten Schaltbleche, mit denen die Z1 die Ziffern 0 und 1 darstellte, zu unpräzise. Daher verwendete Zuse für die Nachfolgecomputer als Schalter elektromechanische Fernmelderelais, die er von Altwarenhändlern bezog. Doch auch sein zweiter Computer funktionierte nicht einwandfrei, bei einer Demonstration aber immerhin so gut, dass die Versuchsanstalt für Luftfahrt Zuse förderte. Erst das Nachfolgemodell Z3 von 1941 arbeitete wie geschmiert. Es gilt heute als der erste programmierbare Computer der Welt. Inzwischen war der Zweite Weltkrieg ausgebrochen. Dem Kriegsdienst entging Zuse durch eine erneute Anstellung bei den Henschel-Werken. Dort automatisierte er die Nachbearbeitung der Flügel von Flugbomben. Die Ergebnisse der Flügelvermessung wurde von den Messgeräten über den wohl ersten Analog-Digital-Wandler der Welt – Zuses Erfindung – in einen Spezialcomputer gespeist, der die nötigen Korrekturen berechnete. Zuse hatte somit die Prozesssteuerung durch Computer erfunden, die heute aus der Industrie nicht mehr wegzudenken ist. Doch damals hatte Zuse die Tragweite dieser Idee nicht erkannt und das Patent nicht so formuliert, dass es die Prozesssteuerung umfasste. Seine Maschine ging in den Wirren des Kriegsendes verloren.

Auch nach dem Krieg betrat Zuse Computer-Neuland, allerdings wiederum ohne nachhaltigen Erfolg. Er war vor dem Berliner Bombenkrieg ins Allgäu geflohen und nutzte die Zeit dort für theoretische Arbeiten. Er entwickelte 1946 die erste höhere Programmiersprache der Welt, die er „Plankalkül“ nannte. Sie erlaubte das Programmieren von bedingten Sprüngen und somit von komplexen Programmen, die den Computer vom bloßen Zahlenrechner zu einem Universalrechner machen sollten, der dem Menschen Denkarbeit abnehmen sollte. In der Fachwelt konnte Zuse Ende der 1940-Jahre kein Interesse für seinen Plankalkül wecken. Als rund zehn Jahre später die ersten vergleichbaren Programmiersprachen entstanden, war Zuse mit dem Betrieb seiner Computerfirma beschäftigt und konnte zu ihrer Entwicklung nichts beitragen. „Zuse hätte so reich werden können wie Bill Gates“, sagt Raúl Rojas, Professor für Künstliche Intelligenz an der Freien Universität Berlin, der sich mit Zuses Erfindungen beschäftigt. Dafür hätte er aber in den USA leben müssen, befindet Rojas. Dort wurde während und nach dem Krieg die Computerentwicklung vom Militär massiv gefördert. Sie fand vor allem dort statt.

In Europa war Zuse als Unternehmer eine Zeit lang erfolgreich. Die Gründung seiner Firma wurde durch den Verkauf seines vierten Rechners Z4 an die ETH Zürich 1949 ermöglicht, die damit wissenschaftliche Rechnungen ausführte. Die Zuse KG verkaufte bis in die 1960er-Jahre rund 250 Rechner an Universitäten und an die Industrie, etwa an die Optik-Branche, die damit die Wege von Lichtstrahlen durch Foto-Objektive berechnete. Dennoch geriet die Firma in Finanznot und musste 1964 verkauft werden. Danach widmete sich Zuse bis zu seinem Tod im Jahr 1995 wieder weitgehend der Wissenschaft. Eine seiner Ideen aus jener Zeit waren Maschinen, die sich aus Rohmaterialien selbst reproduzieren können. Eine Vision, die noch eine ist – wie gesagt: noch.

CHRISTIAN MEIER

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